01. Februar 2007

Tod in den Trümmern

Buchkritik

Fünf Jahre hat der US-Publizist Lawrence Wright für sein Standardwerk über Al-Qaida recherchiert und dabei nicht weniger als 500 Interviews geführt. Das Ergebnis liest sich packend wie ein Roman und fundiert wie ein Forschungsbericht.

Von allen Büchern, die in den vergangenen Jahren zur Geschichte des islamistischen Terrorismus erschienen sind, ist „The Looming Tower“ eines der beeindruckendsten. Der Economist, die New York Times und die Washington Post setzten es auf die Liste der zehn besten Bücher des Jahres 2006, Romane eingeschlossen. Mit Recht. Das Buch hat die Kraft und Intimität eines packenden Romans und die historische Tiefe eines Forschungsberichts. Wright ist weit gereist, er hat rund 500 Interviews mit Beteiligten und Angehörigen geführt – von Bin Ladens bestem Schulfreund über saudische Geheimdienstmitarbeiter bis hin zu Richard Clarke, dem ehemaligen Antiterrorexperten des Weißen Hauses.

In den Mittelpunkt seiner Darstellung hat Wright Porträts der wichtigsten Protagonisten gestellt. Den Anfang macht Said Qutb, der intellektuelle Gründungsvater des heutigen Islamismus. Qutb kommt 1946 als Gaststudent nach Colorado, in das Provinzstädtchen Greenley. Der Campus dort ist liberal, der Frauenanteil hoch. Zu hoch für Qutb. „Ein Mädchen schaut dich an, wie eine liebreizende Nymphe oder eine entflohene Meerjungfrau“, schreibt er, offensichtlich stark verunsichert. „Aber wie sie sich dir nähert, spürst du den schreienden Instinkt in ihr, und du kannst den brennenden Körper riechen, nicht den Duft von Parfüm, nur Fleisch. Schmackhaftes Fleisch, wahrlich, aber dennoch Fleisch.“ Die USA erscheinen Qutb als rassistisch und dekadent. Nach zwei Jahren kehrt er radikalisiert nach Ägypten zurück. Er wird gefoltert, 1966 zum Tode verurteilt, gehängt. Qutb schreibt mehrere Bücher, in denen er die Ideologie der 1928 vom ägyptischen Volksschullehrer Hassan al-Banna gegründeten Muslimbruderschaft intellektuell unterfüttert.

Sein Landsmann Ayman al-Zawahiri liest Qutb bereits früh, schließt sich der Muslimbruderschaft an und gründet eine gegen die ägyptische Regierung gerichtete Terrororganisation, Al-Dschihad. Wie sein Idol wird er eingesperrt und grausam gefoltert. In den achtziger Jahren lernt Al-Zawahiri Osama Bin Laden kennen, in der pakistanischen Grenzstadt Peschawar, wo beide den Dschihad gegen den Kommunismus unterstützen. Der Mediziner will biologische und chemische Waffen einsetzen, führt das Selbstmordattentat als Taktik ein, vereint Al-Dschihad mit Al-Qaida.

Osama Bin Ladens Geschichte schließlich ist aufs engste mit jener Saudi-Arabiens verknüpft, wie Wright zeigt. Bin Ladens Vater, Mohamed, ist der wichtigste Bauunternehmer des Landes, hat engste Beziehungen zum Hause Saud, renoviert selbst die Große Moschee. Angewidert von amerikanischen Truppen auf heiligem Boden nach 1991, stellt sich Bin Laden gegen seine eigene Regierung, emigiert, agitiert, rebelliert.

Exzellent ist auch Wrights Porträt John O’Neills, der als Chef des FBI-Büros in New York bis Mitte 2001 auf Al-Qaida geradezu fixiert war, schließlich resignierte und Sicherheitschef im World Trade Center wurde. Seine gescheiterte Geheimdienstkarriere und sein Tod in den einstürzenden Türmen erscheinen bei Wright als Metapher für das Versagen der amerikanischen Geheimdienste. Mit dem Anschlag auf das World Trade Center, argumentiert Wright, habe Bin Laden das gleiche Ziel verfolgt wie mit den Angriffen auf die amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania im August 1998 und dem Anschlag auf das amerikanische Kriegsschiff USS Cole im Jemen im Oktober 2000: Bin Laden wollte die USA „in die gleiche Falle locken, in die bereits die -Sowjets getappt waren: Afghanistan“.

Eine der Stärken des Buches ist gleichzeitig seine größte Schwäche: der unmittelbare Erzählstil. Der Leser ist „dicht dran“, er ist wie bei Simenons Maigret gleichsam dem Täter direkt auf der Spur. Die Quellenlage rechtfertigt diesen Eindruck jedoch nicht; selbst Geheimdienste wissen nur wenig über Bin Laden. Das schmälert den hervorragenden Gesamteindruck eines Werkes jedoch nur geringfügig, dessen größte Leistung es ist, dem Leser die Selbstwahrnehmung von Al-Qaidas Führungsspitze nahe zu bringen.

Lawrence Wright: The Looming Tower. Al-Quaeda and the Road to 9/11. New York: Alfred A. Knopf 2006, 480 Seiten, 23,43 $.

Dr. Thomas Rid ist Tapir-Fellow am Institut français des relations internationales (ifri) in Paris, bei der Johns Hopkins University (SAIS) und bei der Rand Corporation in Washington, DC.
 

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 2, Februar 2007, S. 133 - 135.

Themen und Regionen

Teilen