01. Januar 2019
Essay

Das letzte Imperium

Russland ist dazu verdammt, eine revisionistische Macht zu sein

Russland ist nicht zum Imperium geworden, es wurde als solches geboren – im Unterschied zu europäischen Ländern. Dieser imperiale Charakter macht es heute unweigerlich zu einer Macht, die alle Mittel einsetzt, um ihr Territorium zu vergrößern und Satellitenstaaten zu schaffen.

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Vor fünf Jahren schrieb Wladislaw Inosemzew – einer der Autoren dieses Essays – in dieser Zeitschrift eine Analyse über die Wege und Instrumente imperialer Expansion (IP 2/2014). Seine These war, dass Russland und die anderen europäischen Mächte ihren Einfluss auf die Außenwelt auf sehr ähnliche Weise projizieren. Der Artikel erschien nur wenige Monate vor der russischen Invasion der Ukraine. Dieses Ereignis weckte bei Politikern und Analysten großes Interesse an der russischen imperialen Tradition – eine Tradition, die keineswegs am Ende ist. Manche Kommentatoren sind überzeugt, dass sich die Politik von Präsident Wladimir Putin aus dem russischen Nationalismus speist. Wir vertreten dagegen die These, dass die russische Öffentlichkeit von der territorialen Expansion Russlands geradezu besessen ist. Für die meisten Bürger ist sie der wichtigste Beweis für die imperiale Wiedergeburt ihres Landes.

Deswegen haben wir uns gefragt: Wie lässt es sich erklären, dass Russland, das dieselben Etappen der Siedlerkolonisierung und der militärischen Expansion durchlief wie die anderen imperialen Mächte Europas, nicht auch irgendwann einen Zerfall seines Reiches erlebte? Zur Überraschung des Westens gilt dies sogar noch nach dem Ende des sowjetischen Imperiums. Das Abenteuer auf der Krim, die Versuche, Satellitenstaaten von Transnistrien bis Südossetien und von Abchasien bis zu den „Volksrepubliken“ im ukrainischen Donbass aufzubauen – all dies zeigt, dass Russland in keiner Weise die Absicht hat, „normal“ zu sein. Dieses Phänomen bedarf der Erklärung.

Unser Argument lautet, dass die Erklärung in Russlands Geschichte zu finden ist, aber nicht so sehr in den Traditionen von Religion oder Verwaltung wie in der Ausrichtung und der Abfolge seiner kolonialen Expansion. Was wir hier im Detail erörtern wollen, sind die zwei Stadien, in denen das russische Imperium errichtet wurde, und welche Besonderheiten diese beiden Phasen mit sich brachten.

Auf den ersten Blick ähnelten sich die koloniale Expansion, die zur Errichtung des größten Kontinentalimperiums führte, und die Kolonisierung der Neuen Welt durch die Europäer auf verblüffende Weise. Am Ende des 15. Jahrhunderts, zu der Zeit, als Kolumbus nach Amerika segelte, begannen die Russen unter Prinz Kurbsky-Tscherny, Sibirien zu erobern. Etwa hundert Jahre später, im Jahr 1581, startete das Großfürstentum Moskau einen großen Angriff auf die einheimischen Stämme, der damit endete, dass die Krieger und Kosaken des Zaren 1644–1650 den Pazifik nahe der chinesischen Grenze und 1649 die Tschukotka-Halbinsel erreichten. Ebenso wie die Spanier in Mittel- und Südamerika, die Portugiesen in Brasilien, und die Briten und Franzosen in Nordamerika stießen die Moskowiter auf verstreut lebende Stämme, die ihnen in jeder Form der Kriegsführung unterlegen waren.

Genau zu der Zeit, als die Briten die ersten Ortschaften in den Gebieten gründeten, die später als die dreizehn Kolonien bekannt wurden, bauten auch die Moskowiter befestigte Siedlungen und Ortschaften, um ihre Herrschaft über die dünn besiedelten Gebiete zu festigen. Diese Expansion war in jeder Hinsicht eine typische europäische Siedlerkolonisierung. Zeitgenossen verglichen sie mit der spanischen Kolonisierung Amerikas und beschuldigten die Siedler schrecklicher Gräueltaten bei der Unterwerfung der einheimischen Völker. Sibirien war definitiv zur Kolonie des Großfürstentums Moskau geworden.

