Die verschuldeten Rivalen
Die USA und China schlittern in Schuldenkrisen, die sie selbst verursacht haben. Das hat ernsthafte Folgen auch für die internationalen Wirtschaftsbeziehungen.
Der geopolitische Konflikt zwischen der Volksrepublik China und den Vereinigten Staaten hat finanzpolitische Dimensionen, die lange wenig Beachtung fanden. Die beiden größten Volkswirtschaften der Welt leben über ihre Verhältnisse und stehen am Beginn von Schuldenkrisen. Chinas Staatsverschuldung hat einen Umfang von über 20 Billionen US-Dollar erreicht, die der USA den doppelten Wert. Die seit einigen Jahren sehr langsam, aber doch stetig steigenden Zinsen für Staatsanleihen können für beide Konkurrenten in einer Schuldenkrise enden. Schon heute muss die US-Regierung zu gewagten Manövern greifen, um eine Zuspitzung der Lage an den Finanzmärkten zu vermeiden.
Ein schleichendes Gift
Finanzkrisen von Staaten entwickeln sich meist langsam und schleichend. Die heutigen Risiken für die Solidität der Staatsfinanzen Chinas und der USA haben sich, diesem Muster folgend, schrittweise entwickelt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) nennt für den Zeitraum 2020 bis 2026 eine durchschnittliche staatliche Neuverschuldung von 7,5 Prozent pro Jahr für China und 8,5 Prozent pro Jahr für die USA. Auch unter Berücksichtigung der pandemiebedingten höheren Staatsausgaben ist der Trend in beiden Staaten besorgniserregend: 2026 liegt die staatliche Neuverschuldung in China bei 8,2 Prozent der Wirtschaftsleistung, in den USA bei immer noch sehr hohen 7,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Im Vergleich sieht die fiskalpolitische Lage selbst im hochverschuldeten Frankreich, das dieses Jahr eine Neuverschuldung von 5 Prozent aufweist, weniger bedrohlich aus.
In den USA wird mehr Geld für Zinsen ausgegeben, als im Haushalt für das Militär eingeplant ist
Problematisch ist die Überschuldung in beiden Volkswirtschaften vor allem deshalb, weil es keinen offensichtlichen Grund für die hohen Staatsausgaben gibt. Weder China noch die USA müssen gegenwärtig eine akute Wirtschaftskrise oder eine Pandemie bewältigen. Zwar leidet die chinesische Volkswirtschaft unter den Folgen einer hausgemachten Immobilienkrise und schwacher Binnennachfrage. Zugleich sind die internationalen Wirtschaftsbeziehungen Chinas seit Jahren keine Quelle von Instabilität, sondern die einzig verbleibende Stütze der Wirtschaft. Ohne die boomenden Exporte und die hohen Handelsbilanzüberschüsse von 1200 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 befände sich China in einer Rezession. Eine kurzfristige Änderung der Lage ist nicht zu erwarten: Der britische Economist spottete im September 2026 anlässlich der Einführung von Hypothekendarlehen mit einer Laufzeit von 40 Jahren, dass die Immobilienkrise in China vielleicht im Jahr 2066 überwunden sein werde.
Das schleichende Gift der Staatsverschuldung hat die geopolitischen Rivalen schon heute in prekäre Lagen gebracht. Dabei hat die Kommunistische Partei durch Missmanagement in gefährliches Fahrwasser geführt. Der IWF bezifferte in seinem Länderbericht China vom Februar 2026 die Verschuldung der chinesischen Zentralregierung auf 75,1 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr 2026. Dieser Wert soll schon bis 2030 auf knapp 86,9 Prozent des BIP steigen und hätte sich so seit 2020 etwa verdoppelt.
Allerdings ist dieses Bild trügerisch, weil die Schulden der Gebietskörperschaften ausgeblendet werden. Der IWF beziffert diese umfassenderen Werte auf 135 Prozent der Wirtschaftsleistung im laufenden Jahr und auf 153 Prozent im Jahr 2030. Die Volksrepublik taumelt rasch in eine instabile Situation, die sich kurzfristig zuspitzen könnte, wenn andere Volkswirtschaften entschiedenere Maßnahmen gegen die Flut in China hergestellter Industrieprodukte ergreifen sollten. Zumindest die EU scheint nicht länger gewillt zu sein, die wachsende Asymmetrie in den Handelsbeziehungen zu tolerieren.
