01. September 2004

Ostasien im Visier

Terroristische Bedrohung des maritimen Welthandels

Ostasien, darin sind sich fast alle Beobachter einig, ist eine der sicherheitspolitisch gefährlichsten
Regionen der Welt. Dirk Nabers stellt vier Neuerscheinungen vor, die sich mit dem staatlich organisierten
Terrorismus im asiatisch-pazifischen Raum, der Bedrohung des maritimen Handels,
mit aktuellen Problemen der japanischen Sicherheitspolitik sowie mit den ethnischen Konflikten
in Indonesien befassen.

Kostenpflichtig

Befassen wir uns mit der Geschichte der Kriegführung in den letzten hundert Jahren, so nimmt Ostasien darin einen prominenten Platz ein. Der klassische Staatenkrieg, wie er seit dem Westfälischen Frieden 1648 die internationalen Beziehungen kennzeichnete, fand hier zwischen zwei imperialistischen Mächten und den von ihnen unterworfenen Staaten statt.

Er gipfelte in der japanisch-amerikanischen onfrontation im Pazifik. Beginnend mit dem Krieg gegen China von 1894/95 und einer Reihe von Feldzügen durch Nord- und Südostasien sowie den Südpazifik begann eine „Großostasiatische Wohlstandssphäre“ unter japanischer Herrschaft Gestalt anzunehmen, die nur mit Hitlers Vision vom deutschen „Lebensraum im Osten“ zu vergleichen war. Dagegen nahmen sich die Eroberungen der USA als imperialistischer Spätzünder in den Kriegen gegen Spanien 1898 und im philippinisch-amerikanischen Krieg von 1898 bis 1902 vergleichsweise bescheiden aus. Sie resultierten jedoch in der Kontrolle über Hawaii und die Philippinen. Heute, so wird häufig suggeriert, gehören diese klassischen Staatenkriege der Vergangenheit an. Der Staat habe als faktischer Monopolist des Krieges abgedankt, an seine Stelle träten immer häufiger parastaatliche, zum Teil private Akteure. Transnational organisierter Terrorismus sei das Thema der Zukunft, insbesondere in Asien.

Dass Terrorismus indes zu allen Zeiten mannigfache Formen annahm, sich vielfältiger Medien bediente und von unterschiedlichen Akteuren mit unterschiedlichen Zielen ausgeübt wurde, wird dabei häufig übersehen. Der Überwindung dieses Defizits dient die Lektüre zweier jüngst erschienener Bücher, die aus geradezu konträrer Perspektive einen Blick auf Krieg und Terrorismus im 20. sowie 21.Jahrhundert werfen. Stehen in dem von Mark Selden und Alvin Y. So edierten Band die „Kriege der Vergangenheit“ im Fokus des Interesses und wird dort nach unterschiedlichen Formen des staatlich organisierten Terrorismus im asiatisch-pazifischen Raum gefragt, so ist es der transnational agierende Terror als „Krieg der Zukunft“, der in Michael Richardsons neuer Monographie im Mittelpunkt steht.

Der Sammelband von Selden und So fragt in elf kohärenten und exzellent recherchierten Kapiteln nach der Natur, der Häufigkeit und den wichtigsten Beispielen von Staatsterrorismus in Asien. Staatsterrorismus wird dabei als militärisch organisierte Gewalt gegen Zivilisten oder nichtstaatliche Akteure definiert. Seine Häufigkeit steigt in Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen. Obwohl die japanischen und amerikanischen Kriege im Mittelpunkt der Analysen stehen, wird auch ein Blick auf den staatlichen organisierten Terror in China, Kambodscha und Indonesien geworfen. Einzelne Kapitel analysieren den 15-jährigen japanischen Feldzug in China, den Zweiten Weltkrieg im Pazifik mit der Schlacht von Okinawa und der nuklearen Auslöschung von Hiroshima und Nagasaki, den Korea-Krieg, die Indochina-Kriege sowie die indonesische Invasion Ost-Timors. Das Buch gibt nicht nur einen schonungslosen Überblick über die Gräueltaten der kaiserlichen japanischen Armee, sondern auch des nationalistischen Chinas im Zweiten Weltkrieg, der USA in Japan, Korea, Indochina, im Golf-Krieg und in Afghanistan.

