01. Januar 2004

Raketenabwehr

Die USA ziehen davon, wer folgt?

Der Irak-Krieg und die nukleare Bewaffnung Nordkoreas und Irans haben die Debatte um Raketenabwehr
in den Hintergrund gedrängt; doch weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit tut
sich auf diesem Feld einiges. Die Autoren beschreiben den technischen Entwicklungsstand der
amerikanischen Raketenabwehr-Programme und untersuchen die europäische Position dazu.

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Raketenabwehr ist seit Jahren eine kontrovers diskutierte Problematik. So hat die wachsende Gefahr durch das nordkoreanische Nuklearwaffenprogramm besonders im asiatisch-pazifischen Raum die Notwendigkeit einer solchen  Abwehr deutlich herausgestellt. Vor allem die traditionellen Verbündeten der Amerikaner – Japan und Australien – sind hierbei zu einer Kooperation mit Washington bereiter  denn je.

Doch nicht nur in Asien, sondern auch in Europa ist fast unbemerkt von der Öffentlichkeit Bewegung in die Frage der Raketenabwehr gekommen. Die auf dem Prager NATO-Gipfel im November 2002 in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie zur konzeptionellen Gestaltung von Raketenabwehr im euro-atlantischen Raum zeigt dies. Dabei geht es nicht nur um den Schutz europäischer und amerikanischer Interventionsstreitkräfte, sondern langfristig auch um den Schutz des europäischen Territoriums.

Die Vereinigten Staaten können im Bereich der Abwehr von ballistischen Raketen auf eine 50-jährige Tradition von Forschung und Entwicklung aufbauen. Ballistische Raketen werden traditioneller Weise nach ihrer Reichweite kategorisiert. Während die Abwehr von Short-Range Ballistic Missiles/SRBM (bis zu 1000 km) und die von Medium-Range Ballistic Missiles/ MRBM (1 bis 3000 km) schauplatzgebundene Abwehr (theater defense) genannt wird, bezeichnet man die Abwehr von Intermediate-Range Ballistic Missiles/IRBM (3 bis 5500 km) und die der Intercontinental Ballistic Missiles/ICBM (über 5500 km) als strategische Abwehr (strategic defense) oder auch National Missile Defense (NMD).

Die Abwehr von ballistischen Raketen stellt allgemein eine technisch herausfordernde Aufgabe dar. Die auf Grund ihrer elliptischen Flugbahn als ballistisch bezeichneten Raketen sind umso schneller, je größer die Reichweite ist (dreifache bis zwölffache Schallgeschwindigkeit). Auf Grund dieser hohen Geschwindigkeiten sind Reaktionszeiten von extremer Kürze zu beachten. Die geringen Flächen der ballistischen Flugkörper reflektieren nur wenige Radarstrahlen, die zur Ortung und Berechnung der Flugbahn benötigt werden. Das eigentliche Ziel der Abwehr ist der Gefechtskopf des Flugkörpers, denn in der Regel wird die ausgebrannte Antriebssektion am Ende der Startphase abgeworfen. Dabei kommt es besonders bei angreifenden Raketen unterer und mittlerer Reichweite darauf an, Auswirkungen des Gefechtskopfs auf das zu schützende Ziel zu vermeiden. Denn erfolgt die Bekämpfung zu nah am Ziel, können Gefechtsköpfe mit Massenvernichtungswaffen (MVW) immer noch großen Schaden anrichten. Um den gewünschten Schutzbereich einhalten zu können, muss der Abwehrflugkörper schnell in der Lage sein, den Gefechtskopf von ausgestoßenen Täuschkörpern zu unterscheiden („Diskriminierung“) und elektronische Abstandsstörer zu ignorieren. Damit stellt das Problem der Täuschkörper eine der zentralen Herausforderungen für die Funktionsfähigkeit einer Raketenabwehr dar. Raketenabwehr muss also die Herausforderungen, die aus den Faktoren Geschwindigkeit, Zeit, Diskriminierungsnotwendigkeit sowie Treffsicherheit entstehen, technisch lösen können.1

Die Bekämpfung der anfliegenden Raketen soll laut Planungen der Regierung Bush zumeist durch die so genannte „Hit-to-Kill“-Technologie erfolgen. Dabei soll der feindliche Gefechtskopf durch die beim Zusammenprall mit einem Abwehrflugkörper (kill vehicle) entstehende kinetische Energie pulverisiert werden. Hierbei handelt es sich allerdings um eine technisch umstrittene Konzeption.

