27. Juni 2019

Postglobale Konturen

Weltwirtschaftlich betrachtet, hat es nach 1989 ein „Ende der Geschichte“ gegeben, ermöglicht durch die technologische Dominanz der USA

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Dreißig Jahre sind vergangen, seit Francis Fukuyama seinen berühmten Artikel „The End of History“ veröffentlichte. Seitdem hat seine These viel Kritik und Spott erfahren. Schaut man sich jedoch die wirtschaftlichen Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit an, dann finden sich durchaus Argumente, die Fukuyamas Mutmaßungen stützen.

Zwischen 1989 und 2019 hat sich die Weltwirtschaft viel stärker verändert als die Weltpolitik. Während die politische Rivalität zwischen den Nationen nie ganz schwand und sich Staaten wie Russland auch nicht in liberale Demokratien verwandelten, schien ein „Ende der Wirtschaftsgeschichte“ durchaus in Sicht. 1989 war nicht nur das Jahr, in dem sich die Nationen Mittel- und Osteuropas gegen den Kommunismus auflehnten, sondern auch das Jahr, in dem Japan die größte Finanzkrise seiner Geschichte erlebte und der wirtschaftliche Zusammenbruch der Sowjetunion begann. Innerhalb kürzester Zeit sah sich die Welt zweier großer Wirtschaftsmächte beraubt, die den USA über Jahrzehnte Paroli geboten hatten. Vorhersagen, die Japan auf dem Weg an die Spitze der Weltwirtschaft wähnten, lösten sich jäh in Luft auf und wurden von der Idee abgelöst, dass die Vereinigten Staaten an der Schwelle einer Ära des „unbegrenzten Reichtums“ (Paul Pilzer) standen.

Der größte Unterschied zwischen der posthistorischen Ökonomie, die sich in den 1990er Jahren entwickelte, und der traditionellen Industriewirtschaft des 19. und 20. Jahrhunderts war eine völlig neue Art der Kooperation zwischen den großen Wirtschaftsräumen. Nationen, die es in der Vergangenheit vollbracht hatten, die großen Industriestaaten „einzuholen“, hatten dafür meist die gleiche Technologie eingesetzt, diese jedoch effektiver genutzt. Dies erklärt auch, warum wirtschaftliche Rivalitäten zwischen Staaten ihre politische Rivalität meist weiter verschärften. Im Wettstreit um Marktanteile gab es keinen Platz für Kompromisse. Die Weltwirtschaft war ein Nullsummenspiel.

Mit der postindustriellen Revolution der 1970er und 1980er Jahre änderte sich das jedoch grundlegend. In der neuen, globalisierten Welt taten sich die USA nicht nur als Spitzenreiter bei der Herstellung von Computern und Mikrochips sowie im Design der entsprechenden Betriebssysteme hervor, sondern verstanden sich auch darauf, diese neuen Technologien am effektivsten für den eigenen wirtschaftlichen Vorteil zu nutzen. Die USA und andere westliche Mächte verkauften ihre eigens produzierte Software, die sich fast ohne monetären Aufwand millionenfach reproduzieren ließ, an den Rest der Welt, behielten das Wissen über die Programmierung dieser Systeme jedoch für sich. Die aufstrebenden Schwellenländer Asiens nutzten die US-Technologie derweil, um fortschrittliche Hardware zu entwickeln, mit der sich diese Waren noch schneller produzieren ließen.

Diese neue Konfiguration der Weltwirtschaft deckte sich mit Fukuyamas Thesen zum „Ende der Geschichte“. Die zwei Seiten der globalen Wirtschaft wurden abhängig voneinander und hatten keinen Grund mehr für Handelskriege und Streitereien. Als unangefochtener wirtschaftlicher Hegemon (im Jahr 1992 entfielen laut Internationalem Währungsfonds 26 Prozent des Weltsozialprodukts auf die US-Wirtschaft, und die USA hielten rund die Hälfte aller weltweiten Patente) verfolgten die Vereinigten Staaten eine äußerst freundliche und mehr als nur faire Handelspolitik gegenüber ihren potenziellen Konkurrenten.

