Buchkritik

01. Sep 2015

Von Märkten und Menschen

Ist der Kapitalismus noch zu retten – und wenn ja, von wem?

Die Debatte über das Ende des Kapitalismus hat zurzeit, kapitalistisch gesprochen, Hochkonjunktur. Das ist sicher kein Beweis, dass es nun wirklich bald vorbei ist mit dem Kapitalismus. Aber es ist doch sicher ein Zeichen für die Entfremdung von diesem oft nur noch als Chiffre verstandenen System, das vor zwei Jahrzehnten noch als Sieger der Geschichte galt.

Der Diskurs einer wachsenden Entfremdung vom Kapitalismus ist nicht mehr nur ein Phänomen linker Akademikerblasen. Längst hat sie konservative Milieus erreicht. Diesen paradigmatischen Wandel fasste der mittlerweile verstorbene FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher 2011 unter der Überschrift zusammen: „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hatte“.

Hatte sie das? Dieser Frage gehen drei ausgesprochen kluge Bücher und ein noch klügerer Aufsatz nach. Gemein ist diesen Neuerscheinungen, dass sie nach Antworten auf die Finanzkrise seit 2008 suchen: auf die Trends, die die Krise auslösten, und auf die Verwerfungen, die ihr folgten und bis heute andauern. Die Krise wird nicht als von Zeit zu Zeit nötiger „Schock“ für das System verstanden, wie Wirtschaftshistoriker gern argumentieren, sondern als Dauerzustand.

Das anschaulichste und zugleich optimistischste der Bücher ist das von Naomi Klein. Klein, die mit „No Logo!“ und „Die Schock-Strategie“ zur Ikone der Anti-Globalisierungsaktivisten geworden ist, vertritt eine einfache These: Der Kapitalismus in seiner gegenwärtigen Form zerstört das Klima und damit die Welt. Ein paar neue Erfindungen und kleinere Anpassungen dürften nicht ausreichen, um diesen Trend aufzuhalten, weil der Kapitalismus strukturell darauf ausgelegt sei, Ressourcen zu verzehren. Im Gegenteil, die Regierungen in kapitalistischen Ländern würden auch die Klimakrise nur dazu nutzen, „dem einen Prozent noch mehr Ressourcen zuzuschieben, anstatt Lösungen in Gang zu bringen, die eine echte Chance darauf bieten, eine Erderwärmung von desaströsem Ausmaß zu verhindern und uns vor den unvermeidlichen Katastrophen zu schützen“. Es fehlten der öffentliche Druck und eine „umfassende Vision dessen, was an die Stelle unseres scheiternden Systems treten soll“.

Klein ist um die ganze Welt gereist, um von den Orten zu erzählen, an denen der Leidensdruck schon in Widerstand übergegangen ist, an denen sie die Elemente einer solchen umfassenden Vision zu entdecken meint – sei es bei den Gegnern eines Kupfer­tagebaus in einem griechischen Dorf oder an der kanadischen Pazifik-Küste, wo sich die indigene Bevölkerung gegen eine Pipeline engagiert.

Aus Rumänien, aus Texas, aus Südamerika bringt Klein Reportagen mit, die dem Buch die Struktur und die Anschaulichkeit eines modernen Dokumentarfilms verleihen. „Blockadia“ nennt die Autorin diese Orte des Widerstands. Sie schreibt: „Wir befinden uns alle in der Opferzone“ der Ausbeutung durch Konzerne. „Wenn es darum geht, für Güter wie Identität, die Kultur oder einen geliebten Ort zu kämpfen (...), gibt es nichts, was diese Unternehmen als Entschädigung bieten können.“ Und: „Bald wird niemand mehr vom Elend des Ökozids bewahrt bleiben.“ Wenn erst einmal alle spürten, wie grausam der Kapitalismus sei, würden sich auch alle wehren, so Kleins Erwartung. Den Punkt zu beschreiben, an dem die Zufriedenheit mit dem Kapitalismus in Unzufriedenheit, Wut und Widerstand kippt, wäre der nächste analytische Schritt. Wann ist dieses „Bald“, von dem die Autorin spricht?

