01. September 2014
Buchkritik

Jäger und Sammler

Der Fall Snowden: ein Politskandal, dessen Folgen noch kaum abzusehen sind

14 Monate nach Beginn der NSA-Affäre hat Edward Snowden es von den Zeitschriftentiteln auf die Buchcover geschafft. Drei Neuerscheinungen beleuchten den Überwachungsskandal aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Lesenswert sind sie alle, doch die entscheidende Frage beantworten sie nicht: Was macht der Staat eigentlich mit dem Wissen über uns?

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Natürlich ist er längst Symbol geworden, Ikone für die meisten und Verräter für manche. Der Teenager-Bartschatten, die funktional frisierten Haare, die Brille, oben mit schwarzem Rand und unten ohne. Dieses Jungs-Gesicht, Nerd-Gesicht, dieses blasse, irritierend harmlose Gesicht des Edward Joseph Snowden. So schreiben sie seit über einem Jahr über den Whistleblower, der eine staatliche Überwachungspraxis offen legte, gegen die sich alle Dystopien und Warnungen wie harmlose Kindereien ausnehmen.

Nun schaut einen dieses Gesicht also von den Buchcovern an, und die Frage ist, 14 Monate nach Beginn der NSA-Affäre, womit man sich als Leser lieber beschäftigen will: mit der abenteuerlichen Geschichte dieses Mannes, mit diesem wichtigsten Spionagethriller, den die Realität zu bieten hat. Oder doch mit den Akten, mit den Enthüllungen, mit dem gigantischen politischen Skandal. Was ist interessanter, der Botschafter oder die Botschaft?

Drei lesenswerte Bücher sind in diesem Sommer zum Thema erschienen, und jedes beantwortet diese Frage anders. Die entscheidenden Fragen aber beantwortet keines von ihnen.

Da ist zuerst das Buch von Luke Harding, „Edward Snowden. Geschichte einer Weltaffäre“, und so Guido-Knopp-haft der Titel, so wirkungsbewusst sind dann auch die 276 Seiten. Eine Personality-Story, die sich kaum um Akten schert, sondern fast nur um denjenigen, der sie ausgegraben hat. Harding war Korrespondent des britischen Guardian in Berlin, Neu-Delhi und zuletzt in Moskau. Ein profilierter Auslandsreporter, der sich im Fall Snowden vor allem auf eins beschränkt: biografische Details zu sammeln.

Das liest sich natürlich ganz wunderbar. Ein „Junge mit dichten blonden Haaren und einem breiten Lächeln“ ist der kleine Snowden hier, Autor Harding erzählt von der Trennung der Eltern und davon, wie der spätere Geheimnisverräter am Schulabschluss scheiterte. Er versucht ein Psychogramm Snowdens anhand seiner Einträge in Onlineforen in den vergangenen 15 Jahren und anhand seiner biografischen Stationen. Interessant ist das deshalb, weil Snowdens Auflehnung, sein totaler Kurswechsel, ja tatsächlich unverständlich sind oder zumindest staunenswert in ihrer kühlen Konsequenz.
Harding berichtet also davon, wie der junge Nerd Snowden Webmaster einer japanischen Comicseite ist. Wie er den strammen Republikaner John McCain als „erstklassigen Anführer“ und „Kerl mit echten Werten“ beschreibt und Hillary Clinton als eine „Seuche für das Land“. Wie er in einer Diskussion um Arbeitslosigkeit – Snowden ist gegen Sozialversicherungen – seine Gegner als „beschissene Minderbemittelten“ bepöbelt.

Heute ist dieser Mann ein Held vor allem der Linken; ein Linker aber war er nie, das macht dieses Buch klar. Er hasst den Sozialismus und sagt dafür über seine Pistole: „Ich liebe sie zu Tode.“ Snowden ist ein Libertärer, der dem Staat eher Übergriffigkeit unterstellt als Fürsorge zutraut, und der trotzdem jahrelang eine unbedingte Solidarität zu diesem Staat empfindet, zu dessen Verfassung vor allem.

Denn Snowden vertritt einen politischen Minimalismus, der nur die in der Verfassung festgeschriebenen Grundsätze anerkennt, diese aber umso vehementer verteidigt, idealistisch und voller Sendungsbewusstsein. Er tritt bald nach Beginn des Irak-Kriegs in die US-Armee ein, „weil ich als menschliches Wesen die Verpflichtung spürte, dabei zu helfen, ein Volk von der Unterdrückung zu befreien“. Als er feststellt, dass die meisten seiner Ausbilder eher das Ziel haben, „Araber zu töten“, resigniert er.