Nicht „Russland“, sondern das Großfürstentum Moskau expandierte

Die Vorstellung, es habe sich um eine „interne Kolonisierung“ gehandelt, die sich im imperialen Russland von der Zeit Nikolaus II. bis hin zu Putin großer Beliebtheit erfreute, führt in die Irre: Das, was im nördlichen Eurasien zwischen dem frühen 16. und dem späten 17. Jahrhundert geschah, war keine „interne Kolonisierung“ Russlands, sondern eine externe Expansion des Großfürstentums Moskau. Die weit verbreitete Vorstellung, es gebe im Inneren des riesigen russischen Imperiums einen Kern, der als Stammgebiet des russischen Volkes Russland genannt werden könnte, kam erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf.

Mit Blick auf diese Zeit lässt sich die erste wichtige Besonderheit der russischen Art entdecken, ein Imperium zu errichten. In der Zeit vor Beginn der kolonialen Expansion konsolidierten sich im westlichen Europa Gemeinwesen, die später zu Nationalstaaten wurden: Spanien wurde 1492 unter der Herrschaft der Reyes Católicos wiedervereint; Frankreich entledigte sich bis 1453 der Briten und schluckte seinen größten Gegner Burgund im Jahr 1477; und selbst Großbritannien wurde von 1603 an von einem einzigen Monarchen regiert, mehrere Jahre, bevor es seinen ersten Vorposten in Nordamerika etablierte.

Jedes dieser europäischen Mutterländer konnte auf eine lange Geschichte zurückblicken, sie besaßen seit Langem etablierte Hauptstädte und eine gemeinsame Sprache. Die Kolonien, ob nah oder fern, wurden als Peripherien betrachtet, die von diesen Zentren aus regiert wurden. Spanien blieb auf ­diese Weise Spanien, auch wenn es Gebiete von Patagonien bis Mexiko regierte, und Großbritannien war weiterhin Großbritannien, auch wenn es Ländereien von Neu-England bis Pondicherry kontrollierte. Hinzu kam, dass die großen europäischen Mächte, auch wenn sie in Europa gegeneinander Krieg führten, einander zu keiner Zeit fest und dauerhaft beherrschten.

Im östlichen Eurasien entwickelten sich die Dinge anders. Das Großfürstentum Moskau war kein Nationalstaat, als es seine große koloniale Expansion vorbereitete. Moskau war im 12. Jahrhundert an der östlichen Grenze der Kiewer Rus erbaut worden. Es gewann an Bedeutung, als die wichtigsten Städte der Region – von Wladimir bis Riasan, von Twer bis Jaroslawl und sogar die Stadt Moskau selbst – von den Mongolen zerstört wurden. Bis 1480 blieb das Großfürstentum Moskau ein Vasallenstaat der Goldenen Horde. Es wurde immer wieder von Krimtataren angegriffen, und zwei historische Zentren des russischen Staatswesens – Nowgorod und Kiew – blieben zunächst außerhalb seiner Reichweite. 1478 eroberten die Moskauer Streitkräfte schließlich Nowgorod und zerstörten es 1570. Im Jahr 1654 verleibte sich der neue Staat Kiew und den östlichen Teil dessen ein, was heute die Ukraine ist. ­Polozk wurde erst 1772 erobert.

Wenn man die Wurzeln des Wortes русия („Russland“) zurückverfolgt, wird deutlich, dass es erst in den 1490er Jahren entstand. Im offiziellen Sprachgebrauch ersetzte es den Ausdruck Großfürstentum Moskau oder Moskauer Zarentum erst 1547. Wichtig ist zu wissen, dass der Begriff von Anfang an genutzt wurde, um die Ansprüche des Großfürstentums Moskau auf Gebiete im Westen und Südwesten zu untermauern, die früher zur Kiewer Rus gehört hatten. Polen und Litauen bestritten diesen Anspruch und bezeichneten ihren östlichen Nachbarn noch lange als Großfürstentum Moskau.

