Buchkritik

01. Juli 2020

Leuchtturm ohne Strahlkraft   

Torkelnde Supermacht: Neue Bücher über die Vereinigten Staaten vor den Präsidentschaftswahlen

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Amerika hat es nicht leicht im 21. Jahrhundert: angegriffen von mörderischen islamistischen Terroristen, verstrickt in langwierige und kostspielige Kriege im Irak und in Afghanistan, herausgefordert von der Wirtschaftssupermacht China, parteipolitisch zerrissen wie zu keinem anderen Zeitpunkt in seiner Geschichte.


Und weiter: Land mit den in absoluten Zahlen meisten Corona-Opfern dabei geführt von einem Mann, der die Zukunft der Nation in ethnischer Exklusion, Alleingängen, Abschottung und dem Recht des Stärkeren sieht. Haben die USA ihre besten Tage hinter sich?


Maß und Mitte verloren

Die Gefahr besteht, schreibt der Politikwissenschaftler Torben Lütjen in seinem Buch „Amerika im Kalten Bürgerkrieg“. Seit den 1960er Jahren habe das Land Maß und Mitte verloren, hätten sich Wähler und Politiker immer mehr radikalisiert. Der Grund: Bürgerrechtsbewegung, Studentenproteste und Verweltlichung hätten den Nachkriegskonsens erodieren lassen, so Lütjen, und in ihrem Buhlen um einzelne Wählergruppen seien die weltanschaulich einst breit aufgestellten politischen Parteien in wachsendem Maße ideologischer und dogmatischer geworden.

Vor allem die Republikaner seien unter dem Einfluss religiöser Eiferer, erzkonservativer Talkradio-Moderatoren, libertärer Wirtschaftsbosse und skrupelloser Politiker immer weiter nach rechts gedriftet. Heute verfolgten die beiden Lager nicht nur inhaltlich konträre Positionen, sondern ihre Abneigung sei auch kulturell verwurzelt: „Sie hassen einander nicht, weil sie anders denken, sondern weil sie anders sind.“

Tatsächlich leben Republikaner und Demokraten mental und physisch in unterschiedlichen Universen. Lütjen spricht von einem Individualisierungsparadox, das es jedem erlaube, sich selbst in seinem Echokammerverließ einzumauern.

Seine These unterfüttert der Autor mit einprägsamen Beispielen: Wie sehr beide Seiten jeweils widerspruchslose und geschlossene Lebenswelten konstruieren, zeigt Lütjen unter anderem daran, dass keine der 20 Lieblings-Fernsehsendungen von Republikanern auf der Liste der 20 von Demokraten bevorzugten Fernsehsendungen auftaucht. Und da Republikaner überwiegend auf dem Land und in Kleinstädten, Demokraten hingegen in den Metropolen wohnen, begegnen sie sich kaum mehr persönlich.


Irrationalität allerorten

Zwist und Unversöhnlichkeit bildeten den idealen Nährboden für den Aufstieg Donald Trumps. Er profitierte bei seinem Wahlsieg von der präzedenzlosen parteipolitischen Polarisierung und verschärfte sie als Kandidat und Präsident weiter. Zwar macht Lütjen, der als DAAD-Gastprofessor in Nashville seit 2017 Trump aus der Nähe analysieren kann, aus seiner Verachtung für ihn und seinen Politikstil keinen Hehl, aber billige Schuldzuweisungen sind seine Sache nicht.

So zeigt der Autor, wie die Demokraten mit extremer Identitätspolitik, in der sie sich nur noch als Konglomerat von Einzelgruppen wie Schwarzen, Latinos, Feministinnen, Klimaaktivisten und sexuellen Minderheiten definierten, ihre alte Klientel weißer Arbeiter vergraulten, in ihrem Hass auf Trump immer wieder in seine Fallen tappen und ihr Heil in sozialistischen Parolen suchen. Auch warnt er davor, Irrationalität und Verschwörungstheorien nur bei Republikanern zu vermuten. So seien die Anhänger der Astrologie bei Demokraten überproportional zahlreich.

Am Ende zerlegt Lütjen noch einige falsche Analogien, die Trump als Faschisten oder neuen Wilhelm II. und Washington als neues Weimar zeichnen. Die demokratischen Traditionen, das System der Checks and Balances und nicht zuletzt die Sprunghaftigkeit und grenzenlose Selbstliebe Trumps hätten bisher dafür gesorgt, dass dieser die Grundfesten der amerikanischen Verfassung nicht erschüttern konnte.

Und so ist Lütjen denn auch hoffnungsvoll, dass das Land notfalls auch vier weitere Jahre Trump aushalten würde. Ob er heute, sechs Monate nach Drucklegung des Buches, noch ähnlich optimistisch wäre? Trumps katastrophales Management der Corona-Krise und sein Anheizen der Unruhen im Frühjahr und Frühsommer zeigen, dass er sich mit zunehmender Amtsdauer mehr und mehr radikalisiert und seine Charakter- und Führungsdefizite immer offener zutage treten.

