Deutschland muss sich neu erfinden
Erleichterung, Enttäuschung und Sorge begleiten in Frankreich den deutschen Führungsanspruch in Europa. Dieser erfordert eine neue nationale Identität.
Anfang Februar erweckte die in Washington für den Council on Foreign Relations tätige deutsche Politikwissenschaftlerin Liana Fix mit ihrem Essay zur deutschen Frage in Foreign Affairs eine alte europäische Debatte zu neuem Leben (auf Deutsch erschienen als „Europas nächster Hegemon“ auf der Website der IP, 3. März 2026). Der neue Führungsanspruch Berlins in sicherheitspolitischen Fragen müsse erklärt und europäisch eingebettet werden, warnte die Expertin für europäische Sicherheit und transatlantische Beziehungen. Ihre Argumentation traf einen Nerv, bis ins Kanzleramt. Im Rahmen eines Besuchs in Washington traf Bundeskanzler Friedrich Merz Liana Fix, um über ihren Artikel zu sprechen.
Seitdem hat die Debatte um deutsche Führung in Europa auch außerhalb von Expertenkreisen Fahrt aufgenommen. Immer mehr Journalistinnen und Journalisten aus dem Ausland greifen sie auf und tragen sie – angereichert mit den Eigenheiten ihrer jeweiligen nationalen Kontexte – an deutsche Regierungsvertreter und Beobachter heran. Die entscheidende Frage ist überall dieselbe: Was bedeutet der neue Führungsanspruch Deutschlands für die Zukunft Europas?
Das Thema treibt natürlich auch Paris um. Dortige Reaktionen lassen sich vereinfacht in drei Kategorien unterteilen: kurzfristig Erleichterung, dass Berlin endlich verstanden hat; mittelfristig Enttäuschung, weil die Trendwende zunächst national bleibt; und schließlich, langfristig, Sorgen, die sich aus der Kombination einer ungeklärten deutschen Identität und aktuellen innenpolitischen Entwicklungen ergeben.
Berlin hat verstanden
Beginnen wir mit der Erleichterung. Die war in Paris sowohl nach der „Zeitenwende-Rede“ von Bundeskanzler Olaf Scholz (2022) als auch nach den „Epochenbruch“-Äußerungen seines Nachfolgers Merz (2025) spürbar. Dass Deutschland nach der russischen Invasion der Ukraine „in einer anderen Welt“ aufgewacht sei, wie Außenministerin Annalena Baerbock nach einer Krisensitzung des Kabinetts am 24. Februar 2022 zu Protokoll gab, wurde in Paris gleich aus zwei Gründen begrüßt: Einmal, weil es den Eindruck dort bestätigte, dass die politischen Eliten Deutschlands lange in einer Traumwelt gelebt und länger als alle anderen an Francis Fukuyamas „Ende der Geschichte“ und den Sieg der demokratisch-liberalen Ordnung geglaubt hatten. Und auch, weil die Eliten in Paris, einschließlich Staatspräsident Emmanuel Macron, für sich in Anspruch nehmen, viel früher als die Deutschen aufgewacht und der These Fukuyamas ohnehin nie erlegen zu sein.
Dieser Eindruck ist deshalb so wirkmächtig, weil er einem wesentlichen Zug der dominanten französischen europapolitischen Identität schmeichelt. Seit Frankreich in den 2010er Jahren, nach der Finanz- und Staatsschuldenkrise und der Agendapolitik der rot-grünen Regierung Gerhard Schröders, bei vielen zentralen ökonomischen Kennzahlen den Anschluss an Deutschland verlor – dem Bruttoinlandsprodukt, Exportüberschüssen, der Staatsverschuldung – wurde der Status als führende außen- und sicherheitspolitische Macht des Kontinents ein unerlässlicher Rückzugsort des kollektiven Selbstbewusstseins in Paris. Seit dem Brexit-Referendum 2016 und dem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU gewann dies noch weiter an Bedeutung.
Dass deutsche Regierungen seit 2022 plötzlich auch in der Außen- und Sicherheitspolitik selbstbewusste Führungsansprüche formulieren, ist eine bedeutende Herausforderung dieses Selbstverständnisses. Da hilft es auch wenig, dass zugleich das über Jahre scheinbar unschlagbare deutsche Wirtschaftsmodell plötzlich ungeeignet für das 21. Jahrhundert wirkt, nicht mehr konkurrenzfähig und dringend reformbedürftig.
