01. Juli 2020
Buchkritik

Naiv, gierig, schlafmützig

Neue Bücher über Chinas Aufstieg und darüber, wie er durch westliche Wahrnehmungsschwächen begünstigt wird.

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Bild: Bücher auf einem Schreibtisch
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Dass die Welt nach der Corona-Pandemie eine andere sein wird, ist längst zu einer Binsenweisheit geworden. Auch werden dabei häufig jene Prozesse und Entwicklungen übersehen, die ohnehin bereits im Gang sind. Wolfgang Hirn dagegen, langjähriger Reporter des manager  magazins und seit Jahren China eng verbunden, ist ganz eindeutig in seiner Analyse: „Shenzhen. Die Weltwirtschaft von morgen“ heißt sein neues Buch.

Gleich zu Beginn weist er den gängigen Vergleich von Shenzhen mit dem kalifornischen Silicon Valley zurück: „Anders als das auf IT und Software basierte Silicon Valley hat Shenzhen eine viel breitere industrielle Basis und deshalb auch die nötige Hardware. Etwas überspitzt formuliert: In Shenzhen kannst du morgens eine Idee haben und am Abend schon den Prototypen in der Hand. Shenzhen profitiert immer noch sehr davon, dass in seinem Umland die größte Fabrikdichte der Welt herrscht.“

Gerade Entwicklungsländer, so Hirns plausibles Resümee nach einer faktensatten Beschreibungstour durch Shenzhen, könnten hier lernen, wie Sonderwirtschaftszonen erfolgreich funktionieren – nicht als verlängerte Werkbank und Inseln, sondern als Pilotprojekte, deren Ausweitung praktikabel ist.

Doch so hämisch sein Spott für die Silicon-Valley-Jünger auch ist – Hirn verfällt in den gleichen schwärmerischen Duktus, wenn er die „Smart City“ Shenzhen mit ihrer avancierten Digitalisierung beschreibt, die nicht nur für den ökologisch Bewussten dank Elektromobilität Fantastisches bereithalte, sondern auch für den Musenfreund: Museen, dazu Büchereien in „supermodernen, architektonisch wertvollen Bauten“, wo die Ausleihe natürlich „per Knopfdruck“ geschieht. Und Hirn ist noch nicht fertig: „Roboter, die in Restaurants bedienen. Drohnen, die Verkehrsrowdys verfolgen. (...) Klingt nach Science Fiction, oder? Nein, es ist alles Realität in Shenzhen. Hier ist die Zukunft Gegenwart.“

Ist das, um mit Klaus Theweleit zu sprechen, eine weitere jener „Männerfantasien“, der Traum von absoluter Machbarkeit und totaler Kontrolle?
Dass in dieser Buch gewordenen Eloge die immer weiter verschärften Zensurmaßnahmen der Regierung nicht einmal in einem Nebensatz erwähnt werden, ist offensichtlich weniger Zufall als Prinzip. Tatsächlich liest sich das Buch wie ein bestelltes Porträt. Besonders deutlich wird das in der aggressiven Verteidigung des Unternehmens Huawei, das zum unschuldigen Opfer des „Techno-Kriegers Trump“ erklärt wird, ohne dass die ernsthaften Spionagevorwürfe auch nur Erwähnung fänden. Stattdessen ostentative Verachtung für jene westlichen Demokratien, die noch über das 5G-Netz stritten, während in Shenzhen bereits am „größten 6G-Forschungscenter“ ein weiteres Zukunftskapitel geschrieben werde.

Zu den Bremsern zählen für Wolfgang Hirn auch jene Hunderttausende Hongkonger, die aus Protest gegen festlandchinesische Repression auf die Straße gehen. Geradezu genüsslich – als wäre es eins zu eins abgeschrieben aus der Parteizeitung China Daily – wird die wirtschaftliche Stagnation Hongkongs mit „seinem dauerprotestierenden Koma“ erklärt. Umso wortreicher dann die Schwärmerei über das von Peking vorangetriebene „Greater Bay Area“-Projekt, das die Grenzen zwischen Hongkong und dem Festland auch logistisch schleifen soll. Weshalb aber erscheint eine solche Propagandaschrift ausgerechnet bei Campus, einem renommierten Wissenschaftsverlag?


Die Blindheit der Demokratien

Nach Jahren des Forschens und Recherchierens haben die China-Experten Mareike Ohlberg und Clive Hamilton nun auf 500 Seiten ihre Ergebnisse und Entdeckungen publiziert: „Die lautlose Eroberung“ ist eine äußerst ungemütliche, jedoch notwendige und erhellende Lektüre – gerade für jene Leserinnen und Leser außerhalb des Faches, die die zahlreichen Fußnoten und Quellenangaben vermutlich überblättern werden.

Ohlberg und Hamilton haben jedoch bei allen schockierenden Details kein „Enthüllungsbuch“ geschrieben. Auch stellen sie angesichts der Verbandlung westlicher Eliten mit dem chinesischen Staatsapparat nicht etwa politisch-ökonomisch notwendige Konsultationen und erfolgversprechende Kontakte unter Generalverdacht. Sie fragen lediglich kühl und unaufgeregt nach deren Nutzen. Bringt es etwa Deutschland tatsächlich etwas, als Parallelstruktur zur „Atlantik-Brücke“ nun eine „China-Brücke“ zu gründen? Und nutzt es der hiesigen Öffentlichkeit, wenn etwa der oben erwähnte Journalist Wolfgang Hirn „den chinesischen Botschafter in Berlin um Hilfe bat, um ein China-Informationsportal auf die Beine zu stellen und das China-Bild in Deutschland zu verbessern“?