Expansion vor Nationalstaats-Werdung

Während der gesamten Zeit der Errichtung „Russlands“ dominierte die religiöse Identität deutlich gegenüber der ethnischen oder nationalen. So kommt es, dass die Einzigartigkeit des russischen Staates aus zwei miteinander verwobenen Fakten stammt: Im 16. und 17. Jahrhundert expandierte er sowohl nach Osten als auch nach Westen, während die Siedler-Kolonisierung sich mit der Reconquista überschnitt. Insofern kann man sagen, dass Russlands Expansion begann, bevor sich das Land zu einem wirklichen Nationalstaat entwickelte. Tatsächlich argumentieren viele Historiker heute, dass Russland die Eigenschaften eines Nationalstaats nicht nur in der Vergangenheit fehlten, sondern dass es auch keine Aussicht hat, sie in Zukunft zu erwerben.

Nach unserer Einschätzung erklärt diese Besonderheit einen zentralen Zug der gesamten russischen Geschichte: Die Identität des neuen Staates und seines Volkes wurde nicht durch eine gemeinsame Geschichte geprägt, sondern durch das ständig wachsende Territorium, das sie unter ihre Kon­trolle brachten. Russland ist nicht zum Imperium geworden, es wurde als solches geboren – das ist der größte Unterschied zwischen Russland und den Ländern Europas.

Auch die europäischen Nationen haben in ihrer Geschichte verschiedene Etappen durchlebt. Sie haben zweimal Imperien verloren – erst im 18. und 19. Jahrhundert, als die spanischen Kolonien in Lateinamerika unabhängig wurden, und dann im 20. Jahrhundert, als die asiatischen und afrikanischen Besitztümer zu souveränen Staaten wurden. Russland büßte dagegen nur einen relativ kleinen Teil seiner Kolonien ein. Der Teil der Russischen Föderation, der sich vom Ural nach Osten erstreckt, ist zweieinhalb Mal so groß wie alle Republiken, die 1991 ihre Unabhängigkeit von Moskau erklärten. Trotzdem wurde dieser Verlust zur „großen geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ (so Putin 2005) erklärt und verursachte überwältigende Gefühle nationaler Demütigung.

Erschließung ohne Besiedelung

Wie kam es dazu? Um diese Frage zu behandeln, muss man die nächste Phase russischer imperialer Expansion betrachten.

Im 19. Jahrhundert begannen die Russen mit ihrem zweiten kolonialen Unterfangen, ebenso wie die Europäer und ebenfalls in Richtung Süden. Auf diese Weise zeigten sich die Russen stärker europäisiert denn je. Doch während die europäischen Mächte zwischen 1870 und 1884 Afrika unter sich aufteilten und ihre Herrschaft über Indochina und Südasien errichteten, eroberten die Russen in den Jahren 1806 bis 1828 das, was heute Aserbaidschan ist, bis 1864 den Nordkaukasus und zwischen 1853 und 1884 das gesamte Zentralasien.

Der Unterschied zwischen diesem vom Militär bestimmten Vorrücken und der Siedler-Kolonisierung Sibiriens ist ein doppelter: Einerseits, und das scheint offensichtlich, war es eine Kolonisierung, die zu keiner Zeit zu einer signifikanten russischen Bevölkerung in Zentralasien führte (ebenso wenig ­führten die europäischen Eroberungen Indochinas oder Westafrikas dazu, dass es dort viele Abkömmlinge der Mutterländer gab). Auf der anderen Seite war das Mutterland, das die zentralasiatischen Khanate eroberte, nicht dasselbe, das Sibirien kolonisiert hatte: Es war Russland, nicht das Großfürstentum Moskau. Mit dem Gewinn neuer Territorien verwandelte sich Russland in ein ganz anderes Land, als es vorher gewesen war. Das russische Imperium, das 1721 ausgerufen wurde, und das Imperium, das 1914 seinen letzten Krieg begann, waren zwei völlig unterschiedliche Reiche: Das erste war das Imperium Russlands, das auf dem Großfürstentum Moskau aufgebaut war, und das zweite war eine Art zweites Empire, das von und rings um Russland errichtet wurde.

