Die eiserne Hand Kolumbiens
Neuzugang im rechten Lager: Der kolumbianische Präsident Abelardo de la Espriella orientiert sich an Hardlinern wie Argentiniens Javier Milei. Lateinamerikas Allianz aus Geschäftsmännern und Patriarchen wächst – sehr zum Gefallen Donald Trumps.
Abelardo de la Espriella winkt nicht in die Menge. Wenn er die Bühne betritt, schießt seine rechte Hand flach ausgestreckt an die Schläfe, während er „¡Firme por la patria!“ („Standhaft für die Heimat!“) ruft. Eine militärische Geste, die zu seinem Markenzeichen wurde. Der frischgebackene Präsident verkörpert die Rolle des Anti-Politikers, des Erlösers von außen, der Kolumbien nicht mit Worten, sondern mit „eiserner Hand“ aus dem Abgrund ziehen will – zumindest ist es das, was er dem Volk im Wahlkampf erzählt hat.
Kampfname Tiger
In der Nacht seines Wahlsiegs am 21. Juni 2026 ließ sich de la Espriella in einem Papamobil-
artigen Gefährt durch seine Heimatstadt Barranquilla fahren – gehüllt in ein Trikot der kolumbianischen Nationalmannschaft.
Bei seinen Auftritten ist seine Stimme stets einen Tick zu laut, irgendwo in der Menge ist immer ein Plüschtiger zu sehen. Der 48-jährige Anwalt nennt sich selbst „El Tigre“ – ein Spitzname, der dem Präsidenten zufolge vom Volk stammt. Er steht für Disziplin, Hartnäckigkeit und Territorialität – das Bestreben, ein Gebiet zu markieren und zu verteidigen.
Der Präsident verspricht Wohlstand, Sicherheit und die Abschaffung der Korruption. Seine Bewegung Defensores de la Patria (Verteidiger des Vaterlands) steht für einen nationalen und patriarchalischen Regierungsstil. Mit der Staatsarmee will er das Koka-Geschäft zerschlagen sowie zehn Mega-Gefängnisse und Sucht-Center bauen, ähnlich wie Nayib Bukele in El Salvador. Von Donald Trump und Marco Rubio bereits für den Beginn einer „neuen Ära“ beglückwünscht, sieht er seine Feinde nicht nur in den Kartellen, sondern auch bei der „radikalen Linken“, die er als „Krebskrankheit“ bezeichnet.
De la Espriella versteht Kolumbien als Unternehmen, das mit wirtschaftlichen Deals zu leiten ist. Ideologie spiele für ihn keine Rolle, sagt er, solange für Sicherheit gesorgt werde: „Ich habe Erfahrung darin, erfolgreich zu sein“ ist ein für ihn typischer Satz. Der Präsident ist Inhaber von Alkohol- und Modemarken – und hat an seiner Seite mit José Manuel Restrepo einen bei Wirtschaft und Wissenschaft anerkannten Ökonomen als Vize.
Bevor er vor knapp einem Jahr seine politische Bewegung ins Leben rief, hatte sich de la Espriella von Kolumbien distanziert – er lebte in Italien und den USA. Seine Ambition aufs höchste Amt wurde anfangs belächelt, er selbst als Witzfigur abgetan. Seine patriotischen Reden hielt er auf den Plätzen des Landes, die Wahl aber gewann er vor allem in den sozialen Medien: Mithilfe von Influencern erreichte er besonders diejenigen, die nicht mehr an die traditionellen Parteien glauben.
Dubiose Vergangenheit
De la Espriella wuchs in einem Umfeld aus juristischer, politischer und ländlicher Macht auf. Sein Vater war wie er als Anwalt und in der Regionalpolitik tätig, seine Mutter stammt aus einer einflussreichen Familie des Agrarsektors.
In seiner Heimat diskutiert man über den Präsidenten sehr kontrovers. „Früher verteidigte er Drogenhändler, jetzt hat er ihnen den Krieg erklärt“, titelte die New York Times. Als Anwalt vertrat de la Espriella hochrangige Persönlichkeiten aus dem Umfeld von Paramilitärs sowie Drogenhändler. Gegen hohe Summen bewahrte er sie vor harten Strafen, indem er Deals mit US-Behörden erkämpfte. Angesprochen auf seine umstrittenen Mandate erklärt de la Espriella, dass er schlicht der beste Anwalt gewesen sei, den alle aufgesucht hätten. Er habe nur seine Arbeit getan – Ärzte lehnten ja auch keinen Patienten ab.