Dabei verzichten die Autoren auf moralische Urteile. Es wird betont, dass Armeeführungen oft enorme Anstrengungen unternahmen, um das Leben von Zivilisten zu schützen. So hatte der japanische Angriff auf Pearl Harbor mit 2335 getöteten Soldaten und nur 68 zivilen Opfern in erster Linie eine militärische Funktion, wohingegen der amerikanische Angriff auf Tokio im März 1945 mit 100000 zivilen Opfern und einer Million Flüchtlingen, die totale Zerstörung von 61 weiteren japanischen Städten in den Folgemonaten und die nukleare Nemesis auch heute noch militärisch fragwürdig bleiben.

Am Ende öffnet Seldens und Sos Anthologie uns die Augen für die dringende Frage, ob der Staatsterrorismus mit dem Aufkommen der in Wissenschaft und Politik viel beschworenen „neuen Kriege“ ein historisches Auslaufmodell geworden ist. Bleibt doch eine Krieg führende Partei wie die USA in Afghanistan oder Irak auch heute rechtlichen Regeln der Kriegführung verpflichtet (ius in bello). Aber feindlichen Soldaten als „unlawful combatants“ den Anspruch auf Rechtmäßigkeit abzusprechen, wie dies der amerikanische Präsident mit den Taliban in Afghanistan tat, bedeutet in der Konsequenz, ihnen eine Behandlung nach der Genfer Konvention zu verwehren. Gleichzeitig nimmt man ihnen das Recht auf Vertretung durch den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Im Vorfeld sichert man sich gegen jegliche Art der Verletzung von Persönlichkeitsrechten dieser „Krieger“ ab und schließt die Verletzung von Menschenrechten logischerweise nicht aus. Staatlicher Terrorismus, wie Selden und So ihn definieren, ist mithin auch heute noch eine offene Frage der internationalen Politik.

So ist es unabdingbar, die unterschiedlichen Facetten der terroristischen Bedrohung im Zusammenhang zu sehen und das Blickfeld nicht durch die Reduktion auf Konzepte wie die der „neuen Kriege“ einzuengen. Gleichzeitig wäre es fatal, die Augen heute vor solchen Gefahren zu verschließen, die aufgrund ihrer komplexen technologischen Realisierung erst in Zukunft zur Bedrohung für die Menschheit werden. Die Kontaminierung von Trinkwasser, das Versenden von Briefbomben oder gefährlicher biologischer und chemischer Substanzen sowie Flugzeugentführungen stehen bereits jetzt auf der Agenda des transnational gesteuerten Terrorismus. Dagegen könnte der maritime, durch unkontrollierte Proliferation von Massenvernichtungswaffen auftrumpfende Terrorismus zur globalen Bedrohung der Zukunft werden.

Erste Anzeichen dieser für den Welthandel, das ökologische Gleichgewicht unseres Planeten und die globalen Sicherheitsstrukturen monumentalen Gefahr fasst der ehemalige Asien-Chef der International Herald Tribune, Michael Richardson, in geradezu Furcht einflößender Art und Weise zusammen. Das Buch ist an analytischer Präzision und wissenschaftlicher Klarheit kaum zu überbieten, und es liest sich aufgrund der überragenden journalistischen Begabung des Autors doch wie ein Krimi.

