Online-Veröffentlichung

21. Juli 2025

Das Gorbatschow-Syndrom

Im Ausland hui, zuhause pfui: Was Michail Gorbatschow widerfahren ist, lässt sich anhand einer Reihe von Beispielen mittel- und osteuropäischer Politiker auch heute noch besichtigen. Die krasse Diskrepanz zwischen hoher Popularität und tiefer Ablehnung birgt eine wichtige Botschaft: Eine Agenda muss im eigenen Land mitgetragen werden.

Jarosław Kuisz
Karolina Wigura
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Bild: Die Silhouetten eines Mannes und einer Frau als Scherenschnitt vor einer Europäischen Fahne
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Im Dezember 1987 unterzeichnete Michail Gorbatschow in Washington mit Ronald Reagan ein Abkommen über die Reduzierung von Mittelstreckenraketen in Europa. Abrüstung im Atomzeitalter – ein beispielloses Ereignis. Und ein Beleg dafür, dass Politiker an der Spitze der Macht nicht nur von Zynismus und persönlicher Ambition geleitet werden können, sondern auch von gesundem Menschenverstand.

Zu diesem Zeitpunkt brach die „Gorbi-Manie“ mit voller Wucht aus. Das Konterfei des sowjetischen Staatschefs wurde zu einer Pop-Ikone. Sein Image im Westen hatte sich schon einige Zeit zuvor verbessert, aber nun bot Gorbatschow mehr als nur ein Lächeln: Er verringerte praktisch höchstselbst die Angst vor der atomaren Vernichtung. Selbstbewusst konnte der Staatschef der UdSSR auf den Straßen die ausgestreckten Hände der Amerikaner schütteln. Ähnlich hoch geschätzt wurde er in Deutschland; dass „Gorbi“ der Wiedervereinigung nicht im Wege stand, machte ihn zu einer Art Volksheld.

Der Höhepunkt seiner Karriere im Westen war die Verleihung des Friedensnobelpreises 1990. Das aber war nur die eine Seite der Medaille. 

In der UdSSR entwickelte sich Gorbatschows politische Laufbahn als die eines Reformers hin zu einem vollständig besiegten Politiker. Der Zerfall des Sowjetimperiums, der gescheiterte Putsch gegen ihn als Autorität und schließlich sein Rücktritt als Präsident der UdSSR 1991 sind Wegmarken seines Niedergangs. Während im Westen der Friedensnobelpreis sein Emblem bleibt, dominieren im Osten Erinnerungen an Armut, Putsch und den Hausarrest auf der Krim. Als er im August 2022 starb, wurde ihm ein Staatsbegräbnis mit höchsten Ehren verweigert.
 

Zwischen Popularität und Unbeliebtheit

Diese krasse Diskrepanz zwischen dem Image eines Politikers im In- und Ausland scheint eines der intellektuellen Vermächtnisse des langen Endes des Kalten Krieges zu sein. Im Zeitalter der globalen Medien haben wir gelernt, dass die Kluft und der Übergang zwischen Popularität und Unbeliebtheit dramatisch groß sein können. Diese Asymmetrie ist zu einem entscheidenden Element der internationalen Politik geworden; sie wirft grundlegende Fragen danach auf, wie lange die international bewunderte Agenda eines Politikers Bestand haben kann, wenn sie im eigenen Land keine Unterstützung findet.

Heute, im Zeitalter des nationalen Populismus, keimt gelegentlich Hoffnung auf eine Erneuerung der europäischen Politik auf. Wie schon in der kommunistischen Ära blicken viele nun in den östlichen Teil der Europäischen Union, um Anzeichen für eine Wiederbelebung der liberalen Demokratie zu finden. Zwischen 2019 und 2024 wurde die slowakische Präsidentin Zuzana Čaputová zu einem solchen Symbol, schien sie doch nach Jahren nationalistischer und populistischer Herrschaft echte Hoffnung zu bieten. Doch ihre Popularität im eigenen Land begann schnell zu schwinden.