Diese Enttäuschung wiederholt sich in Snowdens Arbeit für den US-Geheimdienst. Anfangs noch vertei­digt er die Notwendigkeit von Staats­geheimnissen mit radikaler Unbedingtheit. Als die New York Times über Geheimgespräche zwischen Israel und den USA zum Thema Iran berichtet, wütet Snowden über die Journalisten und ihre Informanten: „Denen sollte man in die Eier schießen.“

Vier Jahre später ist Snowden selbst Informant, und zwar der wichtigste von allen. Harding kann diese Entwicklung nur grob nachzeichnen und ist dabei auf die paar immergleichen Zitate des Whistleblowers angewiesen, die seit Monaten herumge­reicht werden. Er schmückt sie deshalb mit bunten Beschreibungen aus: über die Pool-Dance-Trainings von Snowdens Freundin auf Hawaii und über den Weg zur Arbeit bei der NSA dort: „Nur 13 Minuten von Tür zu Tür. Brachliegende Flächen säumen die Straßen. (…) Der Highway hebt und senkt sich, entlang hoher Erdhügel und einem Gewirr von Gräsern, die den Blick auf die Landschaft behindern. Schnell fühlt man sich gefangen.“ Ist nun die Landschaft der Grund für Snowdens Entscheidung? An Stellen wie dieser kippt das Buch in platte Küchenpsychologie.

Hardings Buch ist das unterhaltsamste der drei Snowden-Titel, weil es am hemmungslosesten auf Snowden fokussiert. Es erzählt um jeden Preis eine persönliche Geschichte – und gibt damit genau dem Impuls nach, der auch die Berichterstattung in vielen Medien über die NSA-Affäre prägt: Das Leben des Whistleblowers ist nun mal anschaulicher und einfacher zu verstehen als die komplexen Projekte der Geheimdienste, die er enthüllt hat.


Sammeln, sammeln, sammeln

Dass es auch anders geht, dass man spannend über all das schreiben kann, ohne an der Personality-Oberfläche zu bleiben, beweist das Buch der beiden Spiegel-Journalisten Holger Stark und Marcel Rosenbach. Sie fahren nicht zu den Wohnorten Snowdens, sondern zu den Horchposten der Geheimdienste, ihren Serverfarmen und Hauptquartieren. Das ist genauso anschaulich, nur ungleich relevanter.

Stark und Rosenbach haben gleich nach Beginn der NSA-Affäre zusammen mit der engen Snowden-Vertrauten und Dokumentarfilmerin Laura Poitras einige der wichtigsten Teilaspekte der Überwachungspraxis enthüllt. Ihr Buch „Der NSA-Komplex“ ist das beste der drei hier besprochenen. Weil es die richtige Mischung findet aus erzählerischer Dramaturgie und Anschaulichkeit, einem recherchegesättigten Detailreichtum und einer politischen Analyse, die die verschiedenen Teile zu einem großen Ganzen rahmt. Der „NSA-Komplex“ ist somit ein mustergültig gelungenes journalistisches Sachbuch.
Sie graben zum Beispiel jene Episode aus dem Jahr 1975 aus, als ein Untersuchungsausschuss des US-Senats unter Vorsitz von Frank Church bereits vor den Machtmöglichkeiten der NSA warnte. Dessen Fähigkeiten könnten jederzeit auch gegen Amerikaner eingesetzt werden, dann hätte niemand mehr eine Privatsphäre und niemand könne sich mehr verstecken, erklärte Church. „Und wenn diese Regierung sich irgendwann in eine Tyrannei verwandeln würde, wenn jemals ein Diktator die Macht übernähme, würden die technischen Fähigkeiten der Geheimdienste es der Regierung ermöglichen, eine totale Tyrannei zu errichten.“