Anfang der 1990er Jahre unterstützten die USA die Wirtschaftsreformen in Russland, 1994 griffen sie Mexiko in der dortigen Währungskrise unter die Arme, und 1997/98 sah Washington in der Asienkrise davon ab, billige asiatische Importe einzuschränken. Washington plädierte sogar dafür, dass China zu Konditionen, die eigentlich für mittelgroße Entwicklungsländer und nicht für aufstrebende Wirtschaftsmächte gedacht waren, in die Welthandelsorganisation aufgenommen wurde. In dieser Zeit wuchsen die Wirtschaften in der globalen Peripherie schnell, was die Nachfrage nach US-Technologien und -Software drastisch steigerte und die westlichen Staaten mit kostengünstigen Waren versorgte. Der Lebensstandard im globalen Norden verbesserte sich dadurch nachhaltig. In meinen Augen war diese perfekte Interdependenz der Kern der Globalisierung – und die globalisierte Welt war tatsächlich eine posthistorische.

Die Konsequenzen sind allseits bekannt. Zwischen 1991 und 2015 wurden mehr als eine Milliarde Menschen, von denen rund 75 Prozent in Asien lebten, aus der extremen Armut befreit. Gleichzeitig wurde China 2009 zum größten Warenexporteur, 2010 zum größten Hersteller von Industrieerzeugnissen und 2016 zur größten Weltwirtschaft (gemessen am BIP in Kaufkraftparität). Das „asiatische Jahrhundert“, so wurde prophezeit, stand unmittelbar vor der Tür.

Der amerikanische Anteil am Weltsozialprodukt fiel derweil auf 15 Prozent im Jahr 2018, und das Handelsdefizit der USA wuchs zwischen 1991 und 2015 von 31 Milliarden auf 622 Milliarden Dollar an. Die asiatischen Staaten wurden zu Verwaltern riesiger Währungsreserven (China, Hongkong, Südkorea, Taiwan, Malaysia und Thailand halten gemeinsam rund 4,65 Billionen Dollar an internationalen Währungsreserven), während sich die Vereinigten Staaten zum größten Schuldnerstaat der Welt entwickelten. Es schien fast so, als ­würde die reanimierte industrielle Welt die postindustrielle Welt zum Wettkampf herausfordern – und der Ausgang war alles andere als sicher. Doch obwohl all diese Zahlen belegen, dass die Kluft zwischen der ersten Kraft der Weltwirtschaft und ihren Verfolgern sehr viel kleiner geworden ist, zeigen sie nicht das ganze Bild. Denn schaut man nur auf die technologische Dominanz der USA, dann hat sich eigentlich kaum etwas verändert.


Von Amerikas Rückzug aus der Welt kann keine Rede sein

Bis Anfang 2019 wurden mehr als die Hälfte aller Desktop-Computer und Notebooks in China hergestellt. Das Land schafft es dabei jedoch gerade einmal, etwas weniger als ein Drittel dieser Computer auch mit selbst produzierten Mikrochips auszustatten, und bleibt deshalb in hohem Maße von Importen abhängig. Währenddessen vertrauen bis zu 60 Prozent aller internationalen Hersteller auf Intel-Mikrochips. Und bei den Prozessoren ist die Dominanz des US-Konzerns mit 98 Prozent noch größer. Sowohl Intel als auch AMD führen zudem die Entwicklung der neuen Generation von Mikrochips an. Sie haben die Massenfertigung ihrer Produkte zwar nach Asien verlagert, wo sich Unternehmen wie SK Hynix aus Südkorea oder TSMC und UMC aus Taiwan mittlerweile als ihre Konkurrenten positionieren. Hinsichtlich der wichtigsten Technologie bleiben letztere aber weiterhin abhängig von den amerikanischen Firmen.

2018 wurden mehr als 65 Prozent aller weltweit hergestellten Smartphones in China produziert. 78 Prozent davon entfielen auf „echte“ chinesische Marken wie Huawei, Xiaomi, OPPO und Vivo. Gleichzeitig laufen rund 98 Prozent aller Smartphones der Welt entweder auf Windows-, Android- oder iOS-Betriebssystemen (wenn alle Computer und computerähnlichen Geräte gezählt werden, dann macht der Anteil von Microsoft-, Google- oder Apple-Software noch immer beeindruckende 96 Prozent aus). Bei den Online-Suchmaschinen hält Google einen Marktanteil von rund 93 Prozent. Der chinesische Anbieter Baidu kommt im Vergleich dazu gerade einmal auf 1 Prozent und Yandex, das Unternehmen, das als unangefochtener Marktführer der russischen High-Tech-Branche gilt, auf mickrige 0,5 Prozent. Und auch im Bereich der sozialen Netzwerke dominieren Unternehmen mit Sitz in den USA. Facebook, You­Tube, WhatsApp und Instagram zählen zusammen rund 8,12 Milliarden Nutzer, während chinesische Dienste wie QQ, Douyin und Weibo nur 1,67 Milliarden Nutzer verbuchen. Zudem gehen rund 92 Prozent der fast 300 Milliarden E-Mails, die täglich weltweit verschickt werden, in Postfächern ein, die bei in den USA ansässigen Unternehmen registriert sind. Apple und Google haben auch hier mit zusammen 75 Prozent den größten Marktanteil.

