01. Juli 2003

Komplexes Weltsystem

Schaffen liberalisierte Märkte oder Regulierung Wachstum, Wohlstand und Frieden?

Die Globalisierung und mit ihr die Denationalisierung von Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur schreiten unaufhaltsam voran. Dirk Nabers stellt zwei Neuerscheinungen vor, die sich der Frage widmen, welche Rolle dem Nationalstaat in diesem komplexen System grenzüberschreitender Zusammenarbeit noch zukommt und wie existierende multilaterale Mechanismen effizienter gestaltet werden können.

Die Globalisierung und mit ihr die Denationalisierung von Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur schreiten unaufhaltsam voran. Nationale Maßnahmen bieten bei vielen grenzüberschreitenden Problemen keine Lösung mehr; die Kongruenz sozialer, ökonomischer und ökologischer Räume auf der einen und politischer Kompetenzbereiche auf der anderen Seite gehört der Vergangenheit an.

Ohne Zweifel werden die politischen Steuerungsprobleme immer dringender. Einige dieser Probleme können bereits heute durch regionale und globale institutionelle Kooperationsvereinbarungen aufgefangen werden; doch Vieles bleibt noch zu tun.

Welche Rolle dem Nationalstaat in diesem komplexen System grenzüberschreitender Zusammenarbeit noch zukommt, und wie existierende multilaterale Mechanismen effizienter gestaltet werden können, damit eine für die Mehrheit der Staatengemeinschaft akzeptable Balance von wirtschaftlicher Effizienz und Verteilungsgerechtigkeit gewährleistet wird – diesen Fragen widmen sich zwei neuere Bücher der Internationalen Politischen Ökonomie (IPÖ) aus verschiedenen Blickwinkeln: das eine als autobiografischer Praxisbericht des ehemaligen Generaldirektors der Welthandelsorganisation (WTO), Mike Moore, das andere als theoretisch fundierte, komparativ angelegte Abhandlung des Stuttgarter Politikwissenschaftlers Stefan A. Schirm. Steht bei Moore die Effizienz globaler Handelskooperation als Mittel zur Überwindung von Armut und sozialer Deklassierung außer Frage, so untersucht Schirm die Möglichkeiten und Grenzen regionaler Zusammenarbeit in Europa, Nordamerika sowie auf dem südamerikanischen Kontinent.

Der Neuseeländer Moore zeigte sich bereits in jungen Jahren besonders an Fragen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit interessiert. Über die Posten des Handels- und Außenministers, stellvertretenden Finanzministers und Premierministers seines Landes führte ihn sein Weg zur WTO nach Genf. Dort zeichnete er für die Initiierung der Entwicklungsagenda von Doha verantwortlich. Er schaffte es außerdem, dass zehn neue Staaten in die Organisation aufgenommen wurden, darunter die Volksrepublik China als vermutlich künftige Handelsmacht Nummer eins und globale Produktionsbasis.

Um das Erreichte, seine gescheiterten Hoffnungen und die Rolle einer solchen weltumspannenden Organisation wie der WTO drehen sich seine Ausführungen. Nur über Demokratie, Freihandel, eine entwickelte Zivilgesellschaft, freie Medien und religiöse Toleranz, so Moores Kernaussage, kann ein höherer Lebensstandard erreicht werden. Als Vorkämpferin für den freien Verkehr von Gütern, Kapital und Dienstleistungen sei die WTO dabei unverzichtbar. Freiheit heißt für Moore in erster Linie Freihandel, und Freihandel heißt Wohlfahrt. Globalisierung wird dadurch zur Ideologie erhoben, zum Allheilmittel politischer und wirtschaftlicher Missstände auf diesem Planeten.

