Trumps Plan für Lateinamerika
Mit dem Angriff auf Venezuela haben die USA ihren Machtanspruch in der gesamten Region untermauert. Der Druck, sich mit dem nördlichen Nachbarn gutzustellen, nimmt zu. Zu spüren bekommt das vor allem Kolumbien, wo ein linker Präsident vor den anstehenden Wahlen um seine Zukunft kämpft.
Dass Donald Trump entschlossen war, Nicolás Maduro in die Knie zu zwingen, zeichnete sich bereits seit Herbst des vergangenen Jahres ab. Mantraartig wiederholte das US-Staatsoberhaupt bei jeder Gelegenheit, dass die Tage des venezolanischen Präsidenten gezählt seien.
Es blieb nicht bei Worten: Nachdem die USA im September damit begonnen hatten, auf angebliche Drogenschmugglerboote zu schießen – 100 Fischer wurden dabei auf offener See getötet –, folgte Ende Dezember der Angriff auf einen venezolanischen Hafen. In den frühen Morgenstunden des 3. Januar 2026 kam es schließlich zum entscheidenden militärischen Schlag: Maduro wurde überfallen und in die USA verschleppt. Bei dem Angriff sollen 43 venezolanische Soldaten und 32 kubanische Kämpfer getötet worden sein.
Seitdem versucht Trump mit allen Mitteln, das venezolanische Erdöl in die Hände von US-Unternehmen zu bringen. Der Plan scheint aufzugehen: Die venezolanische Interimspräsidentin Delcy Rodríguez verkündete am 20. Januar, dass die ersten 300 Millionen US-Dollar aus Ölverkäufen im Land eingegangen seien und zur Stabilisierung des Devisenmarktes verwendet werden sollen.
Unruhe in der Friedenszone
Lateinamerika galt vor dem Angriff auf Venezuela als eine der friedlichsten Regionen, was internationale Konflikte angeht. Es ist noch gar nicht so lange her, da rief die Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (CELAC) die Region feierlich zur „Zone des Friedens“ aus. In der Erklärung von Havanna verpflichteten sich die Länder der Region 2014, Konflikte ausschließlich am Verhandlungstisch und ohne Waffengewalt zu lösen. Während die CELAC auf Diplomatie und Frieden setzt, stiften die USA unter Donald Trump mit ihren imperialen Gelüsten Chaos und Angst.
Die Geschehnisse in Venezuela weckten in Lateinamerika Erinnerungen an frühere Interventionen: Die historischen Parallelen zu den Interventionen der USA in Guatemala, Chile, Nicaragua, Grenada, Panama, El Salvador und Kuba sind unverkennbar. In all diesen Fällen wurden Sicherheitsbedenken als Vorwand genutzt, um politische Umstürze herbeizuführen.
In Trumps aktuellem Vorgehen gegen Venezuela sehen viele Beobachter den Anfang einer Strategie, sich die Ressourcen der gesamten Region einzuverleiben. Dass Washington den Kurs Richtung Intervention geändert hat, wurde spätestens mit der Veröffentlichung der Nationalen Sicherheitsstrategie (NSS) im November 2025 offiziell. Darin kündigte Trump unmissverständlich an, sich wieder vermehrt in die Region einzumischen. Sein Zukunftsplan für das Gebiet südlich der USA sieht vor, die Monroe-Doktrin wieder geltend zu machen und durchzusetzen. Im Wortlaut heißt es: „Wir werden Wettbewerbern außerhalb der Hemisphäre die Möglichkeit verweigern, Streitkräfte oder andere bedrohliche Kapazitäten in unserer Hemisphäre zu positionieren oder strategisch wichtige Vermögenswerte zu besitzen oder zu kontrollieren.“ Gemeint sind dabei vor allem China und Russland.
Donald Trump legte jüngst nach, indem er eine KI-generierte Karte veröffentlichte, auf der neben den USA auch Venezuela, Grönland und Kanada in den Farben der US-Flagge dargestellt sind. Die venezolanische Regierung reagierte gelassen: Das Präsidialamt in Miraflores teilte die Meldung auf der Plattform X und versah sie kommentarlos mit einem auffälligen roten „Fake“-Schriftzug, um die Darstellung als Falschmeldung zurückzuweisen.
