31. August 2018
Brief aus

Tod durch Erdnussbutter

Brief aus .. Huron County, Michigan

Tief im „Trump-Land“ interessiert sich niemand für Politik. Oder doch?

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Im Spätsommer geht es auf der Unteren Michi­gan-Halbinsel, inmitten der Großen Seen gelegen, vor allem um die Ernte. Präsident Donald Trump mag mit der Pressekonferenz mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin in Helsinki die Gemüter erhitzen, CNN aufgeregt von möglichen Auswirkungen auf die Zwischenwahlen für den Kongress im Herbst berichten und sogar ausländische Beobachter mögen gespannt auf die Vorwahlergebnisse des Swing State Michigan schauen – in dieser landwirtschaftlich geprägten Gegend gibt es nur ein großes Thema: Regen. Denn die Vorhersagen stimmen oft nicht, es regnet weniger oder an den falschen Stellen. Bislang war es gerade noch genug, damit die Ernte nicht auf den Feldern vertrocknet. Politik? Fehlanzeige.

Was bemerkenswert ist, denn tatsächlich sind Fernsehen und Rundfunk (hier wird noch viel Radio gehört, denn zum Milch kaufen fährt man schnell mal zehn Meilen mit dem Auto) voll davon. Wahlwerbespots laufen quasi jede Stunde. Auf den „Pop“-Stationen (was in den USA Rhythm & Blues und Hip-Hop bedeutet) hört man Kandidaten, die um die Nominierung der Demokraten für die Gouverneurswahlen im November streiten. Da verspricht eine Frauenstimme, „es mit Trump aufzunehmen“ und „die verdammten Straßen zu reparieren“; ein milliardenschwerer Chemie­unternehmer, dem man die indische Herkunft anhört, redet über Bildung und die Schaffung von Arbeitsplätzen.

Bei den demokratischen Bewerbern um das Amt des Gouverneurs steht aber nicht nur Gretchen Whitmer gegen Shri Thanedar. Auch Abdul El-Sayed bewirbt sich, ein politisch linksstehender Arzt muslimischen Glaubens, der von Bernie Sanders unterstützt wird. Ähnlich ungewöhnlich ist ein republikanischer Kandidat für das Amt des Senators. Der ehemalige Soldat John James, 37 Jahre alt, hat die Unterstützung von Trump. Und er ist schwarz.

Aber auf den Sommerpartys in Huron County redet niemand über El-Sayed oder James. Die meisten, mit denen ich mich unterhalte, kennen ihre Namen gar nicht. Auch die Lokalzeitungen beschäftigen sich kaum mit den diversen Wahlkämpfen. Sie sind weiterhin auf dem Markt, weil sie sich auf lokale Ereignisse konzentrieren, mit Schlagzeilen über Seifenkistenrennen und 100-jährige Geschäftsjubiläen. Diese beiden Geschichten dominieren am 17. Juli, dem Tag nach der erwähnten Pressekonferenz in Helsinki. (Auf Seite vier sind dann zwei Pro-Trump-Kommentare zu finden und ein kurzer Bericht unter „Newswatch“ auf Seite fünf.)

Den lokalen TV-Sender, dessen Verbreitungsgebiet bis nach Flint reicht, einst der zweitgrößte Produktionsstandort von General Motors und in jüngster Zeit wegen seiner hohen Kriminalitätsrate sowie verseuchtem Wasser berüchtigt, beschäftigt am gleichen Tag ein Todesfall, der durch eine Erdnussallergie ausgelöst wurde: „Tod durch Erdnussbutter!“ Zölle, die China als Antwort auf Trumps Handelskrieg erhebt und viele Landwirte in Michigan treffen, werden nie so prominent behandelt.

2016 stimmten hier 67 Prozent der Wähler für den jetzigen Präsidenten, tiefstes „Trump-Land“ also. Dabei sind Schilder mit Aufschriften wie „Proud Deplorables for Trump“, wie man sie 150 Kilometer weiter südlich, vor den Toren Detroits, sieht, hier nicht zu finden. Stolz werden Verbindungen zu örtlichen Schulen oder den beiden großen staatlichen Universitäten zur Schau gestellt, aber nicht die zur Demokratischen oder Republikanischen Partei. Es sei denn, man ist unter sich.

Die Wahlbeteiligung bei den Vorwahlen am 7. August war dann aber – für amerikanische Verhältnisse – überraschend hoch. Weniger als ein knappes Drittel der Wahlberechtigten stimmten ab, was man mit „immerhin!“ bewerten muss. Besonders hoch war die Beteilung unter Anhängern der Demokraten, was manchen als Zeichen gilt, dass die Partei im November tatsächlich den US-Kongress erobern könnte. El-Sayed wurde allerdings nur zweiter; der Weg, Amerikas erster muslimischer Gouverneur zu werden, ist ihm damit verbaut. Rashida Tlaib aber, Tochter palästinensischer Einwanderer, gewann ihr Rennen in Detroit und zieht nun als erste Muslima ins Repräsentantenhaus ein (zwei männliche Abgeordnete muslimischen Glaubens sitzen dort schon). John James triumphierte bei der Nominierung für das Rennen um den Senatssitz und wurde von Trump (via Twitter natürlich) zum „zukünftigen Star der Republikanischen Partei“ gekürt. Um Michigans wichtigen Senatssitz ringt nun eine moderate weiße Establishment-Demokratin mit einem jungen, schwarzen Republikaner, der sich mit Trump verbunden hat – eine hochkomplexe und interessante Dynamik.

Michigan wird in den Wochen vor den Zwischenwahlen im November also zu einer Kampfarena der amerikanischen Politik. Dann haben die Einwohner von Huron County die Ernte eingefahren – und es dürfte echt schwer werden, die große Politik in ihrem Umfeld zu ignorieren.

Rachel Tausendfreund ist Editorial Director beim German Marshall Fund (GMF).

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, September-Oktober, 2018, S. 128 - 129

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