01. Juli 2005

Hässliche Feindbilder gesucht

Antisemitismus, Antiamerikanismus und Antikapitalismus in der Globalisierungskritik

»Die Juden beherrschen eure Wirtschaft. Daraus folgt, dass die Juden in all ihren unterschiedlichen Formen und Verkleidungen die Macht über eure Medien gewonnen haben und nun alle Aspekte eures Lebens beherrschen. Sie machen Euch zu ihren Dienern und verfolgen ihre Ziele auf Eure Kosten.«

Osama Bin Laden, Brief an das amerikanische Volk, Oktober 2002

Neu unter den Spielarten des Judenhasses ist nicht, dass sie in Krisenzeiten aus ihrer Latenz heraustreten. Bemerkenswert ist die Symbiose rechter und linker Feindbilder in transnationalen Bewegungen, die sich kritisch mit der Globalisierung auseinander setzen.

Wissenschaft beginnt bekanntlich damit, dass man Unterscheidungen trifft, und die lauten im vorliegenden Fall so: Der Antisemit hasst „den“ Juden dafür, wie er vermeintlich ist, gleichgültig, was einzelne Juden konkret tun. Ebenso verurteilt der Anti-amerikanismus „die Amis“ pauschal dafür, wie sie angeblich sind – gewalttätig, kriegslüstern, kulturlos, bigott und so weiter, konkrete Handlungsweisen und Ansichten einzelner Amerikaner spielen keine Rolle.

Zu unterscheiden ist davon die legitime Kritik an Handlungen und Unterlassungen der israelischen Regierung und der amerikanischen Administration – worin sich Israelis und Amerikaner von keinem Ausländer übertreffen lassen. Kritik ist die erste Patriotenpflicht, und die Kriegsführung in Palästina und Irak verdient scharfe Kritik, wie generell Prämissen und Modalitäten des „Krieges gegen den Terror“ von keinem denkenden Menschen geteilt werden dürften. Doch auf beiden Seiten herrscht ein Freund-Feind-Schema vor, wofür viele ein „sacrificium intellectus“ (Max Weber) bringen zu müssen meinen.

Im Folgenden möchte ich zunächst neue Erscheinungen des Antisemitismus und seine Konvergenz mit dem Antiamerikanismus behandeln, diese Erscheinungen dann als falsche Absagen an eine missverstandene (ökonomisch-finanzielle) Globalisierung kritisieren und schließlich auch die Gegenposition (den Anti-Antisemitismus bzw. Anti-Antiamerikanismus) kritisch beleuchten. In diesem Zusammenhang gehe ich auch auf populistische Varianten der „Kapitalismuskritik“ ein.

Topos der Kulturkritik

Antisemitismus ist Vorurteil in reinster Form – was soll daran „neu“ sein? Nach den Terroranschlägen wurden Amerikaner Opfer jener fatalen Schuldzuschreibung, die Juden seit Jahrhunderten erfahren: Sie hätten bekommen, was sie verdienten, und eine imperialistische Macht, die im 20. Jahrhundert so viel Unglück über die Welt gebracht habe, müsse sich nicht wundern, wenn ihr auch einmal die Quittung ausgestellt werde. Dass das Opfer selbst schuld sei an seiner Vernichtung, war die Kernaussage des „eliminatorischen Antisemitismus“ (Daniel Goldhagen), der heute in radikal-islamistischen Kreisen ganz offen vertreten wird. „Treibt die Juden ins Meer!“ gehört zu einer Form des sekundären Antisemitismus nach Auschwitz (also nach Verwirklichung der Ausrottungsfantasien), der Juden und ihre vermeintliche Schutzmacht im Übrigen wegen Auschwitz ins Visier nimmt. Denn sie erpressten  die Welt angeblich zu materieller und ideeller Solidarität mit Israel.

Die Amalgamierung beider Feindbilder zum „Antiokzidentalismus“ ist das Neue am neuen Antisemitismus,1 den man als Abwehrreaktion auf kulturelle Globalisierung, aber auch als eine Spielart davon verstehen kann. Schon der christlich gespeiste Judenhass besaß eine universale Bezugsgröße, die Konkurrenz der Weltreligionen, aber Ghettoisierung und Pogrome blieben im Rahmen lokaler, traditionsgebundener Gemeinschaften.