Prinzipiell sind bei ballistischen Raketen drei Flugphasen zur Bekämpfung vorstellbar: Start-, End- und mittlere Phase. In der Start- oder Aufstiegsphase („Boost-/Ascent-Phase“) bieten sich taktische Vorteile. Zum einen ist der Flugkörper auf Grund der Infrarot-Signatur der Antriebssektion gut zu orten. Zum anderen blieben die Trümmer/MVW, die bei einer erfolgreichen Bekämpfung entstünden, über dem Gebiet des Aggressors. Weiterhin hat der Flugkörper noch keine Täuschmaßnahmen eingeleitet. Der bis heute nicht aufgelöste Nachteil einer Bekämpfung in der Startphase ist in der extrem kurzen Zeitspanne zu sehen, die für Ortung, Identifizierung und Bekämpfung zur Verfügung stünde (bis zu 150 Sekunden). Die Bekämpfung in der mittleren Flugphase („Midcourse Phase“) erscheint vielversprechender. Je nach Entfernung stünde mehr Zeit zur Verfügung (5 bis 12 Minuten) als in den beiden anderen Phasen. Weiterhin fliegt der Flugkörper relativ stabil; Flugbahn und Bekämpfungszeitpunkt werden berechenbarer. Entscheidend bleibt hier das Problem der Diskriminierung und des „Hit-to-Kill“.

Die Bekämpfung in der Endphase („Terminal Phase“) hingegen ist technologisch am fortgeschrittensten, aber auch am gefährlichsten. Bei der zur Verfügung stehenden Zeit (unter einer Minute) müssen die Abwehrsysteme äußerst zuverlässig arbeiten,  und selbst dann werden Schäden im Schutzbereich bei einem Angriff mit MVW nicht vermieden werden können. Insofern sind Frühwarnung und Zielvoreinweisung von entscheidender Bedeutung. Deshalb entwickeln die Vereinigten Staaten einen Mix aus den eigentlichen Abwehr- und zusätzlichen Aufklärungssystemen (Satellitenverbünde).

Politische Zielsetzung der Regierung Bush

George W. Bush machte bereits als Präsidentschaftskandidat deutlich, dass für ihn die Realisierung einer nationalen Raketenabwehr so schnell wie möglich Vorrang haben würde: „… to build an effective missile defense … at the earliest possible date“.2 Dieser Wille der Regierung Bush wurde auch in den steigenden Aufwendungen für die mit der Koordinierung der einzelnen Programme zuständigen Missile Defense Agency (MDA) deutlich: So stieg das Budget für Raketenabwehr von 3,7 Milliarden Dollar im Haushaltsjahr 2000 auf 7,7 Milliarden Dollar im Haushaltsjahr 2004.

Die Notwendigkeit für ein Raketenabwehrsystem wird von der amerikanischen Regierung aus der fortschreitenden Verbreitung von ballistischen Raketen und der Weiterentwicklung vorhandener Arsenale durch den USA feindlich gesonnene Staaten gerechtfertigt. So kam eine Studie des amerikanischen National Intelligence Council vom Dezember 2001 zu dem Schluss, dass die USA bis zum Jahr 2015 durch Interkontinentalraketen aus Nordkorea und Iran bedroht werden könnten.3 Die Ereignisse des 11. September 2001 untermauern im Verständnis der Regierung Bush die Notwendigkeit eines funktionierenden Raketenabwehrsystems weiter. Dies machte das amerikanische Verteidigungsministerium in der kurz nach den Anschlägen veröffentlichten Quadrennial Defense Review vom September 2001 deutlich.4 Präsident Bush begründete den Rückzug der USA aus dem ABM-Vertrag auch mit der vom Terrorismus ausgehenden Bedrohung: „We know that the terrorists, and some of those who support them, seek the ability to deliver death and destruction to our doorstep via missile“.5

Abschreckung im klassischen Verständnis des Kalten Krieges ist nach Auffassung der amerikanischen Regierung kein probates Mittel mehr, um die Sicherheit der USA und ihrer Bürger wirksam zu schützen. Aus diesem Grund enthält die Nationale Sicherheitsstrategie der USA vom September 20026 auch die Forderung nach dem Ausbau passiver Schutzmöglichkeiten wie der Raketenabwehr. Die Kündigung des ABM-Vertrags aus dem Jahr 1972 im Dezember 2001 war für die Regierung Bush die logische Konsequenz aus der bestehenden Bedrohungslage. Anders als von vielen Beobachtern befürchtet, führte diese Aufkündigung nicht zu einem Rüstungswettlauf zwischen den USA und Russland.