Maduro ist weg, das System bleibt
Sandra Borda, Expertin für internationale Beziehungen und Professorin an der Universidad de los Andes in Bogotá, stellt fest, dass die USA im Fall Venezuelas ihre Motive nicht mehr hinter humanitären Werten verbergen. Während man früher Interventionen eine „hübsche Fassade“ gegeben und behauptet habe, es gehe um Demokratie und Menschenrechte, sei das heutige Vorgehen „direkt und brutal“.
Diese Offenheit habe laut Borda zu einem so großen öffentlichen Druck geführt, dass US-Politiker wie Außenminister Marco Rubio nachträglich versuchen mussten, das US-Narrativ um Themen wie politische Gefangene zu ergänzen, um die Intervention zu legitimieren.
Was die Zukunft Venezuelas betrifft, bleibt Borda skeptisch. Ein demokratischer Übergang habe für die USA keine Priorität. Es gehe vor allem darum, ein Land zu verwalten, ohne tatsächlich eigene Truppen vor Ort zu haben. Trump lege auf Wikipedia fest, wer der Präsident ist, während die reale Machtbasis am Boden unberührt bleibe. Es handle sich de facto um einen Madurismo ohne Maduro: Zwar sei die Führungsebene entfernt worden, doch das chavistische Lager bleibe als politischer Apparat in Form der Streitkräfte an der Macht.
Trumps Traum vom venezolanischen Öl hält sie indes für unrealistisch, da sich die Industrie ohne stabile Institutionen nicht rentabel betreiben lasse. Letztlich sieht sie für beide Länder ein düsteres Szenario voraus.
Vor den Wahlen im Mai: Zittern in Kolumbien
Am Tag nach dem Militäreinsatz in Venezuela begann auch im Nachbarland Kolumbien das große Zittern. Trump richtete eine direkte Kampfansage an Kolumbiens Präsidenten Gustavo Petro: „He does have to watch his ass“ – zu Deutsch: „Er sollte gut auf seinen Hintern aufpassen.“
Nachdem sich Petro und Trump harte Worte entgegengeworfen hatten und die Lage zu eskalieren drohte, kam mit einem Telefonat der beiden am 7. Januar die Kehrtwende. Ein gemäßigter Ton wurde eingeschlagen; Petro soll nun am 3. Februar ins Weiße Haus reisen, um die künftigen Beziehungen mit seinem Amtskollegen in Washington zu besprechen. Kolumbien erhofft sich dabei ein Mitgestaltungsrecht für die Zukunft Venezuelas.
„Es ist ein seltsames Szenario“, findet Borda. Noch nie habe es eine so personalisierte Beziehung mit so vielen Aufs und Abs gegeben. Es handle sich nicht um eine Beziehung zwischen den USA und Kolumbien, sondern zwischen Trump und Petro.
Den neuen, gemäßigteren Ton zwischen den beiden Staatsoberhäuptern erklärt sich Borda vor allem mit Petros Ambitionen für die kolumbianische Linke bei den Präsidentschaftswahlen im Mai. Petro sei zu dem Schluss gekommen, dass ihm eine schlechte Beziehung zu den USA bei den Wahlen nicht helfen würde. In den letzten Monaten vor den Präsidentschaftswahlen gehe es Petro vor allem darum, die Botschaft zu senden, dass die kolumbianische Linke außenpolitisch verantwortungsvoll handeln kann.
Die aktuelle diplomatische Annäherung bedeute jedoch keinesfalls ein Ende der amerikanischen Einflussnahme: „Es ist eine Sache, dass Trump die Lautstärke in der Konfrontation mit Petro senkt – und eine ganz andere, dass die USA nichts unternehmen werden, um der Rechten in Kolumbien bei den nächsten Präsidentschaftswahlen zum Sieg zu verhelfen.“
Im Vergleich zur offenen Einmischung, wie sie etwa bei den argentinischen Zwischenwahlen im Oktober 2025 zu beobachten war, als Trump Argentiniens Präsidenten Javier Milei damit gedroht hatte, den Geldhahn zuzudrehen, sollten die Ergebnisse nicht stimmen, oder zur offenen Unterstützung für den designierten Präsidenten Nasry Asfura in Honduras, sieht Borda in Kolumbien eher eine verdeckte Einflussnahme. Die USA seien zu dem Schluss gekommen, dass eine offene Einmischung im Fall Kolumbiens der Linken mehr nützen würde als der Rechten. Demnach bewahrten sie ein „strategisches Schweigen“ und agierten eher durch die Hintertür.