Der moderne, säkular und ethno-nationalistisch ausgerichtete Antisemitismus war pseudowissenschaftlich begründet und stets gegen ein imaginiertes, konspirativ tätiges „Weltjudentum“ gerichtet, vor dem die von Modernisierung und Entgrenzung bedrohte „Volksgemeinschaft“ geschützt werden sollte. Nach dem Aufstieg zur führenden Industrienation und Militärmacht wurden die USA fast zwangsläufig zum Symbol dieser Globalisierung und der Finanzkapitalismus („Wall Street“) Projektionsfläche antijüdischer Stereotypen. (Die verblüffende Anschlussfähigkeit des antisemitischen Vorurteils in alle möglichen Richtungen erwies sich darin, dass parallel auch der Bolschewismus mit dem Judentum identifiziert wurde und die Sowjetunion ihrerseits Juden als „Klassenfeinde“ und „imperialistische Spione“ verfolgte.

Neu unter den verschiedenen Formen des Judenhasses ist mithin nicht die globale Dimension oder die Zuschreibung radikaler Alterität, auch nicht die Tatsache, dass antisemitische Einstellungen „immer neu“ aus ihrer Latenz heraustreten und sich in Krisenzeiten zyklisch erneuern. Bemerkenswert ist heute vor allem die Symbiose linker und rechter Feindbilder in transnationalen Bewegungen, die sich kritisch mit der Globalisierung auseinander setzen und zum einen Freihandel und Finanzkapital, zum anderen die Militärpolitik Israels und der USA ins Visier genommen haben. Als Verbindungsglied dient der Tiersmondismus, die Dritte-Welt-Solidarität, und hier insbesondere der emphatische Bezug auf die arabisch-islamische Welt, die pauschal als Opfer einer kollektiven westlichen Aggression angesehen wird.2

Antisemitische Stereotypen sind unter muslimischen Einwanderern in Europa stark verbreitet, und zwar in einer Mischung aus uralten, im Koran verankerten Klischees (die Juden als Ungeziefer und Raubtiere, als Blutsauger und Kindermörder, als Weltenherrscher) mit einer mystifizierten und glorifizierten Intifada gegen Israel, dessen Existenzrecht radikal negiert wird.3 Dabei wird der Holocaust in der Regel verharmlost oder geleugnet, die Israelis aber mit den Nazis gleichgesetzt und eine Wiederholung des Massenmords oft wörtlich angekündigt. Antisemitische Propaganda wird verbreitet über einschlägige Schriften (die berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“ sind in der arabisch-islamischen Welt ebenso Best- und Longseller wie Hitlers „Mein Kampf“) und nationale TV-Sender (beispielsweise Ramadan-Serien in der Türkei und Ägypten), die via Satellit auch in Eu-ropa zu empfangen sind.

Antisemitismus ist Topos einer Kulturkritik, die eine tiefe Krise der arabisch-islamischen Zivilisation signalisiert: Israel gilt als Sinnbild westlicher Werte und Agent der Erniedrigung des Islams, wie Sayyid Qutb, der Ideologe der Bruderschaften, u.a. in seiner Schrift „Unser Kampf mit den Juden“ schon in den 1950er Jahren dargelegt hatte, parallel zu einer radikal antiwestlichen Einstellung, die er bei einem USA-Aufenthalt gewonnen hatte. Dazu passte ein frühes Einverständnis zwischen Nationalsozialismus und Islamismus (personifiziert im Großmufti von Jerusalem, Amin El-Husseini);4 auch die Gründer von Baath-Partei und PLO waren vom Nationalsozialismus beeinflusst, und der Antisemitismus ist eine, wenn nicht die zentrale Identitätsfigur der muslimischen Welt geblieben, wie man an der weithin unwidersprochen gebliebenen Rede des malaysischen Premiers Mohamad Mahathir auf dem Gipfel der islamischen Staaten im Oktober 2003 ablesen konnte.5

