Buchkritik

01. September 2021

Unter Dauerdruck

Ob man die Gegenwart nimmt, den 11. September, das Jahr 1977 oder die Antike, die Befunde ähneln sich: „Der Westen“ ist in Gefahr. Sieben Neuerscheinungen erzählen von Konjunkturen, Zäsuren und Konstanten.   

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Ging es dem Westen schon einmal gut? Also: richtig gut? War er schon einmal nicht bedroht – von innen, von außen? War er schon einmal nicht herausgefordert – politisch, wirtschaftlich, militärisch? Wer sich für diese Fragen interessiert, sollte bei Tom Holland nachschlagen.

Beim britischen Historiker und Bestsellerautor wird schon im Titel seines Buches über die Entstehung des Westens deutlich,worum es von Beginn an ging: Herrschaft. Und da scheint von der Antike bis heute zu gelten: Wer sie nicht hat, kämpft um sie. Wer sie hat, verteidigt sie.
Folglich hat es auch für den Westen nie eine Zeit gegeben, die ganz frei von Konflikten war. Bei Holland lässt sich das gut nacherleben. Von den Verteidigungskriegen der Griechen gegen die Perser über die revolutionären Anfänge des Christentums in der Antike, seine Ausbreitung im europäischen Mittelalter und seine Wandlungen in der Moderne bis hin zu Reformation, Aufklärung und Revolution – stets gingen vom Westen moralische und weltanschauliche Umbrüche aus. Er steht für umwälzende gesellschaftliche Veränderungen – vorangetrieben durch seine Wertesysteme und Vorstellungshorizonte, ob in Fragen von Ökologie oder des Digitalen und Virtuellen.


Parallel dazu beobachtet Holland eine Zeit seismischer geopolitischer Verschiebungen. Längst hat sich herausgestellt, dass die Werte des Westens nicht annähernd so universal sind, wie es seine Vertreter oft glauben.


Holland mahnt, man müsse sich immer wieder bewusst machen, wie kulturell bedingt diese Werte letztlich seien. Wer beispielsweise in einem westlichen Land lebe, bewege sich in einer Gesellschaft, die nach wie vor von christlichen Vorstellungen und Voraussetzungen durchsetzt sei. Das spiegele sich dann etwa in der Überzeugung, dass die Wirkungsweisen des Gewissens die sichersten Bestimmungsfaktoren einer guten Gesetzgebung seien, in der Auffassung, dass Kirche und Staat voneinander zu trennende Einrichtungen seien, oder in der Ablehnung von Phänomenen wie der Vielehe.


Angloamerikanische Irrwege

Während nicht nur der Westen, sondern auch sein Biograf Holland fest in der christlichen Tradition verankert sind, hält Pankaj Mishra dem Westen den Spiegel vor. Der Journalist, Essayist und Schriftsteller, der in London und in einem Dorf am Rand des Himalayas lebt und als einer der wichtigsten globalen Intellektuellen gilt, versammelt Essays in seinem neuen Buch, die er als Reaktion auf die „angloamerikanischen Verirrungen“ bezeichnet, die im Brexit und in der Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten gegipfelt hätten.


Für Mishra umfassen diese Verirrungen noch weit mehr: etwa den von der Zeitschrift The Economist im 19. Jahrhundert lange unterstützten Traum des imperialistisch gesinnten Liberalismus oder die Proklamation eines vom Freihandel geprägten „amerikanischen Jahrhunderts“ durch Henry Luce, den einfluss­reichen Verleger und Gründer von Time und Life. Ebenso zählt für Mishra dazu die „Modernisierungstheorie“ – der Versuch amerikanischer „Kalter Krieger“, die postkoloniale Welt von einer kommunistischen Revolution abzuhalten und für die auf schrittweise Entwicklung gerichtete Alternative des Konsumkapitalismus und der Demokratie zu gewinnen.


Und Mishra ist noch nicht fertig: Auch die „katastrophalen humanitären Kriege“ und die demagogischen Eruptionen der Gegenwart hält er dem Westen vor. Dessen Überlegenheit sei nur ein Mythos, der in die Irre und ins Unglück führe, belegt durch Kolonialismus, Rassismus, Ausbeutung und extreme Ungleichheit. In der Corona-Pandemie hat Mishra das weltweite Aufbrechen gesellschaftlicher Gräben beobachtet. Sein Fazit: Die freiheitliche Demokratie, in der Gleichheit und Menschenwürde verwirklicht seien, habe man noch nicht verwirklicht.