Doch sei dem, wie es sei: „Amerika im Kalten Bürgerkrieg“ ist getragen von einem tiefen Verständnis der USA, schlüssig argumentiert, fair und souverän im Urteil und blendend geschrieben – eine Kombination, die man selten findet in der deutschen Amerikaforschung.


Rehabilitierung der Nation

Was Lütjen in seinem Buch nur andeutet, aber nicht weiter ausführt, ist ein Weg aus der Polarisierungsmisere. Den will die Harvard-Historikerin Jill Lepore aufzeigen. Ihr Rezept: Es muss den Vereinigten Staaten gelingen, den Rechtspopulisten das Nationalgefühl zu entreißen und seine mobilisierende Kraft wie in früheren Zeiten für ein liberales Fortschrittsprojekt zu nutzen.

Schon in ihrem Mammutwerk aus dem vergangenen Jahr („Diese Wahrheiten“) wandte sich Lepore dem seit den 1960er Jahren vernachlässigten Genre der Nationalgeschichtsschreibung zu. Meisterlich erzählte die Historikerin darin die Entwicklung der USA als ein ständiges Ringen um die Umsetzung des Gründungsversprechens aus Gleichheit, naturgegebenen Rechten und Volkssouveränität.

Hatte die Autorin in „Diese Wahrheiten“ dem Leser ihre These noch wohldosiert nähergebracht, so legt sie in ihrem knappen Nachfolgebuch „Dieses Amerika. Manifest für eine bessere Nation“ ihre Weltsicht uneingeschränkt offen. Es ist gleichermaßen historischer Essay und politisches Traktat.

Lepores Ziel ist nichts Geringeres als die Rehabilitierung der Nation. Zu lange habe sich die Geschichtswissenschaft auf die Mikro- und die Makroebene konzentriert, einzelne Gruppen wie Schwarze, Arbeiter und Frauen oder gleich den ganzen Globus in den Fokus genommen. Die Nation erklärte sie zum politischen Auslaufmodell und damit zum überholten Gegenstand der Forschung. Eine „Politik der Identität“ trete an die Stelle einer „Politik der Nationalität“, konstatiert Lepore. Die Folge: Als Rechtspopulisten einen aggressiven und nativistischen Nationalismus zu predigen begannen, der die Rettung vor ethnischer Vielfalt, Modernisierung und Globalisierung versprach, hatten sie auch des-halb leichtes Spiel, weil ihnen die Historiker das Thema eines das Volk verbindenden Narrativs kampflos überlassen hatten.


Würde und Menschenrechte

Heute gehe es deshalb darum, so Lepore, den liberalen Nationalismus wiederzubeleben, der einen zentralen Strang der amerikanischen Geistes- und Politikgeschichte bilde.

Auf knapp 150 Seiten argumentiert die Historikerin, dass Würde und Menschenrechte den Kern der Vereinigten Staaten ausmachten und immer ausgemacht hätten. „Diese Wahrheiten bleiben“, schreibt Lepore, „der schmerzlichen Vergangenheit der Nation zum Trotz.“ Ein neuer Amerikanismus „würde eine Hingabe an Gleichheit und Freiheit, an Toleranz und Nachfragen, Gerechtigkeit und Fairness bedeuten“, an breiten Wohlstand und Umweltschutz.

Dass Trumps Gefolgschaft einer solchen Interpretation des Gründungsmythos der Nation viel abgewinnen kann, ist zu bezweifeln. Vielmehr dürfte sie sich angesichts der für sie unvorteilhaften demografischen Trends noch mehr hinter ihren Parolen weißer Vorherrschaft und elitärer Verschwörungen verschanzen. Aber selbst bei der Demokratischen Partei kommen Appelle an einen progressiven Nationalismus nicht überall gut an. Linken Eiferern um Bernie Sanders sind Kompromiss, Offenheit und Inklusion ebenso fremd wie vielen Rednecks in den Südstaaten. Auch sie, die zahlreiche Liberal Arts Colleges dominieren, verraten mit ihrem Gesinnungsextremismus Lepores amerikanischen Traum.


Urgrund allen Übels

So sehr Lepore an der tiefverwurzelten Moral und höheren Bestimmung Amerikas festhält, so sehr ist Daniele Ganser in „Imperium USA“ vom Gegenteil überzeugt. Ganser mit Lütjen und Lepore in eine Rezension zu zwängen, ist eigentlich unzulässig. Wo die beiden Wissenschaftler Gedanken und Horizont weiten, indem sie ihre These sorgsam ausbreiten, Gegenargumente erörtern und es jedem anheimstellen, sich sein Urteil zu bilden, schnürt der Agitator Ganser seine Leser in ein Gesinnungskorsett.

