Perspektiven

27. Okt. 2025

Lateinamerika greift nach den Sternen

Die Region wird zum Schauplatz geopoli­tischer Spannungen im Weltraum, wobei kommerzielle, staatliche und militärische Interessen miteinander verwoben sind. 

Sara Meyer
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Bild: Rendering der Funktionsweise des Extremley Large Telescope in Chile
In der Atacama-Wüste entsteht das „größte Auge ins All“: Das Extremely Large Telescope, Nachfolger des VLT, soll neue Einblicke in ferne Galaxien eröffnen. Chile festigt so seine Rolle als astronomisches Zentrum.
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Wir schreiben den 8. April 2024 in Mazatlán, Mexiko. Um 12.15 Uhr wird der Tag zur Nacht: Eine totale Sonnenfinsternis legt für vier Minuten und 25 Sekunden Dunkelheit über die Küstenstadt. Die NASA überträgt das Ereignis live, während Menschenmassen gespannt nach oben schauen, Teleskope gen Himmel richten und Kameras klicken. Mexiko, lange eher am Rande der großen Raumfahrtnationen stehend, wird für einige Tage zum Zentrum wissenschaft­licher Aufmerksamkeit: Forschungsteams messen das Phänomen, lokale Universitäten beteiligen sich mit eigenen Projekten, die Bilder gehen um die Welt. 

Lateinamerika kann auf eine lange Geschichte in der Astronomie und Raumfahrt zurückblicken: Die argentinische Raumfahrtgesellschaft Sociedad Argentina Interplanetaria war 1951 eines der zehn Gründungsmitglieder der Weltraum­organisation International Astronautical Federation. Chile ist seit über einem halben Jahrhundert Lieblingsplatz für international betriebene Observatorien und liefert heute mindestens die Hälfte der weltweiten astronomischen Infrastruktur. Weil Raketen in Äquatornähe mit deutlich weniger Treibstoff auskommen, gilt ­Alcântara in Brasilien als idealer Standort für einen Weltraumbahnhof – 2004 gelang dem Land von hier aus der erste eigene Raketenstart.

Im internationalen Vergleich bleibt ­Lateinamerika dennoch weiterhin zurück, während die globale Raumfahrtwirtschaft boomt: Laut dem Space Report 2025 Q2 der Non-Profit-Organisation Space Founda­tion erreichte sie 2024 einen Rekordwert von 613 Milliarden US-Dollar, und bereits bis 2032 könnte die Branche die Marke von einer Billion Dollar überschreiten. Lateinamerika kommt auf geschätzte 19 Milliarden Dollar im Jahr 2024 – ein steigender Wert, aber noch immer ein Bruchteil der globalen Dimensionen. Insgesamt wird der Weltraum immer diverser: Fast 100 Länder auf vier Kontinenten hatten bis Ende 2023 mindestens einmal einen Satelliten betrieben.

Astronomisches Zentrum Chile: Geschätzt die Hälfte der globalen Observatoriums-Infrastruktur liegt dort

Die USA und China dominieren die Raumfahrtfinanzierung: Laut Zahlen der Europäischen Weltraumorganisation ESA von 2024 entfallen rund 61 Prozent des weltweiten Budgets auf die USA, 15 Prozent auf China, Europa hält etwa 11 Prozent, während der Rest der Welt, darunter auch Lateinamerika, nur rund 5 Prozent investiert. Dabei gehören sieben lateinamerikanische Staaten zu den Ländern mit jährlichen Raumfahrtbudgets von mindestens zehn Millionen Dollar: Brasilien, Mexiko, Argentinien, Chile, Bolivien, Venezuela und Kolumbien.

Der Raumfahrtexperte Joseph Guzman weist in seinem Artikel „Space Programs in Latin America: History, Current Operations, and Future Cooperation“ darauf hin, dass die meisten Länder der Region bei der Entwicklung von Raumfahrttechnologien vor besonderen Herausforderungen standen. Historisch gesehen seien es junge Nationen, die in den vergangenen 100 Jahren von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Problemen geprägt waren. Technologische Investitionen wurden daher oft zugunsten dringenderer Ausgaben zurückgestellt. Anders als europäischen Staaten, Japan oder China gelang es bislang keinem lateinamerikanischen Land, eigene Orbitalraketen zu bauen oder voll funktionsfähige Raumfahrtkapazitäten zu etablieren.