Finanzmärkte und Staatsausgaben
In den USA, aber auch in Frankreich und Großbritannien stellt der Zinsdienst heute einen größeren Haushaltsposten dar als die Kosten für das Militär. Schuld an dieser Entwicklung sind die Finanzmärkte, die nach Jahren der Niedrigzinspolitik nun beginnen, für Disziplin bei den Staatsausgaben zu sorgen. Die USA fanden noch im Jahr 2020 Käufer für Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit mit einem Zinscoupon von weniger als 0,7 Prozent pro Jahr. Mitte September 2026 hatte das Zinsniveau für die gleichen Staatsanleihen schon ein Niveau von fast 5 Prozent erreicht. Alle OECD-Staaten zusammengenommen haben 2025 für Zinsen auf Staatsschulden die Summe von 2000 Milliarden US-Dollar aufgewendet. Ein Sinken der von den Finanzmärkten erwarteten Renditen ist nicht in Sicht.
Die steigenden Renditen reflektieren das sinkende Interesse von Käufern. Der norwegische Staatsfonds etwa, der Anlagen im Wert von 2300 Milliarden US-Dollar verwaltet, hat im September 2026 angekündigt, den Anteil insbesondere amerikanischer Staatsanleihen in seinem Portfolio deutlich senken zu wollen. Auch Japan, der größte ausländische Gläubiger des amerikanischen Staates, hat begonnen, sein Engagement zu reduzieren: Von April bis Juli 2026 bauten japanische Anleger den von ihnen gehaltenen Bestand von US-Staatsanleihen von 1209 auf 1103 Milliarden Dollar ab. Der amerikanische Finanzminister Scott Bessent muss zudem mit anderen Staaten, auch Deutschland, konkurrieren. Die hohen Investitionen großer Technologiekonzerne, die in Künstliche Intelligenz und große Rechenzentren investieren und ebenfalls Anleihen begeben, erschweren die Situation der US-Staatsfinanzen weiter.
Die Schuldenkrise der USA unterscheidet sich von früheren Schuldenkrisen – etwa in Asien 1997/98 oder in Griechenland 2010 – durch die Transparenz und Offensichtlichkeit des Problems. In Asien kam es zu einer regionalen Finanzkrise, weil ausländische Investoren quasi über Nacht die Wahrnehmung der Region änderten und plötzlich Probleme entdeckten, die sie zuvor ignoriert hatten.
In den USA ist das Problem unkontrollierter Staatsausgaben seit Jahren bekannt, ohne dass Präsident und Kongress hinreichende Schritte zur Konsolidierung des Budgets unternommen hätten. Die Nettostaatsverschuldung, also ohne die Forderungen des Staates an sich selbst, hat sich innerhalb von 25 Jahren von 3,4 Billionen auf heute 32,3 Billionen US-Dollar verzehnfacht. Das politische System der USA hat es bislang nicht geschafft, einen nachvollziehbaren Plan zur Stabilisierung der Staatsfinanzen zu entwickeln. Übereifrig und zugleich hilflos zeigt sich Finanzminister Bessent: Er versuchte im August 2026, die Finanzmärkte auszutricksen und tat dies durch Kauf von Staatsanleihen längerer Laufzeit, den er durch die Emission von Schuldscheinen mit kurzer Laufzeit finanzierte. Anders als von ihm vermutlich erwartet, führte dieses Manöver nicht zur Beruhigung, sondern zu höherer Nervosität auf den Finanzmärkten.
Bessents früherer Mentor, der Investor Stanley F. Druckenmiller, kritisierte das Manöver mit scharfen Worten. Der Finanzminister habe sich an der Beeinflussung der Renditen von Staatsanleihen versucht, und dies sei ein unentschuldbarer Fehler. Der Preis für US-Staatsanleihen sei der bedeutendste Preis auf der Welt und zudem das einzige verbliebene Instrument zur Disziplinierung der amerikanischen Fiskalpolitik. Regierungen, so Druckenmiller, die versuchen, Preise durch Markteingriffe zu beeinflussen, würden stets verlieren und im Kampf gegen fiskalpolitische Realitäten lediglich sehr viel Steuergeld verschwenden.
Weder China noch die USA sind in der Lage, eine nachhaltige Finanzpolitik zu entwickeln
Gewiss gibt es viele historische Beispiele für Fehleinschätzungen der Finanzmärkte. In den USA lesen die Märkte die Entwicklung der Staatsfinanzen aber durchaus korrekt. Die USA hatten in Friedenszeiten und bei Vollbeschäftigung noch nie eine so hohe Neuverschuldung.
Dabei kann die nächste Wirtschaftskrise vor der Tür stehen: Beispielsweise müssten die heutigen hohen Neuinvestitionen in Künstliche Intelligenz zu einem massiven Anstieg der Umsätze in diesem Feld führen. Der Economist hat vorgerechnet, dass die Umsätze durch Nutzung Künstlicher Intelligenz von heute 150 Milliarden US-Dollar auf 2500 Milliarden im Jahr 2030 steigen müssten, um all die Neuinvestitionen profitabel werden zu lassen. Auch mit viel Wohlwollen erscheint diese Versechzehnfachung der Umsätze innerhalb von wenigen Jahren deutlich zu optimistisch.