Für ihn sind die USA nichts weniger als ein Schurkenstaat und Urgrund allen Übels auf der Welt. Seine Anklage: 300 000 Superreiche und ihre Konzerne kontrollierten Politik und Medien des Landes und hielten sich aus reiner Profitgier ein globales Imperium.

Ganser verschmilzt Lenins Imperialismustheorie, der zufolge die globale Expansion das höchste Stadium des Kapitalismus darstellt, mit zügellosem Antiamerikanismus. Keine Anklage von den Indianerkriegen bis zur Sklaverei ist zu bekannt, keine Verschwörungstheorie von Pearl Harbor über den Kennedy-Mord bis hin zu 9/11 zu eindeutig diskreditiert, um sie nicht aus der Mottenkiste zu zerren und so die USA zu verunglimpfen.

Und der Schweizer Ganser legt noch eines drauf: Hitler sei von den angelsächsischen Mächten herangezüchtet worden, zitiert er zustimmend einen kanadischen Politologen, um Deutschland in einen Krieg zu treiben und ein für alle Mal als Großmachtkonkurrenten zu beseitigen. Die Nazis als Opfer? Darauf muss man erst mal kommen.

Zu keinem Thema kennt Ganser den Stand der historischen oder politikwissenschaftlichen Forschung – oder er verschweigt ihn bewusst. Leute, die seiner Sichtweise zustimmen, sind „weise“ und „klug“; Gesinnungssympathisanten wie Oliver Stone, Noam Chomsky oder Jürgen Todenhöfer dienen ihm immer wieder als Kronzeugen.

Medien wie die ZEIT, die Frankfurter Allgemeine Zeitung oder die Neue Zürcher Zeitung stecken für ihn mit den amerikanischen Superreichen unter einer Decke, der Spiegel habe über die Terroranschläge vom 11. September sogar „genau so berichtet, wie vom US-Präsidenten vorgeschrieben“.

Da sei es gut, so Ganser, dass alternative Informationsquellen wie RT Deutsch und Sputnik existierten – die Propagandasender des Kremls. Ganser selbst gibt sich als Exponent der Friedensbewegung, flirtet aber auch mit rechtsextremen Reichsbürgerfantasien wie der Mär vom amerikanisch besetzten Deutschland und garniert alles am Ende mit etwas Achtsamkeitsesoterik.


Guru Ganser

Natürlich sieht sich Ganser dabei, wie in konspiratorischen Kreisen üblich, als Verfolgter. Am Wikipedia-Artikel zu seiner Person, der ihn als Verschwörungstheoretiker bezeichnet, will er nachweisen, wie ihn bestimmte Kräfte zu diskreditieren versuchten. Als Beleg für die Verschlagenheit der USA berichtet er, dass er ihre Militärbasis in Katar nicht besichtigen durfte, als er sich dort mit dem Taxi – offenbar unangekündigt – vorfahren ließ. Dass sich Gansers Doktorvater von ihm distanzierte, dass man ihm die Habilitation verweigerte und dass die Uni Basel seinen Lehrauftrag nicht verlängerte – alles das sieht der Autor als Folge „der Brisanz meiner Forschungsresultate zum US-Imperialismus“. Die Fachwelt dürfte es eher verstehen als Versuch, wissenschaftliche Standards zu wahren und Scharlatane wie Ganser von den Studierenden fernzuhalten.

Aber Gansers Bücher sind Bestseller, seine Vorträge ausverkauft und seine Fangemeinde huldigt ihm. Ein Blick auf die Leserkommentare auf Amazon lässt da keinen Zweifel. Wer die Irrungen und Wirrungen einer hochmobilisierten außenpolitischen Sekte in der Schweiz und in Deutschland verstehen will, kommt an den Büchern ihres Gurus Ganser nicht vorbei. Über die wirklichen und nicht wenigen Probleme der torkelnden Supermacht USA erfährt er dort aber nichts.

 

Torben Lütjen: Amerika im Kalten Bürgerkrieg. Wie ein Land seine Mitte verliert. Darmstadt: WBG 2020. 224 Seiten, 20,00 Euro
Jill Lepore: Dieses Amerika. Manifest für eine bessere Nation. München: C.H. Beck 2020. 160 Seiten, 14,95 Euro
Daniele Ganser: Imperium USA. Die skrupellose Weltmacht. Zürich: Orell Füssli Verlag 2020. 392 Seiten, 25,00 Euro

Prof. Dr. Stephan Bierling lehrt Internationale Politik mit Schwerpunkt atlantische Beziehungen an der Universität Regensburg. Ende August erscheint sein Buch „America First. Donald Trump im Weißen Haus“ bei C.H. Beck. Darin erörtert der Autor auch Trumps Wiederwahlchancen in Zeiten der Corona-Pandemie.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Juli/August 2020; S. 120-123

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