01. November 2008

Sieger und Sünder

Amerikanischer Wahlkampf im Namen Gottes

Im Februar 2007 – im Vorwahlkampf der Republikaner und Demokraten um die Präsidentschaftskandidatur – forderte Gary Rosen vom neokonservativen Magazin Commentary seine Leser zu folgendem Gedankenexperiment auf. Erstens: Halten Sie die beiden chancenreichsten Kandidaten der Republikaner vor ihr geistiges Auge, also damals den Exbürgermeister von New York Rudolph Giuliani und Senator John McCain aus Arizona, und tun Sie anschließend dasselbe mit den beiden führenden Anwärtern der Demokraten, Hillary Clinton und Barack Obama. Zweiter, entscheidender Schritt: Nun versuchen Sie, sich jede(n) dieser vier in einem Gottesdienst vorzustellen, in der Kirchenbank neben den anderen Gläubigen sitzend, auf der Kanzel bei einer Predigt oder als Vorbeter der Gemeinde. Ergebnis: „Strange, no?“ Seltsam, nicht wahr?

Strange, doch für die innenpolitische Frontstellung der amerikanischen Präsidentschaftskampagne bezeichnend war nämlich, dass die Vorstellung der Kandidaten im Gottesdienst nur bei den demokratischen Herausforderern „funktionierte“, aber nicht bei den Vertretern der republikanischen Partei. Dabei hatte deren letzter erfolgreicher Kandidat, George W. Bush, seinen Sieg des Jahres 2004 über den demokratischen Herausforderer (und Katholiken) John Kerry nicht zuletzt dem „religiösen Vorsprung“ zu verdanken: also der Tatsache, dass regelmäßige Kirchgänger und eifrig praktizierende Christen sich in weit höherem Maße mit der republikanischen Partei identifizieren als mit den Demokraten.

God’s Frozen People

Die religiöse Rechte hatte im Wahlkampf 2004 eine rekordverdächtige Anzahl von „glaubensbasierten“ Netzwerken mobilisiert, von Frauen- und Müttervereinen bis hin zu Fernsehpredigern; den Demokraten war ein vergleichbarer Aufbruch trotz hoher Wahlbeteiligung nicht gelungen. So überzeugte der demokratische Kandidat – diejenigen, die er überzeugte – nur durch seine Argumente, nicht durch seine Person. Die evangelikale „Mitte“ der amerikanischen Nation fühlte sich weder durch Kerrys Auftreten angesprochen noch durch seine Sprache.

Kerry war gewiss kein „wiedergeborener“ Christ. Nicht mal richtige Sünden hatte er zu bereuen. Ein Mindestmaß an christlichem Vibrato aber – und sei es das des Sünders, des verlorenen und heimkehrenden Sohnes – ist keine Spezialität der religiösen Rechten. Es gehört zur Muttersprache der amerikanischen Demokratie.

Bill Clinton, der gläubige Sünder aus dem einfachen Volk, aus der hinterletzten Provinz Arkansas, hatte „es“ – er brauchte nicht mehr wiedergeboren zu werden, denn er war bereits Mitglied der Southern Baptists, der mit 16 Millionen Seelen größten und konservativsten protestantischen Kirche der Vereinigten Staaten. Aus ihr kam natürlich auch der Predigerpräsident Jimmy Carter – bis er dann 2003 aus Protest gegen ihren zunehmend dogmatischer werdenden Konservatismus und ihr heiliges Trommeln für den Irak-Krieg austrat.

Im Jahrzehnt zuvor hatte sich der geborene Südstaatenchrist Clinton 1992 gegen Vater George Bush auch wegen seines religiösen Idioms durchgesetzt: Der alte Bush ist ein steifer Elitezögling von der neuenglischen Nordostküste, ein Angehöriger der liberalen Nobelkirche der Episkopalier. Das sind die amerikanischen Anglikaner, die stets eher als „God’s Frozen People“ denn als „Chosen People“ galten. Mittlerweile ist dieses anglikanisch tiefgefrorene Gottesvolk zwar etwas aufgetaut, macht aber nur noch durch seinen praktizierend schwulen Bischof von sich reden und hat die anglikanische Weltgemeinde zur faktischen Spaltung getrieben.

