Buchkritik

29. Juni 2026

Russlands Radikalisierung, Deutschlands Naivität

Wie konnte es zum Angriffskrieg Moskaus auf die Ukraine kommen, welchen Anteil haben Deutschland und Europa an der Entwicklung, und wie hat der Krieg Putins Reich selbst verändert? Vier Bücher werfen auf der Basis investigativer Recherchen und bislang unbekannter Archivmaterialien einen neuen Blick auf drei alte Fragen. 

Stefan Meister
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Bild: Illustration eines Buches auf einem Seziertisch
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Eines der wichtigsten Bücher der vergangenen Jahre zur Aufarbeitung der Fehler in Deutschlands Russland-Politik ist „Das Versagen“ von Katja Gloger und Georg Mascolo. Die beiden Journalisten haben bereits vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen, Interviews mit zentralen Protagonisten dieser Politik zu führen und Zugänge zu vorher unzugänglichem Archivmaterial erhalten. Das Buch ist umso wichtiger, als es bislang keine politische Aufarbeitung dieses Versagens gibt. Deutschland hat einen entscheidenden Beitrag dafür geleistet, dass sich der Kreml im Glauben wähnte, man werde mit einer Invasion der Ukraine durchkommen, weil die Deutschen billiges Gas bräuchten und Moskaus Plänen nicht im Wege stehen würden.

Eine zentrale Erkenntnis von Gloger und Mascolo: Russland war für die deutsche Politik stets Chefsache. Ob unter Helmut Kohl, Gerhard Schröder oder Angela Merkel: Das Kanzleramt intervenierte immer wieder in Entscheidungen, die Moskau betrafen, oftmals in Gestalt der jeweiligen Person an der Spitze. All das führte trotz ­massiver Bedenken des Beamtenapparats besonders unter Schröder und Merkel zu einer ständig wachsenden Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen. 

So wurden trotz des vorhandenen institutionellen Wissens über die möglichen Risiken dieser Abhängigkeit keine Schlüsse aus der Verschlechterung der Beziehungen seit 2012/13 gezogen – und wenn, dann waren es die falschen Schlüsse. 

Zu einem Umdenken im Bundeskanzleramt führte auch Russlands Annexion der Krim nicht, im Gegenteil: Es wurde einige Energie darauf verwendet, Projekte wie Nord Stream 2 zur Vollendung zu führen und die Risiken herunterzuspielen. Dabei zeigen Gloger und Mascolo, wie eng Ökonomie und Politik miteinander verknüpft waren und wie massiv Deutschlands Unternehmen über Organisationen wie den Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft Einfluss auf politische Entscheidungen nahmen. 

Vieles davon ist bekannt; das Verdienst der beiden Autoren ist, dass sie es mit Quellen und ­Interviews belegen können. Sie zeigen die Netzwerke auf und weisen nach, dass die Zusammenarbeit weit über die Energiebeziehungen hinausging.


Bewusste Ignoranz

Ein besonders eklatantes und kaum öffentlich diskutiertes Beispiel ist die Kooperation in Sachen Rüstung. Nicht nur, dass deutsche Unternehmen Gefechtsübungszentren in Russland bauen sollten – auch eine Ausbildung russischer Soldaten durch Vertreter der Bundeswehr war für dort geplant. Das erste Zentrum sollte von Rheinmetall in Mulino nahe Moskau entwickelt werden, dem größten Truppenstandort der russischen Armee. 

Insgesamt waren acht solcher Zentren geplant, je eines in allen russischen Militärbezirken. Es gab sogar eine Diskussion darüber, die militärischen Kommandostrukturen zwischen beiden Staaten zu vernetzen, was Deutschland sonst nur mit NATO-Ländern getan hat und was aus heutiger Sicht schlicht verantwortungslos erscheint. 

