01. Mai 2022

Ein Balanceakt

Für die indische Regierung ist Russland weiterhin ein Partner, was auch die abwartende Haltung Neu-Delhis zum Krieg in der Ukraine erklärt. China hingegen bleibt ein strategischer Rivale.

Bild
Bild: indo-russische Cruise Missiles, genannt BrahMos
Neu-Delhi ist an einer Abkopplung von Moskau nicht interessiert, man ist über Rüstungsgeschäfte eng ver­woben. Das Bild zeigt indo-russische Cruise Missiles, genannt BrahMos.
Lizenz
Alle Rechte vorbehalten
Kostenpflichtig

Indien und China sind seit Jahrzehnten Rivalen. Dennoch wäre es unangemessen, im heutigen geopolitischen Konflikt zwischen der Volksrepublik China auf der einen und den USA und amerikanischen Verbündeten auf der anderen Seite Neu-Delhi vollständig dem westlichen Bündnis zuzurechnen.

Indien hat sich in den vergangenen Jahren auf vielfältige Weise den USA und dessen Bündnissen genähert, bleibt abr zögerlich. Besonders deutlich wird dies, wenn man die Haltung Neu-Delhis zum Krieg in der Ukraine betrachtet. Dabei nimmt die Regierung von Narendra Modi eine sehr abwartende Haltung ein und hat sich den Sanktionen des Westens nicht angeschlossen. Für diese Position sind historische Gründe, aber auch anhaltende Abhängigkeiten von Russland verantwortlich.


Für die indische Regierung ist Russland ein Partner, China hingegen ein strategischer Rivale. Die Regierung Modi erwartet einen lang anhaltenden Konflikt mit der Volksrepublik und hat in den vergangenen zwei Jahren deutlich Stellung gegen Peking bezogen. Vor allem setzt Indien auf eine wirtschaftliche Lösung von China und versucht sich als neuer Wirtschaftspartner westlicher Industrieländer zu positionieren. Diese ökonomischen Interessen werden vor dem Hintergrund einer strukturellen Skepsis westlichen Ländern gegenüber verfolgt.


Vorbehalte gegenüber dem Westen

Zwar sind die politischen Eliten Indiens den Staaten des Westens auf vielfältige Weise verbunden. Dies kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Indiens Gesellschaft die Länder des Westens, insbesondere Großbritannien und die USA, eher als aggressive Staaten und weniger als friedliebende Akteure wahrnimmt. Der britische Historiker Arnold Toynbee hat vor 70 Jahren, kurz nach der Unabhängigkeit Indiens von Großbritannien, betont, dass westliche Beobachter von dieser Perspektive häufig überrascht sind und staunen, dass viele Muslime, Hindus, Chinesen, Japaner und auch Russen westliche Länder als anhaltende Aggressoren wahrnehmen. Toynbees Analyse erscheint im Jahr 2022 weiterhin aktuell. In Indien ist diese Skepsis besonders ausgeprägt: Es ist die wichtigste nichtwestliche Kultur, die nicht nur von einem westlichen Staat angegriffen, sondern militärisch besiegt und besetzt wurde.


Bis 1991 waren die Bande zwischen Indien und der UdSSR ökonomisch wie militärisch eng. Für Indien war der Zusammenbruch der Sowjetunion nicht nur ein politischer, sondern auch ein ökonomischer Schock. Bis dahin hatten indische Regierungen stets auf handelspolitische Konzepte gesetzt, die den einheimischen Produzenten ein hohes Maß an Schutz boten. 1991 erfolgte die Wende. Der damalige Finanzminister und spätere Premier Manmohan Singh verordnete seinem Land eine deutliche Liberalisierung des Außenhandels. Die Zölle auf Industrieprodukte sanken von 82,1 (1990) auf 7,9 Prozent (2018).


