Buchkritik

28. Aug. 2023

Zeugen einer Entfremdung

Zwei ehemalige Botschafter Frankreichs schreiben über Deutschland. Sie rufen die Unterschiede beider Länder in Erinnerung, zeichnen eine schleichende Distanzierung nach und werfen große Fragen auf, wenn es um die Zukunft der Europäischen Union geht.

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Bild: Illustration eines Buches auf einem Seziertisch
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Warum, könnten sich Leserinnen und Leser fragen, den kurzen europäischen Sommer darauf verwenden, Hunderte Seiten Erinnerungen zweier Botschafter a.D. zu lesen? Eine berechtigte Frage, die sich angesichts der schriftstellerischen Aktivität französischer Diplomaten zudem jedes Jahr aufs Neue stellt. Denn Deutschlands Nachbarland pflegt eine lange Tradition der „Literaten-Diplomaten“: von Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, einem Protagonisten des Wiener Kongresses, über Alexis Leger, der vom Vichy-Regime ins Exil gezwungen wurde und dort unter dem Alias Saint-John Perse den Literatur-Nobelpreis gewann, bis heute – Gérard Araud, Sylvie Bermann und Michel Duclos, um nur einige zu nennen. Oder die Autoren der hier besprochenen Bücher: Claude Martin und Maurice Gourdault-Montagne. Eine feine plume (Feder) gilt bis heute als unabdingbares Handwerkszeug eines guten Diplomaten.

Warum also diese Erinnerungen lesen? Zunächst, weil das Außenministerium am Seine-Ufer, der Quai d’Orsay, eine ausgesprochen konservative Institution ist. Entsprechend ist die Halbwertszeit der Informationen lang: ­Anekdoten aus den 1970er Jahren lassen mit hoher Wahrscheinlichkeit Rückschlüsse auch auf die heutige französische Diplomatie zu. Weiterhin lohnt die Lektüre, weil Diplomaten zwar häufig überaus interessante Gesprächspartner sind, während ihrer Karriere aber sehr mit den wirklich spannenden Erkenntnissen haushalten. Die Zurückhaltung verschwindet mit dem Karriereende, wenn der Drang zur Mitteilung die berufliche Verschwiegenheit überwindet. Dinge, die häufig gedacht, aber kaum einmal ausgesprochen werden, finden sich dann in solchen Büchern.

Unterschiedliche Zugänge

Beide Autoren waren französische Botschafter in Deutschland; Martin war es außergewöhnlich lange, von 1999 bis 2007. Er verantwortete den Umzug der Botschaft von Bonn nach Berlin. Gourdault-Montagne begleitete zwischen 2011 und 2014 den Machtwechsel vom „Hyperpräsidenten“ Nicolas Sarkozy zu seinem betont normalen Nachfolger, François Hollande.

Die Biogra­fien der Diplomaten gleichen sich, beide sind überzeugte Gaullisten und klassische Vertreter der französischen Staatselite. Beide haben die Pariser Hochschule Sciences Po besucht, Martin zudem die Ecole nationale d’administration (ENA, heute INSP). Gourdault-Montagne schreibt zwar, er sei kein „Mann der Netzwerke“ und unterstreicht den Wert der Meritokratie. Dominique de Villepin, zwischen 2002 und 2004 Außenminister (auch er später Schriftsteller), kennt er aber aus gemeinsamen ­Studienzeiten.

In der Annäherung an Deutschland unterscheiden sich die Autoren aber, schon die Titel ihrer Bücher machen das deutlich. „Quand je pense à l’Allemagne, la nuit“ zitiert Martin seinen deutschen Lieblingsautor Heinrich Heine. Sein Buch ist von persönlichen Anekdoten durchzogen, liest sich passagenweise wie eine Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen: Seminare beim großen Deutschland-Kenner Alfred Grosser in Paris, Anmerkungen zu Brigitte Sauzay, die als Übersetzerin zur Beraterin Gerhard Schröders avancierte, und Erinnerungen an den Frankreich-Korrespondenten Ulrich Wickert und seine Käseabende. Der Autor findet über die Kultur zu Deutschland: ein Besuch an Friedrich Hölderlins Grab, seine Faszination für Weimar, eine Rede zum Todestag Heines in Düsseldorf. Den Aufstieg Angela Merkels verfolgt er auf dem ­Grünen Hügel in Bayreuth.

