Der Gipfel der Zerstörung
Ein amerikanischer Präsident und ein russischer. Gipfeltreffen mit viel Tamtam; das gab es doch schon einmal? Ja – aber so anders. Ein Blick von Genf bis Alaska
Donald J. Trump war noch keine 40 Jahre alt. Wie der Rest der Welt verfolgte auch er das bahnbrechende Treffen zwischen Reagan und Gorbatschow in der Schweiz. Das Fernsehspektakel, es muss seine Wahrnehmung der Außenpolitik geprägt haben. Das Drama, die hochkarätige Besetzung, der hohe Einsatz im nuklearen Wettrüsten – 1985 glaubte man, dass in einem bescheidenen Genfer Palais das Schicksal der Welt entschieden wird. Die Politiker grübelten über den Inhalt der Gespräche, aber auch über die angemessene Kleidung. Sollte der amerikanische Präsident bei der Begrüßungszeremonie einen Mantel tragen oder nicht? Es war auch eine Frage der Imagepolitik.
Am 15. August 2025 spielten Wladimir Putin und Donald Trump in Alaska das frühere Machtspektakel sozusagen teilweise nach. Trotz der Existenz einer multipolaren Welt, trotz konkurrierender Mächte: Wieder waren es ausschließlich Moskau und Washington, die sich über eine Weltkarte beugten. Für die Russen muss der Gipfel von Anchorage eine leicht nostalgische Reise in die Vergangenheit gewesen sein; schließlich verfolgte 1985 wohl auch ein 33 Jahre alter, ehrgeiziger KGB-Mitarbeiter die Nachrichten aus Genf. Nun also haben zwei Staatschefs das Institut einer Machtdemonstration dieser Art wiederbelebt: zwei Supermächte, die sich allein durch die Tatsache, dass sie verhandeln, gegenseitig legitimieren.
Theatralische historische Rekonstruktionen gefallen den europäischen Staats- und Regierungschefs nicht. Schon in den 1980er Jahren hätten François Mitterrand und Helmut Kohl sicherlich lieber am Hauptverhandlungstisch gesessen. Auch heute zeigen sich Emmanuel Macron und Friedrich Merz eher tapfer. In die zweite Verhandlungsreihe verbannt zu werden, ist gestern wie heute für niemanden die erste Wahl.
Ein Spiegel Europas
Allerdings hat auch unsere zweite Reihe ihre eigene Geografie. Für die westeuropäischen Länder ist die Ausgrenzung aus den Friedensgesprächen vor allem eine diplomatische Degradierung. Russlands unmittelbare Nachbarn, allen voran die Ukraine, verfolgten das Treffen in Alaska mit existenzieller Panik. Über unserer Region schwebte die Möglichkeit eines neuen München oder Jalta. Der rote Teppich für einen Politiker, gegen den der Internationale Strafgerichtshof 2023 einen Haftbefehl erlassen hat, stieß auf moralische Ablehnung. Putins Lächeln verspottete die Opfer des Krieges.
Unbeabsichtigt war der Gipfel in Alaska auch ein Spiegel Europas. Dessen Risse sind noch immer sichtbar. Einige Politiker sind mehr um den symbolischen Bedeutungsverlust der EU besorgt, andere beschäftigen sich vor allem mit der Frage ihrer Souveränität. Wieder andere, wie Ungarn, sehen in den internationalen Brüchen eine weitere Chance, ihr diplomatisches Ansehen zu verbessern. Viktor Orbán schrieb: „Möge jedes Wochenende mindestens so gut werden!“
Abschließend scheint die Erinnerung an die Gipfeltreffen zwischen Reagan und Gorbatschow aus einem weiteren Grund lehrreich zu sein. Sie zeigt, wie weit die beiden heutigen Staatschefs in Bezug auf Agenda und Stil von ihren Vorgängern abweichen. Reagan und Gorbatschow gingen von gegenseitigem Misstrauen und ideologischen Konflikten aus. Trump und Putin scheinen in vielen Fragen ideologisch auf derselben Seite zu stehen, allem voran in ihrem Wunsch, die liberale Weltordnung zu schwächen, wenn nicht gar zu zerstören. Sie sind nicht an Multilateralismus interessiert. Sie zielen auf harten Neoimperialismus mit Einflusssphären.
Tatsächlich hat der russische Präsident Trump bereits öffentlich zu einem Besuch in Moskau eingeladen. Paradoxerweise könnte das Gipfeltreffen in Alaska der Beginn einer Reihe von Treffen sein, die denen der 1980er Jahre ähneln. Mit einem beträchtlichen Unterschied: Die Gipfel der Jetzt-Zeit werden darauf abzielen, die Vision einer friedlichen Welt, die durch die Treffen zwischen Reagan und Gorbatschow mühsam aufgebaut wurde, endgültig zu zerstören.
Aus dem Englischen von Martin Bialecki
Dieses Stück ist das dritte in einer Reihe IP-exklusiver Texte der beiden Autoren unter dem Titel "Von den Missverständnissen Europas”.
Internationale Politk, Online Veröffentlichung, 19. August 2025
Teilen
Artikel können Sie noch kostenlos lesen.
Die Internationale Politik steht für sorgfältig recherchierte, fundierte Analysen und Artikel. Wir freuen uns, dass Sie sich für unser Angebot interessieren. Drei Texte können Sie kostenlos lesen. Danach empfehlen wir Ihnen ein Abo der IP, im Print, per App und/oder Online, denn unabhängigen Qualitätsjournalismus kann es nicht umsonst geben.