Die Frage der Raketenabwehr ist jedoch innerhalb der vergangenen 18 Monate deutlich in den Hintergrund getreten. Andere Entwicklungen, besonders die Kriege in Afghanistan und Irak, haben die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit weit stärker absorbiert, als dies die Raketenabwehr vermocht hat. Tatsächlich hat die Regierung Bush am 17. Dezember 2002 aber sehr ambitionierte Ziele bei der Umsetzung der Raketenabwehrprogramme vorgelegt. Bis zum September 2004 sollen erste einsatzbereite Komponenten für eine Nationale Raketenabwehr in Alaska (Fort Greely) und Kalifornien (Vandenberg Air Force Base) fertig gestellt werden.

Stand der Programme

Den klassischen Unterschied zwischen schauplatzgebundener und nationaler Raketenabwehr hat die Regierung Bush aufgehoben und alle Programme unter einem Dach vereinigt. Gleichwohl laufen die Arbeiten an den Programmen wie vorher individuell weiter. Dabei wird allerdings der Versuch unternommen, einmal entwickelte Technologie in mehreren Programmen einzusetzen und die Programme, die zur schauplatzgebundenen Abwehr entwickelt werden, auf ihre Fähigkeit zur Fortentwicklung in die strategische Dimension zu prüfen. Derzeit laufen sieben Hauptprogramme:

1.Ground-Based Midcourse Defense,

2.Aegis Ballistic Missile Defense,

3.Airborn Laser (ABL),

4.Theater High Altitude Area Defense (THAAD),

5.Patriot Advanced Capability-3 (PAC-3),

6.Space Tracking and Surveillance System (STSS),

7.Space-based Infrared System-high (SBIRS-high).

Bei den ersten fünf Systemen handelt es sich um eigentliche Abwehrprogramme, wohingegen die letzten zwei der Aufklärung und Voreinweisung dienen.

1. Das „Ground-Based Midcourse Defense“-Programm (in der Regierung Clinton: National Missile Defense genannt) besteht aus bodengestützten Raketen, die den angreifenden Flugkörper in der mittleren Flugphase mittels „Hit-to-Kill“ außerhalb der Atmosphäre (über 100 km Höhe) bekämpfen sollen. Nur dieses Programm ist derzeit zur Abwehr von strategischen ballistischen Raketen vorgesehen. Hierbei handelt es sich auch um das System, das ab September 2004 in Alaska und Kalifornien stationiert werden soll. Von den bisher acht durchgeführten Tests waren fünf erfolgreich; die Testbedingungen entsprachen allerdings nicht dem geforderten Fähigkeitsprofil, da keine Gegenmaßnahmen des angreifenden Flugkörpers simuliert wurden. Auch die Trägerrakete des Abwehrgefechtskopfs wurde noch nicht ausreichend getestet. Die Entwicklung des Trägers liegt zwei Jahre hinter dem Zeitplan. Weiterhin sind die für einen erfolgreichen Einsatz dringend notwendigen Einweisungs- und Führungsinstrumente (Satelliten/Radar) nicht vor Ende 2005 einsatzbereit.

2. Das „Aegis Ballistic Missile Defense“-Programm (unter Clinton: Navy Theater Wide) ist seegestützt und der schauplatzgebundenen Abwehr zuzurechnen. Hierbei handelt es sich um ein auf Kreuzern der amerikanischen Marine installiertes Luftabwehrsystem. Der zugehörige Flugkörper (SM-3) basiert auf der „Hit-to-Kill“-Technologie und war ursprünglich nur auf die Bekämpfung von Raketen kurzer oder mittlerer Reichweite ausgerichtet. Vorgesehen ist, Aegis so zu verbessern, dass es nicht nur Raketen kurzer/mittlerer, sondern auch solche strategischer Reichweite mindestens in der mittleren Flugphase, möglichst schon in der Startphase, bekämpfen kann. Auch soll es Raketen kurzer/mittlerer Reichweite in der Endphase abwehren können.