2007 wurde PetroChina zum ersten Unternehmen mit einem Marktwert von mehr als einer Billion Dollar, und 2008 rückte der russische Konzern ­Gazprom auf den vierten Platz der Liste der wertvollsten Unternehmen der Welt vor. Seit März 2017 sind die Top-10-Unternehmen jedoch – zum ersten Mal seit den 1970er Jahren – ausschließlich amerikanisch. Der oft proklamierte „Rückzug der USA aus der Welt“ erscheint nicht zuletzt deshalb mehr als fragwürdig. Und auch ein Blick auf den Finanzmarkt lässt nicht vermuten, dass die amerikanische Dominanz bald endet. Im April 2019 hielten China und Hongkong zusammen US-Staatsanleihen im Wert von rund 1,33 Billionen Dollar. Selbst wenn sie versuchen sollten, diese Anleihen zu verkaufen, wäre ein „finanzieller Tsunami“ äußerst unwahrscheinlich. Amerikanische Banken könnten die Anleihen einfach aufkaufen und dafür Kredite bei der US-Notenbank aufnehmen. Schon zwischen 2008 und 2011 wuchsen die Bilanzen der Notenbank um 2,1 Billionen Dollar. Es ist nicht unvorstellbar, dass sich dieses Szenario wiederholt, sollte China auf einen finanziellen Konfrontationskurs gehen.

Kurz gesagt, deutet nichts darauf hin, dass die USA ihre Position als Weltmarktführer in naher Zukunft einbüßen werden. Noch immer dominiert das Land jeden einzelnen technologischen Sektor und jede Domäne der globalen Informationswirtschaft. Sollte eine andere Nation versuchen, einen Wirtschaftskrieg gegen die Vereinigten Staaten anzuzetteln, würde sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit besiegt werden – und zwar nicht primär durch wirtschaftliche Sanktionen, das Einfrieren von Vermögenswerten oder Handelsembargos, sondern vor allem durch den Verlust des Zugangs zu amerikanischen Technologie- und Kommunikationsressourcen.

Doch wenn all das zutrifft, warum haben die anderen Weltmächte dann nie etwas gegen die amerikanische Vorherrschaft unternommen? Die Antwort darauf scheint mir darin begründet zu sein, dass die US-Führung ihre ökonomisch-technologische Machtposition bisher nie dazu genutzt hat, eine ausländische Regierung oder ein ausländisches Unternehmen zu unterwerfen. Seit 1990 waren die USA in eine ganze Reihe von Kriegen und Konflikten verwickelt und machten unter anderem im Irak (zweimal), in Bosnien, in Serbien, im Kosovo, in Afghanistan, in Somalia, in Libyen, in Syrien und in vielen anderen Teilen der Welt von ihrer militärischen Übermacht Gebrauch. Nie ­setzten die USA dabei jedoch ihre technologische Überlegenheit ein, um politische Ziele zu erreichen. Nimmt man ausschließlich den Bereich der Informationstechnologie in den Blick, dann endete die Geschichte des Krieges und des Konflikts tatsächlich, ganz so wie von Fukuyama prophezeit.


Das Ende „Chimericas“

Mit dem Beginn von Donald Trumps Amtszeit und seiner Entscheidung, einen härteren Kurs gegenüber Peking einzuschlagen – und letztendlich sogar einen echten Handelskrieg mit China anzufangen –, hat sich jedoch einiges verändert. Dazu muss gesagt werden, dass die USA gute Gründe für den Strategiewechsel hatten. Über Jahre hat China Schutzzölle auf US-Waren aufrechterhalten (2017 erhoben die USA Zollgebühren in Höhe von 13,5 Milliarden Dollar auf chinesische Importe im Wert von 506 Milliarden Dollar, während die chinesischen Behörden Zollgebühren in Höhe von 14,1 Milliarden Dollar für US-Importe im Wert von 127 Milliarden Dollar einstrichen). Zudem verstießen chinesische Unternehmen regelmäßig gegen amerikanische Copyright-Gesetze und zwangen ausländische Investoren, die ihre Produktion nach China auslagern wollten, ihr technologisches Know-how zu teilen.