Sieht man von Mike Huckabee ab, einem Baptistenprediger, wie Clinton aus Arkansas stammend, so war keiner der führenden republikanischen Anwärter auf die Präsidentschaftskandidatur 2008 bislang als regelmäßiger Kirchgänger aufgefallen. Ja, dass sich der hinterwäldlerische und durchaus sozialpopulistisch begabte Außenseiter Huckabee in der republikanischen Vorwahlkampagne zeitweilig überhaupt eine Chance ausrechnen konnte, hing nicht zuletzt mit dem religiös wenig überzeugenden Personalbestand der Republikaner am Ende der Ära Bush zusammen.

John McCain ist zwar (wie schon Bush sen.) offiziell Mitglied der Episkopalier oder amerikanischen Anglikaner, und der Italo-Amerikaner Rudolph Giuliani ist natürlich geborener Katholik – aber als Teilnehmer eines Bibelkreises war keiner von ihnen vorstellbar. Zudem hatten sie sich bislang bewusst ferngehalten vom moralischen Krieg wider die Legalität der Abtreibung, für „Familienwerte“ und wider jede Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften.

Beide Kulturkampfziele aber gelten als eingetragene Markenzeichen beim Werben um die Stimmen der gut 30 Millionen „wiedergeborenen Christen“ des Bible-Belt, des „bibeltreuen Gürtels“ im Süden der Vereinigten -Staaten, die für den Ausgang jeder landes-weiten Wahl entscheidend bleiben. Bei der republikanischen Kandidatenkür erlebte somit die amerikanische Nation eine TV-Show von eher weltlichen Politikern, die vor fundamentalistischen Predigern, inbrünstigen Gemeinden oder Kirchen-Lobbyisten tiefgläubige Christen mimen mussten – und doch stimmte der Ton nie.

Mitbewerber Mitt Romney, ein smarter Geschäftsmann, erfolgreicher Millionär und Exgouverneur des Ostküstenstaats Massachusetts, versuchte sich im Allerheiligsten der Bush- Family – in Texas – sogar am Kunststück, seine eigene Religionsgemeinschaft, die Mormonen, als orthodoxe Christen zu verkaufen. In Wahrheit verehrt diese viertgrößte Religion Amerikas eine Art „amerikanischen Jesus“: einen vollkommenen Menschen, den der Obervatergott zu einer Gottheit (neben anderen) erhoben hat und dessen Gottesstatus auch die „Heiligen der Letzten Tage“ in ihrem ewigen Leben erreichen könnten. Dass Romney dann den evangelikalen Konservativen eine Art Einheitsfront wider die von liberalen Ostküstenintellektuellen verbreitete „neue Religion des Säkularismus“ vorschlug, gab zur Vermutung Anlass, ein mormonischer Präsident würde es mit der verfassungsmäßigen, vollständigen Trennung zwischen Kirche und Staat nicht ganz so genau nehmen.

Seines Bruders Hüter

Zurück zum anfänglichen Gedankenexperiment: Die Demokraten waren für den Sonntagsgottesdienst besser aufgestellt als die Republikaner. Das Bild der nach eigener Auskunft ihr Leben lang zu Gott betenden Methodistin Hillary Clinton in einer Kirchenbank bleibt ebenso stimmig wie die von einer Kanzel tönende Stimme Barack Obamas. In seiner Autobiographie „Dreams of my Father“ (deutsch: Ein amerikanischer Traum) schildert Obama seine Erfahrung demütiger Unterwerfung unter Gottes Willen gar als das Schlüsselerlebnis seiner persönlichen und politischen Identität. Ein Erlebnis, das Obama in den Monaten seiner Sozialarbeit in Chicago widerfuhr, in der Trinity United Church of Christ von Pastor Jeremiah Wright, dessen schwarze Befreiungstheologie ihm dann im Wahlkampf noch einige Probleme bereiten sollte.