Antijüdische und antiamerikanische Hetze verbreitet sich global etwa über die Sender Al-Dschasira und Al-Manar und greift über auf muslimische Einwanderergemeinschaften. Sie bemessen eigene Diskriminierungserfahrungen am Schicksal der Juden in Europa oder die eigene Opferrolle an der vermeintlichen Übermacht der Israelis und Amerikaner. In dieser Sicht gelten die Juden als „Tätervolk“, was über populäre Webseiten wie www.muslim-markt.de und weithin beliebte Rundfunksender wie Radio Islam sowie über Hasspredigten in europäischen Moscheen verkündet wird. Mittlerweile hat sich stellenweise ein antisemitisches Milieu in Vorstädten herausgebildet, das auch Verbindungen zur rechtsradikalen Szene unterhält. Nationalpopulistische Bewegungen agieren an dieser Schnittfläche, indem sie als Opfer einer angeblich von einem „Meinungskartell“ verordneten, politisch korrekten „Schweigepflicht“ auftreten (Anschauungsmaterial lieferten in Deutschland die Affären des FDP-Politikers Möllemann und des CDU-Abgeordneten Hohmann) und sich dagegen als mutige Tabubrecher aufspielen – nach dem Motto: „Man wird doch noch die Wahrheit sagen dürfen“, eine gerissene Spekulation auf Meinungskontrolle und Zensur, die angeblich durch große (will sagen: in jüdischer und/oder amerikanischer Hand befindliche) Medienkonzerne ausgeübt wird. Das Medium des Antisemitismus ist die unveröffentlichte Meinung, die über Meinungsführer im privaten Kreis transportiert wird.

Antisemitismus im islamischen Einwanderermilieu wird in xenophilen und antizionistischen Kreisen oft bagatellisiert. Beispielhaft war die lange hinausgezögerte Veröffentlichung der EUMC-Studie von 2002/03,6 die ein Ansteigen antijüdischer Diskriminierungen, Hassreden und Gewaltakte insbesondere bei Angehörigen der zweiten und dritten Einwanderergeneration nachweisen konnte. Die Eskalation des Nahost-Konflikts hat die Gewaltbereitschaft erheblich gesteigert, wobei die jungen Muslime in Notwehr zu handeln behaupten. Die Anerkennung solcher Strömungen gilt vielen als inopportun, da sie angeblich die Integrationsbemühungen der Einwanderer hintertreibe und deren eigene Diskriminierungserfahrungen relativiere – solche Schutzbehauptungen kommen auch von Personen, die sich an geschichtspolitischer Korrektheit in Sachen Holocaust nicht übertreffen lassen. Die Grenze zum Antisemitismus ist aber klar überschritten, wenn israelische Militäraktionen im Gaza-Streifen oder auf der Westbank, so kritikwürdig sie sein mögen, mit dem Völkermord an den Juden gleichgesetzt werden. Neu ist also ein sich ausbreitender israelbezogener Antisemitismus, der auf bekannte Stereotypen zurückgreift und diese in einer Art Umwegkommunikation publik macht.7

Von Bebel zu Bin Laden

Wenn Antisemitismus heute unter dem Deckmantel des Antizionismus agiert, wird damit eine respektable geistige und politische Haltung, die auch unter Juden vor wie nach Gründung des Staates Israel vorhanden ist, ebenso kontaminiert wie seinerzeit der Antifaschismus, der zur Herrschaftsideologie sozialistischer Repressionsregime verkam. Wenn Teile der globalisierungskritischen Bewegung – stellvertretend kann man hier Attac in Frankreich und Deutschland anführen und darin insbesondere den Einfluss linksradikaler Splittergruppen – Sympathie mit der ersten und zweiten Intifada erkennen lassen, kann man dies bereits auf einen älteren „Paradigmenwechsel“ zurückführen: Seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 erwies sich die europäische Linke, für die Solidarität mit den Überlebenden der NS-Verfolgung selbstverständlich gewesen war, zunehmend als israel-kritisch, antizionistisch und PLO-freundlich. Diese Haltung wurde durch das Vordringen eines radikalen Islamismus seit Ende der 1970er Jahre nicht revidiert, sie aktualisierte sich vielmehr 2002/03 im Vorfeld des Irak-Kriegs, unter anderem in Protestdemonstrationen für Palästina und Jassir Arafat.