Mit dieser Neuorientierung der Han­delspolitik war aber keineswegs ein Bruch mit Russland verbunden. Im Gegenteil: Moskau versorgte Neu-Delhi nicht nur mit Waffensystemen, sondern Indien und Russland schufen zusammen mit Brasilien und China das politische Gegengewicht zur Gruppe der sieben wichtigsten Industrieländer, der G7. Das erste Gipfeltreffen der BRIC-Staaten fand 2009 im russischen Jekaterinburg statt. Auch nach der russischen Besetzung der Krim 2014 wurde die Zusammenarbeit der BRICS-Staaten, wenn auch ohne große Dynamik, fortgesetzt. Der russische Angriff auf die Ukraine wird vermutlich keinen Bruch zwischen Indien und Russland markieren.


Neu-Delhi hat es vermieden, den russischen Angriffskrieg vehement zu verurteilen. Westliche Beobachter haben diese Zurückhaltung zum Teil scharf kritisiert. Die Regierung Modi hält dennoch an ihrer Politik der Zurückhaltung fest. Die auch von amerikanischen Politik­wissenschaftlern, etwa John Mearsheimer, vertretene These, der Westen habe zumindest eine Mitschuld am Konflikt zwischen Moskau und Kiew, findet auch in Indien ­Unterstützung.


Stabile Beziehungen zu Moskau

Russland und Indien teilen offenbar die Wahrnehmung, dass die Staaten des Westens eine aggressivere Außenpolitik betreiben und bei der Bewertung anderer Länder mit zweierlei Maß messen. Indische Beobachter verweisen gerne auf die Doppelzüngigkeit des Westens: Im Gespräch beklagen indische Politiker häufig, dass etwa die Bundesrepublik Indien als Partnerland bezeichnet, sich zugleich aber weigert, Neu-Delhi moderne Waffen zu verkaufen. Diese Kritik gilt nicht nur Deutschland, sondern auch den Vereinigten Staaten: Trotz der intensivierten sicherheitspolitischen Zusammenarbeit lehnen es die USA ab, Indien die neuesten Raketensysteme zu verkaufen.


Angesichts westlicher Waffenembargos hat Neu-Delhi vermutlich gar keine realistische Alternative zu Waffenlieferungen aus Russland. Während 70 Prozent des Waffenarsenals der indischen Streitkräfte aus Russland stammen, sind es bei aktuellen Waffenimporten noch 50 Prozent. Dazu gehören Unterseeboote, T-90 Kampfpanzer, Su-30 Kampfflugzeuge sowie Boden-Luft-Raketen vom Typ S-400. Indiens Militär ist nicht nur bei der Neubeschaffung, sondern auch bei der Versorgung mit Ersatzteilen auf Russland angewiesen. Vergegenwärtigt man sich die militärischen Bedrohungen, denen Indien durch China und Pakistan ausgesetzt ist, wird die abwartende Position der indischen Regierung im Ukraine-Krieg plausibler.


Indien, das einen großen Teil seines Erdöls importiert, beteiligt sich nicht am Boykott russischen Erdöls. Indische Beobachter verweisen gerne darauf, dass es den USA, die selbst Erdöl exportieren, leichtfällt, Indiens Politik zu kritisieren. Indien kauft russisches Erdöl der Sorte „Urals“ gegenwärtig mit einem Abschlag von bis zu 30 Dollar pro Fass und kann damit die zusätzlichen Transportkosten von etwa vier Dollar pro Fass gut verkraften.


Während die Bindungen zwischen Moskau und Neu-Delhi nach wie vor stabil zu sein scheinen, hat sich Indien von China sehr deutlich abgewendet. Die indische Außenpolitik hat – wie viele OECD-Länder – die Volksrepublik vor allem als Rivalen und weniger als Partnerland identifiziert.  


Der strukturelle Konflikt mit China

Zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Welt hat sich auf drei Ebenen ein struktureller Konflikt entwickelt. Indien und China ringen seit Jahren um die Festlegung des Grenzverlaufs in den Bergen des Himalaya, ohne dass eine Lösung des Streits erkennbar wäre. Auch in den wirtschaftlichen Beziehungen hat sich der Ton zwischen Neu-Delhi und Peking deutlich verschärft. Indien versucht, die Abhängigkeit von Lieferungen aus China zu reduzieren und neue Produktionsnetzwerke zu entwickeln. Das dritte Feld der Rivalität ist die Demografie. Mit seiner vergleichsweise jungen Bevölkerung hat Indien gegenüber China, das rasch altert und bislang ungelöste demografische Probleme aufweist, mittel- und langfristig vorteilhaftere Perspektiven.