Weil sie Aktivistin ist, versucht Klein, den Widerstand gegen den Kapitalismus gleichsam herbeizuschreiben. Sie will nicht untersuchen, wann die Stimmung kippt, sie will die Stimmung noch weiter zum Kippen bringen. So ist sie zu verstehen: Wenn auch Du noch mitmachst, lieber Leser, ist es so weit, dann werden wir siegen.

Man liest dieses pathetische, grandios geschriebene Buch gerne, weil es auf so beharrliche und doch unaufdringliche Weise vom Glauben in die Handlungsfähigkeit des Einzelnen getragen ist. Dass es sich an den entscheidenden Stellen lieber mit den stolzen Gesten und der Haarfarbe (rot!) seiner Protagonisten beschäftigt als mit der Klärung theoretischer Unschärfen, muss der Leser dafür in Kauf nehmen.


Warnung vor dem Bullen

Ähnlich unscharf und doch auf ganz andere Art bereichernd ist der Gesprächsband „Revolution oder Evolution“. Hier sprechen, moderiert vom Journalisten Roman Chlupaty, der Ethnologe David Graeber und der Ökonom Tomas Sedlacek miteinander. Beide sind bekannte Vertreter der jüngsten Welle der Kapitalismuskritik, Sedlacek durch sein Buch über die „Ökonomie von Gut und Böse“ und Graeber durch sein Werk „Schulden: Die ersten 5000 Jahre“. Vor allem aber ist Graeber einer der Initiatoren und Cheftheoretiker von „Occupy Wall Street“, die ab Herbst 2011 für einige Zeit die vielversprechendste Forma­tion der Kapitalismuskritiker war.

Graeber und Sedlacek fahren nicht wie Naomi Klein durch die kapitalistische Welt, sondern zerlegen sie in Gedanken. Beide ereifern sie sich über die vermeintlich religionsgleiche Stellung des Marktes und des Wettbewerbs. Darüber, dass der möglichst freie Markt auf der einen Seite, symbolisiert durch den Börsenbullen, und die Menschen auf der anderen Seite mit immer größerem Aufwand voneinander getrennt werden müssen. „Schützen wir die Märkte vor den Menschen“, fragt Sedlacek, „oder brauchen wir den Zaun, um uns vor dem Bullen zu schützen?“

Uneinig sind sich die beiden nur darin, was aus dieser Analyse folgt. Sedlacek, der Chefökonom der größten tschechischen Bank ist, möchte reformieren, Graeber hingegen will die Revolution: „Unser Ziel besteht darin, eine Alternative zu schaffen, die aufzeigt, wie man die Dinge organisieren kann. Das wird unserer Meinung nach zum Zusammenbruch des gegenwärtigen Regimes führen.“

Dass Geschichte im wörtlichen Sinne „gemacht“ wird – daran erinnern die beiden in ihrem Gespräch auf eindrückliche Weise. Dass Menschen „die Vollkommenheit eines Systems überschätzen und aufgrund ihres Glaubens an die Leistungsfähigkeit der bestehenden Ordnung ein Gefühl von Sicherheit entwickeln“, ist eine weitere Erkenntnis, die auf die Veränderbarkeit des Kapitalismus verweist.

Graeber will sich nicht zwingen lassen, ein fertiges Alternativsystem vorzulegen: „Es läuft nicht so, dass jemand sagt: ‚Ich stelle mir eine Einrichtung vor, die man ‚Börse‘ nennen könnte, und sie wird folgendermaßen funktionieren.‘“ Stattdessen also: „mikrokosmische Visionen entwickeln“, einfach probieren, neue Formen der direkten Demokratie und der Aktion, die bestenfalls bei den Einzelnen eine Art „spirituelle Transformation“ auslösen, ein neues Bewusstsein, selbst handeln zu können.
Regelloser Raum
Während die beiden ersten Bücher ihre Leser direkt oder indirekt zum Handeln auffordern und den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt stellen, soziologisch gesprochen also eher akteurszentriert argumentieren, interessieren sich Joseph Vogl und Wolfgang Streeck für das große Ganze, die Systemperspektive. Vogl hat vor vier Jahren mit „Das Gespenst des Kapitals“ einen aufsehenerregenden Angriff auf die blinden Flecken des Wirtschaftsverständnisses vorgelegt und darin die symbolischen und kulturgeschichtlichen Implikationen der vermeintlich so nüchtern vor sich hin ratternden Marktmechanismen aufgezeigt.