Mitte 2003 wurde dabei zum Boykott israelischer Waren aufgerufen, und der Tonfall dieser Aufrufe bewirkte eine Debatte in der globalisierungskritischen Bewegung. Ein Textbeispiel dafür entnehme ich der schon erwähnten Webseite www.muslim-markt.de, die eine Mischung aus virtuellem Halal-Shopping und religiös-politischer Instruktion bzw. Indoktrination betreibt. Dort wird unter dem äußerst verfänglichen, aus den Anfängen der NS-Judenverfolgung bekannten Motto „Kauft nicht bei Juden“ zur Ablehnung von allen israelischen Produkten aufgerufen mit der Begründung: „‚Israel‘ ist ein Pseudostaat, der auf geraubtem und enteignetem Boden aufgebaut ist. Die Flüchtlinge dürfen auch 50 Jahre nach ihrer brutalen Vertreibung nicht in ihre Heimat zurück. Gleichzeitig übersät ‚Israel‘ die gesamte Region mit Terror und Schrecken. Die Palästinenser dürfen bis heute nur ein minderwertiges Dasein von zionistischen Gnaden fristen. Die Heiligen Stätten der Muslime werden immer wieder geschändet und die Schänder von den Zionisten gefeiert. (...) Es wird immer wieder ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sich dieser Boykott nicht gegen die Religion des Judentums und ihrer Anhänger richtet, sondern gegen das Apartheitsregime von ‚Israel‘ und dessen Unterstützer, die mitverantwortlich an der Unterdrückung sind.“

Auch zum Boykott gegen „Produkte und Unternehmen in Deutschland mit eindeutiger und erheblicher Unterstützung des Zionismus“ wird aufgerufen, wozu gehören sollen:

  • AOL Time Warner: Dazu gehören u.a.: Time Magazine, Life Magazine, Time-Life Bücher, CNN, ICQ (Internet Chat Program), Caterpillar, Danone, Intel, Plüs & Peters AG (Schweiz);
  • Nestlé: Dazu gehören u.a.: After Eight, Alete, Aquarell, Bärenmarke, Beba, Bübchen, Buitoni, Carnation, Caro, Choco Crossies, Herta, Kitkat, Libby’s, Lion, Maggi, Milkmaid,  Motta, Nescafé, Nespresso, Nesquik, Perrier, Pure Life, Smarties, Thomy, Vittel, Yes.
  • Springer-Presse: Dazu gehören u.a.: Bild, Bildwoche, Bild am Sonntag, Computerbild, Sportbild, Bild für die Frau usw., Welt, Welt am Sonntag, Berliner Morgenpost, B.Z., Hamburger Abendblatt, Euro am Sonntag, Hörzu, funkuhr, TVneu, Finanzen, Aktienresearch, Journal für die Frau, Miss Beauty.
  • tro:net GmbH & tro: mediaUnternehmen in Troisdorf, welcher der Provider der Internetseiten der israelischen Botschaft in Deutschland ist.

Verbraucherboykott, ein effizientes Mittel der globalisierungskritischen Bewegung (man erinnert sich an die Brent Spar-Kampagne gegen die Mineralölfirma Shell) wird „antizionistisch“ aufgeladen und missbraucht. Noch stärker auf antisemitische Stereotypen rekurriert die für Aufmärsche der Globalisierungskritiker typische Inszenierung von Feindbildern, die als Puppen oder Transparente mitgeführt werden und den Charakter von „politischem Karneval“ haben sollen. Eine Bildanalyse eines solchen Artefakts, das einen „blonden“ Arbeiter in Diensten eines in typischer Plutokratenpose auftretenden „Bonzen“ zeigt, beschäftigte bereits die europäische Presse. Ein Beispiel dokumentiert einen Auftritt von Globalisierungskritikern beim Weltwirtschaftsforum in Davos vom Januar 2003, der den „Tanz um das Goldene Kalb“ (des Kapitals) zeigt, angeführt von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld (mit gelbem Judenstern) und einträchtig verbunden mit dem knüppelschwingenden israelischen Premier Ariel Scharon.