Doch der größte Unterschied zwischen dem modernen Russland und dem modernen Großbritannien oder Frankreich besteht darin, dass die britischen und französischen Imperien durchgängig um einen Nationalstaat herum errichtet wurden, während das russische Imperium von einem anderen imperialen Staat und um diesen herum errichtet wurde. Wir meinen deswegen, dass die berühmten Matroschka-Puppen ein echtes Symbol für Russland sind, weil sein Imperium auf genau demselben Prinzip beruhte. Nach unserer Auffassung ist nichts so irreführend wie Putins Worte: „Was war die Sowjetunion? Dasselbe Russland – nur unter einem anderen Namen.“ Ebenso wenig, wie sich das britische Empire mit Großbritannien gleichsetzen lässt, war die Sowjetunion mit Russland identisch. Noch nicht einmal das russische Imperium zu seiner besten Zeit lässt sich mit Russland gleichsetzen.

Wenn man dies bedenkt, glich der Zerfall der Sowjetunion in gewisser Weise der Dekolonisierung der 1950er und 1960er Jahre, die die europäischen Staaten auf ihre nationalen Grenzen zurückverwies. Dies ist zum Teil wahr, aber man sollte einen entscheidenden Unterschied nicht vergessen: Russland als Kern des russischen/sowjetischen Imperiums war kein Nationalstaat. Das imperiale Wesen des Staates verhinderte den Fortschritt im Mutterland, der die europäischen Nationen prägte. Da Großbritannien, Frankreich und Belgien ihre eigene Identität zu keiner Zeit in ihren Imperien aufgehen ließen, waren all diese Länder fähig, demokratische Institutionen zu entwickeln und einen Rechtsstaat zu etablieren, ohne sie deswegen auf ihre Kolonien anzuwenden, jedenfalls nicht auf alle. Russland war diese Möglichkeit verwehrt, weil die „Demokratisierung“ des imperialen Kerns unweigerlich das Ende des ­Imperiums mit sich gebracht hätte (und genau dies ist zweimal in Russland geschehen, erst 1917 und dann 1988–1991).

„Dekolonisierung“ und Verletzlichkeit

Der komplexe Charakter der russischen imperialen Geschichte begründete ein weiteres zentrales Element des russischen Staatswesens. Da Russland seine Identität aus seinem Imperium bezog und die nationale Konsolidierung vernachlässigte, haben die Russen das Gefühl, ihr государство („Staat“ im reinsten Sinn) sei wirklich verletzlich. Wer die russische Debatte mitverfolgt, dürfte überrascht sein, wie wenig Aufmerksamkeit mögliche Bedrohungen aus dem Ausland oder gar einer Invasion genießen. Man erinnere sich nur an den Ruf der Russen im Krieg: „Wir können nochmal!“ (можем повторить!). Die größte Angst gilt der Möglichkeit, das Land könnte auseinanderbrechen. Die herrschende Elite, die sich in einer Partei namens „Vereintes Russland“ versammelt hat, stimmt Lobreden nicht auf den Fortschritt, sondern ausschließlich auf die Einheit an.

Das Problem wird noch drängender, weil die Grenzen in der früheren Sowjetunion willkürlich gezogen wurden. Russland, das nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gerne zum russischen Imperium des 18. Jahrhunderts zurückgekehrt wäre, erhielt einige Gebiete, die überhaupt nicht russisch waren, wie die „Republiken“ des Nordkaukasus (heute liegt der Anteil der ethnischen Russen in der „Russischen“ Republik Inguschetien bei 0,8 Prozent. Das ist 8,65 Mal weniger als im unabhängigen Kirgisien und nur dreimal so hoch wie der Anteil ethnischer Franzosen in Cochinchina und Tonkin in den späten 1930er Jahren). Die Präsenz solcher „Republiken“ in der Russischen Föderation sorgt für eine hohe Wahrscheinlichkeit von Dissens und ermöglicht es der russischen Elite, sich wieder einmal ausschließlich auf die Einheit des Landes zu konzentrieren und alle anderen Herausforderungen zu missachten.