Wie Akten belegen, haben deutsche Sicherheitsdienste in einem umfassenden Bericht schon 2016 vor der Gefahr gezielter russischer Manipulation und Desinformation der deutschen Öffentlichkeit gewarnt. Konsequenzen? Keine.

Was erstaunlicherweise in dem Buch fehlt, ist eine tiefere Analyse der Rolle des ehemaligen Leiters des Eurasienzentrums der DGAP, Alexander Rahr. Zwar wird er im Kontext seines Wirkens im Deutsch-Russischen Forum erwähnt, dem zentralen Lobbyinstrument russischer Interessen in Deutschland. 

Da Rahr aber eine Schlüsselfigur für Kontakte zwischen deutschen und russischen Wirtschafts- und Politikvertretern war, wäre es wichtig gewesen, sein Netzwerk tiefer zu analysieren – so hätte man eine wertvolle Quelle für das Funktionieren der russischen Einflussnahme in Deutschland. 

Das Buch zeigt, wie viel Wissen über die Gefährlichkeit Russlands in deutschen Institutionen vorhanden war und wie die bewusste Ignoranz zum zentralen Element der deutschen Russland-Politik wurde – bis hinauf ins Kanzleramt. 

Wie die Autoren zu Recht feststellen, war das Ziel deutscher Politik stets, Sicherheit mit Russland herzustellen, koste es, was es wolle. In dieser Logik war die Ukraine-Politik nur eine Funktion der Russland-Politik; das sollte sich erst 2022 ändern. 


Gebrochene Generation

Die russischen Investigativjournalisten Irina Borogan und Andrei Soldatov haben mit „Our Dear Friends in Moscow“ eine sehr persönliche Analyse des politischen und gesellschaftlichen Wandels in Russland unter Wladimir Putin geschrieben. Beide leben inzwischen im Londoner Exil, doch einige ihrer Jugendfreunde dienen dem Kreml heute als Journalisten, Propagandisten oder in staatlichen Institutionen. 

Bei diesem Freundeskreis handelt es sich um eine Gruppe von jungen, idealistischen Medienschaffenden, die sich Anfang der 2000er Jahre in Moskau trifft. Ebenso wie die russische Führung radikalisieren sich fast alle der Freunde im Laufe der Jahre und werden begeisterte Unterstützer des Krieges gegen den Westen und die Ukraine. Den Wandel des russischen Mediensystems vom klassischen Journalismus zum Propagandainstrument prägen sie so mit. 

Anhand von fünf Porträts zeichnen die Autoren den Weg Russlands von 2000 bis 2022 nach und stellen sich die Frage, was Putins Regime mit den Menschen macht – und warum sie sich nicht dagegen wehren. Idealismus wird von Zynismus abgelöst, ein Phänomen, das weite Teile der russischen Eliten prägt.

Wie sehr der russische Staat unter Putin darin versagt hat, die Sicherheit der eigenen Bevölkerung zu garantieren, zeigen die Autoren an Beispielen wie dem zweiten Tschetschenien-Krieg (1999–2009), dem Untergang des Atom-U-Boots Kursk (2000) oder der Geiselnahme von Beslan (2004). Bei all diesen Ereignissen waren sie als Journalisten vor Ort. Sie zeigen, wie das Regime immer besser darin wird, das eigene Versagen zu vertuschen und nicht die Schuldigen zu verfolgen, sondern diejenigen, die Fehlentscheidungen anprangern und dokumentieren wollen. 

Deutlich wird, dass alle, die in der ein oder anderen Form für den russischen Staat und seine Medien arbeiten, kooptiert werden, sich instrumentalisieren lassen und ihre Integrität verlieren. Die beiden Autoren haben sich ihre Glaubwürdigkeit dadurch bewahrt, dass sie sich diesem System entzogen haben: erst durch den Wechsel zu unabhängigen Medien und später, als es keine freien Medien mehr gibt, durch den Aufbau einer eigenen Website. Am Ende bleibt ihnen nur noch die Option, sich durch Emigration dem Zugriff des rus­sischen Staates zu entziehen. 