Wer im Westen würde da ernsthaft widersprechen? Die Stärke der Analysen von Mishra liegt weniger in ihren Ergebnissen als in ihrem Beobachtungspunkt jenseits der eurozentristischen Perspektive. Doch wird nicht seit Jahren auch im Westen selbst hinterfragt, ob die eigenen Werte, die eigene Kultur, die eigene Ausprägung von Demokratie, das eigene Wirtschaftssystem das Maß aller Dinge sind? Hat nicht der Westen selbst durch seine vielfältigen Krisen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte gespürt, wie brüchig das Fundament ist, auf dem seine Welt errichtet wurde?


Politische Entfremdung


Hier meldet sich Anne Applebaum als Augenzeugin zu Wort. Die Historikerin, die ihren journalistischen Weg 1988 als Korrespondentin des Economist in Warschau begann, beschreibt in ihrem Streifzug durch die jüngere Vergangenheit anhand eigener Erlebnisse, wie sich ihre Welt gewandelt hat.


Da ist beispielsweise eine Silvesterparty am 31. Dezember 1999, zu der Applebaum zusammen mit ihrem Mann Radek Sikorski, damals stellvertretender Außenminister einer rechtsliberalen Koalitionsregierung Polens, auf ein kleines Landgut im Nordwesten des Landes eingeladen hatte. Die Mehrheit ihrer Gäste hätte man nach ihrer Einschätzung zu dem gezählt, was man in Polen seinerzeit „die Rechte“ nannte – Konservative und Antikommunisten. Auch als Liberale hätte man sie nach ihrem Urteil bezeichnen können: Wirtschaftsliberale und klassische Liberale – „vielleicht Thatcher-Anhänger“. Und selbst diejenigen, die in Wirtschaftsfragen keine dezidierte Meinung hatten, glaubten Applebaum zufolge an die Demokratie, den Rechtsstaat, die Gewaltenteilung, die NATO-Mitgliedschaft, die Zugehörigkeit zur Europäischen Union und an ein Polen, das fester Bestandteil des modernen Europas sein sollte.


Gut zwei Jahrzehnte später würde Applebaum nach eigener Aussage wohl die Straßenseite wechseln, um einigen ihrer einstigen Gäste aus dem Weg zu gehen. Und diese würden umgekehrt keinen Fuß mehr über ihre Schwelle setzen und sich gar schämen, zuzugeben, dass sie einst mit ihr gefeiert hätten. Die Hälfte ihrer Gäste würde heute kein Wort mehr mit der anderen wechseln. Diese Entfremdung ist nicht persönlicher, sondern politischer Natur. Sie beschreibt eine Polarisierung, die nicht nur die einstigen Konservativen in Polen, sondern auch in Ungarn, Spanien, Frankreich, Italien, in Großbritannien und den Vereinigten Staaten spaltet.


Demokratie in Gefahr

Schon 2005 prognostizierte der britische Politikwissenschaftler und Soziologe Colin Crouch in seinem Bestseller „Postdemokratie“, die Demokratien des Westens seien im Begriff, zur bloßen Hülle zu werden. Demokratische Wahlen und Institutionen würden zwar aufrechterhalten, politische Entscheidungen jedoch de facto in den Chefetagen der Wirtschaft getroffen.


Schaut man sich die überaus starke Regulierung der Wirtschaft durch die Politik infolge von Finanzkrise, Klimakrise und Corona-Krise an, so würde man wohl nicht behaupten, Crouch habe in diesem Punkt die tatsächlich eintretende Entwicklung vorhergesagt. Doch seine frühzeitige Auseinandersetzung mit dem Aufstieg der sozialen Medien und des Rechtspopulismus kommt nun auch dem Fortsetzungsband zugute.