Einheit über alles

Unsere Schlussfolgerung aus dem bisher Gesagten ist, dass Russland in Wahrheit auf der Stelle tritt und außerstande ist, seinen Weg in eine selbstbewusstere Zukunft zu finden. Dabei wird dieses Land, das solche Angst vor Spaltungen und Teilungen hat, vermutlich gar nicht auseinanderfallen. Einerseits ist die Gesellschaft weiterhin überwiegend monoethnisch. Russen stellen 82 Prozent der Gesamtbevölkerung. In nur elf von 85 Regionen sind sie in der Minderheit, wobei sieben dieser Regionen dem Föderaldistrikt Nordkaukasus angehören. Uns ist keine Situation präsent, in der ein monoethnisches Land aufgespalten wurde, außer im Fall von Krieg und anschließender Besetzung. Da man sich kaum vorstellen kann, dass Russland solches in naher Zukunft bevorsteht, bezweifeln wir, dass die Aufteilung der Russischen Föderation ein realistisches Szenario ist. Die einzige Ausnahme ist möglicherweise die Abspaltung mehrerer Regionen im Nordkaukasus, die für das Land sogar gut sein könnte.

Das gegenwärtige geoökonomische Bild lässt aber auch eine Abspaltung dieser Regionen äußerst unwahrscheinlich erscheinen, da viele von ihnen wegen der unmittelbaren Nachbarschaft Chinas nicht als unabhängige Staaten überlebensfähig wären. Einige weltfremde „Experten“ behaupten, Russland könne kein normales Land werden, ohne Sibirien und seine natürlichen Ressourcen zu verlieren, auf die mehr als 70 Prozent von Russlands Exporten zurückgehen. Wir bezweifeln, dass dies der Fall ist, da selbst eine Rückführung auf die Grenzen des Großfürstentums Moskau Russland nicht in einen Nationalstaat verwandeln würde. Alle heutigen Widersprüche würden weiterbestehen. In anderen Worten: Die Geschichte der Sowjetunion lässt sich nicht wiederholen, da das Land 1991 auf stabilere, aber immer noch imperiale Grenzen reduziert wurde.

Trotzdem hat Russland immer noch eine winzige Chance, sich zu der echten Föderation zu entwickeln, die es jetzt zu sein nur vorgibt. Echte Bundesstaaten entwickeln sich als Gemeinschaften kleinerer Gemeinwesen, die in ihrer jeweiligen Geschichte eine Erfahrung von Unabhängigkeit oder Autonomie gemacht haben wie im Fall der Schweiz, der USA oder Deutschlands. In jedem Fall sollte das Gefühl nationaler Einheit begleitet werden von dem, was man oft eine Bürgernation nennt, und letztere setzt einen gewissen Grad an demokratischer Selbstbestimmung voraus. Im Gegensatz dazu wurde in Russland die Expansion des Landes nur durch Eroberung und Unterwerfung erreicht, und die Zentralregierung scheint keinerlei Absicht zu haben, die Föderation um- oder neu aufzubauen.

Der verbaute Weg zur Demokratisierung

Die Erfahrungen Großbritanniens und Spaniens legen nahe, dass es nur dann möglich ist, ein postimperiales Mutterland in einen einigermaßen stabilen Staat zu verwandeln, wenn die Zentralregierung den Regionen sogar noch mehr Befugnisse einräumt als sie selbst fordern (dies war in den 2000er Jahren in Schottland der Fall, was wesentlich zu dem „Nein“-Votum im Unabhängigkeitsreferendum von 2014 beitrug). Insofern kann der imperiale Kern nur dann demokratischer und moderner werden, wenn er sich ändert, während die Kolonien unangetastet bleiben. Aber das heutige Russland kann sich eine solche Veränderung aus genau denselben Gründen nicht leisten, wie das Zarenreich und die Sowjetunion außerstande waren, diesen Weg zu gehen.

Deswegen glaubte die russische Elite, die nach den dramatischen Ereignissen der frühen 1990er Jahre die Kontrolle über das Land gewann, eine „weiche“ Restauration der imperialen Strukturen sei die beste Option für ein „­neues“ und „starkes“ Russland. Die einzige Region, die sich weigerte, den neuen Föderationsvertrag 1992 zu unterzeichnen, war die Republik Tschetschenien. Sie wurde in den 1990er Jahren mehrmals verwüstet und später einem einheimischen autoritären Anführer unterstellt.

