01. Oktober 2006

Der Elefant ist aufgewacht

In wenigen Jahren hat es Indien geschafft, zur globalen Wirtschaftsmacht aufzusteigen

Lange galt Asiens anderer Gigant als schwerfällig, überreguliert, von bitterer Armut, sozialen Konflikten, Korruption und wüster Bürokratie geplagt. Doch seit den Wirtschaftsreformen zu Beginn der neunziger Jahre hat die größte Demokratie der Welt eine erstaunliche Metamorphose vollzogen – Indien hat gelernt, seine Probleme zu bewältigen.

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Im Jahr 1997 schrieb ich in Foreign Affairs: „50 Jahre nach der Unabhängigkeit ist Indien weder reich genug, um andere zu bestechen, noch mächtig genug, um sie einzuschüchtern, geschweige denn prinzipienstark genug, um zu inspirieren.“ Foreign Affairs, Juli/August 1997. Wie sich die Dinge seither geändert haben! In den vergangenen 15 Jahren hat Indien seine sprichwörtliche „Hindu-Wachstumsrate“ endlich überwunden und entsprechend an diplomatischem Einfluss und Ansehen gewonnen. Nimmt man die Kaufkraftparität als Maßstab, dann ist Indien heute die viertgrößte Volkswirtschaft weltweit. Nach einem Gutachten des Economist Intelligence Unit soll das Wirtschaftswachstum in den nächsten 15 Jahren bei jährlich fast sechs Prozent liegen und mehr als zwölf Prozent des weltweiten Wirtschaftswachstums ausmachen. Indien wird damit von der 24. zur zehntgrößten Handelsnation der Welt werden. The Hindu, 26. Juni 2006.

Auch hat der indische Staat es in vorbildlicher Weise geschafft, die Prinzipien der Demokratie, des Föderalismus und des Säkularismus durch politische Kompromisse und die umsichtige Aufteilung von Machtbereichen an seine multiethnische und multireligiöse Gesellschaft anzupassen. Obwohl mehr als 70 Prozent der Inder Hindus sind, sind der Regierungs- und der Armeechef Sikhs und das Staatsoberhaupt ein Muslim. Die heimliche Herrscherin ist übrigens eine katholische Witwe aus Italien. Indien kann also als Meister der Vielfalt und Pluralität gelten.

Ein indisches Wirtschaftsmodell?

Heutzutage erlebt der liberale Imperialismus eine Art Renaissance; nostalgisch erinnern sich manche an die verschwundene Welt der Imperien des Westens, in denen die kriegerischen Eingeborenen befriedet und den hungernden Völkern ein Auskommen geboten wurde. Unsere eigenen Erinnerungen an die Begegnung mit dem Westen sehen freilich anders aus. In den 50 Jahren vor der Unabhängigkeit stagnierte die indische Wirtschaft: Das Wirtschaftswachstum pro Kopf lag zwischen 1900 und 1950 bei Null. Zwischen 1950 und 1980 betrug es durchschnittlich 1,3 Prozent. Das war nicht gerade ein Grund zum Jubeln, aber immer noch mehr als unter der britischen Kolonialherrschaft – und im Übrigen die Grundlage für das spätere höhere Wachstum. Dieses lag zwischen 1980 und 2002 bei jährlich sechs Prozent, seitdem bei 7,5 Prozent. Das jährliche Bevölkerungswachstum ist von 2,2 auf 1,4 Prozent gesunken, was zu einem höheren Pro-Kopf-Einkommen geführt hat. Etwa ein Prozent der 1,1 Milliarden Inder schafft jedes Jahr den Sprung über die Armutsgrenze.

Indiens wirtschaftlicher Erfolg unterscheidet sich von dem in Ostasien sonst üblichen Modell, das auf staatlicher Lenkung, exportabhängigem Wachstum und arbeitsintensiven Billigprodukten basiert. Der indische Erfolg stützt sich vor allem auf den Binnen- statt auf den Importmarkt, auf einheimische Sparraten statt auf Auslandsinvestitionen, auf Hightech-Dienstleistungen statt auf ungelernte Arbeit, auf Produktivitätssteigerungen statt auf immer stärkeren Einsatz von Arbeitskraft, Kapital und Grund und Boden. Das Herzstück der indischen Wirtschaft ist das private Unternehmertum, nicht der Staat. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar 2006 ließ sich das gut erkennen: Während die chinesische Delegation größtenteils aus Regierungsbeamten bestand, kam die Hälfte der indischen Delegierten aus der Privatwirtschaft.