Hier stellt Crouch mit Recht fest, dass man noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts wie selbstverständlich von der Vitalität der verfassungsmäßigen Ordnung ausgegangen sei. Inzwischen jedoch haben fremdenfeindliche Bewegungen in Europa wie in Amerika deutlich gemacht, dass sie die Unabhängigkeit von Institutionen wie Justiz, Rechtsstaat und Parlament keineswegs für unantastbar halten. Dass ihr von Pessimismus und Nostalgie getriebener Kulturkonservatismus besonders die Entwicklungen in Sachen Emanzipation ablehnt, liegt da nahe.

Infolgedessen würden Crouch zufolge Bewegungen, die zumindest teilweise feministische Ideen vertreten, auch über Emanzipationsfragen hinaus zu den Hauptgegnern der xenophoben Bewegungen.


Wie man Demokratie schafft

Wie sind die populistischen und fremdenfeindlichen Kräfte generell aufzuhalten? Jan-Werner Müller versucht, eine Antwort zu geben. Der Professor für Sozialwissenschaften an der Princeton University ist mit seinem mittlerweile als Standardwerk der Gegenwartsdiagnose geltenden Essay „Was ist Populismus?“ 2016 international bekannt geworden. Nun stellt er die Frage, wie man Demokratie schafft. Eine Frage, die in den westlichen Demokratien noch vor wenigen Jahren als beantwortet galt. Wie groß hier allmählich der Bedarf an Selbstvergewisserung ist, zeigt der wachsende Erfolg des Populismus.


Um Populisten, die sich zur einzigen Stimme des „wahren Volkes“ stilisieren, wieder in die Schranken weisen zu können, ist es notwendig, wie Müller einen Schritt zurückzutreten und sich nicht nur der demokratischen Prinzipien, sondern auch der vermittelnden Institutionen zu erinnern, die für das Funktionieren von Demokratie nach aller Erfahrung notwendig sind: unabhängige Medien, die Öffentlichkeit schaffen; Parteien, die politische Konflikte auf demokratische Weise strukturieren; und nach Müllers Urteil vor allem mobilisierte Bürgerinnen und Bürger, die bereit seien, unbequem, ja sogar ungehorsam zu sein, um demokratische Prinzi­pien zu verteidigen.


Doch auch mit Blick auf diese Zutaten einer funktionierenden Demokratie gilt inzwischen in der westlichen Welt: Vieles, was einmal selbstverständlich war, ist es nicht mehr. Und dennoch sieht Müller Anlass zur Hoffnung: Zwar seien Millionen von Menschen in aller Welt offenkundig unzufrieden mit ihren Demokratien. Aber abwenden von der Grundidee der Demokratie würden sie sich keineswegs. Müller erkennt hier einen deutlichen Unterschied zum 20. Jahrhundert, als etwa in der Weimarer Republik das Gefühl entstand, Institutionen wie Parlamente seien an sich diskreditiert und undemokratische Systeme böten eine Alternative für Deutschland.


Zugleich liegt in diesem Unterschied zwischen 20. und 21. Jahrhundert nach Müllers Analyse der Grund, weshalb die heutigen antidemokratischen Parteien und Bewegungen demokratische Ideale nicht offen angriffen und weshalb autoritäre Politiker so viel Erfindungsgabe und Mittel aufwendeten, um den demokratischen Schein zu wahren. Auch sind Polarisierung und ­Tribalismus für Müller keine bedauernswerten Gegebenheiten der menschlichen Natur, sondern mögliche Ergebnisse der Darstellung und Austragung von Konflikten: „Was Politik geschaffen hat, kann Politik auch wieder ändern.“ Besondere Bedeutung für die politische Kultur hätten daher die wirtschaftlich-sozialen Entwicklungen wie wachsende Ungleichheit oder die innere Separierung verschiedener Gesellschaftsschichten.


Von 1977 zu Nine-Eleven

Da die innere Verfasstheit des Westens auch immer im Spiegel äußerer Einflüsse zu sehen ist und Amerikaner wie Europäer gerade in den vergangenen Jahren zur Nabelschau neigten, ist es das Verdienst von Philipp Sarasin und Stefan Weidner, den Blick zu weiten nicht nur für Konjunkturen, sondern auch für Zäsuren politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung, die die heutige Gestalt des Westens entscheidend geformt haben.