Es war Obama, der einen Glaubenswahlkampf startete – und dies schon lange vor der diesjährigen Präsidentschaftskampagne. „Sola fides“ – allein der Glaube rettet! Das hatte der Senator vor vier Jahren in Boston gepredigt, auf der Convention der Demokraten, die John Kerry zum Präsidentschaftskandidaten nominierte: „Es ist der Glaube, dass ich meines Bruders Hüter, meiner Schwester Hüter bin, der dieses Land zusammenhält. Nur dieser Glaube erlaubt uns, unsere individuellen Träume zu verfolgen und doch zusammenzukommen als eine amerikanische Familie: E pluribus unum.“

So sprach der neue Stern der Demokraten aus Illinois, Sohn eines Kenianers und einer Amerikanerin, aufgewachsen in Hawai, studiert in Harvard, Anwalt in Chicago. Er verkündete das „Wagnis der Hoffnung: ein Glaube an Dinge, die wir noch nicht gesehen haben. Ein Glaube, dass bessere Tage vor uns liegen.“ Obamas eigene Erfolgsgeschichte beglaubigte diese ur-amerikanische Hoffnung – auch in seiner eigenen Familie. Vater Obama kam mit einem Stipendium nach Amerika, freiwillig. Sein Sohn knüpft an diesen Erfolgswillen an. Er kann sich in das Schicksal der schwarzen Unterschicht einfühlen, er hat es in seinem Chicago-Sozialarbeiterjahr gelernt, aber ihr Ressentiment teilt er nicht.

Die afrikanischen Sklaven waren bekanntlich, anders als die Einwanderer aus Europa oder Asien, nicht freiwillig in die Neue Welt gekommen. Sie schlossen weder den Bund der calvinistischen Pilgerväter von Massachusetts noch den der republikanischen Verfassungsväter von Philadelphia. Darum verkörpert die „Erbsünde dieser Nation“ (Obama), die Herkunft der schwarzen Bevölkerung aus der Sklaverei, für alle weißen Amerikaner immer noch Schuld und Angst vor jener Strafe, die bekanntlich auch Obamas Chicagoer Pastor Jeremiah Wright mit seinem Fluch auf Amerika beschwor.

„In die Sekte wird man nicht hineingeboren, sondern tritt ihr auf Grund bewusster Bekehrung bei“, charakterisierte der große Religionssoziologe Ernst Troeltsch die Baptisten und andere radikale Protestanten als „Gemeinschaften der Freiwilligkeit und des bewussten Anschlusses“. Freiwilligkeit war das Wesen der Sekten vom radikalen Flügel der Reformation, die aus dem konfessionellen Europa der Staatskirchen und Gnadenanstalten flohen, um jenseits des Atlantiks ihr Neues Jerusalem zu gründen. Und Freiwilligkeit charakterisierte auch das Streben nach der „more perfect union“, dem immer vollkommneren Bund, auf dem Verfassungskonvent von Philadelphia, dessen Verfassungsformel Obama dann im März 2008 in seiner Rede zur Rassenfrage an derselben Stelle zitierte. Seinem Pastor und geistlichen Vater Wright warf er nun eine amerikanische Todsünde vor: keinen ausreichenden Glauben in die Veränderbarkeit Amerikas zu haben.

Mit Obama hatten die Demokraten zwar eine deutlich evangelisch gefärbte, doch überkonfessionelle, „zivilreligiöse“ Sprache in der Politik wiedergefunden, jenseits der politischen Lager und Rassen. Über diesen Code verfügte die republikanische Kampagne 2008 nicht, im Gegenteil: Sie wirkte religiös zunehmend uneinheitlich und kulturell zersplittert. Sie konnte nur versuchen, das Einheitspathos bei den Demokraten zu sabotieren – etwa dadurch, dass man unter der Hand Barack „Hussein“ Obama doch zum heimlichen Muslim erklärte.

Hurricane Sarah

Erfolg beim evangelikalen Fußvolk, in der Wählerschaft des volkstümlichen „middle America“ erzielte der atypische Republikaner John McCain erst spät, mit der Wahl seiner Kandidatin für die Vizepräsidentschaft: Sarah Palin, die junge Gouverneurin von Alaska, verkörpert mit ihren fünf Kindern (darunter den trotz Down Syndrom bewusst gewollten Jüngsten) einen neuen Typus amerikanischer Emanzipation, der auch durch die Jagd- und Schießsportleidenschaft des selbsterklärten „Pitbulls mit Lippenstift“ symbolisiert wird. Als eingeschriebenes Mitglied der Abtreibungsgegnerinnen „Feminists For Life“ vertritt Sarah Palin zugleich ein nicht völlig neues, aber für „middle America“ attraktives Rollenmodell postfeministischer Frauenidentität, die evangelikal korrekte sexuelle Attraktivität mit der „Power“ der Mutterschaft verbindet. „Life happens“ – so lautete der Kommentar zur Teenager-Schwangerschaft von Palins Tochter.

