01. September 2011

Abschreckung zwecklos?

Was ist, wenn der Iran die Bombe hat: Skizze einer überfälligen Debatte

An den Absichten des Iran besteht heute kein Zweifel mehr: Teheran greift nach der Atombombe. Wer gegen das Nuklearprogramm nicht militärisch vorgehen will, bevor es zu spät ist, muss dringend über eine neue Abschreckungspolitik nachdenken. Die Möglichkeit eines stabilen „Gleichgewichts des Schreckens“ scheidet dabei aus.

Es war die bislang deutlichste Aussage der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) zum Thema iranisches Nuklearprogramm: Es ließen sich, so hieß es in dem am  8. November an die 35 MItgliedsstaaten ausgehändigten Report, deutliche HInweise darauf finden, dass Iran seit 2003 an der Entwicklung nukearer  Waffen arbeitet. Je näher der Iran seinem Ziel kommt, desto dringlicher wird eine neue Abschreckungsstrategie des Westens. Doch wie könnte eine solche Strategie aussehen?

Drei Szenarien sind zu berücksichtigen: Eine iranische Atombombe führt zu einem Wettrüsten im Mittleren Osten; ein nuklear bewaffneter Iran würde auf konventionellem sowie subnuklearem Niveau – also ohne die Waffe direkt einzusetzen – aggressiver auftreten; der Iran oder ein nach ihm die nukleare Schwelle überschreitender Staat könnte die Bombe offensiv einsetzen. Erst nach einer solchen Risikoanalyse ist eine mögliche Abschreckungsstrategie abzustecken und zu bewerten. Diese Überlegungen haben natürlich spekulativen Charakter, das liegt im Wesen der Abschreckung. Das darf aber kein Grund sein, die Debatte nicht zu führen. Zu viel steht auf dem Spiel, im schlimmsten Fall das Leben Tausender Menschen.

Hochangereichertes Uran

Die militärische Dimension des iranischen Atomprogramms steht heute außer Frage. Im Juni dieses Jahres hat der Chef der iranischen Atomenergiebehörde Feridun Abbasi Davani angekündigt, Irans Kapazitäten zur Erzeugung hochangereicherten Urans verdreifachen zu wollen. Dabei beträgt der Gehalt des spaltbaren Isotops U-235 mehr als 20 Prozent. Nun hat der Iran bereits ein ziviles Atomkraftwerk und will weitere Anlagen bauen. Diese Kraftwerke benötigen aber nur auf 3,5 Prozent angereichertes Uran. Zur zivilen Nutzung könnte hochangereichertes Uran allenfalls als Treibstoff für Forschungsreaktoren eingesetzt werden, etwa um Isotope für medizinische Zwecke zu erzeugen. Der relativ leistungsstarke Forschungsreaktor in der Nähe Teherans produziert aber schon jetzt mehr Radioisotope, als das Land nutzen kann. Zudem würde die beschleunigte Produktion hochangereicherten Urans laut Einschätzung des britischen Außenministeriums zu Lasten des regulären Betriebs ziviler Reaktoren gehen.William Hague: Iran’s Nuclear Threat is Escalating, The Guardian, 11.7.2011. Davanis Ankündigung hat daher einen klaren Subtext: Das iranische Atomprogramm hat eine militärische Zielsetzung.

Daneben bemüht sich Teheran um Trägersysteme und Zündmechanismen. Vor kurzem hat der Chef der Raumfahrtdivision der Revolutionären Garden, Amir Ali Hadschisadeh, erstmals behauptet, der Iran habe zwei Raketen mit 1900 Kilometern Reichweite von der Semnan-Provinz bis in den Indischen Ozean geschossen.Alastair Good: Iran Claims Long-Range Missile Test, The Telegraph, 9.7.2011. Es ist durchaus möglich, dass Teheran die Entwicklung der Ghadr-1, einer Mittelstreckenrakete mit Flüssigbrennstoff, vorantreibt, um sie als nukleare Trägerplattform zu nutzen. Bei der Entwicklung von Zündmechanismen kann Teheran wohl auf die Unterstützung Nordkoreas zählen.