Zwischen 2000 und 2006 wurde die Gesetzgebung in allen Regionen standardisiert und in Einklang mit der föderalen Gesetzgebung gebracht. Im Jahr 2000 wurden imperiale Statthalter, die „bevollmächtigten Vertreter“ des Präsidenten, in den neu eingerichteten Föderaldistrikten eingesetzt. 2004 wurden die Wahlen von örtlichen Gouverneuren zunächst annulliert und dann wieder angesetzt, nachdem der Präsident das Recht erhalten hatte, einen Gouverneur wegen „Vertrauensverlust“ jederzeit entlassen zu können. Allein in den Jahren 2017 und 2018 machte Putin von diesem Recht 39 Mal Gebrauch. Auf diese Weise wurde etwa die Hälfte der gewählten Gouverneure des Landes in weniger als zwei Jahren ausgetauscht. Im wirtschaftlichen Bereich wurde das Steuersystem so reformiert, dass die Regionen die Fähigkeit verloren, ihren Finanzbedarf selbst zu decken. Üppige Einnahmen wurden in das Föderalbudget umgeleitet, von wo dann ein Teil über ein System von Transfers und Subventionen den Regionen zurückgegeben wurde. Die Polizeikräfte, die zum Teil den regionalen Regierungen unterstellt worden waren, wurden 2002 wieder komplett unter föderales Kommando gebracht. 2016 wurde dann die dem Präsidenten direkt unterstellte Nationalgarde mit über 400 000 Männern und Frauen geschaffen.

Zwei wichtige Fragen stellen sich, wenn man die jüngsten Entwicklungen in Russland betrachtet: Wie lange wird sich das „Imperium“ halten? Und wie gefährlich ist es für die Welt?

Unsere Antwort auf die erste Frage lautet, dass das „Zeitalter der Imperien“ im Sinne des britischen Historikers Eric Hobsbawm zwar schon lange vergangen ist. Doch das neue russische Imperium wirkt trotzdem stabil, mindestens auf mittlere Sicht. Der Hauptgrund für diese Schlussfolgerung ist gerade die Tatsache, dass das heutige Russland eher als „Imperium aus Notwendigkeit“ denn als ein „Imperium aus freier Wahl“ erscheint. Es existiert vor allem deswegen, weil die Öffentlichkeit in Russland – nicht nur die Eliten – sich weit mehr vor dem eingebildeten Zerfall des Landes fürchtet als vor seinem allmählichen wirtschaftlichen und sozialen Niedergang. Die Wiedergeburt des Imperiums, sowohl im Sinne der Verwaltung als auch der Ideologie, dient dazu, Russlands historische imperiale Identität zu einer Zeit wiederherzustellen, in der alle anderen Bezugspunkte verloren gegangen sind. Sie eignet sich am besten für das Streben der herrschenden Eliten nach der Perpetuierung ihrer Macht. Zugleich ermöglicht sie den Zugriff auf die riesigen wirtschaftlichen Ressourcen Russlands.

Immer imperialer

Die Geschichte lehrt uns, dass sich Imperien lange halten können, wenn sie sich territorial nicht überdehnt haben oder auf wirtschaftliche und finanzielle Probleme stoßen. Beide Aspekte sind für das heutige Russland irrelevant, da sein Territorium in den 1990er Jahren geschrumpft ist und seine öffentlichen Finanzen heute besser dastehen als jemals seit der Unabhängigkeit des Landes. Natürlich verschlimmert jedes weitere Jahr einer solchen imperialen Wiedergeburt die Probleme, die Russland hat, und trägt zu seiner allgemeinen Ent­modernisierung bei, aber das stört die meisten Russen nicht. Hinzu kommt, dass Russland heute ein offenes soziales System ist, das in der Lage ist, seine Stabilität durch das Ausstoßen von Abweichlern zu verbessern. Im Gegenzug werden Neuankömmlinge aus den früheren Kolonien, die aus den verschiedensten kulturellen oder wirtschaftlichen Gründen zu loyalen Unterstützern des Imperiums werden möchten, vom System adoptiert. Deswegen rechnen wir damit, dass sich das derzeitige politische Regime Russlands noch lange Zeit halten und möglicherweise sogar noch „imperialer“ werden wird.

