Warum echte Solidarität unteilbar ist
Mit 19 Drohnen hat Russland in Polen das mächtigste Militärbündnis der Welt getestet. Die Reaktion der NATO: widersprüchlich, halbherzig, abwartend. Ohne ein gemeinsames Verständnis der Bedrohung aber kann eine Allianz nicht funktionieren. Ein Appell.
Als im Herbst 2022 in Polen, direkt an der Grenze zur Ukraine, eine Rakete zwei Menschen tötete, wurde ein französischer Ex-Offizier im Fernsehen gefragt: Was wäre passiert, wenn es sich – wie zunächst vermutet – um eine russische Rakete auf NATO-Territorium gehandelt hätte, und nicht um einen verirrten Teil der ukrainischen Luftabwehr? Mit schmalem Lächeln antwortete der Offizier: „Es kommt darauf an.“
Was hatte das zu bedeuten? Auf die grundlegende Frage nach militärischer Solidarität erklärte der Fachmann lapidar, nichts sei einfach. Bevor ein Beistand der Verbündeten nach Artikel 5 der NATO geltend gemacht werde, müsse alles gründlich geprüft werden – die Absichten der angreifenden Seite, das Ausmaß der feindseligen Handlungen.
Das ist zwar verständlich. Aber für einen Zuhörer aus Osteuropa war diese eigene Relativitätstheorie der NATO wie eine kalte Dusche. Die meisten Normalsterblichen glauben, dass das Bündnis automatisch handele, wie eine eiserne Faust – gemäß der Maxime der Musketiere aus Alexandre Dumas’ Roman: Einer für alle, alle für einen.
Aus Sicht der Osteuropäer hatte der NATO-Beitritt bedeutet, dass ihre Leben künftig durch den stärksten denkbaren Sicherheitszaun geschützt sein würden. Und das gemäß dem eisernen Motto der Musketiere – und eben nicht nach der Einschätzung eines Ex-Offiziers, derzufolge es „darauf ankommt“. Und doch es sind es genau die Worte dieses Generals, die der Realität näherkommen.
Die Grauzone des Krieges
Als am 9. September 2025 ab 23:30 Uhr russische Drohnen den Luftraum eines NATO-Landes verletzten, wurde das hypothetische Problem Realität. Einige der Drohnen wurden abgeschossen. Ein Wohnhaus wurde zerstört. Der Luftraum über einem Teil des polnischen Territoriums wurde gesperrt. Polen beschloss, Artikel 4 des NATO-Vertrags anzuwenden, das Konsultationsverfahren im Falle einer Sicherheitsbedrohung.
Experten diskutierten, ob die Luftabwehrsysteme den Test bestanden hätten. Für Zivilisten allerdings ist die Wahrheit viel nüchterner: Offensichtlich kann man auch als Mitglied der NATO sein Leben, seine Gesundheit oder sein Eigentum verlieren, ohne dass ein Krieg erklärt wurde – durch eine Drohne, gestartet aus einem feindlichen Land.
Artikel 5 des NATO-Vertrags wurde erstmals 2001 nach den Anschlägen auf das World Trade Center und andere Ziele in den Vereinigten Staaten geltend gemacht. Obwohl eine terroristische Organisation (und kein Drittland) den spektakulären Angriff durchgeführt hatte, wurde die gesamte Maschinerie der Bündnisstaaten in Gang gesetzt. Damals wurde zum ersten Mal deutlich, dass Artikel 5 des NATO-Vertrags nicht automatisch greift. Im Gegenteil: Um Maßnahmen zu ergreifen, bedarf es einer gemeinsamen Erklärung.
Heute sehen wir die Folgen dieses Präzedenzfalls: Bei unterschiedlichen Interpretationen eines bestimmten Ereignisses handelt die NATO als Organisation möglicherweise überhaupt nicht gemäß Artikel 5. Das Risiko steigt insbesondere dann, wenn Politiker aus dem mächtigsten Land des Bündnisses, den USA, nicht bereit sind, sich militärisch zu engagieren. Erinnern wir uns daran, dass Präsident Donald Trump nach dem russischen Drohnenangriff auf Polen unter anderem bemerkte: „Es könnte ein Fehler gewesen sein.“ Solche Erklärungen kommen der Maxime „Es kommt darauf an“ recht nahe.
Ein beispielloser Angriff?
Doch noch etwas anderes beeinflusst die unterschiedlichen Interpretationen der militärischen Solidarität, heute und in Zukunft. Viele Politiker und Kommentatoren haben betont, dass der Drohnenangriff auf ein NATO-Land beispiellos war. In den NATO-Ländern, die direkt an Russland grenzen, herrscht jedoch eher die Meinung vor, dass dies zwar der erste Angriff dieser Art gewesen sein mag, dass er aber zu erwarten war.
Ohne heute zu entscheiden, welcher Ansatz besser ist: Beide Sichtweisen führen im Krisenfall zu radikal unterschiedlichen Interpretationen. Einige NATO-Staaten werden Risiken und offene Konfrontationen lieber vermeiden. Andere, die sich bedroht fühlen, werden zu dem Schluss kommen, dass es Zeit ist, eine entschlossene Haltung einzunehmen. Das könnte zu einer Spaltung des Bündnisses führen.
Deshalb ist neben der angekündigten beschleunigten Aufrüstung und höheren Militärausgaben noch etwas anderes notwendig: die Kunst, Bedrohungen gemeinsam zu interpretieren. Im 20. Jahrhundert beruhte die Stärke der NATO in erster Linie auf etwas, das man als „hermeneutische Solidarität“ bezeichnen könnte: eine besondere Form der Verbundenheit, die auf dem gemeinsamen Bemühen um Verstehen und Deutung beruht – sowohl der Welt als auch untereinander. Anderenfalls würden die Musketiere ihr Motto verraten, und jeder würde in seine eigene Richtung davonreiten.
Aus dem Englischen von Martin Bialecki
Dieses Stück ist das vierte in einer Reihe IP-exklusiver Texte der beiden Autoren unter dem Titel „Von den Missverständnissen Europas“.
Internationale Politik, Online-Veröffentlichug, 19. September 2025
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