In Churchs Bericht deutete sich, fast 40 Jahre vor Snowden, bereits zweierlei an: die Eigendynamik der Überwacher, deren Job und Daseinsberechtigung es nun mal war, möglichst viel und gut zu überwachen. „Alles sammeln!“ lautet das Ziel des langjährigen NSA-Chefs Keith Alexander. Man kann sich darüber empören, doch ein bisschen systemtheoretische Nüchternheit hilft beim Verständnis eher weiter. Überwachungsdienste und ihre Angestellten, Anführer und Assoziierten bilden genau so ein gesellschaftliches Subsystem wie politische Parteien oder die freie Wirtschaft, und dieses Subsystem folgt seinem funktionalen Imperativ, wie Niklas Luhmann das nennt, in diesem Fall: sammeln, sammeln, sammeln. Alexander und seine NSA verhalten sich nur konsequent, sie sichern ihre eigene Existenz, indem sie immer neue Gebiete für ihre Aufgabe erschließen. Aufgabe der Überwacher ist, möglichst viel und gut zu überwachen, und nicht, sich selbst Grenzen zu setzen. Dafür ist die Politik da.

Das ist die zweite Erkenntnis aus Churchs Bericht. „Wir müssen dafür sorgen, dass diese Behörde und alle Behörden, die über diese Technik verfügen, innerhalb der Gesetze agieren und unter einer ernstzunehmenden Aufsicht, so dass wir niemals in diesen Abgrund geraten“, warnte er. Nach Snowden ist klar: Beides hat nicht funktioniert. Als Reaktion auf den Church-Bericht schuf die US-Regierung das Fisa-Gericht, in dem Bundesrichter unter Ausschluss der Öffentlichkeit entscheiden, welche Überwachung erlaubt ist und welche nicht. In den ersten 24 Jahren seiner Existenz bis 2002 lehnte dieses Gericht, in dem nur eine Seite gehört wird – die der Geheimdienste – keinen einzigen Überwachungsantrag ab. In den Jahren 2002 bis 2012 wies es elf Anfragen ab und genehmigte über 20 000.


Was wir ertragen und was nicht

Glenn Greenwald, der Guardian-Journalist, der Snowdens Informationen seit über einem Jahr Stück für Stück in die Welt trägt, berichtet von dieser eindrücklichen Fisa-Statistik in seinem eigenen Buch über die NSA-Affäre. „Die globale Überwachung“ besteht eigentlich aus drei Büchern, und das entspricht der Aufteilung, die auch die Debatte in der Öffentlichkeit prägt: Im ersten Teil berichtet Greenwald von der abenteuerlichen Anbahnung des Treffens mit Snowden, von Gesprächen in verschlüsselten Chats mit dem unbekannten Informanten, von Streitereien mit dem Guardian und mit Anwälten, und vor allem von Snowden selbst, dessen Konsequenz er sehr schnell zu bewundern beginnt.

„Ich möchte nicht zu den Menschen gehören, die Angst haben, ihre Prinzipien zu verteidigen“, zitiert er den Whistleblower, und schreibt sich fortan eben das auf die Fahnen: Kompromisslosigkeit im Kampf für die vermeintlich gute Sache, gegen Überwachung. Insbesondere in Deutschland hat Greenwald mit dieser Haltung eine Debatte über die Grenze zwischen Journalismus und Aktivismus ausgelöst, denn hierzulande gilt für die meisten noch das Motto des Tagesthemen-Moderators Hanns-Joachim Friedrichs, ein Journalist „sollte sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten“.

Das ist zwar ein Nebenschauplatz der Affäre, führt aber trotzdem zu ihrem aktuellen Kern: der Frage nach den Konsequenzen. Denn erst in der Reaktion auf Snowdens Enthüllungen zeigt sich, was wir von dieser beinahe totalen Überwachung halten. Was wir ertragen und was nicht. Greenwald hat sich entschieden und ist deshalb vom Beobachter zum Mitspieler geworden. Und alle anderen? Wir wissen nun, dass unsere Mails und Telefonate, unsere Chats und unsere Aufenthaltsorte, unsere Freunde und die allermeisten unserer Klicks von Behörden gespeichert werden, die niemand effektiv kontrolliert. Wir wissen, dass Staatschefs, UN-Delegierte und ausländische Konzerne gezielt abgehört werden, dass unsere Überwachung eine Dimension erreicht hat, gegen die „1984“ ein harmloses Kinderbuch war.