Können die Maßnahmen der internationalen Gemeinschaft das Nuklearprogramm des Iran bremsen oder stoppen? Wohl beginnen manche Sanktionen zu greifen. Der iranische Energiesektor hat Einbußen von etwa 60 Milliarden Dollar allein durch gekündigte und eingefrorene Projekte zu verzeichnen. Bankgeschäfte, die Versicherung des Seehandels, finanzielle Transaktionen und Kapitalinvestitionen aller Art werden schwieriger. Die Zentralbank in Teheran hat angeblich Probleme mit ihrer Zahlungsfähigkeit. Der Westen scheint mit dem Cybervirus „Stuxnet“ etwas Zeit gewonnen zu haben. Die gezielte Tötung iranischer Atomphysiker durchkreuzt immer wieder die Pläne des Teheraner Regimes. Es gibt aber kaum Anhaltspunkte, dass diese Maßnahmen das Atomprogramm stoppen oder auch nur ausreichend bremsen können. Höchste Zeit also, sich Gedanken zu machen, wie die Welt auf einen möglichen iranischen Atomtest reagieren soll.

Wettrüsten im Mittleren Osten

Der Mittlere Osten bleibt auf absehbare Zeit die wohl gefährlichste Weltregion. Ein Wettrüsten in der islamischen Welt ist kein unrealistisches Szenario. Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi verfolgte bis 2003 ein eigenes Atomprogramm. Damit flog das in erster Linie von kriminellem Gewinnstreben motivierte Netzwerk des pakistanischen Atomwissenschaftlers A.Q. Khan auf, in das auch der Iran verstrickt war. Hätte Gaddafi über Atomwaffen verfügt, wäre vermutlich der Aufstand in Libyen anders verlaufen, da sich die Frage nach einer Intervention der NATO anders gestellt hätte.

Etwa zehn Länder der Region verfolgen heute zivile Atomprogramme, darunter Algerien, Bahrain, Ägypten, Jordanien, Saudi-Arabien, die Türkei und die Vereinigten Arabischen Emirate. Neben dem zivilen Nutzen atomarer Stromgewinnung sind solche Programme eine Voraussetzung für mögliche militärische Anwendungen. Angesichts der geopolitischen Situation ist zu vermuten, dass sich hinter legitimen zivilen in Wirklichkeit militärische Interessen verbergen.

Die USA haben dieses Risiko erkannt. Deshalb setzt Washington jetzt seine Gespräche über eine nukleare Kooperation mit Saudi-Arabien wieder fort. Bereits 2008 hatte George W. Bush eine vorläufige Vereinbarung mit dem saudischen Königreich unterzeichnet, die dem Land, das ein Fünftel der weltweiten Ölreserven besitzt, Zugang zu angereichertem Uran verspricht. Riad, so das amerikanische Kalkül, müsse dann keinen eigenen Treibstoffzyklus entwickeln. Im Oktober 2009 hat der US-Kongress ein ähnliches Abkommen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten ratifiziert. Ziel ist, die Weiterverbreitung von Nukleartechnologie zu verhindern.

Dennoch werden einige arabische Länder nervös. „Es ist in unserem Interesse, dass der Iran keine Atombombe entwickelt“, sagte der saudische Prinz Turki al-Faisal, ehemaliger Botschafter des Königreichs in Washington, Ende Juli. „Dies würde Saudi-Arabien zu politischen Entscheidungen zwingen, die unsagbare und möglicherweise dramatische Auswirkungen hätten.“Jay Solomon: U.S., Saudis to Discuss Nuclear Agreement, Wall Street Journal, 30.7.2011.

