01. November 2007

Drehscheibe der Globalisierung

Buchkritik

Drei Konfliktlinien prägen derzeit das Spiel um Macht und Einfluss in Ostasien: die wachsende Polarität zwischen den USA und China, der zunehmende Antagonismus zwischen China und Japan und das triangulare Verhältnis mit den USA als externem Akteur. Drei Neuerscheinungen bringen Licht ins dunkle Spiel der sicherheitspolitischen Kräfte.

Am Ende der Lektüre bleibt dem Betrachter der Eindruck dreier faszinierender Bücher, von denen jedes auf seine eigene Art nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Jean-François Susbielles Buch über China mit seiner provokativen Art, Kevin Cooneys präzise Analyse innerjapanischer Entscheidungsprozesse und der Rolle Japans in der Welt und Masamichi Inoues Buch wegen des nachdenklichen Duktus, mit dem der Autor anhand der Rolle des amerikanischen Militärs in Ostasien unsere Identität in einer globalisierten Welt thematisiert.

Als Bettlektüre für den an welt-politischen Fragen interessierten Leser eignet sich am ehesten Jean-François Susbielles nun auf Deutsch erhältlicher Bestseller „China–USA: Der programmierte Krieg“. Susbielle vertritt pointiert und provokativ die These, China werde die USA und alle anderen Länder des Erdballs bis 2020 zu seinen Vasallen machen. Man muss nicht alles für bare Münze nehmen, was Susbielle so von sich gibt. Es geht ihm vor allem darum, die Debatte um Chinas Weg zur Supermacht weiter zu emotionalisieren. Und alle Apologeten des amerikanischen Jahrhunderts sollen hier, so scheint es, ostentativ gekränkt werden: China wird als die Drehscheibe der Globalisierung beschrieben und für seine überaus -erfolgreiche Rohstoffdiplomatie gerühmt, auf der anderen Seite wird Japan als der verlängerte Arm der USA diffamiert und wird die Bush-Doktrin als Eindämmungsstrategie gegenüber China entblößt.

Sicher eignet sich das Buch aufgrund seines mitunter metaphorischen Stils weniger für universitäre Hauptseminare oder Examenskolloquien. Sucht man in Susbielles Werk eine präzise, auf der Auswertung aktuellen Zahlenmaterials basierende wissenschaftliche Untersuchung, bleibt diese Anstrengung vergebens. Als Einführung in die aktuellen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen in China, als aufreizend verfasster Hinweis auf die atmosphärischen Störungen zwischen der Volksrepublik und den USA am Beginn des neuen Jahrhunderts und als umfassende, wenn auch strittige Bewertung der Strategie Pekings gegenüber den wichtigsten außenpolitischen Partnern und Kontrahenten ist es jedoch zu empfehlen.

Das von Kevin Cooney vorgelegte Werk zur japanischen Außenpolitik besticht hingegen durch klare und nüchterne politikwissenschaftliche Forschung, die Verwendung umfassenden originalsprachlichen Materials, interviewgestützte Analyse sowie einen erkennbaren roten Faden: Es geht um die Ausweitung der sicherheitspolitischen Rolle Japans an der Seite der USA vor dem Hintergrund enger verfassungsrechtlicher Grenzen. Das Buch – eines der besten zur japanischen Außenpolitik seit langer Zeit – beschreibt den japanischen Weg nach dem Zweiten Weltkrieg: von der Entmilitarisierung über den Wiederaufbau so genannter Selbstverteidigungsstreitkräfte im Rahmen der Allianz mit den USA seit den fünfziger Jahren bis hin zur massiven Ausweitung der militärischen Rolle seit Beginn der neunziger Jahre.

Während die Beziehungen zu China, Russland, den beiden Koreas und Japans Rolle in den Vereinten Nationen in einem Kapitel analysiert werden, liegt das Hauptaugenmerk zu Recht auf der Allianz mit den USA und auf der Phase des außenpolitischen Wandels in den letzten zwei Jahrzehnten. Anfang der neunziger Jahre schien sich ein zunächst noch dezidierter Antimilitarismus in Apathie zu verwandeln, als Japan in der Irak-Kuwait-Krise über das Stadium der „Scheckbuch-Diplomatie“ nicht hinausfand. Seither wächst Japan in der Allianz mit den USA. Das Land ist heute gewillt, auch ohne schnelle Verfassungsänderung aktiv an der Seite der USA tätig zu werden. Ausgeschlossen bleibt davon vorerst lediglich eine direkte Kampfbeteiligung japanischer Truppen im Rahmen kollektiver Verteidigungsmaßnahmen. Nichts deutet darauf hin, dass Japan den Weg in eine erneute Militarisierung gehen würde. Laut Cooney gibt es keine Anhaltspunkte für japanische Hegemonieansprüche in der Region. Außenpolitischer Wandel – so der überzeugende Befund dieses erstklassigen Buches – bedeutet hier eher Normalisierung im Sinne der Übernahme von Verpflichtungen in einer militärischen Allianz. Eine Normalisierung freilich, die rasch voranschreitet.

