01. November 2019
Buchkritik

Weltmacht mit Nachbarn

Asien ist mehr als China – und doch beherrscht die Frage nach dem richtigen Umgang mit Peking den Diskurs. Vier Neuerscheinungen

Kostenpflichtig

Von den 4,5 Milliarden Bewohnern Asiens sind 3,1 Milliarden keine Chinesen. Folgt man dem 1977 im indischen Kanpur geborenen Politikwissenschaftler Parag Khanna, hat sich die westliche Öffentlichkeit noch nicht ausreichend mit den Konsequenzen dieser statistischen Evidenz beschäftigt.

Selbst in den moderneren Geschichtsbüchern rücke Asien nur dann ins Blickfeld, wenn es mit dem Westenin Berührung gekommen sei. Dabei stellte „während des größten Teils der dokumentierten Geschichte Asien die wichtigste Region des Erdballs“ dar – eine Entwicklung, die mit wachsender Agonie zuhause und dem Beginn der industriellen ­Revolution in Westeuropa ein vorläufiges Ende fand, inzwischen ­jedoch auf einem atemberaubenden Niveau weitergeführt wird.

Khannas jüngstes Buch „Unsere asiatische Zukunft“ ist deshalb ein Augenöffner. Denn in der Tat ignoriert ein allein auf China fokussierter Blick die Entwicklungen in Indien, Thailand, Vietnam, Malaysia und selbst im bettelarmen Myanmar (Birma), wo innerhalb von fünf Jahren die Mobilfunkdurchdringung von 1 auf 90 Prozent schnellte, mobiles Banking archaische Bürokratie überholte und ein konkurrenzfähiger Niedrigpreissektor in der Industrie dafür sorgen könnte, dass demnächst mittlere Einkommensklassen entstehen.

Plausibel erklärt wird solch stetiger Erfolg mit einer „asiatischen Skepsis“ vor dereguliertem Finanzkapitalismus und dem Vorbildcharakter des seit Jahrzehnten prosperierenden Singapur, das weniger auf Steuer­einnahmen setzt als auf Investitionen und Technologie aus dem Ausland. Khannas berufliche Lebensumstände – er lehrt an der Nationaluniversität von Singapur – verführen den Autor freilich immer wieder, das technokratische Erfolgsmodell des Stadtstaats für „genuin asiatisch“ zu halten. Außerdem stellt er dem, was er für „typisch demokratisch“ hält – dem lähmenden Parteiengezeter – gern eine effiziente Meritokratie entgegen, die Lösungen zum Wohle aller liefere und es mit der Bürgerbeteiligung „nicht übertreibt“.

Ziemlich fragwürdig ist denn auch das Resümee, das Parag Khanna zieht, wonach die Westler sich vom tröstlichen liberaldemokratischen Prisma Japans, Taiwans und Südkoreas lösen und anfangen (sollten), „sich der heranreifenden Avantgarde demokratischer Technokratien zuzuwenden, die im Vergleich zu den genannten Staaten behutsamer agieren“.

Der Autor wird hier nicht nur zum Opfer einer ideologischen Blickverengung, sondern gerät auch in die Logikfalle: Denn welches Asien, bitte sehr, soll es nun sein? Dass Taiwan, Südkorea und Japan gerade wegen ihres unterschiedlich schnellen, doch ebenso „behutsamen“ wie unaufhaltsamen Abschieds von einem Altherrenregiment hin zu einer modernen, transparenteren Demokratie weiterhin auch wirtschaftlich auf Erfolgskurs sind, wird ausgeblendet.

Schade, dass dieser ansonsten so skrupulös recherchierende ­Autor dort landet, wo schon andere, vermeintlich ebenso tabulos-­realistische Asienexperten gelandet sind, die alles ausblenden, was nicht in die Erzählung vom „traditionell technokratischen“ Kontinent passt.