Yasheng Huang vom Massachusetts Institute of Technology und Tarun Khana von der Harvard-Universität vertreten die These, dass ausländische Investoren vor allem in Chinas Exportkapazitäten als Zweigstellenwirtschaft investieren, weil es kostengünstig produzieren kann und eine gute Infrastruktur aufzuweisen hat. Deshalb ist die chinesische Wirtschaft darauf ausgerichtet, die Nachfrage ausländischer Märkte zu befriedigen, indem sie ausländische Firmen dort produzieren lässt. Auslandsinvestitionen ersetzen also einheimischen Unternehmergeist. Wo ist das chinesische Unternehmen, das seine eigenen Produkte auf dem Weltmarkt verkauft? Viele indische Unternehmen behaupten sich dagegen sehr erfolgreich im weltweiten Wettbewerb, insbesondere in den innovativen wissensbasierten Branchen.

Die indische Wirtschaft stützt sich auf einheimisches Kapital und einheimische Unternehmen; deshalb ist sie widerstandsfähiger, autarker und weniger anfällig für äußere Schocks als die chinesische. Ihr Erfolg spiegelt die energische Bottom-up-Strategie indischer Unternehmer wider, welche die bürokratischen und politischen Bedenkenträger in Neu Delhi einfach beiseite geschoben und Tausende erfolgreicher Firmen zum Blühen gebracht haben. Im scharfen Gegensatz nicht nur zu China, sondern auch zu fast allen entwickelten Industrienationen, die mit einer alternden Bevölkerung fertig werden müssen, verfügt Indien zudem über viele junge, arbeitsfähige Menschen, die Produktion und Verbrauch ankurbeln.

Da Indien zunehmend auch das Potenzial seiner weit verstreuten Diaspora zu nutzen beginnt, könnte es seine komparativen Vorteile auf dem Management- und Unternehmenssektor bald noch weiter ausbauen. China wurde mit Hilfe seiner Diaspora zur „Weltfabrik“; Indien könnte dank der im Ausland lebenden Inder zum „Welttechnologielabor“ werden. Die zwei Millionen Inder in den USA machen gerade einmal 0,2 Prozent der indischen Bevölkerung aus, doch ihr Verdienst entspricht rund zehn Prozent des indischen Bruttonationaleinkommens. Auch üben sie immer größeren Einfluss auf die amerikanische Politik aus, was zum Beispiel vor kurzem bei der Zustimmung des Kongresses zum Atomvertrag mit Indien eine Rolle spielte.

China und Indien als Konkurrenten zu betrachten ist zwar populär, führt aber in die Irre. Genauso wie sich das japanische Wirtschaftswunder nach 1945 zum Wachstumsmotor für ganz Ostasien entwickelte, würde ein robustes, nachhaltiges Wirtschaftswachstum und die Entstehung einer substanziellen Mittelklasse in China wie in Indien ein beinahe unbegrenztes Wachstumspotenzial für die gesamte Weltwirtschaft bedeuten.

Die Reise ist noch nicht zu Ende

Ein florierender Aktienmarkt und ein gut funktionierender Finanzsektor stärken dem indischen Unternehmertum den Rücken. Die Finanzreformen, die der in Cambridge ausgebildete damalige Finanzminister Manmohan Singh 1991 durchsetzte, wurden von allen folgenden Regierungen weitergeführt. Diese setzten zwar unterschiedliche Prioritäten, was Tempo und Abfolge dieser Reformen sowie die Frage der sozialen Abfederung betraf, sie waren sich aber über die grundsätzliche Richtung einig: Ziel war, ein rasches und nachhaltiges Wachstum zu erreichen, indem man die Produktivität und den Unternehmergeist der indischen Geschäftsleute ankurbelte – durch Steuer- und Zollsenkungen, durch den Abbau staatlicher Kontrollen und Monopole, den Ausbau der Infrastruktur, die Lockerung von Arbeitsmarktbeschränkungen, die Kürzung von Subventionen und eine generell wirtschaftsfreundlichere Einstellung.