Auch Chinas KI-Boom basiert auf der gleichen Annahme: Heutige hohe Investitionen sollen morgen Umsätze und Erträge generieren.
Warum sind diese Überlegungen von Belang? Sowohl die USA als auch China haben derzeit keine großen wirtschaftlichen Turbulenzen zu bewältigen und stolpern dennoch immer tiefer in den selbst geschaffenen Schuldensumpf.
Weder das kommunistische China noch das demokratische Amerika sind in der Lage, eine nachhaltige Fiskalpolitik zu entwickeln. Auch wenn die Lage in den Ländern der Europäischen Union nicht durchweg besser ist, zeigt schon ein erster Vergleich mit den Pleitiers in Peking und Washington, dass die Staaten Europas eine solidere Politik betreiben.
Drei Wege aus der Krise
Wenn die USA dem Muster früherer Schuldenkrisen folgen, wird die Krise der Staatsfinanzen auf drei Wegen zu beseitigen sein:
- Hohe Inflation würde den Wert der Staatsschulden reduzieren.
- Die Alternative dazu ist die Nichtbedienung der Schulden durch den amerikanischen Staat.
- Drittens schließlich könnten die Steuern erhöht werden.
Hohe Inflation erscheint der einfachste Weg zu sein, aber die Finanzmärkte in den USA stellen sich dieser Option zunehmend in den Weg: Der amerikanische Finanzminister muss immer höhere Zinsen bieten, um noch Käufer für die Staatsanleihen zu finden. Die erwähnten Versuche von Finanzminister Bessent, die Renditen zu drücken, sind erfolglos verpufft. Die Spannung an den Finanzmärkten ist hoch und wird mit neuerlichen Tricksereien des Finanzministers weiter steigen.
Ein Staatsbankrott der USA ist nicht mehr auszuschließen, würde die internationalen Finanzmärkte aber im Mark erschüttern. Für die Regierung von Donald Trump könnte es verlockend erscheinen, ausländische und inländische Gläubiger unterschiedlich zu behandeln. Genau dies wurde von Trumps wirtschaftspolitischen Beratern im Dezember 2024 im sogenannten Mar-a-Lago Accord durchgespielt: Ausländische Gläubiger sollen ihre US-Staatsanleihen umwandeln in solche mit langer Laufzeit und niedriger oder gar keiner Verzinsung. Damit würden die Zinslasten für den amerikanischen Staat sinken, und vermutlich würde auch der Dollar gegenüber anderen Währungen abgewertet werden. Die Trump-Regierung, die stets ihre hohe Kompetenz in Wirtschaftsfragen rühmt, hat durch ungeschicktes Agieren in Verbindung mit einer möglichen Umschuldung selbst dafür gesorgt, dass Investoren, insbesondere ausländische, auf der Hut sind und höhere Zinsen fordern.
Eine höhere Besteuerung nicht nur von Einkommen, sondern auch von Unternehmensgewinnen wäre eine Option für die USA
Was aus Sicht von Trumps Strategen verlockend erscheinen mag, wäre für die internationalen Finanzmärkte fatal. Die USA würden erstmalig in ihrer Geschichte Schulden nicht bedienen – eine Zäsur. Während viele andere Volkswirtschaften, auch Deutschland und Frankreich, schon mehrfach umschulden mussten, galten die USA und Großbritannien stets als verlässliche Schuldner. Allerdings stellt die Umwandlung von Goldanleihen im Jahr 1933 durch Präsident Franklin D. Roosevelt eine von insgesamt vier Ausnahmen und einen Präzedenzfall dar. Die USA hatten den Anleihegläubigern unmissverständlich zugesichert, diese Anleihen in Gold zurückzuzahlen. Angesichts der Großen Depression weigerte sich die Roosevelt-Regierung jedoch, frühere Zusagen einzuhalten, und wandelte die Goldanleihen in weniger werthaltige und nicht von Gold gedeckte Anleihen um.
Nicht nur die Drohung mit einer Zwangsumschuldung der heutigen Staatsanleihen in unattraktive Papiere mit 100-jähriger Laufzeit verunsichert Investoren. Auch ausländische Zentralbanken zögern mittlerweile stärker, in US-Staatsanleihen zu investieren, nachdem sie miterlebt haben, wie die Auslandsvermögen der russischen Zentralbank im Zuge des russischen Einmarschs in die Ukraine eingefroren wurden. Einige ausländische Zentralbanken befürchten, dass die US-Regierung ihre Vermögenswerte beschlagnahmen könnte. In einer Umfrage der Schweizer Bank UBS aus dem Jahr 2025 äußerten 49 Prozent der Verwalter von staatlichen Währungsreserven Bedenken hinsichtlich der Instrumentalisierung von Devisenreserven – ein deutlicher Anstieg gegenüber 14 Prozent im Jahr 2023.