Im Oktober 2003 verabschiedete Attac-Deutschland eine Erklärung zu Antisemitismus und zum Nahost-Konflikt und wies alle Vorwürfe zurück.8 Aber in Pamphleten und Aufrufen der Globalisierungskritiker wird die begründete Kritik an Wirkungen des Freihandels und transnationaler Finanzunternehmen häufig so stark emotionalisiert und personalisiert, dass sie an die nationalpopulistische Schelte der „Plutokratie“ heranreicht und Anklänge an die eindeutig antisemitisch kontaminierte Unterscheidung zwischen „raffendem“ und „schaffendem Kapital“ nicht verbergen kann. In die Kapitalismuskritik der Linken sind immer wieder dubiose Affekte gegen freien Güterverkehr, westliche Zivilisation, universale Rechte und Demokratie generell eingeflossen, und ihre Imperialismuskritik reduziert sich oft auf einen platten, von massiven kulturellen Vorurteilen durchzogenen Affekt gegen Amerika (als Fast-Food-Nation mit Cowboy-Mentalität) beziehungsweise auf eine Dämonisierung westlicher Führer wie Bush und Blair bzw. Scharon. Hier blüht, wie schon die Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 gezeigt hat, der „paranoide Stil der Politik“ (Richard Hofstaedter). Ein rationales Konzept für die Befriedung der Mittelost-Region ist hier ebenso wenig zu erwarten wie die Anerkennung der Leitidee der Demokratisierung der Region mit friedlichen Mitteln.

Die dargestellten Text- und Bildbeiträge sind nicht repräsentativ für die globalisierungskritische Bewegung als Ganze, die sich aus dem Dunstkreis der (antizionistischen und antiimperialistischen) Linken gelöst hat. Hereingetragen wurden solche sektiererischen Positionen durch linksradikale Splittergruppen wie „Linksruck“, aber Bündnistaktik, eine im Entscheidungsprozess von Attac eingebaute Konsensorientierung und falsche Solidarisierungen haben die gesamte globalisierungskritische und Friedensbewegung kompromittiert, wenn bisweilen Selbstmordanschläge geflissentlich übersehen oder sogar als Akte von Notwehr gerechtfertigt wurden.9

Die Ahnengalerie solcher Fehlurteile reicht in die Ur- und Frühzeiten der internationalen Arbeiterbewegung zurück, am markantesten bis zum „Sozialismus als Antisemitismus der dummen Kerls“ (August Bebel) und zur verkürzten Faschismustheorie des Sowjetmarxismus, der für Rassismus im Allgemeinen und die Schoah im Besonderen keine Erklärung hatte und die faschistische Politik als „letztes Stadium des Imperialismus“ (Dimitroff-Formel) verkannte.10

Die Genealogie des heutigen, israelbezogenen Antisemitismus und des komplementären Antiamerikanismus sind im folgenden Schaubild zusammengefasst, wobei vor allem die Konvergenz zwischen linken und rechten Ideologien markiert und ein Bezug zu spiegelbildlichen Ideologien des Philosemitismus bzw. Amerikanismus hergestellt wird. Die Entwicklung wird als Ausdruck einer Dynamik kultureller Globalisierung gedeutet.

