01. April 2008

Grüne in der Wüste

Mit enormen Investitionen will ausgerechnet das ölreiche Abu Dhabi zum Alternativenergie-Führer der Zukunft werden

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Der Plan ist fürwahr gigantisch: Wir bauen eine Stadt, sechs Millionen Quadratmeter groß, für knapp 50 000 Menschen und 1500 Firmen. Wir machen Tempo. Wir legen dafür 22 Milliarden Dollar auf den Tisch. Wir nennen sie Masdar, arabisch für Quelle. So plant man heute am Golf, so wachsen Metropolen wie Dubai und Abu Dhabi im rasanten Zeitraffer. Der Superlativ ist schon Routine hier. Masdar aber hat einen sehr speziellen Reiz: Die Stadt soll CO2-neutral sein und keinen Müll machen. Ausgerechnet die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), unter deren Scholle ein Erdölreservoir von rund 100 Milliarden Barrel und enorme Mengen Erdgas liegen, setzen sich an die Spitze der Alternativenergie-Bewegung.

Bislang sind die Emiratis und ihre Führung kaum als Ökologen aufgefallen. Das Land hat eine der miserabelsten Umweltbilanzen, mit einem enormen CO2-Ausstoß pro Kopf. Das Luxusdasein des Ölstaats fordert seinen Umwelttribut. Hier fährt schon die Jugend Porsche und Maserati, Mutti nimmt den schwersten Geländewagen, Vati den Hubschrauber. Klimaanlagen halten die pompösen Anwesen angenehm temperiert. Bei Außentemperaturen von bis zu 50 Grad müssen auch die Pools gekühlt werden. Licht leuchtet überall grell. In künstlichen Hallen kann man sogar Ski laufen. Der energiehungrigste Saurier ist die Metropole Dubai: ein lärmendes Glitzer-Glas-Stahl-und-Beton-Monster, das prasst, als gebe es kein Morgen.

Dabei lebt das Emirat Dubai fast schon in der Post-Öl-Ära, die Vorräte werden hier knapp. Abu Dhabi hingegen, Hauptstadt und zugleich größte Region der VAE, hat noch Vorräte für ein gutes Jahrhundert. Doch gerade von Abu Dhabi geht eine neue Botschaft aus: Wir haben verstanden. Im Januar trafen sich hier – auf Einladung von Masdar – tausende Delegierte zum World Future Energy Summit, dem bislang größten Kongress über Alternativenergien. Just stiftete die Regierung einen millionenschweren Preis für innovative Alternativenergie-Ideen, benannt nach dem Gründungsvater der Nation, Scheich Zayed Bin Sultan Al-Nahyan. Die Jury leitet Rajendra Kumar Pachauri, Vorsitzender des Intergovernmental Panel on Climate Change der UN, für das er im letzten Jahr den Friedensnobelpreis entgegennahm. Den Zweitbesten nimmt man hier ungern.

Die Scheichs haben das Geld, auch Öko-Träume wahr werden zu lassen. Aber sie operieren selten solo. Sie suchen sich gerne potente Partner, die beste Arbeit verheißen. Das Design der neuen Öko-Stadt übernimmt das Büro des britischen Architekten Norman Foster. Das Hauptquartier von Masdar City entwirft Adrian Smith & Gordon Gill aus Chicago. Firmen wie Shell, General Electric, Fiat, Rolls Royce und Mitsubishi sind mit im Boot. Die deutsche Solarschmiede Conergy arbeitet an einer 40-MW-Sonnenenergieanlage. Die Sonne scheint ja reichlicher als irgendwo sonst. BP und der Kohlegigant Rio Tinto wollen gemeinsam das größte Wasserstoffkraftwerk der Welt bauen. In der Öko-Stadt soll die führende Öko-Denkfabrik der Welt heranwachsen. Das Massachusetts Institute of Technology (MIT), das Imperial College in London, das Tokyo Institute of Technology, aber auch die Uni Aachen und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt helfen beim Aufbau eines neuen Weltzentrums für Alternativenergie-Forschung. Zu dem riesigen Spezial-Campus soll sich eine Art Freihandelszone für Unternehmen gesellen, die das Erforschte umsetzen. Masdar will die Botschaft leben und verbreiten. „Dies ist der erste Öl produzierende Staat, der akzeptiert und verstanden hat, dass Öl nicht die einzige Energiequelle der Zukunft ist“, meint Fred Moavenzadeh, Direktor des Technology Development Program am MIT. In zehn Jahren, sagen die Experten, könnte Abu Dhabi ein Kompetenzzentrum für Photovoltaik, Energiespeicherung und Wasserstoff-Technik sein. „Wir wollen uns als Denker und Fortschrittskräfte positionieren“, verspricht Sultan Al-Jaber, Oberhaupt von Masdar. „Wir leiden hier nicht an einem Mangel an Energiesicherheit“, meint der Sultan, „aber wir wollen dies auch niemals tun.“

Treibende Kraft für die Retortenstadt 17 Kilometer südöstlich der City von Abu Dhabi ist die Abu Dhabi Future Energy Company (ADFEC). Im Februar wurde der Grundstein gelegt. 2009 soll die erste Etappe geschafft, 2016 bereits alles fertig sein. Masdar wird eine autofreie Stadt, kein Punkt soll weiter als 200 Meter vom nächsten Transportmittel entfernt sein – Transportgleiter und U-Bahnen. Überirdisch triumphiert der Fußgänger, auf einer eigens geschaffenen ersten Etage im Freien. Stoffsegel beschatten die Straßen, Mauern schützen vor Wüstenwinden. Das Wasser kommt aus einer mit Sonnenenergie betriebenen Meerwasserentsalzungsanlage. Das Grün wird mit Brauchwasser frisch gehalten. Masdar fällt in eine Ära des Ausprobierens. Weltweit gibt es grüne Stadtprojekte. In Deutschland, Dänemark und den Niederlanden, in Kenia, Australien und den USA. Am Rande Schanghais wächst das Öko-Quartier Dongtan. Doch Masdar ist der radikalste, ehrgeizigste Versuch. Er soll die Zukunft nach dem Öl sichern. Er soll auch Geld bringen. Der mit 250 Millionen Dollar ausgestattete Masdar Clean Tech Fund, ein gemeinsames Projekt von ADFEC, Credit Suisse und Siemens, steckt Kapital in Zukunftsprojekte. Investments in Alternativenergie schießen weltweit rapide in die Höhe. Öko garantiert Profit.

TOM SCHIMMECK, geb. 1959, schreibt als freier Journalist über Politik und Wissenschaft für Zeitungen, Magazine und fürs Radio.

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