Derzeit unwahrscheinlich, aber im Prinzip nicht völlig ausgeschlossen ist die dritte Option: deutliche Steuererhöhungen zur Stabilisierung der Staatsfinanzen. In der Geschichte der USA finden sich einige Beispiele für die Bereitschaft der amerikanischen Gesellschaft, im Angesicht von nationalen Notlagen hohe Steuersätze in der Einkommenssteuer zu akzeptieren. So stieg zwischen 1913 und 1918 der Spitzensteuersatz in der Einkommenssteuer von 7 auf 77 Prozent. Aus heutiger Sicht fast schon bizarr hoch waren die Spitzensteuersätze in den USA von 1944 bis 1963: Sie lagen bei mindestens 90 Prozent des zu versteuernden Einkommens; erst von 1963 an wurden die Spitzensteuersätze schrittweise gesenkt. Allerdings bedarf es einer veritablen Krise, um in beiden politischen Lagern der USA hinreichend Unterstützung für eine deutliche Erhöhung der Einkommenssteuersätze zu mobilisieren.
Erschwert wird die fiskalpolitische Lage der USA und aller anderen Industrieländer durch den Verzicht auf Beschränkungen des Kapitalverkehrs. Damit verzichten diese Staaten darauf, Unternehmensgewinne nennenswert zu besteuern. Die Verbuchung von Gewinnen in Volkswirtschaften mit niedrigen Steuersätzen ist heute ein vollkommen legales Verfahren zur Reduzierung der Steuerlast von Unternehmen. Unbeschränkter Kapitalverkehr macht diese Optimierung der Steuerlast erst möglich, worauf der Harvard-Ökonom Richard N. Cooper schon vor 30 Jahren hingewiesen hat.
Chinas massive Subventionierung von Warenexporten richtet in vielen Ländern Schaden an
An dieser Stelle unterscheidet sich die Politik der Volksrepublik China deutlich von den westlichen Industrieländern. China reglementiert den Kapitalverkehr und kann deshalb Unternehmensgewinne effektiver besteuern als die USA. Allerdings hat dies nicht dazu geführt, dass die Lage der Staatsfinanzen besser ist als in den USA. China leidet unter den Folgen der hausgemachten Immobilienkrise. Die Bürgerinnen und Bürger Chinas sehen den Wert ihres Vermögens schrumpfen und infolgedessen bleibt die Binnennachfrage schwach.
Der Staat setzt auf die einzige noch tragende Säule – den Warenexport –, aber dort spielt China mit unfairen Mitteln. Der IWF bezifferte die staatlichen Subventionen für die verarbeitende Industrie schon für das Jahr 2023 auf 4,4 Prozent der Wirtschaftsleistung. Dies entspricht etwa 770 Milliarden US-Dollar und ist deutlich mehr, als westliche Industrieländer ihrer verarbeitenden Industrie an Subventionen gewähren. Verschärft wird das Problem dadurch, dass die Subventionen nicht allen Unternehmen zugutekommen, sondern gezielt etwa an Unternehmen in der Halbleiter- oder Automobilproduktion gezahlt werden.
Gesucht: neue Formen der Kooperation
Die geopolitischen Rivalen China und USA steuern beide auf eine Schuldenkrise zu. Beide Staaten stehen fiskalpolitisch mit dem Rücken zur Wand. Weder von China noch von den USA sind in absehbarer Zeit positive Impulse für die internationalen Wirtschaftsbeziehungen zu erwarten. Der frühere US-Handelsbeauftragte Michael Froman mutmaßt bereits, China könnte für die nächste Weltwirtschaftskrise sorgen. Schon heute sorgt die Exportoffensive der Volksrepublik, die ein Zeichen der Schwäche und nicht der Stärke ist, für eine Schneise der Verwüstung in vielen Volkswirtschaften. Und die USA wandeln sich von einem erstklassigen Schuldner zum finanzpolitischen Wackelkandidaten.
Diese Gemengelage lässt die Suche nach neuen Formen der supranationalen Zusammenarbeit, etwa in Form eines großen Handelsclubs, ausgesprochen dringlich erscheinen. Washington und Peking sind allerdings Teil des Problems und werden keinen konstruktiven Beitrag leisten können. Es liegt heute an den Ländern der Europäischen Union, Indien und Japan, Initiativen zur Neuordnung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen zu entwickeln.
Internationale Politik 6, November/Dezember 2026, S. 90-95
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