Die Grenzkonflikte zwischen Indien und China im Himalaya haben sich in den vergangenen Jahren zugespitzt und mehrmals zu militärischen Scharmützeln geführt, bei denen der Verlust von Menschenleben zu beklagen war. Der Konflikt um Einfluss in der dünn besiedelten Region hat nur sehr wenig mit der Erschließung von Siedlungsräumen zu tun, sondern spiegelt das Ringen beider Staaten um Ressourcen wider.


Es geht vor allem um Wasser. Im Hochland von Tibet entspringen zahlreiche für Indien und andere süd- und südostasiatische Länder bedeutende Flüsse: Indus, Brahmaputra, Salween, Mekong, Jangtse­kiang und der Gelbe Fluss sowie einige Nebenflüsse des Ganges werden am Oberlauf von China kontrolliert. Etwa die Hälfte des in Tibet entspringenden Wassers fließt direkt nach Indien. Peking hat dadurch enorme Einflussmöglichkeiten: Es kann ganze Flüsse umleiten und für eigene wirtschaftliche Zwecke nutzbar machen. Der Bau von fünf Staudämmen am Brahmaputra etwa ist ein gravierender Eingriff mit unklaren ökologischen und ökonomischen Folgen. Es wird seit Jahren darüber spekuliert, dass China den gesamten Fluss umlenken könnte. Da China die Schaffung eines Streitschlichtungsmechanismus der Flussanrainer ablehnt, müssen Indien und andere Staaten ohnmächtig die in Peking getroffenen Entscheidungen zur Kenntnis nehmen.


Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Indien und China sind bislang von einer starken Asymmetrie geprägt. Das Handelsbilanzdefizit von etwa 60 Milliarden Dollar, das Indien zur Kreditaufnahme im Ausland zwingt, und Chinas neue Wirtschaftspolitik, die verstärkt auf den Binnenmarkt setzt, haben zur Entwicklung neuer wirtschaftspolitischer Konzepte in Indien beigetragen. Neu-Delhi setzt nun auf den Aufbau der inländischen verarbeitenden Industrie zur Versorgung der eigenen Bevölkerung. Zugleich versucht das Land, sich als Alternative zum Produktionsstandort China zu positionieren.


Von Vorteil ist dabei, dass die indische Volkswirtschaft bei der Entwicklung von Software und anderen elektronischen Dienstleistungen schon heute beachtliche Erfolge aufzuweisen hat. Derzeit gibt es dort fast 70 sogenannte Einhörner – Start-ups mit einer Unternehmensbewertung von mehr als einer Milliarde Dollar. Damit liegt Indien auf Rang drei hinter China und den USA. Indien ist bislang schwach als Standort für die verarbeitende Industrie, aber wettbewerbsfähig bei produktionsnahen Dienstleistungen. Beispielsweise lässt Mercedes-Benz im südindischen Bangalore von 5800 Mitarbeitern digitale Komponenten für seine Fahrzeuge entwickeln.


Die indische Regierung betont beim Versuch der Anwerbung von ausländischen Direktinvestitionen auch die demografischen Vorteile des Landes. Das Arbeitskräftepotenzial in Indien wird noch viele Jahrzehnte lang hoch sein. Betrachtet man einzelne Alterskohorten, fällt die recht homogene Verteilung auf: Im Jahr 2020 wurden jeweils etwa 350 Millionen Menschen in den Altersgruppen 0 bis 14, 15 bis 29 und 30 bis 49 gezählt. China dagegen weist als Ergebnis der fatalen Ein-Kind-Politik eine rasch alternde Bevölkerung auf. 2011 erreichte das Arbeitskräftepotenzial mit 940 Millionen Menschen den Höchststand und wird nach Berechnungen des chinesischen Ministeriums für Humankapital und ­soziale ­Angelegenheiten auf 700 Millionen im Jahr 2050 zurückgehen. Steigende Löhne und ein Rückgang der Arbeitskräfte haben zur Folge, dass die Produktion in China nicht mehr annähernd so attraktiv ist wie noch vor einigen Jahren. Auch wegen der hohen Kosten für den Warentransport ist es heute nicht mehr lukrativ, in China für den Weltmarkt zu produzieren.   