Würden Saudi-Arabien oder Ägypten akzeptieren, dass es eine israelische und mit dem Iran eine „schiitische“, aber keine „sunnitisch-arabische Bombe“ geben soll? Wohl nicht; und erst recht nicht, wenn gleich mehrere arabische Länder andeuten oder offen anstreben, ebenfalls Nuklearmacht zu werden. Die Türkei könnte sich gezwungen sehen, gleichzuziehen. Der Besitz der Atombombe oder zumindest des entsprechenden Know-hows droht zum Statussymbol zu werden: Ein nukleares Wettrüsten im Nahen und Mittleren Osten ist wahrscheinlicher als kein nukleares Wettrüsten.

Subnukleare Eskalation

Während des Kalten Krieges waren sich USA und Sowjetunion über das nukleare Paradigma weitgehend einig. Beide kannten die Strategie des jeweils anderen und richteten ihr Handeln danach aus. Diese Einsicht war das Fundament von „mutually assured destruction“, bekannt unter der Abkürzung MAD. Weil die Strategie des Gegners bekannt und konstant zu sein schien, war es eben nicht verrückt, sondern rational, die eigene Strategie nicht zu ändern. Der Status quo blieb erhalten. Daraus folgte ein stabiles Gleichgewicht – zumindest in der Theorie. In der Praxis erwies sich dieses Gleichgewicht zuweilen als gefährlich fragil. Während der Kuba-Krise 1962 oder als die sowjetische Führung die NATO-Kommandostabsübung „Able Archer“ von 1983 für die Tarnung eines tatsächlich geplanten Angriffs hielt, wäre das Gleichgewicht des Schreckens beinahe gänzlich aus der Balance geraten. Die Folgen wären fatal gewesen. Grundsätzlich aber ist die Annahme eines derartigen Gleichgewichts dann sinnvoll, wenn die Gegner ein Paradigma teilen.

Im Fall des Iran aber ist diese Annahme problematisch. Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte zeigen, dass Teheran nicht die Vorstellungen und Überzeugungen seiner Gegner teilt, sondern diese sehr einfallsreich und erfolgreich unterläuft. Dazu gehört der gezielte Aufbau einer Organisation wie der Hisbollah. Als paramilitärische Organisation muss sie keine Regierungsverantwortung oder die Verantwortung für ein Staatswesen und dessen gesamte Bevölkerung tragen; gleichzeitig verfügt sie aber mit ihrem stetig wachsenden Raketenarsenal über mehr strategische Feuerkraft als viele NATO-Mitglieder. Ein zweites Beispiel ist der nun schon acht Jahre währende Kleinkrieg zwischen Irans Revolutionsgarden und US-Streitkräften um politischen und wirtschaftlichen Einfluss im Irak. Dieser Konflikt wird von Teheran mit solch großem Einfallsreichtum geführt, dass die USA ihn erst gar nicht durchschauten und dann dessen Existenz bestritten.

Mit Bedacht verhält sich der Iran vage und widersprüchlich; er weicht aus, wechselt die Richtung, geht indirekt vor oder nutzt Stellvertreter zur Durchsetzung seiner Interessen. Solches Verhalten berechtigt zur Annahme, dass Teheran und seine Verbündeten unter dem Schutz einer Nuklearwaffe den Einsatz nichtnuklearer Mittel eskalieren könnten.