Richardson gibt einen detaillierten Überblick über das Ausmaß des maritimen Welthandels, in dem Ostasien mit den sechs größten internationalen Häfen eine enorme Rolle spielt. Mit der Straße von Malakka und der Meerenge von Singapur liegen in der Region außerdem zwei der weltweit wichtigsten Schifffahrtswege. Mehr als 15 Millionen Container kursieren jährlich in über 230 Millionen Fahrten um den Globus. Weniger als ein Prozent dieser Ladung wird per Röntgenuntersuchungen auf explosive, radioaktive oder andere gefährliche Substanzen geprüft. Künftig wird der seegestützte Handel damit nicht nur zu einem Sicherheitsproblem, wenn Terrornetzwerke ihn sich zum Transport von Waffen oder Drogen zunutze machen. Es ist auch möglich, dass Tanker mit Öl oder chemischen Substanzen auf offener See angegriffen und als riesige Waffen benutzt werden, um bedeutende Wasserstraßen oder wichtige Seehäfen wie Singapur, Hongkong, Rotterdam oder Hamburg zu blockieren. Die Konsequenzen für den Welthandel, aber auch das globale Ökosystem wären verheerend.

Bedrückend ist der Befund Richardsons, dass die internationale Antwort auf die terroristische Bedrohung seit dem 11. September 2001 nichts zur Minderung der damit verbundenen Gefahren beigetragen hat. Vor dem 11. September verübte Al Khaïda durchschnittlich einen Anschlag pro Jahr; danach schlug das Terrornetzwerk vier Mal häufiger zu. Wenn die Strategie der USA und ihrer Verbündeten weiterhin nur auf die Zerstörung der physischen Infrastruktur ihrer Feinde abzielt, wird sie auf lange Sicht scheitern. Bleibt die Antwort der Staatengemeinschaft kinetisch und nicht ideologisch, ist mit einem kontinuierlichen Anstieg der Bedrohung zu rechnen.

Die Bücher von Selden und So auf der einen und Richardson auf der anderen Seite zeigen eindrücklich, dass Ostasien eine der sicherheitspolitisch gefährlichsten Regionen der Welt ist. In den letzten Monaten ist darüber hinaus eine Reihe anderer lesenswerter Bücher erschienen, die sich mit der gegenwärtigen Sicherheitsagenda der asiatisch-pazifischen Region befassen. An vorderster Stelle steht dabei die Monographie von Christopher W. Hughes zu aktuellen Problemen der japanischen Sicherheitspolitik. Das Buch besticht durch fundierte Recherche in japanischen Quellen und eine präzise theoriegeleitete Analyse. Zum Problem der umfassenden Sicherheit Japans, das seinen Blick nicht nur auf die traditionelle militärische Dimension von Verteidigung richtet, sondern auch wirtschaftliche und ökologische Kriterien berücksichtigt, gibt es kaum ein besseres Buch.

In ähnlich beeindruckender Weise liefert das Werk von Jacques Bertrand eine Analyse der nationalistischen Auswüchse und ethnischen Konflikte in Indonesien seit 1998. In diesem innovativen und überzeugenden Überblick argumentiert der Autor, dass die Konflikte auf den Molukken, Kalimantan, Aceh, Papua und in Ost-Timor als Resultat einer zu engen und beschränkenden Reinterpretation des „nationalen Modells“ durch die indonesische Führung zu sehen sind.

Mark Selden/Alvin Y. So (Hrsg.), War & State Terrorism. The United States, Japan & the Asia-Pacific in the Long Twentieth Century, Lanham: Rowman & Littlefield Publishers 2004, 293 S., 27,00 EUR.

Michael Richardson, A Time Bomb for Global Trade. Maritime Related Terrorism in an Age of Weapons of Mass Destruction, Singapore: Institute of Southeast Asian Studies 2004, 158 S., 17,25 EUR.

Christopher W. Hughes, Japan’s Security Agenda. Military, Economic & Environmental Dimensions, Boulder/London: Lynne Rienner Publishers 2004, 290 S., 38,50 EUR.

Jacques Bertrand, Nationalism and Ethnic Conflict in Indonesia, Cambridge: Cambridge University Press 2004, 280 S., 24,50 EUR.

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