Und doch hat sich nichts geändert.In den USA und Großbritannien nicht, weil nur eine Minderheit der Bevölkerung und der Politik die Überwachung überhaupt als Problem empfindet. Auch in Deutschland nicht, weil zwar die meisten Leitartikler die NSA verdammen, auf den Straßen aber doch nur ein paar Hunderte zusammenkommen, um gegen sie zu demonstrieren. Ein Teil der deutschen Politik ist stolz darauf, das Ganze nicht so ernst zu nehmen. „Im Gegensatz zu ihnen trage ich es mit Fassung“, sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert süffisant, als der Linken-Fraktionschef Gregor Gysi auf die Überwachung schimpfte. Da lachte der halbe Bundestag und konnte sich sicher sein, den Großteil der Bevölkerung auf seiner Seite zu wissen. Auch 14 Monate nach Beginn der Enthüllung des Skandals gibt es keine ernsthaften politischen Konsequenzen. Noch nicht einmal dazu, Snowden Asyl zu gewähren, konnte sich ein europäisches Land durchringen; er sitzt weiter in Moskau.

Der zweite Teil von Greenwalds Buch besteht aus Original-Dokumenten von Snowden und ihren Erläuterungen. Man kann an einer beliebigen Seite aufschlagen und findet Unglaubliches: Allein in einem Monat speicherte ein Programm namens FAIRVIEW sechs Milliarden Datensätze von Telefonaten auf der ganzen Welt. Ein anderes sammelte im Jahr 2012 knapp 500 Milliarden Mal Metadaten von Internetnutzern ein. So geht es immer weiter und alle hängen mit drin, Geheimdienste und Unternehmen auf fast der ganzen Welt.

Das dritte Kapitel ist ein Manifest gegen Überwachung, in dem Snowden mit Orwell, Bentham und Foucault all die klassischen politischen Denker auffährt, die die Überzeugung vertraten, dass die Freiheit schrumpft und am Ende stirbt, wenn der Staat seine Bürger kontrolliert. Greenwald schreibt, Menschen veränderten „ihr Verhalten radikal, wenn sie wissen, dass sie überwacht werden. Sie werden alles daran setzen zu tun, was von ihnen erwartet wird, und wollen Scham und Verurteilungen vermeiden.“

Doch stimmt das wirklich? Bis jetzt deutet wenig darauf hin, dass die Überwachten die Überwachung tatsächlich als Einschränkung empfinden. Die Folgenlosigkeit der Snowden-Enthüllungen stellt so nebenbei auch den von Foucault und vor allem Bentham beschworenen Freiheitswillen des Menschen in Frage.

Vielleicht liegt es auch daran, dass diese Überwachung nicht spürbar ist und bisher für kaum jemanden Konsequenzen hat. Denn, und das ist die große und in allen drei Büchern unbeantwortete Frage: Was macht der Staat mit diesen Billiarden von Datensätzen, mit den Bewegungsprofilen und Protokollen, mit all diesem Wissen über uns? Das Zeitalter von „Big Data“ ist da, aber wie diese gelesen werden und wie das die Welt verändert, ist unklar.

Wie würde eine Politik aussehen, die tatsächlich auf der datenförmigen, totalen Beobachtung des Lebens aller Bürger basiert? Was tut eine Regierung, wenn sie in ihren Speichern sehen kann, was wir tun? Ein Szenario wäre: Politik wird zur Verwaltung dessen, was sowieso schon ist. Denn in unseren Metadaten steht nichts über unsere Wünsche. Sie beschreiben nur, was wir sind, und nicht, was wir wollen und werden. Mit jedem Datensatz im Speicher der Geheimdienste, aber auch auf den Servern der Internetunternehmen, steigt die Macht, die diese über unsere Leben haben. Darauf zu hoffen, dass sie diese nicht missbrauchen, ist kein Ausweg, sondern die Kapitulation.

Luke Harding: Edward Snowden. Geschichte einer Weltaffäre. Berlin: Edition Weltkiosk 2014, 288 Seiten, 19,90 €. Das Buch erschien auf Englisch 2014 bei Faber & Faber (London). Übersetzung: Henning Hoff und Luisa Seeling

Marcel Rosenbach und Holger Stark: Der NSA-Komplex. Edward Snowden und der Weg in die totale Überwachung. München: Deutsche Verlags-Anstalt (DVA) 2014, 384 Seiten, 19,99 €

Glenn Greenwald: Die globale Überwachung. Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen. Aus dem Englischen von Gabriele Gockel, Robert Weiß, Thomas Wollermann und Maria Zybak. München: Droemer Knaur Verlag 2014, 368 Seiten, 19,99 €

 

Lenz Jacobsen ist Politikredakteur bei ZEIT Online.

Autoren

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, September/Oktober 2014, S. 134-138

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