Was die zweite Frage betrifft, die nach der Gefährlichkeit, scheint uns, dass das Hauptproblem des heutigen Russlands aus einem prägenden Merkmal des russischen Imperiums herrührt, nämlich aus seiner Haltung zu territorialer Ausdehnung. Russland musste sich immer ausdehnen, um sich selbst als erfolgreiche Nation zu sehen. Die bei Russen heute weit verbreiteten Einstellungen spiegeln dies recht genau wider: Josef Stalin, dem es gelang, einen Großteil der 1917 verlorenen imperialen Besitztümer zurückzuerobern und die Sowjetunion zur globalen Supermacht aufsteigen zu lassen, erhält das meiste Lob. Dagegen ist Michail Gorbatschow der unbeliebteste Staatsmann, den das Land jemals hatte: Zwar beendete er den Kalten Krieg und ­gewährte den Menschen die meisten der Freiheiten, die sie heute genießen, aber er stand auch dem Untergang der UdSSR vor.

Deswegen argumentieren wir, dass Russlands imperialer Charakter das Land in der heutigen Zeit unweigerlich zu einer revisionistischen Macht werden lässt, die alle Mittel einsetzt, um ihr Territorium zu vergrößern und weitere Satellitenstaaten um sich herum zu schaffen. Russland hat die separatistischen Bewegungen in den postsowjetischen Staaten vom ersten Tag ihres Bestehens an unterstützt. Die Strategie der „gesteuerten Instabilität“ wurde nicht erst 2014 im Donbass erfunden, sondern mindestens zwei Jahrzehnte zuvor. Insofern bleibt Russland nicht nur nach innen imperial, sondern auch nach außen – und das sollte sowohl seinen Nachbarn als auch anderen globalen Mächten größte Sorge bereiten. Solange Russlands Identität imperial bleibt, muss der Westen Wege finden, Seite an Seite mit einer besiegten Supermacht zu leben. Russland hat aufgehört, sich zu einem modernen Staat zu entwickeln. Das wird vermutlich auch in den kommenden Jahrzehnten so bleiben, da es in der überschaubaren Zukunft nicht möglich wird, den russischen Imperialismus an den Wurzeln zu packen.

Zum Schluss sei noch einmal betont: Russlands Liebesaffäre mit dem Imperium folgt keiner eigenen Absicht, im Unterschied zu den europäischen Weltreichen. Der imperiale Drang des Großfürstentums Moskau war eine Kompensationshandlung für die mongolische Eroberung. Die Expansion nach Westen wurde durch die Aufteilung der Rus-Länder im 13. und 14. Jahrhundert vorherbestimmt. Russlands Bestreben, sich in den Kaukasus und nach Zentralasien auszudehnen, hat seine Wurzeln in den geopolitischen Spielen der Europäer im 19. Jahrhundert. Aber gerade weil sie in gewissem Sinne unfreiwillig war, hat die imperiale Erfahrung die russische Geschichte so sehr vereinnahmt. Sie hat die nationale Identität so intensiv geprägt wie bei keiner anderen europäischen Nation. Nach unserer Überzeugung muss man daher davon ausgehen, dass die imperialen Akzente der russischen Politik auch die kommenden Jahrzehnte prägen werden. Der politische Umgang mit Russland bleibt auf absehbare Zeit schwierig. Das letzte Imperium bleibt bestehen und kann nicht ignoriert werden.

Dr. Alexander ­Abalow lehrt russische Geschichte am renommierten Lycée 1535 in Moskau.

Dr. Ekaterina Kusnezowa veröffentlichte jüngst zusammen mit Edward Luttwak das Buch „The Kremlin Paradox“.

Dr. Wladislaw Inosemzew leitet das von ihm 1996 gegründete Centre for Post-­Industrial Studies.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 1, Januar/Februar 2019, S. 118-126

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