Ganz anders Gourdault-Montagne, der sein analytischeres Buch mit einer Binsenweisheit betitelt: „Les autres ne pensent pas comme nous“ (Die anderen denken nicht wie wir). Er beginnt seine Annäherung an die deutsche Denkweise mit einer Beobachtung zu den Franzosen: Dank der Revolution, Napoleons und Charles de Gaulles seien sie „noch immer davon überzeugt, die Geschicke der Welt prägen zu können“. Das verkompliziert die Beziehung, gerade zu Deutschland – so kann man es deutlich zwischen den Zeilen lesen.

Ein Generationenwechsel verstärkt das Unverständnis. Gourdault-Montagne illustriert das anhand einer Anekdote aus seiner Zeit als Generalsekretär des Quai d’Orsay. Nach dem Vorschlag der damaligen CDU-Vorsitzenden, Verteidigungsministerin Annegret Kramp-­Karrenbauer, den französischen Sitz im UN-­Sicherheitsrat zu „europäisieren“, fiel ihm die Aufgabe zu, dem deutschen Botschafter in Paris das französische Unverständnis zu übermitteln. Nun werde die Zeitenwende, fürchtet Gourdault-Montagne, Deutschland weiter von Frankreich entfremden. Berlin handele unabgestimmt und laufe Gefahr, erneut einen historischen Sonderweg einzuschlagen.

Martin urteilt ähnlich kritisch über den Zustand der Beziehung. Zum Ende seines Buches beschreibt er die Unterzeichnung des Vertrags von Aachen 2019. Dabei hält er es mit seinem offensichtlichen Lieblingspräsidenten Jacques Chirac: Der habe das Drängen auf einen neuen Freundschaftsvertrag in den frühen 2000er Jahren abgetan, denn „warum ein neuer Vertrag, wenn doch der alte schon so schlecht umgesetzt wird?“

Die Gründe für die Entfremdung beginnen für Martin aber lange vor dem Aachener Vertrag und der Zeitenwende. Er verfolgt Ende der 1990er Jahre das Entstehen der Berliner Republik, die grundsätzlich anders ist als die Bonner, mit deren Gemütlichkeit sich Frankreich gut arrangiert hatte. Hinzu kommt, dass viele Institutionen der Freundschaft inhaltsleer geworden seien: Der Führung des Jugendwerks sei es seinerzeit mehr um die Fahrer und Büros gegangen als um die Völkerverständigung. Zu ARTE zitiert er Altkanzler Helmut Kohl, der den Sender als „Nische für Pariser Intellektuelle“ sah. Die deutsch-französische Brigade schließlich habe von Beginn an mehr der Dekoration gedient als der Sicherheitspolitik.

Allein es fehlt der Glaube

Mehr Schein als Sein also? Beide Autoren unterstreichen ihre Kritik am Zustand der Beziehungen auch anhand der regelmäßig stattfindenden Ministerratstreffen, die einer breiten Öffentlichkeit durch die Absage im vergangenen Oktober in Erinnerung gerufen wurden. Martin schreibt, er habe an insgesamt 28 dieser Treffen teilgenommen, die er „schwerfällige Zeremonien“ nennt. Die anwesenden Minister hätten zwar die „Umgangsformen gewahrt“; hinter der Fassade herrsche aber Leere. Er vergleicht die Ministerräte mit den Kirchgängen westlicher Städter. Auch Gourdault-Montagne bemüht religiöse Bilder, nennt die Treffen „Großmessen“ deutsch-französischer Zusammenarbeit. Seine Kritik ist weniger scharf, im Kern deckt sie sich aber mit der seines Vorgängers.