Mit der Gründung der Lateinamerikanischen und Karibischen Weltraumagentur ALCE im Oktober 2024 versucht die Region nun, ihr bisher verstreutes Weltraumpotenzial unter einem Dach zu bündeln und besonders regionalen Gefahren wie Klimakatastrophen entgegenzuwirken. 

Ein weiteres junges Projekt ist die Iberoamerikanische Netzwerkinitiative der ­hiesigen Raumfahrtagenturen, die von der Organisation Iberoamerikanischer Staaten für Bildung, Wissenschaft und Kultur (OEI) koordiniert wird. Das Bündnis will zu einem zentralen Referenzpunkt für internationale wissenschaftliche Kooperation werden; es wird unterstützt von OEI-Einrichtungen wie dem Observatory of Science, Technology and Society (Argentinien) und dem Center for Innovation and Digital Transformation (Kolumbien). Mitglieder sind u.a. die Raumfahrtagenturen Argentiniens, Brasiliens, Kolumbiens, ­Mexikos, Perus sowie ALCE selbst.


Schon lange mit dabei

Lateinamerika verfolgt seit Jahrzehnten eigene Raumfahrtprojekte – oft unbemerkt von der weltweiten Öffentlichkeit. Die Entwicklung lässt sich in drei Phasen gliedern: Von den 1960ern bis in die 1990er Jahre dominierten erste Satellitenstarts und der Aufbau grundlegender ­Infrastruktur. 

Besonders Chile machte früh auf sich aufmerksam: 1969 eröffnete die Europäische Südsternwarte ihre erste Anlage in der Atacama-Wüste. Heute gilt das Land als astronomisches Zentrum. Das Very Large Telescope ermöglichte ein neues Kapitel der Himmelsforschung, das Atacama Large Millimeter Array lieferte direkte Aufnahmen entstehender Planeten, und auf dem Cerro Armazones entsteht derzeit das „größte Auge ins All“ – in Kooperation mit der Universität zu Köln. Parallel dazu baute Chile nach und nach eigene Satellitenkapazitäten auf. Argentinien setzte mit der Gründung der Raumfahrtbehörde CONAE auf Erd­beobachtung und internationale Kooperation – und legte damit die institutionellen Grundlagen für eine ­kontinuierliche Entwicklung. 

Brasilien entwickelte Schritt für Schritt eigene Kapazitäten – von Satellitendesign über Parabelflug-Experimente bis hin zu Raketenstarts. Die brasilianische Raumfahrtagentur AEB arbeitet eng mit Universitäten, Unternehmen, den USA und China zusammen und hat Brasilien zum „Motor“ der südamerikanischen Raumfahrt gemacht. 

Auch Venezuela suchte seinen Platz im All. 2008 brachte das Land mit chinesischer Hilfe den ersten eigenen Telekommunikationssatelliten „Simón Bolívar“ ins All – für Präsident Hugo Chávez damals ein „Akt der Befreiung“. Doch der Verlust des Satelliten 2020 offenbarte die Abhängigkeit von ausländischer Technologie und die Grenzen solcher Prestigeprojekte. 

Als jüngster Erfolg gilt Guatemala: 2020 brachte das mittelamerikanische Land ­seinen ersten Satelliten ins All: den von Studierenden entwickelten Quetzal-1 ­CubeSat. Dass ein so kleines Land ein ­solches Projekt realisieren konnte, zeigt das wachsende Interesse an der Raumfahrt in der Region. 
Mexikos größte Universität UNAM testete 2024 im Rahmen des Projekts „­Colmena“ erstmals winzige Roboter auf dem Mond – in Kooperation mit der NASA. Die selbst entwickelten Geräte sollten sich vernetzen und gemeinsam ein Panel bilden.