Allerdings haben zwei Berichte des Pentagon festgestellt, dass zur Abwehr strategischer Raketen insbesondere das Radar nicht in der Lage sowie der Flugkörper SM-3 zu langsam ist. Nach drei erfolgreichen und einem misslungenen war der jüngste Test am 11. Dezember 2003 erfolgreich. Jedoch entsprachen auch diese Tests nicht der realen Bedrohung, da die angreifenden Flugkörper langsamer und größer als die zu erwartenden waren. Zielplanung ist, 2004/05 bis zu 20 neue Abwehrflugkörper auf drei Schiffen zu stationieren sowie ca. 15 Schiffe mit verbesserten Radargeräten auszustatten. Jedoch liegt auch dieses Programm hinter dem Zeitplan, und es wird nicht damit gerechnet, dass das Testen des Systems gegen Raketen strategischer Reichweite vor 2007/08 beginnen kann.

3. Ein weiteres Abwehrsystem ist der „Airborne Laser“ (ABL). Dieser Laser soll an Bord einer modifizierten Boeing 747 montiert werden und durch chemische Reaktion entstehen. Ursprünglich ebenfalls als schauplatzgebundene Abwehr konzipiert, soll er  in Zukunft alle Raketentypen in der Startphase bekämpfen können. Während sich der Laser noch in der Entwicklung befindet, wurde der erste Testflug am 18. Juli 2002 durchgeführt. Der erste Bekämpfungsversuch wird nicht vor Ende 2004 stattfinden, war jedoch von der Regierung Clinton schon für 2003 geplant. Nach vorsichtiger Schätzung ist mit dem ersten flugfähigen Exemplar nicht vor 2005/06 zu rechnen.

4. Das nächste System ist das „Theater High Altitude Area Defense“ (THAAD)-Programm. Dessen Flugkörper besteht aus einer einstufigen Antriebssektion plus „Hit-to-Kill“- Gefechtskopf und wird von einem Lkw-gestützten Werfer abgefeuert. Sein Bekämpfungsauftrag umfasst Raketen kurzer/mittlerer Reichweite in der Endphase oder in dem letzten Stück der mittleren Flugphase innerhalb wie außerhalb der Atmosphäre (zwischen 35 und 120 km Höhe). Nach sechs fehlgeschlagenen Tests zwischen April 1995 und März 1999 konnten im Sommer 1999 zwei erfolgreiche Tests durchgeführt werden. Der Flugkörper befindet sich in einer Umgestaltungsphase; erste Testflüge werden für 2004 sowie erste Abwehrtests für 2006 erwartet. Stationierungen sind dementsprechend nicht vor 2007/08 abzusehen.

5. Das letzte maßgebliche Abwehrsystem Patriot (in seiner dritten verbesserten Version „Patriot Advanced Capability-3“/PAC-3) schließt mit seinem Bekämpfungsbereich in der schauplatzgebundenen Abwehr an THAAD an: Es soll Raketen kurzer/ mittlerer Reichweite in der Endphase unterhalb der für THAAD vorgesehenen Höhen (unter 35 km) abwehren. PAC-3 besteht aus einem einstufigen Flugkörper, der von mobilen Abschussstellungen abgefeuert wird. In den – allerdings unter erleichterten Bedingungen – durchgeführten Tests erzielte PAC-3 eine Trefferquote von neun aus zehn Zielen. Die noch im Testbetrieb befindlichen PAC-3 wurden mit ca. 50 Flugkörpern in den dritten Golf-Krieg verbracht. Dort erzielten sie zwei erfolgreiche Abschüsse irakischer Kurzstreckenraketen, allerdings auch den eines US-Kampfflugzeugs.7 Zeigten sie sich im Prinzip funktionsfähig, bleibt doch Verbesserungsbedarf bei verschiedenen Komponenten. Die Planungen zielen darauf ab, bis zum Jahr 2005 ca. 350 PAC-3-Flugkörper an die Streitkräfte auszuliefern.