Dass die bilaterale Beziehung die Bürgerinnen und Bürger verloren habe, wie Martin schreibt, liegt laut Gourdault-Montagne daran, dass sie keine „emotionelle Kraft“ mehr habe. Die enge Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland sei „ausgetrocknet“, habe sich auf politische und ökonomische Fragen zurückgezogen. Auch die Jugend zeige kein Interesse mehr, strebe in einer globalisierten Welt in die USA oder nach Asien.

Hier wird ein Generationenbruch deutlich: Für die Botschafter (zumal in ihrem Milieu) war das Verhältnis zu Deutschland ein anderes: Wie Martin bleibt Gourdault-Montagne Deutschland emotional tief verbunden. An einer Stelle des Buches erinnert er sich, wie er kurz vor dem Mauerfall mit dem heutigen ­französischen Botschafter in Berlin, François Delattre, damals noch junger Diplomat in Bonn, die deutsch-deutsche Grenze besuchte.

Am spannendsten sind beide Bücher, wenn sie den Blick auf die EU richten. Martin sieht im Streit zwischen Konföderalisten und Föderalisten die Gretchenfrage für alle Gaullisten seiner Generation. Gourdault-Monta­gne bestätigt das und schreibt, die gaullistische Bewegung habe sich an dieser Frage entzweit. Diese bleibt bis heute ein wichtiger Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland, wo die föderalistische Bewegung immer prominente Fürsprecher hatte.

Die Differenzen zeigten sich zum Beispiel nach der Europa-Rede des deutschen Außenministers Joschka Fischer im Jahr 2000. In Paris habe „niemand diese Föderation gewollt“; tatsächlich ist de Gaulles „Europa der Vaterländer“ unvereinbar mit dem Ziel, die EU langfristig zu einem Föderalstaat zu machen, wie es der Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung vorsieht. Wehmütig erinnert sich Martin an den ersten Europäischen Rat der Staats- und Regierungschefs, der 1974 im Salon des Horloges am Quai d’Orsay stattfand. Neun Politiker diskutierten die großen Fragen ihrer Zeit, ohne Delegationen. Das entspricht noch heute dem Wunschbild mancher Diplomaten und ihrem Anspruch an die EU, auf der internationalen Bühne mit einer Stimme zu sprechen und gemeinsame Positionen in der Außen- und Sicherheitspolitik zu vertreten.

Doch seit 1974 wurden die Runden immer größer, die Diskussionen immer technischer und die gemeinsame Stimme rückt aus Sicht vieler französischer Diplomaten mit jeder Erweiterung weiter in die Ferne. Wie zu den deutsch-französischen Beziehungen bemüht Martin hier erneut religiöse Metaphern: „Europa war eine Reli­gion geworden, deren Kirchen sich leerten, deren Gottesdienste aber weiterhin von einem zahlreichen und anmaßenden Klerus abgehalten wurden.“

Enttäuschte Europäer

Der Abfall vom Glauben an die europäische Idee beschleunigte sich in Frankreich mit dem 2005 gescheiterten Referendum über die EU-Verfassung. Die war federführend von einem ehemaligen französischen Präsidenten, Valéry Giscard d’Estaing, entworfen worden, und nur zwei Tage vor der Volksabstimmung hatte der Bundestag dem Text zugestimmt. In Paris hoffte man ­deshalb auf eine positive Dynamik, wie Gourdault-Montagne sich erinnert. 56 Prozent stimmten dennoch mit Nein. Deutsche Politiker kritisierten daraufhin die „populistische“ Entscheidung Chiracs, die Verfassung überhaupt zur direkten Volksabstimmung gestellt zu haben. Martin Schulz, damals SPD-Europaabgeordneter, forderte sogar, Frankreich aus der EU zu werfen, schreibt Martin, der  Schulz einen „Apparatschik“ nennt. Die Reaktionen auf das negative Referen­dum seien ein Beweis für die Bürgerferne der EU: In Brüssel „sah man es nicht gern, wenn sich die Völker in die europäischen Angelegenheiten einmischen“.