Als Mangel des Buches könnte man das Fehlen eines eigenen Kapitels zur Rolle Japans im „Krieg gegen den Terror“ nach dem 11. September empfinden. Dadurch büßt das Werk an Aktualität und Relevanz ein, hat sich doch die japanische Rolle an der Seite der USA in den Kriegen in Afghanistan und im Irak dramatisch gewandelt. Mit den Einsätzen im Indischen Ozean zur logistischen Unterstützung der alliierten Kriegsmaschinerie und den infrastrukturellen Arbeiten im Südirak wurden die letzten Verfassungsprinzipien über Bord geworfen. Japan hat den Rubikon überschritten. Es ist zu einem jederzeit und überall einsatzfähigen Instrument im globalen Interventionsmechanismus der USA geworden.

Der kleinen südjapanischen Insel Okinawa als wichtigster ostasiatischer Basis dieses Interventionsmechanismus widmet sich in überaus kritischer, doch überzeugender Form das neue Buch des Anthropologen Masamichi Inoue. Der Autor ist seit langem für seine hervorragenden Arbeiten zu den amerikanischen Stützpunkten in der Region bekannt, und dieses erstklassig recherchierte Buch bildet keine Ausnahme: Es wird, so viel lässt sich jetzt schon sagen, künftig zur Standardliteratur über dieses Thema gezählt werden müssen.

Die 1500 Kilometer südwestlich von Tokio im Pazifik gelegene Präfektur Okinawa umfasst nur 0,6 Prozent der japanischen Landfläche, stellt jedoch traditionell mehr als 75 Prozent aller militärischen Einrichtungen für die in Japan stationierten amerikanischen Truppen zur Verfügung. Okinawa beheimatet mehr als 29 000 der rund 45 000 amerikanischen Soldaten in Japan. Was mit schmerzerfüllten Rufen der Empörung über die Vergewaltigung eines japanischen Schulmädchens in Okinawa im September 1995 durch Soldaten der US-Armee begann, wandelte sich schnell in die Forderung nach weitgehender Reduzierung der amerikanischen Truppen in der Präfektur und einer Revision des Sicherheitsvertrags. Hier setzt Inoues Buch an.

Der gesamte Prozess der sicherheitspolitischen Neuorientierung der japanischen Regierung seit den neunziger Jahren wurde immer wieder von heftigen Protesten und medienwirksamen Demonstrationen in der Präfektur unterbrochen. Einer geplanten Ausweitung der strategischen Rolle Okinawas stand immer auch die Forderung nach einer Reduzierung dieser Funktion gegenüber. Die Diskussion des „Okinawa mondai“, des Okinawa-Problems, in den örtlichen Medien hatte zudem Einfluss auf die Meinungsbildung auf den vier japanischen Hauptinseln. Inzwischen spricht sich eine Mehrheit gegen einen Verbleib der Amerikaner aus.

So ist Inoues Buch, das aufgrund seiner vielen aufschlussreichen Illustrationen, des detailgenauen Kartenmaterials und seines logischen Aufbaus auch für den unbedarften Leser zugänglich sein dürfte, als Appell für einen kritischen Umgang mit der eigenen Identität als Japaner zu verstehen. Die Kernfrage lautet, wo der Platz einer lokalen Kultur wie derjenigen Okinawas in einer zunehmend nicht nur ökonomisch, sondern auch sicherheitspolitisch globalisierten Welt liegen könnte.

Jean-François Susbielle: China – USA. Der programmierte Krieg. Berlin: Propyläen-Verlag 2007, 360 Seiten, € 22,00

Kevin Cooney: Japan’s Foreign Policy Since 1945. Armonk und London: M.E. Sharpe 2006, 328 Seiten, $ 26,95

Masamichi S. Inoue: Okinawa and the U.S. Military. Identity Making in the Age of Globalization. New York: Columbia University Press 2007, 312 Seiten, $ 47,00

Dr. DIRK NABERS, geb. 1968, ist Senior Research Fellow am GIGA German Institute of Global and Area Studies in Hamburg und Lehrstuhlvertreter für Internationale Beziehungen an der Universität Stuttgart.