Dass ihre Freunde, die weiterhin in Russland leben, bereit waren, mit ihnen zu sprechen, macht ihr Buch zu einer wertvollen Quelle für das Funktionieren des russischen Macht- und Propagandaapparats. Es ist das Porträt einer Generation des Wandels, die am Ende der Perestroika und in den 1990er Jahren in Russland aufgewachsen ist. Einer Generation, die voller Hoffnung auf Aufbruch war und das freiste Russland in seiner Geschichte erlebt hat – und die sich dann doch durch den russischen Staat instrumentalisieren ließ und den Krieg gegen die Ukraine befürwortete. 

Das Buch zeichnet die Sackgasse nach, in die Putin sein Land und die russische Gesellschaft geführt hat. Die Isolation Russlands wird hier versinnbildlicht durch die Isolation der Protagonisten – eine Isolation von ihren ehemaligen Freunden und von Europa.


Strippenzieher im Kanzleramt

Das Buch „Die Sprengung“ der Investigativjournalisten Oliver Schröm und Ulrich Thiele widmet sich vordergründig dem Anschlag eines ukrainischen Sonderkommandos auf die beiden Stränge der Gaspipeline Nord Stream im September 2022. Konkret geht es den Autoren um den damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz und den Leiter des Bundeskanzleramts, Wolfgang Schmidt. Beide wollten trotz Warnungen durch die US-Dienste nicht sehen, dass Russland einen Angriffskrieg plante. 

Schon vor dem Antritt der Ampelkoalition Ende 2021 hatten Scholz und Schmidt versucht, die Genehmigung für Nord­ Stream 2 durchzusetzen, und vor allem Schmidt versuchte nach der Sprengung, die Diskussion darüber zu manipulieren. Beide taten laut den Autoren alles dafür, die deutsche Abhängigkeit von russischem Gas noch weiter zu erhöhen. Erst der russische Angriffskrieg führte dann zu einem Stopp des Prozesses. 

Das Buch ist ziemlich reißerisch geschrieben, was seiner Glaubwürdigkeit angesichts des heiklen Themas nicht immer bekommt. Trotzdem bietet es interessante Einblicke in die Konflikte innerhalb der ukrainischen Sicherheitsbehörden und in die Rolle, die der US-Geheimdienst bei der Ausbildung von ukrainischen Sonderkommandos spielte. Zudem ist es erhellend zu sehen, wie viel Misstrauen es im ukrainischen Politik- und Sicherheitssystem gibt, weshalb viele Akteure auf eigene Faust agieren. 

Die für den Anschlag verantwortlichen ukrainischen Geheimdienstler und der damalige Oberkommandierende der ukrainischen Streitkräfte, General Walerij Saluschnyj, trauten dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj nicht, den sie schon vor dem Krieg als zu vorsichtig im Umgang mit Russland einschätzten. Außerdem fürchteten sie, dass es in der Regierung eine undichte Stelle gebe, die Moskau informieren könnte.

Während der in dem Buch oft zitierte Wall Street Journal-Kor­respondent Bojan Pancevski sich in seinem eigenen Buch zum Nord Stream-Anschlag vor allem damit beschäftigt, welche Rolle Selenskyj und Saluschnyj dabei gespielt haben, arbeiten sich die beiden Journalisten an Wolfgang Schmidt als dem Strippenzieher im Bundeskanzleramt ab. Ihr Fokus liegt darauf, was Scholz und Schmidt über den Fall wussten und wie sie versucht hätten, die Öffentlichkeit zu täuschen. 

Mit Blick auf den Anschlag zitieren sie zum Teil dieselben Quellen wie Pancevski. Über den Kanzler und seinen wichtigsten Berater hat Autor Schröm in seinen Bestsellern über Olaf Scholz und die Cum-Ex-Akten einiges geschrieben. Alles in allem ist der Versuch, Schmidt etwas nachzuweisen, nicht immer nachvollziehbar; er wirkt etwas aufgesetzt. 