Eine als „Kapitalismuskritik“ etikettierte Plutokratenschelte hat – dies sei hier nur noch kurz angedeutet – längst Einzug gehalten in den populistischen Mainstream. Das Motiv spielt eine Rolle in den weltweit erfolgreichen Dokumentarfilmen von Michael Moore11 und im Diskurs der französischen Linken, also nicht auf Deutschland beschränkt, wo der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering im Frühjahr 2005 eine überraschende, in vieler Hinsicht heuchlerische „Kapitalismuskritik“ inszenierte und dabei ein Tierbild benutzte, nämlich die (biblische) Heuschreckenplage. Assoziiert wurden „(anglo)amerikanische“ Finanzkapitalisten (v.a. Hedge Fonds), die angeblich wie Heuschrecken über deutsche Unternehmen herfallen – eine politische Metapher, die im Monatsmagazin der IG Metall (Metall, Mai 2005) unter dem Titel „Die Plünderer sind da“ entsprechend illustriert wurde.

In dem dazu gehörigen Artikel hieß es: „Finanzinvestoren aus Amerika schlachten deutsche Unternehmen aus. Sie kaufen die Firmen, um sie kurz darauf mit Gewinn weiter zu veräußern. Rücksicht auf Menschen, Regionen oder Traditionen nehmen die amerikanischen Finanziers nicht. Wie Mücken saugen sie aus den Betrieben das Geld, um dann nach dem gleichen Muster weiter zu schwärmen.“

Die Mücke, die einen Zylinder in den Farben der US-Flagge trägt und eine Fabrik aussaugt, gehört nicht zu den klassischen Topoi des Antisemitismus, der Juden eher als Würmer und dergleichen darstellt, aber sie fällt, wie die Heuschrecken, in die Kategorie der Parasiten, die ganz klar in eine antisemitische Topologie gehört.12

Auch wenn derartige Tiervergleiche stets bedenklich sind,13 muss man eine Kritik daran differenzieren und politisch kontextualisieren. Zwar signalisieren Müntefering und andere mit ihrer Metaphorik, dass der Staat und die politische Sphäre im Allgemeinen hilflos seien gegenüber dem „globalen Kapital“, obwohl die Politik auch der linksliberal regierten Nationalstaaten die Schrecken erregende Plage selbst herbeigerufen (und ausländische Investitionen auch in Zukunft bitter nötig) hat. Aber der gezielte Wutausbruch des Sozialdemokraten ist zugleich auch ein verquerer Ausdruck einer legitimen und dringend notwendigen Kritik an einem enthegten Kapitalismus und an einer faden Globalisierungsrhetorik, die über Jahre hinweg das massive Unternehmer- und Marktversagen kaschiert und volkswirtschaftliche Probleme allein als Staats- und Politikversagen etikettiert hat. Hinzu kommt, dass sich vor dem Hintergrund durchweg sinkender Realeinkommen und einer rigiden Arbeitsmarktpolitik (in Deutschland als „Hartz-Reformen“ tituliert) Manager von Großunternehmen bedenkenlos Prämien und Gehaltszuwächse zugebilligt haben. So muss man die notwendige Stilkritik an Müntefering und anderen von einer legitimen und überfälligen Kritik an den offensichtlichen Unzulänglichkeiten der kapitalistischen Marktwirtschaft trennen.

Bruder Philosemitismus

Problematisch ist also nicht allein der in die globale Antikriegsbewegung eingesickerte Antisemitismus, sondern auch der ebenso aus dem Lot geratene Anti-Antisemitismus, der jede Kritik israelischer bzw. amerikanischer Politik und an der kapitalistischen Globalisierung mit dem Totschlagargument „antisemitisch!“ abstempelt und im Keim ersticken will.

 Dass Antisemitismus und Antiamerikanismus sich überlagern und zu einem Syndrom des Antiokzidentalismus verwachsen sind, liegt ja nicht nur an der identischen und volatilen Struktur des zugrunde liegenden Vorurteils, sondern auch an der seit Ende der 1960er Jahre enger gewordenen politisch-militärischen Allianz beider Staaten und, seit dem 11. September 2001, in ihrer engen Übereinstimmung in der Terrorbekämpfung, gegen deren Effektivität und Legitimität man vieles einwenden kann.14 Dass Israel und die USA an Sympathien und „soft power“ eingebüßt haben, liegt jenseits aller hier dargelegten Ressentiments auch an einer verfehlten Politik, die aus fadenscheinigen Gründen ignoriert und beschönigt wird. Anders gesagt: Zum neuen Antisemitismus trägt erstmals auch die Politik der Stärke des Staates Israel selbst bei.15