Was ist der Preis von Gerhard Schröders und Rudolf Scharpings Wirtschaftsengagement in China? Und weshalb spielt in Frankreich der ehemalige Premierminister Raffarin die Rolle eines neutralen, gar altruistisch agierenden „Kulturvermittlers“, während er in einem im Pekinger Parteiverlag veröffentlichten Buch die vermeintlichen Errungenschaften jenes KP-Systems in den höchsten Tönen preist?

Überdies, so fragen die Autoren: Weshalb sprechen wir überhaupt in kulturalistischer Ungenauigkeit von „China“ anstatt präzise von der chinesischen Regierung? Gerade in dieser orwell-artigen Benennungsverschiebung sehen Ohlberg und Hamilton einen Erfolg Pekings in der westlichen Öffentlichkeit: Je stärker eine autoritär bis totalitär regierende Einheitspartei ihr Menschen- und Gesellschaftsbild durchzudrücken versucht, desto mehr werden Vernebelungsvokabeln wie „chinesisches Modell, kulturelle Differenz, innere Angelegenheiten, gegenseitiger Respekt“ bemüht.

Kein Zufall, dass die Kommunistische Partei über ihre inzwischen weltweit tätigen Konfuzius-Institute versucht, mittels universitärer Kooperationen (und gerade in Krisenzeiten lockender „Kostenübernahmen“) Sinologie und China-Forschung in ihrem Sinn „umzudrehen“ und renitente Forscher zu denunzieren – nicht selten, wie Beispiele aus Kanada und Australien zeigen, unter Beihilfe chinesischer Auslandsstudenten, die mittlerweile straff in staatlichen Organisationen zusammengeschlossen sind.

Es steht zu erwarten, dass dieses Buch zahlreiche Anfeindungen erfahren wird und seine beiden Verfasser des „China-Bashing“ geziehen werden. Dabei richtet es sich zuvörderst an die westlichen Demokratien und beschreibt deren Blindheit angesichts einer Eroberungs- und Unterwanderungsstrategie, die schlechterdings nicht zu leugnen ist. Wobei keineswegs immer nur Naivität im Spiel ist, sondern oft auch reine Gier. So haben selbst amerikanische Universitäten und Forschungszentren chinesische Militärwissenschaftler und Ingenieure in fortschrittlicher Waffentechnologie ausgebildet, da im Gegenzug lukrative Sponsorenverträge mit chinesischen Firmen lockten.

Ob es nun antiwestlicher Selbsthass ist, falsch verstandener Anti-Kolonialismus, die Begeisterung für expandierende Märkte oder auch die Sympathie für ein Durchregieren ohne störende Opposition und Gewerkschaften – Chinas Machthaber wissen genau, welch diverse Gestimmtheiten sie in Europa und Nordamerika gekonnt bespielen können.


Fast rassistische Ignoranz

Auch deshalb fragt Kai Strittmatter, langjähriger China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, danach, „wie links“ China sei. Für ihn ist Staats- und Parteichef Xi Jinping eher von Lenin und Stalin denn von Karl Marx geprägt, und was unter seinem Turbokapitalismus den Arbeitern an Rechten vorenthalten werde, beweise gerade die vermeintliche Vorzeigemetropole Shenzhen.

Im Sommer 2018 hatten dort Arbeiter versucht, sich in einer Gewerkschaft zu organisieren, da sie unbezahlte Überstunden, Lohnkürzungen und militärischen Drill nicht mehr hinnehmen wollten. Daraufhin wurden die Arbeiter von lokalen Gangstern verprügelt und anschließend von der Polizei verhaftet. Als einige linke Pekinger Studenten, die sich im Einklang mit dem Genossen Xi wähnten, nach Shenzhen reisten, um diesen Arbeitern beizustehen, wurden auch sie Opfer der Repression.

Kai Strittmatter, ein unbestechlicher Kenner des Riesenreichs, stellt Fragen, die vor allem unsere Wahrnehmung betreffen: Achten wir wirklich darauf, wer spricht und weshalb er das tut, wenn von China die Rede ist? Was subsummieren wir alles unter dem Begriff „China“, und wer hat dort das Monopol auf öffentlich wahrgenommene Rede? Zeugt es nicht von beinahe rassistischer Ignoranz, Machtstrukturen, die wir innerhalb westlicher Gesellschaften feinziseliert analysieren, plötzlich zu ignorieren, sobald diese sich außerhalb unseres Referenzrahmens befinden?

Von dieser selbstverschuldeten Wahrnehmungsschwäche profitiere „eine leninistische Diktatur, die der Welt ihren Stempel aufdrücken möchte“. Doch sei nicht deren Stärke, sondern unsere hiesige Schlafmützigkeit, Gier und strategische Naivität das größte Problem: „Nein, fürchten müssen wir nicht China, fürchten müssen wir nur uns selbst.“

Wolfgang Hirn: Shenzhen. Die Weltwirtschaft von morgen. Frankfurt am Main: Campus Verlag 2020. 286 Seiten, 25,00 Euro
Clive Hamilton, Mareike Ohlberg: Die lautlose Eroberung. Wie China westliche Demokratien unterwandert und die Welt neu ordnet. München: DVA 2020. 495 Seiten, 26,00 Euro
Kai Strittmatter: Chinas neue Macht. 33 Fragen und Antworten. München: Piper Verlag 2020. 128 Seiten, 10,00 Euro

Marko Martin lebt als Schriftsteller und Publizist in Berlin. Zuletzt veröffentlichte er den Essayband „Dissidentisches Denken. Reisen zu den Zeugen eines Zeitalters“ (Die Andere Bibliothek).

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Juli/August 2020; S. 124-126

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