Schon jetzt liefert der Iran Waffen und militärische Ausrüstung an Extremisten im Irak, an Syrien, an die libanesische Hisbollah, an die den Gaza-Streifen kontrollierende Hamas sowie an Aufständische in Afghanistan. „Die Iraner sind sehr kreativ“, meint Ron Tira, Oberstleutnant und einer der innovativsten Planer der israelischen Streitkräfte. „Sie werden mit Sicherheit originelle Möglichkeiten finden, die Hebelwirkung von Nuklearwaffen zu nutzen.“ Tira nennt Beispiele für denkbare Szenarien: Der Iran könnte bewusst eine nukleare Krise herbeiführen und dann im letzten Moment deeskalieren, um seine Gegner psychologisch zu zerrütten; ein Nukleartest auf iranischem Staatsgebiet während einer Krise könnte deren Ablauf beeinflussen; sollte der Iran in konventionelle Operationen verwickelt werden, könnten Nuklearwaffen in die Gefechtsregion verlegt werden, um damit den Gegner unter Druck zu setzen oder zu erpressen. „Hätten die USA Kuwait befreit, wenn Saddam dort eine Atombombe im Stadtgebiet angekündigt hätte?“, fragt Tira.Siehe im Detail Ron Tira, Ma’arachot, 436, April 2011, Tel Aviv, S. 16–22, auf Hebräisch.

Auch das Verhalten von nichtnuklearen Mächten könnte sich ändern. Syrien scheute sich in der Vergangenheit und selbst in dramatischen Situationen, chemische Kampfstoffe gegen Israel einzusetzen, etwa während des Libanon-Kriegs 1982. Ein Staat oder eine militante Organisation, die sich unter dem Schutz eines nuklearen Iran wähnt, könnte zu der Einschätzung gelangen – ob gerechtfertigt oder nicht –, dass der Einsatz von Waffen, die bisher als maximale Eskalation oder als Tabu galten, nun möglich sei. Schließlich könnte es ja nun durch nukleare Eskalation noch viel schlimmer kommen. Die Hisbollah könnte so davon ausgehen, dass Israel die Entführung von Soldaten nicht mehr wie 2006 mit einem Krieg beantworten würde. Damit könnte selbst ohne das aktive Zutun des Iran eine konventionelle oder subnukleare Eskalation von kleineren Streitpunkten herbeigeführt werden. Letztlich ist nicht auszu-schließen, dass eine solche Eskalation dann eine nukleare Ebene erreichen könnte. Ein subnuklearer Einsatz von Kernwaffen wäre also langfristig wahrscheinlicher als kein subnuklearer Einsatz von Kernwaffen im Nahen und Mittleren Osten.

Der Einsatz nuklearer Waffen

Könnte es zum Einsatz von Kernwaffen kommen? Historische Erfahrungen, politische Grundkonstanten sowie theoretische Einsichten weisen darauf hin, dass ein nukleares Gleichgewicht in der Region aus mehreren Gründen höchst fragil wäre.

Zunächst sei die Stabilität von Abschreckung bedacht. Besitzt ein Land nur wenige Waffen, dann wären sie geheimdienstlich leichter zu lokalisieren. Es gäbe so die Möglichkeit, die Zweitschlagskapazität des Gegners zu zerstören. Vor allem in einer Krise könnten sich der Iran oder Israel deshalb entscheiden, zuerst anzugreifen.

Aus dem Kalten Krieg kennen wir Konzepte, wie eine solche Dynamik vermieden werden könnte; eines davon ist die „quantitative Sättigung“. Die Stabilität einer fragilen Situation würde demnach wachsen, wenn die beiden Gegner nicht fünf, sondern 50 Nuklearwaffen besäßen und diese an vielen verschiedenen Orten und auf überlebensfähigen Trägersystemen lagerten, denn damit würde ein erfolgreicher Zweitschlag unwahrscheinlicher. In einer so volatilen Region wie dem Nahen und Mittleren Osten ist es allerdings wahrschein-licher, dass sich „Nebenwirkungen“ des Konzepts bemerkbar machen: Proliferation, Unfälle, Missverständnisse, bis hin zur Möglichkeit, dass Massenvernichtungswaffen in die Hände von Fanatikern geraten.