Grund zur Sorge

Auch in Theo Sommers jüngstem Buch „China First“ findet sich einiges, das mehr ist als nur ein Zungenschlag, sondern eine bestimmte Perspektive einnimmt. Von „Dissidenten, denen unser Herz gehört“, ist da paternalistisch zu lesen, bevor sogleich darauf hingewiesen wird, dass diese „zwei oder fünf Prozent des Volkes gegenüber der passiven Mehrheit nicht ins Gewicht fallen“.

Das mag durchaus so sein, doch wie lässt sich auf knapp 500 Seiten ein Land adäquat beschreiben, wenn die Bevölkerung anonym bleibt, nur in Prozentzahlen auftaucht und die einzige Person, die in ihrem Denken und Tun immer wieder veranschaulicht wird, der neue Große Vorsitzende Xi ist? Dennoch bietet das voluminöse Buch des ehemaligen Chefredakteurs und Herausgebers der ZEIT eine spannende Lektüre.

Die fundierten Daten und Einsichten über Chinas rasanten Aufstieg und seine Wirtschaftsprojekte in den neuen Einflusszonen Afrikas und Asiens werden ähnlich wie bei Parag Khanna auf eine klug strukturierte Weise vermittelt, so dass sie für Fachleute und interessierte Laien gewinnbringend sind. Im Unterschied zu Khanna zeichnet Theo Sommer aber kein harmonisches Asienbild, sondern beschreibt en détail die bestehenden und potenziellen Konfliktlinien in einer Weltregion, in der Chinas Nachbarn sehr wohl Grund zur Sorge haben. Auch Pekings Politik, im Rahmen seines Belt and Road-Projekts in Südosteuropa mit Krediten und Investitionen wirtschaftliche und politische Abhängigkeiten zu schaffen, wird als das beschrieben, was es ist: eine kühl durchdachte Strategie, um die EU zu spalten.

Bei aller Beschreibung des immensen chinesischen Potenzials verfällt Sommer jedoch nicht in einen starren Defensivblick, sondern arbeitet inhärente Widersprüche heraus. Denn wie will ein Riesenreich eine selbstbewusste Rolle auf der internationalen Bühne spielen, wenn es im Inneren nicht durch freiheitlichen Bürgersinn zusammengehalten wird, sondern durch Zwang – und die machtlegitimierende Selbstverpflichtung der Regierung, Wohlstand und Stabilität zu ­garantieren?

Noch ist der Wettbewerb mit der Volksrepublik nicht verloren, so Sommer. Sofern man ihn wirklich als Wettbewerb begreift und nicht von „Feinden“ oder „Partnern und Freunden“ schwadroniert. Amerika und Europa müssten Peking deutlich machen, dass sie bereit seien, China im Konzert der Mächte den ihm gebührenden Platz einzuräumen – dass sie jedoch auch „willens und fähig sind, jeglichem Streben nach Hegemonie entgegenzutreten“.


Am Rand des Riesenreichs

Der Schweizer Journalist Matthias Messmer, der für die Neue Zürcher Zeitung zehn Jahre aus China berichtet hat, sondiert derweil mit der taiwanesischen Literaturwissenschaftlerin Hsin-Mei Chuang in ihrem gemeinsamen Buch „China an seinen Grenzen“ die vermeintliche Peripherie. Dabei verfahren sie anders als Parag Khanna und Theo Sommer und gleichen Statistiken und Analysen mit ihren oft ungleich komplexeren Erfahrungen vor Ort ab.

Denn gerade dort – bei den skeptischen Anrainerstaaten des Südchinesischen Meeres, beim irrlichternden Nachbarn Nordkorea, beim taumelnden Konkurrenten Russland sowie an den Unruheherden in Pakistan und Afghanistan – wird es über kurz oder lang zur Entscheidung kommen: Hat China neben Wirtschaftsmacht und militärischem Drohpotenzial auch jene Soft Power, die es ermöglicht, andere Kulturen emotional für sich einzunehmen? Das Autorenduo bleibt hier eher skeptisch.