Der grundlegende Unterschied zu allen früheren wirtschaftlichen Spannungen zwischen Washington und Peking besteht jedoch unter anderem da­rin, dass die US-Behörden kürzlich harte Sanktionen gegen mehrere chinesische High-Tech-Unternehmen, insbesondere Huawei und ZTE, verhängt und diese der Industriespionage beschuldigt haben. Auch dies wären keine großen Neuigkeiten gewesen, hätten die Sanktionen nur das Ziel gehabt, die Exporte der Konzerne in die USA und ihren Zugang zu amerikanischer Technologie einzuschränken. Tatsächlich haben mehrere amerikanische Unternehmen Huawei auf Anordnung der Behörden seit dem 1. Juni 2019 auf den Index gesetzt und komplett von ihren Dienstleistungen ausgeschlossen: Microsoft stellte die Lieferung seiner Windows-Betriebssysteme und anderer Software-Anwendungen für Huawei-Laptops ein, und Google gab bekannt, dass man einige Dienste des Android-Betriebssystems für Huawei-Smartphones sperren werde (wie zum Beipiel GoogleMaps, YouTube, GooglePlay und Googlemail).

Man kann das abtun. Meiner Meinung nach hat die US-Regierung damit aber eine rote Linie überschritten. Sie hat das Vertrauen ausländischer High-Tech-Unternehmen in den US-Technologiesektor untergraben, dessen ausgezeichneter Ruf den USA über Jahrzehnte die Vormachtstellung in der globalisierten Welt gesichert hat. Denn Unternehmen wie Microsoft und Google stellen ja nicht nur amerikanische Software her – sie produzieren amerikanische Soft Power. Erstmals wird der Welt nun klar, dass diese vermeintlich weiche Kraft auch als hartes Machtinstrument genutzt werden kann – und die langfristigen Konsequenzen dieser Erkenntnis könnten tiefgreifend sein.

Wie wird all das in naher Zukunft weitergehen? Fest steht, dass die betroffenen chinesischen Unternehmen einen schweren Schlag werden hinnehmen müssen. Ihre globale Expansion wird durch die amerikanischen Maßnahmen mit großer Wahrscheinlichkeit ins Stocken geraten. Ich wäre jedoch erstaunt, wenn Peking darauf nicht antworten würde. Im Gegensatz zu den erdölfördernden Staaten oder anderen Rohstoffwirtschaften hat China bereits Milliarden von High-Tech-Produkten hergestellt und wird seine industrielle Expansion auf diesem Gebiet unbeirrt weiterverfolgen. Nicht zuletzt deshalb wird es für chinesische Unternehmen von entscheidender Bedeutung sein, ein eigenes Betriebssystem zu entwickeln (Huawei hat bereits angekündigt, Ende 2019 über die entsprechende Software zu verfügen) – und die chinesische Regierung wird ihr Möglichstes tun, den Konzernen bei der Erreichung dieses Zieles zu helfen. Gleichzeitig werden chinesische Hersteller versuchen, ihre eigenen Mikrochips zu entwickeln. Angesichts der Tatsache, dass China bereits alle zur Herstellung hochwertiger Mikrochips nötigen Technologien erworben oder von westlichen Unternehmen gestohlen hat, sollte dies kein großes Problem sein, auch wenn es mehr Zeit beanspruchen wird als die Einführung eines eigenen Betriebssystems. Früher oder später werden in China also unweigerlich technologische Dienste und Plattformen entstehen, die mit ihrer amerikanischen Konkurrenz in direkten Wettbewerb treten werden.

Man muss wissen, dass chinesische Software und soziale Netzwerke überwiegend entweder in China selbst oder von im Ausland lebenden Chinesen verwendet werden. Dies hat sich seit Jahren nicht verändert. Während in China hergestellte Industriewaren die Welt eroberten, schaffte es chinesische Software nie wirklich auf den globalen Markt. Mit ihrem Vorgehen unter anderem gegen Huawei scheinen die Vereinigten Staaten die Internationalisierung des chinesischen High-Tech-Sektors nun jedoch indirekt zu fördern. Und was wirklich zählt, ist ohnehin die unglaubliche Vernetzung Chinas mit den wichtigsten Verbrauchermärkten der Welt. Die rund zwei Milliarden Nutzer chinesischer Hardware wie Computer und mobile Geräte im Ausland sind für China ein nicht zu verachtendes wirtschaftliches Kapital. Sollte Peking die Entwicklung eigener High-Tech-Geräte forcieren, dann werden diese bald erstmals eine echte Alternative zu amerikanischen Technologien bieten.