Mehr Geld – für Deutschland
Ein zweites prominentes Motiv für den französischen Blick auf die deutsche Aufrüstung ist Enttäuschung. Die äußerte sich öffentlich erstmals, als ein wesentlicher Teil des neuen deutschen Geldes – erst aus dem 100 Milliarden schweren „Sondervermögen“ der Scholz-Koalition und dann durch die unbegrenzten finanziellen Spielräume für Verteidigungsausgaben dank der Reform der Schuldenbremse unter Merz – für deutsche und außereuropäische Güter verplant wurde statt für französische. Symbol dieses Dissenses bleibt bis heute das Future Combat Air System (FCAS), dessen Scheitern nach monatelangem Hin und Her Anfang Juni aus deutschen Regierungskreisen bestätigt wurde.
Als Berlin sich 2022 final für den Kauf amerikanischer F-35-Jets entschied, waren in Paris viele Politiker enttäuscht. Als die von Scholz initiierte European Sky Shield Initiative (ESSI) mit Systemen aus den USA und Israel geplant wurde, jedoch ohne französische, wuchs die Enttäuschung. Und als Merz schließlich im Februar 2026 bezweifelte, dass der Kern von FCAS, ein Kampfflugzeug der sechsten Generation, mit Frankreich gebaut werden könne, schlug die Enttäuschung vielerorts in Wut um.
Berlin hat einen pawlowschen Reflex geschaffen: Der neue deutsche Führungsanspruch weckt Hoffnung auf fiskalische Zugeständnisse
Nicht nur in Frankreich verbindet sich mit der Berliner Zeitenwende und Aufrüstung der Bundeswehr die Hoffnung auf eine Vertiefung der EU. Die speist auch der Umstand, dass der Mehrheit der europäischen NATO-Staaten absehbar gravierende Verteilungskonflikte drohen: Dass die NATO-Ziele für Verteidigungsausgaben (3,5 Prozent des BIP bis 2035) erreicht werden und gleichzeitig die Sozialsysteme auf heutigem Niveau erhalten werden können, wird in Frankreich und Italien früher als in Deutschland als fiskalisch unmöglich entlarvt werden. Der deutsche Außenminister Johann Wadephul sprach diese schlichte Wahrheit, die von Politikern aller Parteien und aller Staaten vor sich hergeschoben wird, im Februar mit Blick auf Frankreich in einem Radiointerview offen aus. Die Verteilungskämpfe und Zielkonflikte zwischen Verteidigungs- und Sozialausgaben kommen, und die Frage ist nicht, ob, sondern wann sie öffentlich ausbrechen.
Im europäischen Ausland – auch in Frankreich – wird der deutsche Führungsanspruch in der Verteidigungspolitik häufig implizit mit fiskalischer Solidarität aus Berlin verknüpft. Das kann kaum überraschen: Schließlich waren es unter Angela Merkel in vielen Krisen – von der Euro- und Staatsschuldenkrise bis zur Covid-Pandemie – die deutsche Bonität, der Ruf der Bundesbank und am Ende deutsche Steuerzahler, die den Löwenanteil der Kosten und Risiken des fiskalischen Auswegs trugen. Als Scholz, Merkels Finanzminister, selbst Kanzler wurde, eilten ihm vor seinem Antrittsbesuch in Paris entsprechende Erwartungen voraus. Und auch Friedrich Merz ließ sich auf diese deutsche Art ein, Krisen in Brüssel mit Geld zuzuschütten, nachdem sein Plan fehlgeschlagen war, eingefrorene russische Vermögenswerte zur Unterstützung der Ukraine zu verwenden.
Die deutsche Europapolitik hat über die Jahre einen wirkmächtigen pawlowschen Reflex geschaffen: Der neue deutsche Führungsanspruch weckt bei Partnern die Hoffnung auf neue fiskalische Zugeständnisse.
Eine deutsche Identitätskrise
In die Enttäuschung französischer Beobachter, die mit schlechten Nachrichten aus Berlin zurückkehren, mischen sich immer häufiger Sorgen. Da ist zunächst die Sorge, dass Deutschland zwar viel Geld hat, aber keinen Plan, keine langfristige Strategie. Dass das gerade in Paris früh auffällt, kann nicht verwundern. Zum einen entspricht es dem komplexbehafteten Blick eines Staates, der fiskalisch mit dem Rücken zur Wand steht. Zum anderen, und positiver gewendet, korrespondiert es mit einer strategischen Kultur, die seit Jahrzehnten aus Mangel eine Tugend macht: von der national souveränen nuklearen Abschreckung mit ihrem vergleichsweise bescheidenen Arsenal (und Konzepten wie der strategischen Ambiguität) bis hinunter auf die taktische Ebene und das Ideal des militärischen Anführers, der Rustikalität mitbringt und in der Not aus wenig viel macht. Aus dieser Sicht ist der ehemalige Exportweltmeister Deutschland ein satter und (noch) fetter Staat, der so viel Geld ausgeben kann, dass er keine Strategie braucht und nicht priorisieren muss.