Interpretiert der Politikwissenschaftler Khanna die chinesische Präsenz am Hindukusch als Beleg für ein immer stärker integriertes Asien, sehen die beiden reisenden Analytiker hier bereits erste Anzeichen dafür, dass sich China – seit jeher ein Unterstützer Pakistans – zwischen afghanischer Regierung und islamistischen Taliban in eine fatale Situation hineinmanövriert hat, die allein mit neuen Erlassen von Präsident Xi nicht zu verbessern sein wird.

Besonders erhellend sind die Kapitel über Geopolitik am Himalaya und das Wegdriften Myanmars aus einer lange Zeit für selbstverständlich gehaltenen Allianz mit Peking. In ihren Porträts von Einheimischen und den packenden Beschreibungen sozialer Binnenwelten fangen die Autoren immer wieder aussagekräftige Momente ein. Sie erinnern daran, dass es bei Chinas Aufstieg nicht nur um Programme, Strukturen, Künstliche Intelligenz und Strategien der Mächtigen geht, sondern auch um die geografischen und mentalen Landschaften der sogenannten Ränder, die von Abermillionen Menschen bevölkert sind.

Noch einen Schritt weiter geht der Berliner Journalist und renommierte Romancier Hans Christoph Buch in „Kulturschock China oder: Wie ich die Grosse Mauer erklomm“. Trotz des Titels werden hier weder wohlfeiles Ratgeberwissen noch Ich-bezogene Reiseschnurren feilgeboten. Wer wirklich eine Ahnung davon bekommen möchte, was chinesische Mentalitäten (dies durchaus im Plural) sind und wieviel wir Westler von ihren Nuancen weder wissen noch verstehen, sollte dieses elegant geschriebene Buch lesen.

Der Autor, der China regelmäßig bereist und auch an Universitäten im Land gelehrt hat, beschreibt als profunder Kenner der chinesischen Literatur, aber auch anhand unerwarteter, oft skurriler Alltagsbegegnungen das Land jenseits von Fachtermini. Dabei ist er jedoch alles andere als apolitisch. China verstehen zu lernen bedeutet für ihn vor allem, kulturelle Prägungen ernst zu nehmen, ohne dabei in einen wohlfeilen Kulturalismus zu verfallen.

„Es gibt keinen genetischen Code, der Asiaten dazu verdammt, in Diktaturen zu leben, schreibt der Autor, „so wenig wie alle Europäer geborene Demokraten sind.“ Eine solche Sichtweise liefe auf ein „rassistisches Weltbild“ hinaus. „Aber es gibt ein kulturelles Erbe, das die kritiklose Unterordnung der Jugend unter das Alter, der Frauen unter die Männer und des Einzelnen unter das Kollektiv begünstigt – Konfuzianismus ist ein anderes Wort dafür.“ So besehen enthalte die Gegenüberstellung von westlicher Demokratie und östlicher Despotie einen rationalen Kern, der sich nicht auf eine „bloße Phantasmagorie“ reduzieren lasse, weil „auch im gröbsten Klischee ein Spurenelement der Wahrheit steckt“
 

Parag Khanna: Unsere asiatische Zukunft. Berlin: Rowohlt Berlin Verlag 2019. 496 Seiten, 24,00 Euro

Theo Sommer: China First. Die Welt auf dem Weg ins chinesische Jahrhundert. München: C.H.Beck 2019. 480 Seiten, 26,00 Euro

Matthias Messmer und Hsin-Mei Chuang: China an seinen Grenzen. Erkundungen am Rand eines Weltreichs. Ditzingen: Reclam Verlag 2019. 320 Seiten, 28,00 Euro

Hans Christoph Buch: Kulturschock China oder: Wie ich die Grosse Mauer erklomm. Schiedlberg: Bacopa Verlag 2019. 249 Seiten, 24,80 Euro

Marko Martin lebt als Schriftsteller und Publizist in Berlin. Soeben veröffentlichte er den Essayband „Dissidentisches Denken. Reisen zu den Zeugen eines Zeitalters“ (Die Andere Bibliothek).

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Bibliografische Angaben

IP Wirtschaft 3, November 2019 - Februar 2020, S.60-62

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