Andere Staaten erweitern ebenfalls Schritt für Schritt ihre Präsenz im All: So trat Paraguay 2023 dem Übereinkommen über die Registrierung von Weltraum­objekten und dem Haftungsübereinkommen bei und verankerte sich damit im internationalen Rechtsrahmen für Aktivitäten im All. Und Bolivien ist seit dem Jahr 2016 Mitglied der International Charter „Space and Major Disasters“ und beteiligt sich an globaler Kooperation bei Naturkatastrophen.


Kosmisches Kräftemessen

Die Welt wird multipolar, geopolitische Spannungen verlagern sich in den Weltraum. Lateinamerika entwickelt sich zum „Untergrund“ strategischer Interessen. Chinas Internationale Mondforschungsstation (ILRS) zeigt: Raumfahrt ist längst mehr als Forschung. Mit Satelliten, Tief­raumstationen und internationalen Partnerschaften baut Peking technologische Kapazitäten auf und sichert Einfluss in globalen Foren. Besonders auffällig ist die Einbindung bisher wenig beachteter Länder wie Panama und Nicaragua – ein Hinweis darauf, dass Raumfahrt auch ein geopolitisches Instrument ist. Die ILRS gilt als strategisches Gegenprojekt zu den von den USA geführten Artemis Accords.

China öffnet seine Programme gezielt für politisch isolierte Staaten wie Venezuela, Bolivien oder Nicaragua. Diese Länder erhalten Zugang zu Satellitentechnologie, Schulungen und langfristigen Entwicklungsprogrammen, die über den wissenschaftlichen Nutzen hinausgehen. Beispiel Venezuela: Neben dem Kommunikationssatelliten Venesat-1 startete China zwei Erdbeobachtungssatelliten, bildete rund 150 Fachkräfte aus und errichtete zwei Bodenstationen. In Bolivien folgte der Satellit Tupac Katari mit zwei Kon­trollstationen, die China dauerhaft nutzt.

Chinas Mondforschungsstation ist ein strategisches Gegenprojekt zu den ­Artemis Accords der USA

Auch in Argentinien sorgt die operative Kontrolle über die Tiefraumstation Espacio Lejano für Spannungen: Obwohl der Standort im Rahmen bilateraler Abkommen betrieben wird, bleibt die Nutzung durch argentinische Wissenschaftler stark eingeschränkt. Kritik von Forschenden und lokalen Behörden weist auf die mangelnde Transparenz beim Datenzugang hin, was den langfristigen Nutzen für nationale Programme wie die von China initiierte Tiefraumstation Zapala in der Provinz Neuquén beeinträchtigen könnte. 

Diplomatische Verwerfungen zeigen sich auch in Chile: 2025 musste der ­Betrieb eines chinesischen Observatoriums in der Atacama-Wüste zeitweise eingestellt werden. Offiziell ging es um Sicherheits- und Genehmigungsfragen, doch hinter den Kulissen spielten geopolitische Spannungen eine Rolle. Die USA hatten mehrfach Bedenken geäußert, dass solche Anlagen nicht nur der Astronomie dienen, sondern auch für strategische Zwecke genutzt werden könnten. Bereits 2023 kam es zu einem ähnlichen Eklat, als ein chinesischer Wetterballon über Kolumbien und Costa Rica gesichtet wurde. Washington sprach von Spionage, während Peking auf wissenschaftliche Forschung verwies – ein Streit, der die Regierungen in der Region in eine unangenehme Lage brachte.

Diese Vorfälle machen deutlich: Der Weltraum ist eine Bühne für geopolitische Spannungen. Offiziell wird zwar von friedlicher Nutzung gesprochen; in der Praxis verschwimmen jedoch die Grenzen zwischen ziviler Forschung, wirtschaftlichen Interessen und sicherheitsrelevanten Anwendungen. Gerade Lateinamerika wird so zum Testfeld für die Neuinterpretation internationaler Regeln und zum Schauplatz, an dem kommerzielle, staatliche und militärische Interessen eng miteinander verwoben sind.


Abhängigkeit aufbrechen ...