Einen Tag vor der Wahl inszenierte er sich im Livestream mit dem Influencer WestCOL bei Fast Food als volksnaher, kunstaffiner Familienvater. Seine eigene Interpretation des Songs „Hallelujah“ verzeichnet auf YouTube mittlerweile über 1,4 Millionen Aufrufe, ebenso wie sein Album mit italienischen Schlagersongs. Sein Stil weist deutliche Parallelen zu Javier Milei auf, ist aber kalkulierter und weniger schrill. Dass der frühere Star-Anwalt und bekennende Atheist nun als gläubiger Patriot auftritt, wirkt wie ein kalkulierter Wandel, um seine Vergangenheit abzustreifen.
Ein Dorn im Auge scheinen dem Präsidenten Journalistinnen zu sein. Die bekannte Journalistin María Jimena Duzán erklärte im Podcast El Hilo, de la Espriella habe ihr ein Interview verweigert – nicht nur wegen früherer kritischer Kolumnen, sondern weil man ihm davon abgeraten habe: Man könne bei Interviews mit Frauen nur verlieren. Für ähnliche Bemerkungen stand er im Wahlkampf wiederholt in der Kritik. Zu seiner Absage an die „Woke-Kultur“ bekennt er sich offen. Dieses konservativ-religiöse Weltbild treibt der LSBTIQ+ -Community sowie Frauen- und Menschenrechtlern die Sorgenfalten auf die Stirn.
Denkbar knapp
De la Espriella hat sich nicht nur selbst zur Marke gemacht; er vermarktet auch Fanartikel wie Mützen und Jacken seiner Bewegung – ähnlich wie Trump – über die offizielle Website, auf der er seine politischen Vorhaben skizziert.
In der Stichwahl gewann der Außenseiter mit 49,66 Prozent denkbar knapp gegen den Progressiven Iván Cepeda – die beiden trennte weniger als ein Prozent. Die Kontrahenten standen für extrem unterschiedliche Konzepte: Cepeda für Friedenspolitik und soziale Gerechtigkeit, de la Espriella für einen Anti-Establishment-Kurs. Politikverdrossen zeigt sich die Bevölkerung keineswegs: Die Wahlbeteiligung lag bei über 60 Prozent – so hoch wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr.
Die Wahlentscheidung spiegelt eher die verbreitete Haltung wider, dass weder Rechte noch Linke Wohlstand und Frieden brachten – verstärkt durch eine „Petrophobie“ wegen der chaotischen Regierungsführung des ersten linken Präsidenten Gustavo Petro. Das Ergebnis verdeutlicht den schwindenden Glauben an traditionelle Parteien: Weder die Strategie des linken Dialogs noch das Vorgehen des militärischen Kahlschlags erzielten bisher Wirkung.
Eine knappe Mehrheit entschied sich für das Modell des „Tigers“: Neben eiserner Hand sollen Geld und Wirtschaftswachstum die ersehnte Ruhe bringen. In der Wahlnacht versprach er, das Vertrauen seiner Gegner „mit Taten und nicht mit Worten“ zu gewinnen.
Bemerkenswerte Unterschiede zeigten sich bei den Auslandskolumbianern: Während die Diaspora in Europa für Cepeda stimmte, wählten in den USA über 80 Prozent de la Espriella.
Wie soll ein Mann, der keinerlei Bezug zum Alltag der Mehrheit der Menschen hat, Kolumbien eine bessere Zukunft bringen? De la Espriella versprach zwar, im Namen aller zu regieren, doch kann er die Menschen wirklich verstehen, die in einem der ungleichsten Länder der Welt leben? Kann er besonders der großen Mehrheit, die in den barrios populares an den Stadträndern lebt und im informellen Sektor als Straßenverkäufer tätig ist, ein anderes Leben bringen? Das wird angezweifelt, denn de la Espriella will vor allem ein leichteres Leben für Unternehmen.
Auch für die Beziehungen zu Deutschland bedeutet sein Amtsantritt eine Wende: Der bisher verfolgte Kurs aus Friedenspolitik und historischer Aufarbeitung rückt in den Hintergrund. Stattdessen setzt der Präsident wieder auf fossile Brennstoffe und Fracking als zentrale Wirtschaftsmotoren. Während Gustavo Petro die Energiewende vorantrieb und mit Deutschland eine Klima- und Energiekooperation für erneuerbare Energien und grünen Wasserstoff unterzeichnete, ist unter der neuen Regierung nicht mehr mit einem vergleichbaren Engagement zu rechnen.
Stattdessen sucht de la Espriella die Nähe zu Donald Trump – ähnlich wie Milei in Argentinien und Bukele in El Salvador. Dieser autoritäre „Männerclub“ aus Patriarchen und Unternehmern bekommt mit dem „Tiger“ nun ein neues Mitglied.
Internationale Politik 5, September/Oktober 2026, S. 9-11
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