2007 wurde dann ein neuer EU-Vertrag in Lissabon unterzeichnet, der die Vorschläge der EU-Verfassung weitgehend übernahm – entgegen der französischen Wählerentscheidung. Gourdault-Montagne schreibt, Giscard habe ironisch kommentiert, die Verfassung sei im Vertragstext von Lissabon einmal „neu verpackt“ worden. Seither steht „2005“ in der französischen Debatte als Chiffre für das Demokratiedefizit der EU, von den extremen Rechten über Gaullisten bis zur extremen Linken. Bemerkenswert ist dabei eine Äußerung, die Martin am Ende seines Buches mit Blick auf die Amtszeit Emmanuel Macrons (den er offenbar für einen Schwätzer hält) macht: Während der Gelbwesten-Proteste hätten einige Demonstranten das Referendum von 2005 zitiert als Beweis dafür, dass die Stimme des Souveräns „mit Füßen getreten“ wird. Der langjährige Botschafter notiert dazu: „Zumindest in diesem Punkt konnte ich sie verstehen.“  Und er gesteht, dass auch er damals gegen die EU-Verfassung gestimmt habe.

Kein Interesse mehr?

Die Lektüre beider Bücher lässt einen in Sorge zurück – um die deutsch-französischen Beziehungen und den europäischen Einigungsprozess. Das Buch von Martin ist streckenweise so deutlich von Kulturpessimismus und Nostalgie gezeichnet, dass die Verlockung groß ist, es als Erinnerungen eines Mannes von gestern abzutun. Der Autor lädt selbst dazu ein: Eine EU, die den Brexit durch den Beitritt Moldaus und Montenegros kompensieren wolle, „interessiere ihn nicht mehr“, schreibt Martin in dem Wissen, dass solche Sätze viele Vorurteile gegenüber der französischen Diplomatie bestätigen. Aber auch das scheint ihn nicht (mehr) zu interessieren.

Dennoch lohnt die Lektüre. Die Autoren lassen eine Debatte erahnen, die schon die Europawahlen 2024, spätestens aber die französische Präsidentschaftswahl 2027 prägen und sich um die Frage drehen dürfte, ob die europäische Einigung mit dem französischen Festhalten an nationaler Selbstbestimmung und direkter Demokratie vereinbar ist. Für Zeitenwende-Deutschland und die Außen- und Sicherheitspolitik der EU schließt sich eine wichtige Frage an: Hat der Gaullismus und mit ihm die Fünfte Republik eine Zukunft? Mit Großbritannien hat die EU einen wichtigen Pfeiler verloren. Wenn französische Spitzendiplomaten vermuten, die Briten hätten „in Wahrheit nie an das politische Projekt Europa geglaubt“ und dann schreiben, Frankreich müsse in der Welt von morgen „zuerst auf sich selbst vertrauen“ (Gourdault-Montagne), drängt sich die Frage auf, wie es Teile der französischen Politik mit der EU in ihrer aktuellen Form halten.

Martins pessimistischer Blick auf Europa hat teilweise etwas Hoffnungsloses an sich. Auch Gourdault-Montagne ist skeptisch. Er glaubt aber, dass die Diversität der Standpunkte für die EU eine Chance ist – wenn sie zu ihrem Gründungsgedanken einer Politischen Union zurückfindet. So ist es am Ende die nur vermeintliche Binsenweisheit von Gourdault-Montagne, die wichtiger bleibt als alles andere: Die anderen denken nicht wie wir, oder, wie er zum Ende seines Buches schreibt: „Ein Deutscher ist kein Franzose, der deutsch spricht.“

 

Claude Martin: Quand je pense à l’Allemagne, la nuit. Paris: Editions de l’Aube 2023, 936 Seiten, 32,00 Euro

Maurice Gourdault-Montagne: Les autres ne pensent pas comme nous. Paris: Bouquins 2022, 396 Seiten, 22,00 Euro

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, September/Oktober 2023, S. 124-127

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Mehr von den Autoren

Jacob Ross ist Research Fellow im Alfred von Oppenheim-Zentrum für Europäische Zukunftsfragen der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) mit Fokus auf den deutsch-französischen Beziehungen.