Zweitens sind die geografischen Gegebenheiten im Mittleren Osten zu berücksichtigen. Das trifft auf Israel zu, das ein winziges Land ohne strategische Tiefe ist. Nur wenige Atomschläge könnten bereits eine katastrophale Wirkung haben. Der ehemalige iranische Präsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani hat im Dezember 2001 anlässlich des Al-Kuds-Tages, an dem die iranische Führung alljährlich zur „Befreiung Jerusalems“ aufruft, eine solche Überlegung öffentlich geäußert: „Der Einsatz sogar einer einzigen Bombe gegen Israel würde alles zerstören. Es ist nicht irrational, eine solche Möglichkeit in Erwägung zu ziehen.“Qods Day Speech (Jerusalem Day), Ali Akbar Haschemi Rafsandschani, 14.12.2001, Voice of the Islamic Republic of Iran, Teheran, translated by BBC Worldwide Monitoring.

Die Flugzeiten zwischen dann nuklear gerüsteten Ländern wären sehr kurz: Ein Kampfjet bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von etwa 14 Kilometern pro Minute. Die Flugzeit von der jordanischen Grenze bis nach Tel Aviv beträgt damit fünf Minuten.Amos Harel: Israel air force prepping for ‘air terrorism’ with real-life scenarios, Haaretz, 22.4.2011. Frühwarnzeiten wären also im Vergleich zum Kalten Krieg drastisch verkürzt. Reaktionen müssten schnell erfolgen, was rasche Entscheidungen erfordert: Einige Länder könnten im Ernstfall Kommando-autoritäten auf regionale Kommandeure übertragen. Insbesondere neue Nuklearmächte mit verwundbarem Arsenal könnten sich gezwungen sehen, eine Einsatzstrategie des „launch on warning“ anzunehmen. Beides würde das Risiko versehent-licher oder falsch ausgelöster Gegenschläge weiter erhöhen – insbesondere in Kombina-tion beider Annahmen. Dima Adamsky vom Inter-disciplinary Center Herzlija hat jüngst in einem Aufsatz für Foreign Affairs festgestellt, dass sowohl der Iran als auch Israel „am Anfang einer Lernperiode“ stünden: „Intendierte und nicht intendierte nukleare Signale könnten missverstanden werden und die iranische sowie israelische Unerfahrenheit, Impulsivität und Unbedarftheit, was die jeweils andere strategische Kultur betrifft, würden mit ins Spiel kommen.“Dima Adamsky: Can a Nuclear Iran Be Stopped?, Foreign Affairs, 2/2011, S. 155–159.

Drittens ist eine Abschreckungslogik aufgrund des Risikos eines Wettrüstens langfristig in einem multilateralen Kontext zu denken, nicht in einem bilateralen wie zwischen den Supermächten im Kalten Krieg oder auch zwischen Pakistan und Indien. Spieltheoretisch ist diese Problematik als „n-player competition“ bekannt. Solche Konstellationen ergeben oft ein weniger stabiles Gleichgewicht – das gilt ganz besonders für kleine nukleare Arsenale in einer multilateralen Konstellation. Während des Kalten Krieges war es die garantierte Zweitschlagskapazität, die stabilisierende Wirkung hatte. Zweitschlagsfähigkeiten würden im Mittleren Osten jedoch nicht zeitgleich und symmetrisch erreicht werden, sondern versetzt und mit asymmetrischer Verwundbarkeit, wahrgenommen sowie tatsächlich.

Angesichts kleiner Arsenale und kurzer Wege wären zudem überlegene technische Systeme sowohl in der Verteidigung wie im Angriff von größerer Wichtigkeit, was nicht nur zusätzliche Unsicherheiten sowie Rüstungswettrennen auslösen, sondern zudem externen Mächten destabilisierende Einflussmöglichkeiten geben würde.