Dass die meisten republikanischen Meinungsführer und Intellektuellen (alt- und neu)konservativer Schule sich bald erschreckt von den durch keine außenpolitische Erfahrung gedeckten Kraftsprüchen der attraktiven Gouverneurin abwandten, markiert die Kehrseite dieser riskanten Wahl des „Maverick“-Kandidaten John McCain: Er kaufte zwar mit Sarah Palin ein für konservative Evangelikale so wichtiges Symbol religiöser Zuverlässigkeit ein – aber tat dies um den doppelten Preis eines Verlusts an verantwortungsethischer Glaubwürdigkeit in der Außenpolitik und der „lagerübergreifenden“ Konsensfähigkeit in der Innenpolitik. Beides waren in der Vergangenheit Kennzeichen des Kriegshelden und unabhängigen Republikaners McCain. Wo dem wegen seiner Verbindungen zur schwarzen Befreiungstheologie und seiner Elite-Universitätskarriere verdächtigen Obama im Wahlkampf also ein symbolischer Anschluss an die evangelikale Mitte der amerikanischen Bevölkerung gelang, geriet McCain zunehmend unter den Druck jenes radikalen Flügels der Republikaner, dessen Nähe er zuvor im Senat mit guten Gründen stets gemieden hatte.

Wachstum mit Wunderheilungen

Jenseits ihrer (zumindest in der Weltpolitik) mangelhaften politischen Verlässlichkeit aber ist der „Hurricane Sarah“ noch aus einem anderen – religionspolitischen – Motiv interessant: Mit Palin kandidierte erstmals eine (ehemalige) Pfingstlerin für das zweithöchste Amt der Vereinigten Staaten. Die ehemalige Bürgermeisterin der Kleinstadt Wasilla, als Katholikin geboren, ließ sich als „wiedergeborene Christin“ innerhalb der Pfingstbewegung neu taufen. Jahrzehntelang gehörte sie der „Wasilla Assembly of God“ an, die zu den „Gottesversammlungen“ gehört, der weltweit mit über 50 Millionen größten Gemeinschaft unter den Pfingstkirchen. Später ging Palin dann zu einer weniger markanten, überkonfessionellen Gemeinde.

Entstanden ist die Pfingstbewegung in Amerika um die Wende zum 20. Jahrhundert, doch ist sie in den letzten drei Jahrzehnten aufgrund ihrer hohen Bereitschaft zur Anpassung an lokale Religionskulturen weltweit, insbesondere in Lateinamerika, Afrika, neuerlich auch im Fernen Osten zum am schnellsten wachsenden Sektor der Christenheit geworden. Politisch ist sie keineswegs einheitlich ausgerichtet – wenngleich sie eine hohe Affinität zu erfolgsorientierten Milieus und mobilen Gruppen in Umbruchgesellschaften, Schwellenländern und Einwanderungsgesellschaften aufweist. Für den Altmeister der britischen Religionssoziologie David Martin bildet die erfahrungsnahe und erfolgsbezogene Spiritualität der in Zungen redenden und zuweilen Wunderheilungen beheimatenden Pfingstkirchen „das wahrhaft aktuelle Phänomen der religiösen Kultur“.

Auch wenn also Sarah Palin dem atypischen Republikaner McCain die Präsidentschaft verpatzt haben sollte, ist damit das „Phänomen Palin“ keineswegs erledigt: Kulturelle Revolutionen erwachsen häufig aus dem Nachhang, dem „fall out“ politischer Niederlagen. Das war schon, vor der Reagan-Revolution, bei der religiösen Rechten der Vereinigten Staaten so.


Prof. Dr. OTTO  KALLSCHEUER ist Philosoph, Politikwissenschaftler und freier Autor, u.a. für die FAZ, die NZZ und DIE ZEIT.