 Dennoch bleibt noch viel zu tun. Indien dümpelt immer noch im unteren Drittel des Human Development Index. Das Armutsniveau ist entsetzlich: Analphabetismus ist immer noch eines der Hauptprobleme, der Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen bleibt für die meisten Inder ein schöner Traum, Krankheiten nehmen epidemische Ausmaße an. Für viel zu viele Bürger Indiens ist das Leben hart, schmutzig und viel zu kurz. Der Staatssektor ist zu groß und parasitär, die Staatsverschuldung zu hoch und der Arbeitsmarkt zu unflexibel. Jahrzehnte sozialistischer Herrschaft hinterließen als Altlasten eine geschwächte Infrastruktur und eine Mentalität, für die „Profit“ ein Schimpfwort ist. Es gibt zahlreiche undurchschaubare politische und bürokratische Hemmnisse; die Korruption wuchert auf allen Ebenen des bürokratischen Apparats; Anbieter sind von Märkten abgeschnitten und können nicht auf moderne Vertriebswege zurückgreifen; Fernmeldewesen und Elektrizitätsversorgung sind lachhaft für ein Land, das sich als IT-Kraftwerk bezeichnet; die Anspruchs- und Subventionskultur verhindern sowohl die angemessene Honorierung von Unternehmertum, Initiative und Verdienst als auch eine marktwirtschaftliche Preisregulierung. So traurig wie bezeichnend sind die zahlreichen Selbstmorde von Bauern. 

Demokratie: Stärke oder Schwäche?

Diese Selbstmorde trugen mit zur Wahlniederlage der BJP-Regierung im Jahr 2004 bei. Dass der Machtwechsel dann aber so reibungslos funktionierte, war der robusten und widerstandsfähigen demokratischen Tradition Indiens zu verdanken. Märkte bedürfen, um zu funktionieren, einer handlungsfähigen Regierung; eine gute Regierung ist aber nicht ohne Demokratie und Zivilgesellschaft möglich. Eine Demokratie erleichtert auch die notwendigen Kompromisse zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Effizienz und Gerechtigkeit, zwischen Wachstum und Gleichheit. Die wichtigsten Merkmale der Demokratie – politische und bürgerliche Freiheiten, religiöser Pluralismus, Minderheitenrechte, Rechtsstaatlichkeit – sind an und für sich wertvoll, nicht bloße Mittel zum Zweck. Für sie lohnt es sich zu kämpfen und gegebenenfalls zu sterben. Aber es schadet niemandem, wenn sie außerdem auch noch Marktwirtschaft und Wohlstand fördern.

Dennoch bedienen Politiker im Wahlkampf oft religiöse Partikularinteressen, die den nationalen Interessen im Wege stehen; kurzfristige politische Zwänge verhindern langfristige strategische Planungen. Die notorische Unbeständigkeit demokratischer Regierungen macht es diesen schwer, zeitnahe, kraftvolle und endgültige Entscheidungen zu treffen. Da man so vielen Wählern und Interessengruppen gerecht werden muss, wird das eigene politische Überleben oftmals dem Vorankommen des Landes übergeordnet.

Aber unterm Strich ist eine demokratische Regierung die beste Voraussetzung für langfristige Stabilität in Indien, untermauert durch effiziente und transparente Kapitalmärkte, ein ebensolches Rechtssystem sowie gute Unternehmensführung. Die Vorbedingungen des politischen Pluralismus – liberale Demokratie und liberale Wirtschaft – verstärken sich gegenseitig. Die wirtschaftliche Flaute nach der Unabhängigkeit lag an willkürlichen Entscheidungen der politischen Elite – wirtschaftliche Autarkie, Importsubstituierung, Lizenzvergaben in der Industrie, Ablehnung von Auslandsinvestitionen und marktwirtschaftlichen Prinzipien – und nicht an der Schwäche der liberalen Demokratie an sich. Der ideologisch begründete Verdacht gegen ausländische Firmen erklärt sich zwar aus der Geschichte: Dem Vormarsch der East India Company folgte die Kolonisierung durch die Briten. Doch dem Staat das Oberkommando über die Wirtschaft anzuvertrauen und die Planwirtschaft als Königsweg zum Wirtschaftswachstum zu betrachten, hat eines der größten Armutsprobleme der Geschichte produziert.

Fußfesseln des Fortschritts

Demokratie ist eine Voraussetzung für und kein Hindernis auf dem Weg zu Wohlstand und Modernisierung. Aber es gibt drei Hürden auf dem indischen Weg in die Zukunft, die durch die Unwägbarkeiten demokratischer Politik erschwert werden: Vetternwirtschaft, Korruption und die Praxis der Koalitionsregierungen.