Dies wäre aber im Ernstfall noch nicht alles: Selbst wenn die politische Führung eines Landes einen Erstschlag überlebte, wäre es eine anspruchsvolle Aufgabe, schnell und eindeutig festzustellen, welche regionale Nuklearmacht in einer verwirrenden Krisensituation überhaupt für den Angriff verantwortlich war. Das Risiko eines Vergeltungsschlags an die falsche Adresse kann also nicht ausgeschlossen werden.Eric S. Edelman, Andrew F. Krepinevich und Evan Braden Montgomery: The Dangers of a Nuclear Iran, Foreign Affairs, 1/2011, S. 66–81.Mehr Waffen an mehr Orten in mehr Händen in mehr fragilen Staaten hieße auch: größere Gefahr der Proliferation an nichtstaatliche Akteure, mehr Möglichkeiten für Missverständnisse, höheres Unfallrisiko. Langfristig betrachtet würde also die Wahrscheinlichkeit des Einsatzes einer Atombombe mit einem nuklearen Iran signi-fikant wachsen, und die Risiken würden über sehr lange Zeit bestehen bleiben. Ein Einsatz von Nuklearwaffen im Mittleren Osten wäre wohl so wahrscheinlich wie kein Einsatz. Sicher ist: Der potenzielle Schaden hätte katastrophale Ausmaße bis hin zum regionalen „All-out“-Nuklearkrieg.

Die Optionen

Mögliche Abschreckungsszenarien in dieser volatilen Region sind vielseitig und komplex. Einige seien hier angedeutet. Zunächst ginge es darum, die Weiterverbreitung von Atomwaffentechnologie durch Sicherheitsgarantien zu unterbinden. Solche Sicherheitsgarantien hätten eine Abschreckungsdimension. Die Vereinigten Staaten – womöglich die NATO – könnten versuchen, jenen Ländern eine nukleare Schutzgarantie anzubieten, die sich gegen ein eigenes Atomprogramm entscheiden. Lokale Atommächte könnten ihren Verbündeten ebenfalls einen solchen Schutzschirm zur Verfügung stellen, etwa Saudi-Arabien seinen Nachbarn Bahrain oder Jemen.

Doch die Erfahrungen des Kalten Krieges zeigen, dass eine solche Garantie nur sehr schwer mit der notwendigen Glaubwürdigkeit zu verbinden ist – von der militärischen Machbarkeit ganz abgesehen. Im Fall Westdeutschlands war es notwendig, amerikanische Waffen und amerikanische Truppen auf bundesrepublikanischem Boden zu stationieren, um glaubwürdig klarzumachen, dass ein sowjetischer Angriff auf Deutschland als Angriff auf die Interessen der USA verstanden würde. Eine zeitlich nicht begrenzte Stationierung westlicher Truppen in islamischen Ländern hätte politisch hohe Kosten, wie die Vergangenheit deutlich gemacht hat. Sollte der Iran tatsächlich in den Besitz der Bombe gelangen, wäre Amerikas Glaubwürdigkeit in der Region zudem ohnehin stark beschädigt. Drei renommierte amerikanische Autoren warnten erst kürzlich in Foreign Affairs: „Wenn die Vereinigten Staaten einen konventionell bewaffneten Iran nicht davon abhalten können, Nuklearwaffen zu erlangen, dann werden seine Partner im Mittleren Osten so gut wie sicher auch [Amerikas] Bereitschaft infrage stellen, einem nuklear bewaffneten Iran die Stirn zu bieten.“Ebda.

Eine subnukleare Eskalation durch den Iran zu unterbinden, wäre im Interesse vieler Staaten. Hier spielt Abschreckung bereits eine wichtige Rolle. Vorbild wäre dann jedoch nicht der Kalte Krieg, sondern die Art der Abschreckung, die Israel mit gewissem Erfolg gegen Hisbollah und Hamas praktiziert. Die Jahre nach dem Libanon-Krieg von 2006 und dem Gaza-Krieg vom Winter 2008/09 waren bemerkenswert ruhig. Abschreckung bedeutet hier aber nicht eine Abwesenheit von militärischer Gewalt, sondern ein permanentes Testen der „roten Linien“ des Gegners.

