Wider den katastrophalen Gradualismus
International bot das Jahr 2025 mannigfaltige Gründe für tiefe Sorgen und Verzweiflung. Warum trotz der Lage nüchterne Entschlossenheit die angemessenere Haltung ist, und was von Osteuropa zu lernen ist.
George Orwell hat 1946 in einem Essay eine neue intellektuelle Haltung identifiziert, die er als „katastrophalen Gradualismus“ bezeichnete. Dieser Begriff beschreibt die Überzeugung, dass die Geschichte von Katastrophe zu Katastrophe schreitet, wobei jedes Zeitalter genauso schlimm – oder fast genauso schlimm – ist wie das vorherige. Heute zeigt sich diese Haltung oft als fatalistische Überzeugung, dass etwa der Aufstieg der Populisten unvermeidlich ist, oder doch zumindest als passive Akzeptanz politischer Umwälzungen, geopolitischer Instabilität und eines drohenden Gefühls der Mehrfachkrise.
Angesichts der jüngsten Ereignisse ist die Tendenz westlicher Analysten, von „Zusammenbruch“ und „Ende“ zu sprechen, verständlich. Die Regierung unter Donald Trump entfernt die Vereinigten Staaten von Amerika rasch von der transatlantischen Gemeinschaft liberaler Demokratien und scheint den Westen in zwei Teile zu spalten: einen demokratischen und einen zunehmend illiberalen. Anders als im Kalten Krieg verläuft diese Trennlinie mitten durch die EU und die NATO selbst.
Der blockierte Weg der Ukraine
Noch vor wenigen Jahren glaubten viele, dass eine sich demokratisierende Ukraine bald einem Zustand beitreten könnte, den Francis Fukuyama einst als „Ende der Geschichte“ bezeichnet hatte. Nun ist klar, dass der Weg der Ukraine nicht nur durch die Aggression Russlands blockiert ist, sondern auch durch die Fragmentierung des Westens selbst.
Sollten wir uns dann der demokratischen Verzweiflung hingeben? Ganz im Gegenteil. Eine nüchterne, realistische Einschätzung des Zustands der Demokratie ist heute eine Voraussetzung für ihre Verteidigung. In den vergangenen Jahren war es der Optimismus – der Glaube, dass „alles gut werden wird“ –, der die Verteidiger der liberalen Demokratie in Selbstzufriedenheit wiegte.
Einige Entwicklungen lassen sich aus Gesellschaften, die lange Zeit als peripher zum alten, einzigartigen Westen galten, deutlicher erkennen. Insbesondere Ostmitteleuropa bietet einen klaren und überraschend mobilisierenden Blickwinkel.
„Liebe amerikanische Freunde, Europa ist Euer engster Verbündeter, nicht Euer Problem“, schrieb der polnische Ministerpräsident Donald Tusk in einem vielfach geteilten Beitrag auf X am 6. Dezember 2025. „Wir haben gemeinsame Feinde ... Wir müssen daran festhalten ... es sei denn, etwas hat sich geändert.“ Die Nachricht wurde innerhalb von drei Tagen 39 Millionen Mal aufgerufen – und übertraf damit die Social-Media-Präsenz eines ganz anderen Donalds: Donald Trump. Die Klarheit und Kühnheit, mit der Tusk die gemeinsamen Interessen artikulierte, die den Westen verbinden sollten, hatte etwas Erfrischendes.
Nüchterne Entschlossenheit
Die Geschichte Ostmitteleuropas ist eine Chronik wiederholter Modernisierungsversuche, unterbrochen vom Zusammenbruch von Staaten und politischen Systemen. Man könnte daher annehmen, dass die Bürger dieser Region die heutige Krise des Westens mit Resignation aufnehmen würden. Aber die demokratischen und wirtschaftlichen Veränderungen der vergangenen 35 Jahre wären ohne die politische Widerstandsfähigkeit, die durch eben diese Schwierigkeiten geprägt wurde, nicht möglich gewesen. In dieser Region führt die Erkenntnis einer tiefgreifenden Krise nicht zu Lähmung, im Gegenteil – sie löst Handeln aus.
In den 1980er Jahren deutete keine wirtschaftliche oder politische Prognose darauf hin, dass Freiheit in greifbarer Nähe läge. Und doch waren es genau diese eigentlich entmutigenden Bedingungen, die die Gesellschaften dazu bewegten, Veränderungen zu fordern. Ohne diese Widerstandsfähigkeit würde Polen heute wirtschaftlich nicht zu den G20-Staaten zählen.
Zum Ende des Jahres 2025 bieten wir folgende Perspektive: keine der Verleugnung oder der Verzweiflung, sondern der nüchternen Entschlossenheit. Die Krise des Westens ist real. Ebenso real aber ist die im Osten geschulte Fähigkeit, ihr zu widerstehen.
Internationale Politik, Online-Veröffentlichung, 18. Dezember 2025
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