Beispiele für die fatale Dialektik von Antisemitismus und Anti-Antisemitismus kann man bei der Gruppe der so genannten „Antideutschen“ feststellen, die im Sinne Daniel Goldhagens (und weit über diesen hinaus) von einer prinzipiell judenfeindlichen Haltung der deutschen Bevölkerung ausgehen und ihr eine Wiederholung des Holocausts jederzeit zutrauen. „Antideutsch“ war bereits die kategorische Antwort auf die Wiedervereinigung Deutschlands 1989/90, da man von dieser eine Freisetzung deutscher Großmachtambitionen, wenn nicht gar ein „Viertes Reich“ erwartete; um dem vorzubeugen, überwand sich der (kleinere) Teil der deutschen Linken dann zur Anerkennung der westlichen, sprich: amerikanischen Hegemonie im politisch-militärischen, aber auch kulturellen Sinne und auch zu einer bedingungs- und kritiklosen Verteidigung Israels, ganz egal, welche Regierung dort welche Politik machte.16

In dieser Perspektive geht es einzig allein um die Abwehr eines deutschen Nationalismus, der in der Manier eines negativen Nationalismus beantwortet wird und in dieser Fixierung weder für die Lösung des Nahost-Konflikts noch für die Bekämpfung des Islamismus und Terrorismus einen Gedanken übrig hat. Schon immer hatte der Antisemitismus einen Bruder namens Philosemitismus, und ähnlich spiegelbildlich verhalten sich Antiamerikanismus und Amerikaphilie. Anzutreffen ist diese Haltung nicht nur in dissidentischen und marginalen Zirkeln der linken Szene, sondern auch bei einflussreichen Publizisten liberaler Blätter, die sich allein deswegen für Israel und die USA einsetzen und alles unterstützen, was an „Amerikanismus“ aus den USA nach Europa importiert wird, weil andere gegen Amerika und Israel sind.17 Pikanterweise ist dies in nicht wenigen Fällen nur die Fortsetzung eines alten Flügelstreits in der radikalen Linken, aus der nicht wenige „gewendete“ Proamerikaner und Philosemiten stammen. In trotziger Revision ihrer früheren Positionen bekräftigen sie nun alles, was mit den USA angeblich wesensmäßig verbunden ist: consumerism, ungezügelter Kapitalismus, imperiale Republik – ein ähnlich stereotypes Bild wie der Antiamerikanismus.18

Wie zu Zeiten des Kalten Krieges werden im globalen Antisemitismusstreit Beobachtungen und Argumente danach gewichtet, ob sie „dem Feind“ dienen könnten. Dabei hat man es heute mit einem neuen Arrangement antisemitischer Weltbilder im „Anti-zionismus“ und mit einer Solidaritätserpressung für eine verfehlte Politik im Namen des Anti-Antisemitismus zu tun. Wenn es bei Attac antisemitische Ausfälle gegeben hat, ist das ernster zu nehmen, als es die Stellungnahmen der Organisation für gewöhnlich konzedieren; es darf aber nicht Anlass für eine maßlose Beschönigung der kapitalistischen Globalisierung werden. Man kann nur der Forderung Dan Diners zustimmen, „zum einen den Antisemitismus zu bekämpfen, als ob es den arabisch-jüdischen, is-raelisch-palästinensischen Konflikt nicht gäbe; zum anderen alles zu unternehmen, um eben jenen Konflikt einer beider Seiten zuträglichen Lösung zuzuführen – so, als gäbe es den Antisemitismus nicht“.19

1 Vgl. die Textsammlungen von Paul Iganski und Barry Kosmin: The New Antisemitism? Debating Judeophobia in the 21st Century, London 2003 und Doron Rabinovici, Ulrich Speck und Natan Sznaider: NeuerAntisemitismus. Eine globale Debatte, Frankfurt am Main 2004.