Klein beigeben werden die USA natürlich nicht. In den vergangenen Jahren leiteten sie deshalb mindestens zwei wichtige wirtschaftliche Veränderungen ein. Zum einen wurden mit der sogenannten Vierten Industriellen Revolution vollautomatisierte Produktionsketten in Gang gesetzt, die Millionen von Arbeitskräften überflüssig machen könnten. Für China und andere aufstrebende Wirtschaften bedeutet das womöglich, dass sie ihren größten Wettbewerbsvorteil verlieren: zu niedrigeren Preisen produzieren zu können als der Rest der Welt. US-Unternehmen könnten sich derweil nach und nach von ihren Produktionsstätten in Übersee lösen und nicht nur ihr Kapital, sondern auch ihre Fabriken in die USA zurückbringen, was ein zusätzlicher Schlag für China wäre. Zum anderen bewegen sich die Vereinigten Staaten und Europa schon seit längerer Zeit in Richtung der Energieunabhängigkeit, indem sie sich auf Fracking (USA) oder auf die Entwicklung erneuerbarer Energiequellen (Europa) konzentrieren. Beide Trends deuten an, dass die westlichen Staaten in Zukunft sowohl weniger abhängig von der Industrie in Übersee als auch von der globalen Rohstoffwirtschaft sein werden.

All das wird ohne Frage zu einer schleichenden Auflösung der gegenwärtigen posthistorischen Wirtschaftsordnung führen. Beide Teile des Konstrukts, das von einigen Beobachtern „Chimerica“ getauft wurde, werden sich wieder auf ihre eigenen Stärken besinnen. Im Falle Chinas sind das die Herstellung und der Export von Hardware, die in naher Zukunft auch mit chinesischer Software und chinesischen Mikrochips ausgestattet und unter chinesischen Labels vertrieben werden wird. Hier wird Peking alles daransetzen, eine Deinstallation der eigens produzierten Betriebssysteme unmöglich zu machen. Ich gehe außerdem davon aus, dass die chinesischen Smartphone-Hersteller ein System einführen werden, das die von Apple betriebenen Dienste – etwa kostenlose iMessages und ­FaceTime-Anrufe – repliziert, um mehr Nachfrage für ihre Geräte zu generieren.

Doch auch die USA werden versuchen, ihre Wettbewerbsvorteile auszuspielen und ihre Dominanz in der Mikrochip-Produktion dazu nutzen, chinesische Firmen aus dem Markt zu drängen. Wenn die neueste Software auf chinesischen Smartphones nicht funktioniert und der Westen seine Vormachtstellung im Internet klug behauptet, dann wird das auf lange Sicht auch den Druck auf die chinesischen Verbraucher erhöhen. Es ist deshalb zu erwarten, dass sich der globale Wirtschafts- und Informationsraum in zwei Sphären spalten wird, die beide auf einer eigenen technologischen Infrastruktur aufbauen. Es ist schwer vorherzusagen, wie radikal diese Spaltung sein wird. Der allgemeine Trend ist jedoch bereits heute zu erkennen.


Stärkere politische Spannungen

Diese wirtschaftliche und technologische Spaltung wird zweifelsohne auch zu einer politischen Spaltung zwischen den zwei Blöcken führen – und die Trennlinien schärfen. Noch stehen dabei die meisten Staaten der EU und Lateinamerikas sowie Japan treu an der Seite der USA. Die wirtschaftliche Macht Wa­shingtons und eine Vielzahl lange gewachsener strategischer Allianzen tragen dazu bei, dass sich der Westen gegenüber China meist geschlossen präsentiert. Hinsichtlich internationaler Kooperationen haben jedoch auch die Chinesen bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Zwischen 2005 und 2018 stiegen die chinesischen Investitionen in den afrikanischen Markt von 23 auf 352,7 Milliarden Dollar an – und chinesische Unternehmen investierten rund 170 Milliarden Dollar in Lateinamerika. Gleichzeitig rief die chinesische Regierung die Belt and Road Initiative (BRI) ins Leben und arbeitet unermüdlich daran, Russland von China abhängig zu machen (so ließen sich etwa die russischen Mobilfunkunternehmen darauf ein, Huawei die Sammlung von Kundendaten für einen Zeitraum von mindestens einem Jahr zu erlauben). Beide Supermächte – China und die USA – verfügen über genug Einfluss, um Verbündete und andere wirtschaftlich abhängige Staaten dazu zu drängen, die von ihnen vorgegebenen Technologie- und Softwarestandards zu übernehmen.

Wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Chimerica in naher Zukunft tatsächlich auseinanderbricht, ist schwer zu sagen – aber möglich ist es allemal. Obwohl China 2018 Waren im Wert von mehr als 539,5 Milliarden Dollar in die USA exportierte, entsprach dies nur rund 4 Prozent des nominalen ­chinesischen BIP. Gleichzeitig wies die chinesische Regierung im selben Jahr die Banken an, Haushalten und Unternehmen Kredite im Wert von 16,2 Billionen Renminbi zu gewähren (umgerechnet 2,4 Billionen Dollar oder 17,9 Prozent des nominalen BIP). Die Vorbereitungen für eine „Entkopplung“ von den USA scheinen also in vollem Gange zu sein. Ob sich die chinesischen Behörden derweil der Gefahr bewusst sind, dass sie damit eine der größten Kreditblasen der Geschichte kreieren könnten, steht auf einem anderen Blatt. Klar ist, dass die Entkopplung Chimericas für die Weltwirtschaft eine dramatische Rezession bedeuten würde, die vielleicht sogar die letzte große Weltwirtschaftskrise einläuten und zu noch mehr politischer Rhetorik rund um die Schlagworte „Isolation“ und „Exportsubstitution“ führen könnte. Am Ende dieser Entwicklung könnte gar das Zeitalter der „multiplen Globalisierungen“ stehen, in der sich einzelne, voneinander abgetrennte Wirtschaftsräume bilden, in deren Kern jeweils die USA und China stehen.

Das Modell für diese neue Ära des wirtschaftlichen und politischen Wettbewerbs wurde bereits vor mehr als zehn Jahren von dem amerikanischen Politstrategen Parag Khanna vorgezeichnet, der 2008 vorhersagte, dass die Welt in Zukunft von drei „Imperien“ angeführt werden würde: den Vereinigten Staaten, China und der Europäischen Union. Diese seien allesamt in der Lage, ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Modelle auf den Rest der Welt zu projizieren. Alle anderen Staaten, so Khanna, würden zwangsläufig in die Kategorie der „zweiten“ oder „dritten Welt“-Länder abrutschen und jedes globale Mitspracherecht verlieren. Vor dem Hintergrund des sich anbahnenden technologischen Showdowns erscheint dieses Szenario tagtäglich realistischer.

Doch müssen wir die „postglobalisierte“ Welt überhaupt fürchten? Ich behaupte: nein! Denn es ist weder ungewöhnlich, dass der wirtschaftliche Fortschritt ungleichmäßig voranschreitet, noch, dass sich globale Supermächte stärker voneinander abgrenzen, je reifer sie werden. Entscheidend ist, dass der Wettbewerb in der Weltwirtschaft seit 1945 sehr friedlich vonstatten gegangen ist. Nicht einmal die Umbrüche von 1989, die die USA an die Spitze der Wirtschaftshierarchie katapultierten, haben echte politische Auseinandersetzungen provoziert. Im Gegenteil: Der Zusammenbruch der Sowjetunion sorgte sogar für eine kurze posthistorische Ära in der Weltpolitik und ein noch viel länger anhaltendes posthistorisches Zeitalter in der globalen Wirtschaft. Und es scheint ganz so, als ob das Risiko eines politischen Konflikts auch in Zeiten wachsender wirtschaftlicher Spannungen nicht wirklich steigt.

Heute sind vor allem Soft ­Power, technologische Überlegenheit und die Verbreitung der eigenen High-Tech-Produkte der Schlüssel zur globalen Dominanz – und das könnte tatsächlich eine gute Nachricht für alle sein, die auf jene Thesen vertrauen, die Francis Fukuyama bereits vor 30 Jahren aufstellte.

Dr. Wladislaw Inosemzew leitet das von ihm 1996 gegründete Centre for Post-Industrial Studies.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Juli/August 2019, S. 40-47

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