Borda vertritt zudem die These, dass die künftige US-Strategie maßgeblich vom Treffen zwischen Trump und Petro Anfang Februar beeinflusst wird. Laut der Expertin hängt die Toleranz der USA gegenüber einer linken Regierung in Kolumbien davon ab, wie sehr Petro bei Kernforderungen wie der Drogenpolitik einlenkt.
Kein geeintes Lateinamerika
Wie schon die Verleihung des Friedensnobelpreises an Maduros Kontrahentin Maria Machado löste die Entführung des Präsidenten in Lateinamerika gemischte Gefühle aus. Trotz des rigorosen Vorgehens der USA und Trumps offenem Bekenntnis, das internationale Recht nicht zu benötigen, hoffen derzeit viele Venezolanerinnen und Venezolaner im In- und Ausland auf Wohlstand. In Venezuela lebt die Mehrheit der Bevölkerung in extremer Armut. Dies erklärt, warum es in den Tagen nach der US-Operation neben Empörung ebenso Jubel in zahlreichen Städten gab.
Auch auf der staatlichen Ebene gebe es keinen einheitlichen lateinamerikanischen Block, so Borda. Die letzte Phase kollektiver Handlungsfähigkeit habe es während der „Ola Rosa“ gegeben, einer Periode zu Beginn des 21. Jahrhunderts, in der eine Welle linker Regierungen, wie unter Lula da Silva in Brasilien oder der Familie Kirchner in Argentinien, an die Macht gekommen sei. Damals habe man mit der Gründung der Union Südamerikanischer Nationen (UNASUR) noch eine minimale Verständigung darüber erzielt, wie die Beziehung zu den USA gemeinsam gestaltet werden könne. Heute hingegen sei die Region so tief gespalten, dass selbst linke Regierungen keine solidarische Linie mehr finden könnten, da Länder wie Mexiko oder Brasilien ein weitaus vorsichtigeres und institutionelleres Verhältnis zu Washington pflegten als etwa Kolumbien unter Petro.
Die CELAC hält Borda für nicht funktionsfähig. Das Fehlen einer gemeinsamen Front in Lateinamerika lasse sich auf eine tiefe ideologische und strategische Spaltung zurückführen. Während sich rechtsgerichtete Staatschefs eng mit Trump und den USA verbündeten, sei dies für linke Regierungen unannehmbar.
Doch selbst innerhalb des linken Lagers gibt es keine Einigkeit, was den Umgang mit Washington betrifft. Länder wie Mexiko unter Claudia Sheinbaum oder Brasilien unter Lula da Silva betreiben eine kalkulierte und durchdachte Außenpolitik. Zwar nutzen sie punktuell eine nationalistische Rhetorik, legen aber Wert auf stabile, institutionalisierte Beziehungen zu den USA. Diese Länder würden davor zurückscheuen, sich mit Petros impulsiven Streitigkeiten zu solidarisieren, um ihre eigene diplomatische und wirtschaftliche Position gegenüber Washington nicht zu gefährden, so die Einschätzung von Sandra Borda.
Demgegenüber stehe der kolumbianische Präsident Petro, dessen Vorgehen als „völlig chaotisch“ beschrieben wird. Da er seine Politik oft über soziale Medien steuere und den direkten Konflikt suche, weigerten sich andere Staaten, seinen Einberufungen zur CELAC zu folgen, so Borda. Mit dem Ausschalten Maduros sei Petro der Einzige in der Region, der noch auf diese Weise gegenüber den USA handle.
Internationale Politik, Online-Veröffentlichung, 23. Januar 2026
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