Ähnliches gilt für Kaja Kallas, Ex-Ministerpräsidentin Estlands. In Westeuropa hochgeschätzt, galt sie als starke Stimme, als eine außergewöhnlich gut ausgebildete Frau aus Osteuropa. Es wäre jedoch fahrlässig, nicht zu untersuchen, wie eigentlich die Umfragen im eigenen Land aussahen, bevor sie ihre diplomatische Karriere in Brüssel begann. Im Jahr 2023 sprachen sich laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Norstat rund 66 Prozent der Esten für Kallas‘ Rücktritt aus. 
 

Geteiltes Bild über Donald Tusk

Weitere Beispiele für Politiker, die unter dem sogenannten „Gorbatschow-Syndrom“ leiden – im Westen äußerst beliebt, im eigenen Land jedoch zunehmend unpopulär – sind nicht schwer zu finden. Zuletzt hat sich hier leider auch der polnische Ministerpräsident Donald Tusk eingereiht. Aus gutem Grund ist seine Popularität im Westen nach wie vor hoch: Weithin wird er als die Persönlichkeit angesehen, die 2023 die Welle des nationalen Populismus gebrochen hat. Doch die Begeisterung für Tusk ist schnell abgeklungen. Angesichts seiner langen politischen Karriere als polnischer Ministerpräsident zwischen 2007 und 2014, geprägt von Erfolgen wie Misserfolgen, sind alte Ressentiments wieder aufgeflammt.

Vielleicht hat es Tusk mehr geschadet als genutzt, dass er offen die Kandidatur des liberalen Warschauer Bürgermeisters Rafal Trzaskowski für das polnische Präsidentenamt unterstützt hat. Im Juli 2025 gab mehr als die Hälfte der polnischen Befragten (57 Prozent) an, dass sie Tusk nicht vertrauen.
 

Unterstützung im eigenen Land

Natürlich kann man auf erhebliche Unterschiede zwischen dem ehemaligen sowjetischen Staatschef und der heutigen politischen Klasse hinweisen. Dennoch ist das Problem des „Gorbatschow-Syndroms“ eine ernste Warnung: Mutige und noble internationale Ambitionen dürfen nicht zu weit von der eigenen Wählerschaft entfernt sein. Die Kluft darf nicht zu groß werden. Eine Agenda darf nicht nur auf den Erwartungen ausländischer Partner basieren, sondern dringend auch auf sorgfältig gepflegter Unterstützung im eigenen Land. Es gibt keine Abkürzungen. Demokratie kann nicht aus der Höhe eines Elfenbeinturms heraus aufgebaut werden.

In manchen Situationen steht sogar mehr auf dem Spiel als nur die Macht – verloren gehen kann die Chance auf Demokratisierung an sich. Nichts unterstreicht dies besser als die Tatsache, dass Präsident Wladimir Putin 2022 angeblich „zu beschäftigt“ war, um an der Beerdigung von Michail Gorbatschow teilzunehmen. Er entschied sich, den politischen Führer nicht zu ehren, der einst eine friedlichere Welt vor Augen hatte, und der im Westen wie wenige andere für sie stand. Putin aber hatte zu tun, in der Tat: mit dem Krieg gegen die Ukraine.

Aus dem Englischen von Martin Bialecki.

Dieses Stück ist das zweite in einer Reihe IP-exklusiver Texte der beiden Autoren unter dem Titel “Von den Missverständnissen Europas”.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politk, Online Veröffentlichung, 22. Juli 2025

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Mehr von den Autoren

Dr. Jaroslaw Kuisz ist außerordentlicher Professor an der Universität Warschau und Chefredakteur der Zeitschrift Kultura Liberalna in Warschau. Er ist Autor des Buches „Die neue Politik Polens: "Ein Fall von posttraumatischer Souveränität".


Dr. Karolina Wigura ist außerordentliche Professorin an der Universität Warschau und Vorstandsmitglied der Stiftung Kultura Liberalna in Warschau. Beide sind Associates in Russian and East European Studies (REES) an der Oxford University School for Global and Area Studies und Senior Fellows am Zentrum Liberale Moderne in Berlin. Kürzlich haben sie gemeinsam das Buch "Post-traumatische Souveränität: Ein Essay über Ostmitteleuropa" veröffentlicht.

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