Die indische Regierung rechnet sich im Wettbewerb mit anderen asiatischen Volkswirtschaften heute gute Chancen aus. Dafür ist die Verbesserung der indischen Infrastruktur unverzichtbar. In den vergangenen Jahren hat die indische Regierung viel in die Verbesserung der Straßen, Schienen und Häfen des Landes investiert. Anfang 2023 soll der Güterverkehrskorridor von Neu-­Delhi nach Mumbai, der wichtige Industriegebiete im Landesinneren mit dem ­Jawaharlal-Nehru-Hafen an der indischen Westküste verbindet, fertiggestellt werden und zu einer erheblichen Verbesserung der Investitionsbedingungen ­beitragen.


Der Güterverkehrskorridor wird vor ­allem für kleine und mittlere Unternehmen von Bedeutung sein, die aufgrund der künftig niedrigeren Transportkosten ihre Handelskosten erheblich senken können. Während Indien bereits seit Jahrzehnten über Unterseekabel mit vielen Märkten für elektronische Dienstleistungen verbunden ist, wird die neue Infrastruktur künftig auch den Handel mit Industriegütern erleichtern.


Neue Formate für regionale Sicherheit

Neben dem Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen zu OECD-Ländern setzt Neu-Delhi auf neue Formen der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit im indopazifischen Raum. Das Jahr 2021 markiert dabei eine Wende. Zum einen wurde am 15. September die neue Sicherheitspartnerschaft AUKUS (Australien, Vereinigtes Königreich, USA) der Öffentlichkeit vorgestellt. Zum anderen kamen die Regierungschefs des „Quadrilateral Security ­Dialogue“ (Quad), an dem Australien, Indien, Japan und die USA teilnehmen, am 24. September zu einem Gipfeltreffen im Weißen Haus zusammen. Beide Institutionen signalisieren die Bereitschaft der teilnehmenden Staaten, Pekings Vormachtstreben entgegenzutreten. Für Indien, das sich jahrzehntelang als blockfreien Staat sah, ist dieser Schwenk hin zur Zusammenarbeit mit den USA und anderen westlichen Ländern eine bemerkenswerte Veränderung.


Der Krieg in der Ukraine ist selbstverständlich ein Lackmustest für die neuen Partnerländer. Der australische Botschafter in Indien, Barry O’Farrell, hat in einer Erklärung deutlich gemacht, dass die anderen drei Quad-Länder Indiens Zurückhaltung im Ukraine-Krieg akzeptieren. Selbst der Kauf russischen Erdöls wurde von einem Sprecher der US-Regierung als legitime Entscheidung der indischen Regierung akzeptiert.


Der geopolitische Konflikt zwischen China auf der einen und einer Reihe von demokratischen Staaten, darunter Indien, auf der anderen Seite wird die internationalen Beziehungen und die Weltwirtschaft auf Jahre hinaus prägen. Dabei sind die ökonomischen Aussichten für Neu-­Delhi positiv – Indien könnte zum nächsten Wachstumsmotor Asiens werden.      

 

Prof. Dr. Heribert Dieter lehrt internationale politische Ökonomie an der Zeppelin Universität Friedrichshafen.

Für Vollzugriff bitte einloggen.
0

Artikel können Sie noch kostenlos lesen.

Mehr Zugriff? Kein Problem. Für nur 9,80 Euro pro Monat können Sie auf sämtliche Artikel der Internationalen Politik jederzeit und bequem zugreifen – Online, im Print und per App. Studierende zahlen nur 73,00 Euro im Jahr.