2 Diesen stellen v.a. Autoren wie Tariq Ramadan her, vgl. dessen Schriften Der Islam und der Westen. Von der Konfrontation zum Dialog der Zivilisationen, Köln 2000 und Muslimsein in Europa. Untersuchung der islamischen Quellen im europäischen Kontext, Marburg 2001 und sein umstrittener Auftritt bei Europäischen Sozialforum im November 2003.

3 Matthias Küntzel: Djihad und Judenhass. Über den neuen antisemitischen Krieg, Freiburg im Breisgau 2002; Philipp Gessler: Der neue Antisemitismus. Hinter den Kulissen der Normalität, Freiburg im Breisgau 2004, S. 49 ff.

4 Matthias Küntzel: Von Zeesen bis Beirut,. Nationalsozialismus und Antisemitismus in der arabischen Welt, in: Rabinovici u.a. (Anm. 1) , S.271 ff.

5 Abgedruckt in: Dr. Mahathir Opens 10th OIC Summit. The Star, 16.10.2003, vgl. dazu Manfred Gerstenfeld: Die Affäre Mahathir:Eine Fallstudie zum Antisemitismus des Alltags-Islam, in: Jerusalem Viewpoints, Nr. 506, 2.11.2003

6 Siehe www.fritz-bauer-institut.de/aktuelles/anti-semitism_in_the_european_union.pdf

7 Aribert Heyder, Julia Iser und Peter Schmidt: Israelkritik oder Antisemitismus? Meinungsbildung zwischen Öffentlichkeit, Medien und Tabus, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Deutsche Zustände, Folge 3, Frankfurt am Main 2004, S. 144 ff.

8 www.attac.de/archiv/antisemit.php, vgl Thomas Sablowski: Fallstricke der Globalisierungskritik: in: Attac-Reader Nr. 3, Globalisierungskritik und Antisemitismus, Frankfurt am Main 2003.

9 Beispiele bieten Thomas Haury: Der neue Antisemitismusstreit der deutschen Linken, in: Rabinovici u.a. (Anm. 1), S. 143 ff. und Gessler (Anm. 3), S. 81 ff.

10 Dazu Thomas Haury: Antisemitismus von links. Kommunistische Ideologie, Nationalismus und Antizionismus in der frühen DDR, Hamburg 2002.

11 Exemplarisch „Roger & Me“ von 1989.

12 Ulrich Enzensberger: Parasiten. Ein Sachbuch, Frankfurt am Main 2001.

13 Vgl. etwa die Kritik in Jungle world 19, 11.5.2005.

14 Dazu die Beiträge von Tony Judt, Michael Walzer, Judith Butler und Antony Lerman in Rabinovici u.a. (Anm. 1) sowie Brian Klug: Power and Prejudice. Disentangling Anti-Americanism from Anti-Semitism, Ms. Budapest 2004; vgl. jetzt auch Moshe Zuckermann (Hrsg.): Israelkritik - Antizionismus – Antisemitismus (Tel Aviver Jahrbuch für deutsche GeschichteXXXIII), Göttingen 2005

15 So in aller Deutlichkeit der Mentor der amerikanischen Soziologie, Nathan Glazer, auf einer Tagung an der New York University, vgl. Frankfurter Rundschau 10.12.2002, und diverse Beiträge von Tony Judt, zuletzt auf einem Kolloquium der Central European University 11.–12.12.2004.

16 Exemplarisch die Beiträge in den Zeitschriften Bahamas, Jungle World und Konkret.

17 Exemplarisch dafür sind Josef Joffe: The Demons of Europe, in: Commentary 117, H. 1, January 2004, S. 29 ff. und Beiträge im Sonderheft der Zeitschrift Merkur, Kapitalismus oder Barbarei?, Bd. 57, H. 653/654, 2003.

18 Vgl. Claus Leggewie: Amerikas Welt. Die USA in unseren Köpfen, Hamburg 2002.

19 Dan Diner: Der Sarkophag zeigt Risse. Über Israel, Palästina und die Frage eines „neuen Antisemitismus“, in: Rabinovici u.a. (Anm. 1), S. 310 ff. hier S. 328 f.