In „Der Souveränitätseffekt“ untersucht er nun genauer, wie sich Macht von demokratisch legitimierten Institutionen hin zu nicht legitimierten ökonomischen Akteuren verlagert hat. Wobei „verlagert“ hier schon unpräzise ist, Vogl erklärt die strikte Trennung zwischen Wertschöpfung (also Wirtschaft) und Machtorganisation (also Politik) zur „Legende des Liberalismus“, und spricht stattdessen von einer „Koevolution“. Die Macht werde im Neoliberalismus nicht durch gewählte Institutionen ausgeübt, sondern in steigendem Maße „seignioral“ (sinngemäß ungefähr: fürstlich) – durch Banken und ihren direkten Einfluss auf politische Entscheidungen, durch die zwar staatlich angebundenen, aber letztlich privat handelnden Zentralbanken, aber auch durch die vielen Beratergremien, Notsitzungen, Ausschüsse, Arbeitskreise.

Der Staat verliert Souveränität an diesen „regellosen Raum“, und zwar  als direkte Folge des neoliberalen Systems: Die Finanzialisierung der Weltwirtschaft, also die Wachablösung der Industrie durch die ortlos agierenden Banken als treibende Kraft, macht nationale Gesetze wirkungsloser. Seit sich die Finanzkrise zur „notorischen Weltwirtschaftskrise“ entwickelte, scheint ganz einfach keine Zeit mehr zu sein für geregelte demokratische Entscheidungsprozesse. Stattdessen dominieren ein „Gesetz der unbeabsichtigten Folgen“, eine ständige „Dringlichkeitskulisse“ und eine dadurch legitimierte „Notstandspolitik“. Vogl schreibt: „Expertenkomitees, Regierungsgremien, Ausschüsse, Arbeitsgruppen, so genannte ‚Troikas‘, ‚Merkozys‘ etc. hatten de facto die Regierungsgeschäfte übernommen und waren ausschließlich durch besondere Situationen, außerordentliche Ereignisse, Zwangslagen oder Ausnahmefälle legitimiert.“

Wie der Autor die Entstehung des gegenwärtigen Vokabulars und der gegenwärtigen Verschleierungsmethoden kapitalistischer Macht aus der Geschichte ableitet, das ist ein Lese­genuss. Ökonomen werden allerdings einige Probleme mit der Argumenta­tion haben. Staatsverschuldung beispielsweise ist bei Vogl nichts, was Regierungen verschulden, sondern eine vom System erzwungene Entwicklung. Und die Zentralbanken haben in ihrer von Vogl so kritisierten Unabhängigkeit tatsächlich die Staaten stabilisiert; sie waren ein Fortschritt gegenüber den Fürsten und Willkürherrschern, die zuvor die Geldschöpfung kontrollierten. Als „historisch-spekulativen Versuch“ leitet Vogl sein Buch ein, und genau so sollte es auch gelesen werden.


Nach der Nachkriegsidylle

Ganz und gar nicht spekulativ, sondern beeindruckend kohärent ist Wolfgang Streecks Text „Wie wird der Kapitalismus enden?“ Hier läuft das zusammen, was die anderen Bücher beschreiben, und fügt sich zu einem Bild. Drei Trends macht Streeck seit dem „Ende der Nachkriegsprosperität“ in den siebziger Jahren aus: den Rückgang des wirtschaftlichen Wachstums, die steigende Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Privathaushalten und die wachsende Ungleichheit von Einkommen und Vermögen. Diese Entwicklungen verstärkten sich gegenseitig und lösten einen „kontinuierlichen Prozess schrittweisen Niedergangs“ aus.