Imperialer Komplex

„Für Russland ist Europa der Feind“: Der langjährige Redakteur der Deutschen Welle in Bonn Andrey Gurkov legt eine Abrechnung mit Putins Russland vor, die gleichzeitig eine Klage über die Naivität der Deutschen im Umgang mit dem autoritären Nachbarn ist. Gurkov ist in Moskau geboren und in Ostberlin und Bonn aufgewachsen, wo sein Vater als Korrespondent einer sowjetischen Tageszeitung arbeitete.

Für Gurkov ist die Annexion der Krim der eigentliche Sündenfall Russlands, auf den von deutscher Seite nicht angemessen reagiert wurde. Die Russen waren berauscht von dem schnellen Sieg, gegen den der Westen nichts tun konnte oder wollte. Ohne dieses innenpolitische Erfolgserlebnis hätte Putin aus Sicht des Autors acht Jahre später nicht zum Großangriff auf die Ukraine geblasen und dem Westen den Krieg erklärt. 

Gurkovs Verdienst ist es, die innenpolitischen Gründe für den Krieg aufzuzeigen, die in der öffentlichen Debatte in Deutschland meist ausgeblendet werden. Hier betont man Geopolitik und Russlands Rolle in der Welt über und folgt so unfreiwillig der russischen Propaganda. Eine Schlüsselfrage des Autors ist, warum Putins imperialer Komplex so breite Unterstützung in der russischen Bevölkerung erfährt. 

Gurkovs Buch soll ein Realitätscheck für die Deutschen sein, damit sie nach dem Krieg und nach Putin nicht wieder die gleichen Fehler im Umgang mit Russland machen. Damit vertritt der Autor zu Recht die These, dass dies nicht nur Putins Krieg ist, sondern der einer imperialen russischen Gesellschaft. 

Großmanns- und Großmachtsucht, militärische Wertvorstellungen und verletzter Nationalstolz sind tief in der russischen Gesellschaft verankert. Aus Sicht Gurkovs hat Putin mit seiner Propagandamaschine grundlegende Gefühle in der russischen Gesellschaft wie kulturelle Überlegenheit, Antisemitismus und Machtgehabe angeheizt und so den Krieg vorbereitet. Gurkov glaubt, dass es nach Putin ähnlich wie in Deutschland nach Hitler einer langen Phase der Aufarbeitung und eines tiefen gesellschaftlichen Wandels bedarf, um diesen Komplex zu überwinden.

Alle hier besprochenen Bücher zeigen, wie lange uns Russland noch als absteigendes Imperium mit seinen historischen Mustern beschäftigen wird, aber auch, wie wenig lernfähig die deutsche Politik und Gesellschaft sind.


Katja Gloger und Georg Mascolo: Das Versagen. Eine investigative Geschichte der deutschen Russlandpolitik. Berlin: Ullstein 2025. 496 Seiten, 26,99 Euro

Irina Borogan und Andrei Soldatov:  Our Dear Friends in Moscow. The Inside Story of a Broken Generation.  New York City: Public Affairs 2025.  336 Seiten, 31,00 Euro

Oliver Schröm und Ulrich Thiele:  Die Sprengung. Der Nord‑Stream‑
Anschlag, die Jagd nach den Tätern und Deutschlands Verrat an der Ukraine. München: Piper 2026. 288 Seiten,  22,00 Euro

Andrey Gurkov: Für Russland ist  Europa der Feind. Warum meine Heimat mit dem Westen gebrochen hat.  Köln: Kiepenheuer und Witsch 2025.  288 Seiten, 24,00 Euro

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Mai/Juni 2026, S. 118-121

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Mehr von den Autoren

Dr. Stefan Meister ist Leiter des Zentrums für Ordnung und Governance in  Osteuropa, Russland und Zentralasien der DGAP.