Die Verantwortlichen in Berlin müssen lernen, mit einem neuen Blick der Nachbarn auf Deutschland umzugehen
Schon in der Berichterstattung zur Bundestagswahl 2025 – die Schuldenbremse war noch nicht gelockert, und links wie rechts der Mitte hoffte man auf komfortable Mehrheiten – warfen Auslandskorrespondenten aus Frankreich jedoch dringende Fragen auf: Nach der Rückkehr von Reisen nach Wolfsburg oder ins Ruhrgebiet fragten sie, was die Lücke in der deutschen Identität füllen werde, wenn der Exportweltmeister-Titel verblasst sei, Marken wie VW oder Siemens als globale Unternehmen, die wettbewerbsfähig bleiben wollten, ihre Produktion vollends ins Ausland verlagert hätten. Dass die (west)deutsche nationale Identität nach 1945 wesentlich auf ökonomischen Erfolgen gründete, auf dem Wirtschaftswunder der 1950er Jahre oder der Exportweltmeisterschaft der 2010er Jahre, wurde in Frankreich mit wohlwollendem Unverständnis zur Kenntnis genommen. Dass diese Identität jetzt auf die Rüstungsindustrie umzuschwenken scheint, wirft Fragen auf.
Weil zugleich mit der AfD eine rechtsnationale Kraft seit Monaten bundesweit Umfragen anführt und ab Herbst ostdeutsche Bundesländer regieren könnte, wachsen die Sorgen. In Frankreich ist nicht unbemerkt geblieben, dass der bundesweite Erfolg der AfD in Teilen auf ostdeutschem Revanchismus aufbaut, dessen Protagonisten statt auf Westbindung und Verfassungspatriotismus teils auf eine nationalistische Renaissance setzen, die mit Verweisen auf Preußen spielt, Ostdeutschland gelegentlich „Mitteldeutschland“ nennt, eine hegemoniale Rolle Deutschlands in Mitteleuropa einfordert und die Europapolitik Macrons als Erbe napoleonischer Eroberungspolitik oder „Rheinbund 2.0“ bezeichnet.
In Paris sorgte vor Kurzem der deutsch-israelische Historiker Dan Diner in einem Interview mit der Tageszeitung Le Monde mit der Beobachtung für Aufsehen, die Bundesrepublik der Nachkriegszeit sei gerade dabei, wieder zu Deutschland zu werden.
Notwendige deutsche Selbstfindung
Erleichterung, Enttäuschung, Sorge – dieser Dreiklang wird Bundesregierungen absehbar begleiten, wenn sie Führungsansprüche in Europa formulieren – auch, aber nicht nur aus Frankreich. Die Verantwortlichen in Berlin müssen lernen, mit einem neuen Blick der Nachbarn auf Deutschland umzugehen. Spöttische Betrachtungen der über Jahrzehnte erlernten deutschen Hilflosigkeit in außen- und verteidigungspolitischen Fragen dürften mehr und mehr dem Wunsch weichen, frühzeitig in Berliner Pläne eingebunden zu werden. Eine Übergangsphase des europäischen Misstrauens, die folgen dürfte, wird aus Sicht der deutschen Politik in höchstem Maße ungewohnt und unangenehm sein.
Trotzdem ist dieser Prozess unumgänglich. Deutschland wird im 21. Jahrhundert nicht europäisch führen können, ohne zuvor die eigene Identität überprüft, neu bewertet und modernisiert zu haben. Die Vorstellung, dass die Westbindung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mit ihrer transatlantischen Identität und der willentlichen Abhängigkeit von US-Sicherheitsgarantien, einfach gegen eine neue, europäische Bindung und Abhängigkeiten getauscht werden kann, ist eine gefährliche Illusion. Deutschland wird in Zukunft selbst führen müssen und nur ernst genommen werden, wenn diese Führung auf einem nationalen Selbstbewusstsein gründet. Dass dieser nationale Schritt zurück vermieden werden kann, bevor eine weitere Vertiefung der europäischen Integration begonnen wird, ist eine deutsche Täuschung – auch das macht ein Blick insbesondere nach Frankreich sehr deutlich.
Internationale Politik 4, Mai/Juni 2026, S. 32-36