6. Das Space Tracking and Surveillance System soll feindliche Flugkörper für die Dauer des gesamten Fluges  verfolgen und die Daten an die Abwehr weitergeben. Die beiden ersten Satelliten von STSS werden nicht vor 2007 gestartet. Das Pentagon schätzt, dass mindestens 18 Satelliten benötigt werden, um einen operativ ausreichenden Status zur Überwachung von sensiblen Gegenden zu erreichen (global: 30).

7. Space-based Infrared System-high dient der Aufklärung und Frühwarnung feindlicher Starts. Für SBIRS-high schätzt man einen Bedarf von vier Satelliten, wobei die ersten nicht vor 2008 voll verfügbar sein werden.

Diese Auflistung zeigt, dass aus heutiger Perspektive nicht damit zu rechnen ist , dass die USA im September 2004 ein voll einsatzfähiges Raketenabwehrsystem installieren werden. Hierfür ist der technische Entwicklungsbedarf der einzelnen, einander überlappenden Systeme, die komplementär den Schutz garantieren sollen, noch zu groß.

Die europäische Dimension

Für die europäischen Partner stand in der Frage der Raketenabwehr zum einen die Sorge vor möglichen globalen Rüstungswettläufen im Vordergrund, zum andern die Furcht vor der Schaffung von Zonen unterschiedlicher Sicherheit im atlantischen Raum. Eine Auseinandersetzung mit den Risken der Raketenproliferation fand kaum statt. Gerade in der deutschen Politik wird Raketenabwehr nach wie vor als problematisch wahrgenommen. Im Wesentlichen hängt dies mit einer nur unzureichend aufgearbeiteten Bedrohungswahrnehmung und einer traditionellen Ablehnung von Raketenabwehr in Teilen der die Bundesregierung tragenden Parteien zusammen.8

Wiederholt haben die Vereinigten Staaten in den vergangenen Jahren versucht, das Thema Raketenabwehr auf der Agenda der NATO zu platzieren. In den letzten Jahren haben sich die Europäer hierbei allmählich auf die USA zu bewegt: So sprachen sich die NATO-Verteidigungsminister im Juni 2002 zunächst grundsätzlich für den Aufbau eines schauplatzgebundenen Abwehrsystems aus, um im Einsatz befindliche Truppen zu schützen.9 Auf dem Prager NATO-Gipfel wurde weiterführend die Ausarbeitung einer Machbarkeitstudie für ein künftiges Raketenabwehrsystem beschlossen. Ziel der Studie ist es, Optionen für den Schutz von NATO-Territorium, Bevölkerungszentren und Streitkräften gegen das gesamte Spektrum ballistischer Raketen zu entwicklen.10 Dies bedeutet eine qualitative Fortentwicklung über die bloße Konzentration auf schauplatzgebundene Abwehr hinaus. An der Erarbeitung der Studie sind namhafte internationale Unternehmen wie Boeing, Diehl, Thales, EADS, Raytheon, Alenia und IABG beteiligt.

Ein weiterer Bereich ist die vertiefte direkte Kooperation der europäischen Verbündeten mit den USA. So unterzeichnete Großbritannien im Juli 2003 ein Abkommen mit der Regierung in Washington, das den Vereinigten Staaten die Nutzung der für die Funktionsfähigkeit eines Raketenabwehrsystems wichtigen Radaranlage in Fylingdales ermöglicht.11 Die deutsch-amerikanisch-italienische Kooperation im Bereich des geplanten Luftverteidigungssystems MEADS (Medium Extended Air Defense System) weist auf Grund des mobil zu gewährleistenden Schutzes für entsandte Truppen in die richtige Richtung. Die Zukunft des Systems ist aber in doppelter Hinsicht ungewiss: Zum einen beabsichtigen die USA den Status von MEADS als unabhängiges Programm herabzustufen und es zu einem Subprogramm von PAC-3 zu verwandeln; zum anderen existieren haushaltstechnische Vorbehalte auf deutscher Seite.

Von der Europäische Union ist noch keine klare Position zur Frage der Raketenabwehr bezogen worden. Wie die im Dezember 2003 beschlossene Sicherheitsstrategie der EU und die Erklärung des Europäischen Rates zur Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen vom Juni 2003 allerdings zeigen, teilen die Europäer und die USA die Bedrohungsperzeption.12 Es gibt aber noch keine Überlegungen und Konzepte hinsichtlich des Aufbaus eines Raketenabwehrsystems unter Beteiligung der EU bzw. ihrer Mitgliedstaaten.