Vorrechte für bis dato benachteiligte Kasten und Stämme wurden 1950 in der Verfassung festgeschrieben, sollten aber zeitlich beschränkt sein. Hätten sie funktioniert, wären sie inzwischen längst stillschweigend abgeschafft worden. Stattdessen weiten sie sich beständig auf immer mehr Bereiche aus, was schon Beweis genug für ihre Unbrauchbarkeit ist. Es war der Unternehmergeist im Privatsektor, der die indische Wirtschaft in jüngster Zeit so erfolgreich gemacht hat. Jetzt besteht die Gefahr, dass diese Dynamik durch staatliche Eingriffe zum Erliegen gebracht wird. Die Regierung will das Reglement, die Hälfte aller Stellen für niedere Kasten und „Unberührbare“ zu reservieren, auch auf die Privatwirtschaft und die renommierten Institute für Technologie und Management ausdehnen. Diese Kastenquoten sind an sich schon unsinnig und ziehen noch weitere schädliche Konsequenzen nach sich. Die Inder sind heute kastenbewusster als vor der Unabhängigkeit. Gingen die Briten nach der Devise „Teile und herrsche“ vor, so führen wir Inder das heute fort, nur schlechter. Wie vorauszusehen war, profitiert von dieser Vorzugsbehandlung vor allem die gut ausgebildete Elite dieser „benachteiligten“ Gruppen, die ihre politischen Interessen am besten artikulieren kann. Eine Kultur, die Kastenzugehörigkeit prämiert, konterkariert die einzig effiziente Wirtschaftsethik: die Meritokratie.

Hinzu kommt die Korruption, die Märkte zerstört und Ineffizienz hervorbringt. Der größte Schaden ist dabei politischer Art. Der Ekel, den normale Menschen angesichts der allgegenwärtigen und institutionalisierten Käuflichkeit im öffentlichen Leben empfinden, lässt sich kaum übertreiben. Gewöhnliche Korruption ist besonders auf den unteren Hierarchieebenen der Bürokratie endemisch – in den Amtsstuben, dort, wo der Durchschnittsbürger in alltäglichen Kontakt mit der Bürokratie kommt. Korruption ist zuallererst ein Versagen der Regierung und der staatlichen Institutionen, die ihrer Verantwortung für das öffentliche Leben nicht gerecht werden – Ausdruck der Unfähigkeit, soziale, ökonomische und politische Probleme nach rechtsstaatlichen Regeln und dem bewährten System der Checks and Balances zu moderieren.

Die dritte Hürde: Seit 1984 wurde Indien entweder von Minderheitsregierungen oder von Koalitionen regiert. Beide waren auf Duldung durch zahlreiche wenig ernstzunehmende Kleinparteien angewiesen, deren Basis kaum über eine Provinz oder Region hinausreichte. Selbst wenn also die Regierung aus einem zu Reformen bereiten „Dream Team“ bestand, obsiegte die von Kompromissen zwischen den Koalitionspartnern bestimmte Politik oft über handfeste ökonomische Logik. Manche Parteien missbrauchen das Kastenbewusstsein zudem als wirksames Instrument zur Massenmobilisierung. Andere stecken in einer ideologischen Zeitmaschine fest und halten ausländische Investoren immer noch für eine Bedrohung der nationalen Souveränität. Dabei liefern Investitionen aus dem Ausland nicht bloß das Kapital, das erforderlich ist, um es in produktive Unternehmen zu investieren, sondern auch Managementwissen und moderne Technologie, mit denen sich Effizienz und Produktivität steigern lassen. Im Gegenteil: Wirtschaftliche Schwäche macht ein Land verwundbar für Eingriffe von außen, da es unfähig ist, eine moderne und robuste Verteidigung dagegen aufzubauen.

Hoffnungsfroh stimmt, dass die Inder selbst über die Vor- und Nachteile verschiedener Politikansätze offen und lebhaft debattieren. In seiner Rede zum Unabhängigkeitstag am 15. August 2006 hätte Premierminister Manmohan Singh getrost ein wenig triumphalistisch klingen dürfen angesichts dessen, was Indien im laufenden Jahr alles erreicht hat.  Stattdessen sinnierte er darüber, wie weit das Land noch zu gehen hat, bevor die Regierung sich ausruhen kann. Der Text dieser Rede ist in der Dokumentation dieser Ausgabe enthalten; zu finden unter www.internationalepolitik.de.