Ein Niedergang, der die Nachkriegsidylle beendet und dazu geführt habe, dass heute „die Zweifel an der Vereinbarkeit einer kapitalistischen Wirtschaftsweise mit demokratischer Politik mit aller Wucht zurückgekehrt“ seien. Längst seien viele der politischen Institutionen geschleift, die bisher noch die drei besonders sensiblen Bereiche vor dem totalen Marktzugriff geschützt haben: Arbeit, Natur, Geld.

Im ersten Bereich verändere sich die „Zeitaufteilung“ zwischen ökonomischen und sozialen Aktivitäten. Im zweiten würden die endlichen natürlichen Ressourcen ausgebeutet, und trotz aller Klimagipfel scheine bisher völlig unklar, wie sich das stoppen lasse, „wie die hierzu potenziell benötigten gewaltigen kollektiven Ressourcen in Gesellschaften mobilisiert werden können“, solange wir nicht direkt von den Folgen der Naturausbeutung betroffen sind. Hier ist Streeck also weitaus pessimistischer als Naomi Klein. Und drittens habe die Politik mit der Deregulierung der Finanzmärkte den Banken quasi erlaubt, Geld aus Geld zu schöpfen statt wie bisher aus Gütern. Das habe das ganze Wirtschaftssystem instabiler gemacht und Ungleichheit verstärkt.

Streeck, einer der profiliertesten deutschen Soziologen, folgt in seiner Analyse keynesianischen Grundsätzen und bedient sich teils der analy­tischen Instrumente marxistischer Autoren. Seine Ausführungen enden aber nicht in einem Revolutions­aufruf: Nüchtern betrachtet kann der Kapitalismus auch zusammenbrechen, ohne dass es eine Alternative gibt. Er prognostiziert „eine kontinuierliche Akkumulation kleiner und nicht so kleiner Funktionsstörungen – keine davon für sich unbedingt tödlich, die meisten aber irreparabel“. Die „Teile des Ganzen“ würden immer weniger zusammenpassen, die Legitimation und die Funktionsfähigkeit des demokratischen Kapitalismus also abnehmen. „Schließlich und endlich“, so Streecks Prognose, „werden dann die zahllosen, auf kurzfristiges Krisenmanagement hin konzipierten ­Behelfskonstruktionen unter der Last der alltäglichen Katastrophen zusammenbrechen“.

Worin Vogl also eine Machtübernahme der Privatwirtschaft sieht, beispielsweise in der Griechenland-Krise, erkennt Streeck ein Symptom des Untergangs. Seine Analyse ist die düsterste der hier besprochenen Texte und gleichzeitig die bestechendste. Die Zukunft muss zeigen, ob die optimistischeren Autoren (Klein, Graeber, Sedlacek) noch Recht behalten. Ob ihre Hoffnung auf die Handlungsfähigkeit der Menschen und damit auf die Formbarkeit des Systems sich erfüllt. Dass wir gegenwärtig nicht nur eine Krise des demokratischen Kapitalismus erleben, sondern einen existenzbedrohenden Niedergang: Nach der Lektüre dieser Texte ist das nur noch schwer zu bestreiten.


Naomi Klein: Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima. Frankfurt/M.: S. Fischer 2015, 704 Seiten, 26,99 €

Tomas Sedlacek David Graeber, Roman Chlupaty: Revolution oder Evolution. Das Ende des Kapitalismus? München: Hanser Verlag 2015, 144 Seiten, 15,90 €

Joseph Vogl: Der Souveränitätseffekt. Zürich: Diaphanes 2015, 320 Seiten, 24,95 €

Wolfgang Streeck: Wie wird der Kapitalismus enden? Berlin: Bl.tter für deutsche und internationale Politik 3/2015, S. 99–111, 3,00 €


Lenz Jacobsen ist Politikredakteur bei ZEIT Online.

 

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, September/Oktober 2015, S. 137-141

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