Die gegenwärtige russische Politik kann am besten als ambivalent bezeichnet werden: Auf der einen Seite gibt es Bestrebungen zur Verbesserung der eigenen ballistischen Raketenkapazitäten, um eine sichere Überwindung eines amerikanischen Raketenabwehrsystems zu garantieren, und auf der anderen Seite besteht der Wille zur Kooperation mit den USA und der NATO.

Die Zukunft der Raketenabwehr

Die Pläne der Regierung Bush hinsichtlich des forcierten Aufbaus einer allgemeinen Raketenabwehr zeigen, dass sie den politischen Willen hat, das Thema Raketenabwehr energisch voranzubringen. Dies zeigt sich in der geplanten Stationierung der ersten Komponenten im Jahr 2004, wenngleich noch kein voll operables System in Dienst gestellt werden kann.

Die jüngsten Entwicklungen innerhalb der NATO demonstrieren eine gestiegene Bereitschaft der Europäer, sich nicht nur an schauplatzgebundener Raketenabwehr zu beteiligen. Dies ist Ergebnis eines jahrelangen Diskussionsprozesses. Die Europäer nähern sich in diesem Bereich dem von den Vereinigten Staaten ausgehenden strategischen Dialog an. Dies ist nachhaltig auf die Entwicklungen im Bereich der Proliferation von ballistischen Raketen im Nahen und Mittleren Osten (besonders Iran und Syrien) zurückzuführen. Gerade Deutschland muss aufgrund seiner Bedeutung in NATO und EU an der Weiterentwicklung dieses strategischen Dialogs ein vitales Interesse haben und diesen offen und konstruktiv führen.

Anmerkungen

1  Vgl. Grams, Das Mittlere Erweiterte Luftverteidigungssystem MEADS: Geschichte, Idee, Realisierung, Schriftenreihe „Strategische Analysen“ des Instituts für Strategische Analysen (ISA), Bd. 8, Frankfurt/Bonn 2003, S. 65 ff.

2  Zitiert nach Ilan Berman, The way ahead for Missile Defense, in: Journal of International Security Affairs, Sommer 2003, S. 41–50, hier S. 42.

3  Vgl. National Intelligence Council, Foreign Missile Developments and the Ballistic Missile Threat Through 2015, Washington 2001, S. 3 (einsehbar auf der Website der CIA unter <www.cia.gov>).

4  Vgl. Donald Rumsfeld, Quadrennial Defense ReviewReport 2001, Washington 2001, S. 42.

5  President Discusses National Missile Defense, 13.12.2001 <http://www.whitehouse.gov/news/releases/2001/12/20011213-4.html>.

6  Vgl. den (gekürzten)Abdruck in:Internationale Politik (IP), 12/2002, S. 113 ff.

7  Dennis M. Gormley, Missile Defence Myopia: Lessons from the Iraq War, in: Survival, Jg. 45, Nr. 4, Winter 2003/2004, S. 61–86, hier S. 65.

8  Vgl. Benjamin Schreer, Germany and U.S. Missile Defense: The Case for Real Debate, in: German Issues 27, American Institute for Contemporary German Studies, Washington 2002, S. 49–50.

9  NATO Press Release, Statement on Capabilities, Issued at the Meeting of the North Atlantic Council in Defence Ministers Session <http://www.nato.int/docu/pr/2002/p02-074e.htm>; dt. in:IP, 7/2002, S. 125 ff.

10 NATO Press Release, NATO Missile Defence Advances, <www.nato.int/docu/pr/2003/p03069e.htm>,12.6.2003.

11 Vgl.dazu  Richard Norton-Tylor, National Roundup: Britain in secret star wars deal, in: The Guardian, 13.6.2003.

12 Vgl. Javier Solana, Ein sicheres Europa in einer besseren Welt, Thessaloniki, 20. Juni 2003, sowie die dort verabschiedete Erklärung zur Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen, abgedruckt in: IP, 9/2003, S. 107 ff. und S. 105 f. Vgl. dazu auch den Beitrag von Fraser Cameron in dieser Folge,  S. 39 ff.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 1, Januar 2004, S. 31‑38

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