Von der Atacama-Wüste bis zu den Ama­zonas-Regenwäldern wächst in Lateinamerika eine neue Art von Aufbruch – nicht am Boden, sondern im Orbit. Lange galt die Region als Konsument technologischer Innovationen, abhängig von den großen Raumfahrtnationen. Heute aber suchen Länder wie Chile, Brasilien und Argentinien eigene Wege, Satelliten ins All zu schicken, Daten zu sammeln und technisches Know-how aufzubauen – ohne ihre Souveränität aufzugeben.


... und Partnerwahl ausbauen

Chile setzt auf den Aufbau eines eigenen Raumfahrt-Ökosystems: gut ausgebildete Fachkräfte, nationale Technologien, langfristige Infrastruktur. Ziel: die Vorteile der Raumfahrt auf die Erde zurückzuführen – für Landwirtschaft, Katastrophen­management, Umweltschutz – und sie allen Regionen des Landes zugänglich zu machen. Brasilien navigiert geschickt zwischen den Großmächten: Im Rahmen der Artemis Accords arbeitet es mit den USA an der Mondexploration; gleichzeitig realisiert es mit China das CBERS-Programm, das Satelliten zur Überwachung von Umwelt, Wetter und Naturkatastrophen ins All schickt. Argentinien, traditionell stärker an Washington orientiert, öffnet sich ebenfalls der chinesischen Raumfahrt: Forschung zu Sternentstehung, Super­nova-Überresten oder großflächigen ­Himmelsdurchmusterungen wird in bilateralen Projekten vorangetrieben.

Die Zusammenarbeit zwischen lateinamerikanischen Ländern im Weltraum nimmt deutlich zu. Immer mehr Staaten arbeiten gemeinsam an Projekten, um eigene Fähigkeiten aufzubauen und sich von der Abhängigkeit der Großmächte zu lösen. So entwickeln Argentinien und Brasilien gemeinsam die Satelliten ­SABIA-Mar 1 und 2, mit denen sie Ozeane und Landflächen beobachten, um Umweltprobleme und Naturkatastrophen besser zu bewältigen.

Mit Satelliten ­Daten ­sammeln für Naturschutz, Katastrophenmanagement und Stadtplanung

Auch kleinere, gezielte Partnerschaften gewinnen an Bedeutung: Brasilien arbeitet mit den Vereinigten Arabischen Emiraten an sicheren Kommunikationssystemen, Argentinien mit der Türkei im GSATCOM-Projekt, bei dem Kommunikationssatelliten für den zivilen Gebrauch entwickelt werden – zum Beispiel der Satellit ARSAT-SG1, der die Datenübertragung im ganzen Land verbessern soll. Solche Kooperationen helfen, Technologie zu teilen, Infrastruktur aufzubauen und Fachkräfte vor Ort auszubilden. Gleichzeitig setzen die Länder bewusst auf unterschiedliche Partner, um unabhängiger zu werden und neue Wege in der Raumfahrt zu gehen.

Trotz historischer Abhängigkeiten wird Raumfahrt in Lateinamerika zunehmend zu einem Feld für Eigeninitiative, Pragmatismus und Innovation. Junge, gut ausgebildete Generationen verbinden Wissenschaft, Verwaltung und Technologie, sie nutzen geografische Vorteile und lokales Know-how, um die Region selbstbewusst in der globalen Raumfahrt sichtbar zu machen. Satelliten dienen dabei nicht nur der Forschung, sondern werden zu Werkzeugen für Naturschutz, Amazonas-Überwachung, Katastrophenmanagement und nachhaltige Stadtplanung. 

Schritt für Schritt hinterlässt Lateinamerika so seine eigene Spur im All – ein Fortschritt, der nicht nur neues Wissen und wertvolle Daten liefert, sondern der Region zugleich größere Handlungsspielräume, internationale Anerkennung und Verantwortung verschafft.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 6, November/Dezember 2025, S. 76-80

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Sara Meyer lebt und arbeitet
als Journalistin in
Bogotá. Sie hat Recht, Internationale 
Beziehungen und Lateinamerikastudien in Deutschland, Griechenland und Kolumbien studiert.

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