Sarasin hat sich dafür das Jahr 1977 herausgegriffen. Er formt es in seiner Beschreibung zu einer kurzen Geschichte der Gegenwart. Der Professor für Geschichte der Neuzeit und Schweizer Geschichte am Historischen Seminar der Universität Zürich erzählt, wie 1977 der Glaube an ein verbindendes Allgemeines, der die Moderne geformt hatte, zu schwinden begann. Sarasin führt ein Jahr vor Augen, in dem nur die Unsicherheit gewiss schien und die Ahnung um sich griff, dass die alten Koordinaten der industriellen Gesellschaft in Zukunft keine Orientierung mehr bieten würden.


Wie heute war schon damals die Gegenwart von Gleichzeitigkeiten disruptiver Veränderungen geprägt: Terrorismus in Gestalt der RAF – 1977 begann der „Deutsche Herbst“. Zugleich war es für viele das Geburtsjahr des Internets – und von Kalifornien aus eroberte der Apple II den Computermarkt. Begriffe, die bis heute die Debattenlandschaften dominieren, wurden 1977 bekannt gemacht – „human rights“ durch Jimmy Carter, „identity politics“ durch schwarze Aktivistinnen.


1977 war auch das Jahr, in dem Michel Foucault forderte: „Wir müssen ganz von vorne beginnen.“ Eine Forderung, die angesichts von Klimawandel und Pandemie-Erfahrung auch aus dem Jahr 2021 stammen könnte.


Rund ein Vierteljahrhundert später als Sarasin lässt Stefan Weidner die Gegenwart beginnen – mit den Terroranschlägen des 11. September 2001. Für den Kölner Islamwissenschaftler hat die heutige Welt ihren Ursprung in den Trümmern des World ­Trade Center: „Ground Zero“ steht nach seiner Lesart gleichermaßen für das Ende der USA als alleiniger Weltmacht nach dem Kalten Krieg und für die bis heute wachsenden Zweifel an universellen Werten. „Ground Zero“ als Symbol für die weiterhin nicht nachlassende Konfrontation zwischen „Westen“ und „Islam“, für die weiterhin wachsende Migration, für den fortschreitenden Aufstieg von Populismus und Nationalismus.


Doch gerade vor dem Hintergrund dieser Einordnung stellt sich erneut die Frage: Ging es dem Westen schon einmal wirklich gut? War er schon einmal nicht bedroht – von innen, von außen? War er schon einmal nicht herausgefordert – politisch, wirtschaftlich, militärisch? Und nicht zuletzt: Ging es beim Westen nicht immer schon auch um Herrschaft – über ihn und durch ihn?

 

Dr. Thomas Speckmann ist Historiker, Politikwissenschaftler und Lehrbeauftragter am Historischen Institut der Universität Potsdam.



Tom Holland: Herrschaft. Die Entstehung des Westens. Aus dem Englischen von Susanne Held. Stuttgart: Klett-Cotta 2021. 619 Seiten, 28,00 €

Pankaj Mishra: Freundliche Fanatiker. Über das ideologische Nachleben des Imperialismus. Aus dem Englischenvon Laura Su Bischoff und Michael Bischoff. Frankfurt am Main: S. Fischer 2021. 304 Seiten, 24,00 €

Anne Applebaum: Die Verlockung des Autoritären. Warum antidemo- kratische Herrschaft so populär geworden ist. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Neubauer. München: Siedler 2021. 208 Seiten, 22,00 €

Colin Crouch: Postdemokratie revisited. Aus dem Englischen von Frank Jakubzik. Berlin: Suhrkamp 2021. 278 Seiten, 18,00 €

Jan-Werner Müller: Freiheit, Gleichheit, Ungewissheit. Wie schafft man Demokratie? Aus dem Englischen von Michael Bischoff. Berlin: Suhrkamp 2021. 271 Seiten, 24,00 €

Philipp Sarasin: 1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart. Berlin: Suhrkamp 2021. 502 Seiten, 32,00 €

Stefan Weidner: Ground Zero. 9/11 und die Geburt der Gegenwart. München: Carl Hanser 2021. 256 Seiten, 23,00 €

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, September/Oktober 2021, S. 120-124

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