Indien und die Welt

In seiner unmittelbaren Nachbarschaft beansprucht Indien eine Vorrangstellung und behält sich ein Veto gegen direkten Einfluss externer Akteure vor. Die Beziehung zu Pakistan ist nicht mehr so angespannt wie einst, aber immer noch kommt es beim geringsten Anlass und ohne Vorwarnung zu Reibungen. Nach ihren gleichzeitigen Atomtests 1998 haben beide Länder inzwischen einen Modus gegenseitiger Abschreckung erreicht. Aber der Kaschmir-Konflikt schwärt noch immer und sorgt für Unmut, nährt den Terrorismus, verhindert die Normalisierung der Beziehungen zu Pakistan, zehrt Ressourcen sowie diplomatische und politische Energie auf und stellt somit insgesamt ein Fortschrittshindernis dar (wenngleich für Pakistan in noch stärkerem Maße als für Indien).

Die Beziehungen zu China sind so herzlich wie seit Jahrzehnten nicht, obwohl der Grenzkonflikt, der dem im Wege stand, eher aufgeschoben als zur beidseitigen Zufriedenheit gelöst wurde. Beide Länder behalten nach wie vor die Absichten, Fähigkeiten und Handlungen des anderen scharf im Blick.

Indien verwendet heute mehr Energie auf seine ostasiatischen Nachbarländer und erhält mehr Aufmerksamkeit und Respekt von ihnen als je zuvor in der Geschichte seiner Unabhängigkeit. Geographie, Demographie, militärisches und politisches Gewicht weisen Neu Delhi vielfältige Aufgaben zu: Es muss Schifffahrtswege bewachen, islamische Militanz eindämmen, den Terrorismus bekämpfen und bei Einsätzen zur Katastrophenhilfe rund um den Indischen Ozean die Führungsrolle übernehmen. Mehr noch, gemeinsam mit China, zu dem es in mancher Hinsicht ein wünschenswertes Gegengewicht darstellt, federt Indien durch sein robustes Wirtschaftswachstum die regionalen Ökonomien gegen globale Volatilität ab.

Das Verhältnis zu den USA ist heute – trotz der eher feindseligen Beziehungen seit der Unabhängigkeit und entgegen dem globalen antiamerikanischen Trend – ausgezeichnet. Ironischerweise tragen nicht nur das indische Wirtschaftswachstum und die Handelsliberalisierung sowie die übliche Freundschaft zwischen Demokratien zu diesem Verhältnis bei, sondern in mehrfacher Hinsicht auch der Nuklearfaktor. Erstens zwangen die Atomtests von 1998 Washington dazu, Indiens geostrategische Sorgen anzuerkennen. Die nachhaltige Aufmerksamkeit, die Indien dadurch genoss, kulminierte schließlich im März 2000 im ersten Besuch eines US-Präsidenten – Bill Clinton – seit 22 Jahren. Zweitens wurde Indiens Potenzial als ökonomisches, politisches und militärisches Gegengewicht zu China in Washington aufmerksam registriert. Und drittens ist das Abkommen zur zivilen nuklearen Zusammenarbeit, das während George W. Bushs Indien-Besuch im März dieses Jahres unterzeichnet wurde, ein Zeichen für die veränderten Beziehungen. Was einmal der Zusammenprall zwischen zwei selbstgerechten Ländern war, die von ihrer eigenen Rechtschaffenheit überzeugt waren, ist nun eine immer enger werdende Freundschaft zwischen zwei Völkern, die um ihre Exzeptionalität wissen.

Indien ist ein Land mit enormer Widerstandskraft und innerer Stärke. Es gibt keine Krankheit, keine Katastrophe, keinen Zusammenbruch, von dem es noch nicht betroffen gewesen wäre. Dennoch lebt und kämpft es weiter. Am 11. Juli 2006 erschütterte eine Serie von sieben Bombenanschlägen die indische Finanzmetropole Mumbai. Doch die Stadt raffte sich wieder auf, die Slumbewohner waren mit Bettlaken als behelfsmäßigen Verbänden und Betten für den Krankentransport eher zur Stelle als die Krankenwagen. Am nächsten Tag war die Stadt vollständig zur Normalität zurückgekehrt, und ihre Bewohner widmeten sich wieder ihrer Hauptbeschäftigung: so viel Geld wie möglich zu machen. Die indische Lösung für eine scheinbar ausweglose Situation ist es, erst einmal eine beruhigende Teepause einzulegen. Das Leben geht weiter und wird wieder in Ordnung kommen. An diese Maxime hält sich ganz Indien.

Prof. Dr. Ramesh Thakur, geb. 1948, ist Vizerektor der Universität der Vereinten Nationen (UNU) in Tokio und stellvertretender UN-Generalsekretär. 2006 erschien von ihm „The United Nations, Peace and Security: From Collective Security to the Responsibility to Protect“.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 10, Oktober 2006, S. 6‑12

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