01. Januar 2005

Willkommen im Land der Gotteskrieger

Buchkritik

Es sind radikale Ideen, von denen Terroristen geleitet sind – Ideen, die nicht in unsere Welt passen. Darum war es für die amerikanische Regierung nach dem 11. September von Beginn an schwierig, Islam und Terrorismus zu trennen. Welche Ideen, wenn nicht radikal-islamistische, verfolgen die Terroristen? Präsident Bush versucht den Antagonismus zwischen einer westlichen, zivilisierten Welt und einer nichtwestlichen, unzivilisierten Welt zwar teilweise zu entschärfen, indem er nicht die islamische Welt als Ganzes, sondern lediglich einen extremistischen Teil für schuldig erklärt. Der Islam als Religion stehe für Frieden, Al-Qaida dürfe nicht als Verkörperung dieser in Wahrheit versöhnlichen Religion missverstanden werden.

Dennoch, so lautet der Vorwurf, habe der Präsident den Antagonismus zur islamischen Welt durch den ihm eigenen christlichen Fundamentalismus verschärft. Das neue Buch des amerikanischen Kommunikationswissenschaftlers David Domke bietet für diese Kritik ein exzellentes Beispiel. Die Religiosität Bushs ist demzufolge eben nicht die für amerikanische Präsidenten so typische zivilreligiöse Färbung mit ihren allenthalben bekannten Glaubensbekundungen, mit ihrer Pflege von Symbolen und Ritualen. Bushs erste Amtszeit habe weit mehr geprägt: Domke wirft dem Präsidenten vor, sich der gleichen Stilmittel zu bedienen wie jene, die er bekämpft. Die Universalität der von ihm präsentierten Normen und eine radikale Intoleranz gegenüber Andersdenkenden stehen für eine Politik, die sich im so genannten „Krieg gegen den Terror“ manifestiert.

Domkes Buch ist konzeptionell wie empirisch überzeugend, die Lektüre ist ein Genuss. Ausgehend vom Konzept der „binären Diskurse“ entwickelt er zunächst ein diskursanalytisches Instrumentarium zur Untersuchung der von Bush dominierten Debatte über die Folgen des 11. September für die USA und die Welt. Zurückgehend auf de Saussure und Derrida bestimmen sich Diskurse danach durch Beziehungen zwischen den teilnehmenden Akteuren und sind durch binäre Oppositionen wie gut/böse oder zivilisiert/barbarisch strukturiert. Macht wird im Diskurs dadurch erzeugt, dass eines der beiden als gegensätzlich konstruierten Elemente privilegiert wird.

Domke untersucht in der Folge die wichtigsten Reden des amerikanischen Präsidenten zwischen dem 11. September 2001 und dem 1. Mai 2003, dem Tag, an dem Bush die unmittelbaren Kampfhandlungen im Irak für beendet erklärte. Um die Breitenwirkung dieser Reden besser verstehen zu können, zieht er für seine Analyse außerdem Leitartikel in amerikanischen Tageszeitungen heran, die sich direkt darauf beziehen.

Die empirischen Befunde des Buches sind auch für ein breites, nicht nur für ein akademisches Publikum interessant und spannend. Eine Katas trophe wie der 11. September prüft Bushs Verständnis zufolge, ob das gesamte amerikanische Volk auch wirklich entschlossen auf dem von Gott vorgezeichneten Weg des Friedens, der Freiheit und des Fortschritts voranschreitet. Bushs Metaphorik sei abgrenzend. Mit der „Rede zur Lage der Nation“ vom 29. Januar 2002, in der Bush das Wort von der „Achse des Bösen“ (axis of evil) der Weltöffentlichkeit präsentierte, kommt der stark religiös konnotierte Begriff „evil“ ins Spiel. So lässt sich die Welt in ein gutes und ein böses Lager, in Freunde und Feinde einteilen. Das Ziel muss dem amerikanischen Präsidenten zufolge heißen, die Welt nicht nur sicherer, sondern auch besser zu machen. Globalisierung wird in diesem Diskurs als die moderne Entsprechung des Zivilisationsprozesses begriffen. Analog ist es aber auch möglich, den seit dem 11. September als weltumspannendes Phänomen sichtbar werdenden Terrorismus als barbarische Herausforderung der bestehenden globalen Ordnung aufzufassen.

Die Essenz der meisten Reden lautet dabei wie folgt: Gott ist gerecht; die Gerechtigkeit steht auf der Seite Amerikas; mithin ist Gott logischerweise mit den USA. Das Buch von Domke ist ein herausragendes Beispiel für eine kritische Studie zur zweiten Amtsführung von George W. Bush als Präsident der USA.

David Domke: God Willing? Political Fundamentalism in the White House, the “War on Terror” and the Echoing Press. Pluto Press, Ann Arbor/London 2004. 240 Seiten, 20 €