Die israelischen Streitkräfte spielen dieses „Spiel“ seit vielen Jahren gegen Hisbollah und Hamas. Vor allem der niedrigschwellige Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah seit Mitte der neunziger Jahre muss als permanentes Austesten solcher „roten Linien“ verstanden werden (eine solche Linie war zum Beispiel: „Wir tolerieren Angriffe in der Sicherheitszone im Südlibanon, nicht in Israel“). Immer wieder sind dabei beiden Seiten Fehleinschätzungen unterlaufen, die in regelmäßigen Abständen zu einer Eskalation geführt haben, zuletzt im Libanon-Krieg 2006. Ein solches „Abschreckungsgleichgewicht“ ist also keineswegs erstrebenswert – dennoch ist ein Alternativszenario ohne Abschreckung nicht denkbar, jedenfalls dann nicht, wenn man von einer weiter bestehenden existenziellen Feindschaft und politischem Interesse an einem andauernden Konflikt ausgeht, was realistische Annahmen bleiben. Dazu kommt, dass konventionelle Operationen notwendig sein könnten, um entsprechende „rote Linien“ zu ziehen. Angesichts der derzeitigen Kürzungen in den europäischen Verteidigungsbudgets und der aktuellen politischen Stimmung auch in den USA erscheint eine solche nichtnukleare Abschreckungsstrategie unrealistisch. In Teheran weiß man das.

Und schließlich ginge es darum, auf einen nuklearen Ernstfall reagieren zu können, unabhängig davon, ob dieser beabsichtigt war oder nicht. Die glaubwürdige Planung für den Ernstfall ist schließlich der Kern einer jeden Abschreckungsstrategie. Eine Reaktion der etablierten Nuklearmächte müsste schnell erfolgen, um eine mögliche regionale Eskalation zu verhindern. Selbst großflächige Raketenabwehrsysteme könnten einen nuklearen Angriff nicht in jedem Fall abwehren. In einem Bündnis wie der NATO müssten dann erneut Debatten über „targeting“ geführt werden, um mögliche Ziele nuklearer Vergeltungsschläge bereits im Vorfeld ins Auge zu fassen. In diesem Zusammenhang würde sich die Frage stellen, mit welcher Intensität ein Vergeltungsschlag angedroht werden soll, ob eine kleine oder eine große Stadt auf der Abschussliste stehen würde. Um Abschreckungswirkung zu entfalten, müssten diese Ziele glaubwürdig und öffentlich kommuniziert werden. Präsidenten, Premierminister und die Bundeskanzlerin müssten sich dann ernsthaft mit dem Gedanken befassen, mit Vergeltungsschlägen gegen Bevölkerungszentren zu drohen und diese womöglich sogar zu befehlen, zumindest aber gutzuheißen. Für westliche Staatschefs erscheint es allerdings derzeit politisch weder möglich noch überhaupt denkbar, eine solche Vergeltungsrhetorik aus den Zeiten des Kalten Krieges wiederzubeleben – geschweige denn, damit Ernst zu machen.

Amerikas, Europas und Israels Antwort auf das iranische Atomprogramm wird voraussichtlich früher oder später den Einsatz militärischer Mittel beinhalten müssen, sei es präventiv oder abschreckend. So oder so kann Drohen in Gewalt umschlagen, ob nuklear oder nicht. Der Westen steht also vor einer Entscheidung, die vielleicht bald keine mehr ist: sich entweder solch harten und unangenehmen Fragen einer äußerst risikoreichen und kostspieligen Abschreckungsstrategie zu stellen. Oder ernsthaft in Erwägung zu ziehen, das iranische Atomprogramm mit einem ebenfalls risikoreichen Einsatz militärischer Gewalt zu verzögern. Bald könnte diese zweite Option nicht mehr zur Verfügung stehen.

Dr. THOMAS RID ist Reader am Department of War Studies, King’s College London.