Diesem Optimismus wird durch Stefan Schirm eine weit pessimistischere Ausgangsfrage gegenüber gestellt: Warum gehen Staaten überhaupt eine Einschränkung ihrer Handlungsfreiheit durch institutionelle Kooperationsvereinbarungen ein, und zu welchem Zeitpunkt ist Zusammenarbeit am wahrscheinlichsten? Staatliche Präferenzen werden dabei als Funktion global agierender wirtschaftlicher Akteure und weltumspannender ökonomischer Prozesse verstanden. Die Defizite zur Erklärung zwischenstaatlicher wirtschaftlicher Zusammenarbeit werden schonungslos aufgedeckt, der Ansatz der „Globalen Märkte“ sorgfältig empirisch deduziert. Schirms Arbeit ist keine theoretische Arbeit, da er auf die inzwischen modisch gewordene metatheoretische Ableitung seiner Methode verzichtet; vielmehr handelt es sich um eine theoriebildende Arbeit, indem der akademischen Diskussion auf der Grundlage jahrelanger Forschung zur regionalen Zusammenarbeit auf drei Kontinenten fruchtbare Impulse verliehen werden.

Während Moore nach Wegen zum besseren Management globaler wirtschaftlicher Interdependenz fragt, ist Schirms Anliegen empirisch-analytischer Natur. Zwar leitet auch Moore sein Buch mit einem theoretischen Kapitel ein, doch gibt dieses lediglich den normativen Charakter des gesamten Buches vor, indem hier die philosophischen Meriten des Freihandels diskutiert werden. Die Theorie komparativer Vorteile von David Ricardo, Alexis de Tocqueville und John Stuart Mill bedienen das akademische Bedürfnis nach Wissenschaftlichkeit, lassen aber beispielsweise die von Moore an anderer Stelle eingeführten, komplexen Probleme eines Entwicklungslands wie Sambia völlig außer Acht.

So gesteht Moore in seinem Buch nicht ein, dass die Entwicklungsunterschiede während seiner Amtszeit als WTO-Chef kaum abgenommen haben, dass wegen des Protektionismus im Agrarbereich auch die neue Verhandlungsrunde zu scheitern droht, und dass der globale Rahmen häufig nicht die geeignete Plattform zur Lösung heutiger Interdependenzprobleme bietet. Regionalismus wird als Alternative kaum in Erwägung gezogen.

Was dieses Desiderat betrifft, könnte eine sinnvolle Ergänzung in der Lektüre von Schirm liegen. Der Hauptteil des Buches untersucht ausgewählte Akteure des Europäischen Binnenmarkts (Deutschland, Frankreich, Großbritannien), des Mercosur in Südamerika (Argentinien und Brasilien) und der Nordamerikanischen Freihandelszone – NAFTA (Mexiko, USA). Schirm analysiert systematisch die Fragen, ob durch den wirtschaftlichen Druck von außen interventionistische Tendenzen abgeschwächt werden, in welcher Weise sich staatliche Interessen verändern und wie durch institutionelle Zusammenarbeit einzelstaatliche Instrumente beschränkt werden.

Staatliche Präferenzen werden danach durch die Logik des Zusammenspiels globaler Märkte und der auf ihnen wirkenden Wirtschaftsakteure beeinflusst. Ein Widerstreit der Interessen wird dabei durch die Profitorientierung und den transnationalen Aktionsradius des Privatsektors und den auf die Wohlfahrt der nationalen Gesellschaft zielenden Verantwortungsbereich des Staates ausgemacht. Diesen ökonomisch motivierten Widerstreit besser zu integrieren, darin liegt die künftige Aufgabe der Theorien Internationaler Beziehungen.

Wer sich wirklich über die Möglichkeiten und Grenzen des politischen Managements globaler Interdependenzprobleme informieren will, sollte beide Bücher nacheinander lesen. Moores Buch richtet sich eher an ein breiteres Publikum. Es ist für eine akademische und eine an globalen Wirtschaftsprozessen interessierte Leserschaft wie für Journalisten, Vertreter von NGOs und der Wirtschaft gleichermaßen aufschlussreich. Dagegen richtet sich Schirms Buch in erster Linie an Politik- und Wirtschaftswissenschaftler. Es ist ob seines hohen Reflexionsniveaus, das gleichwohl niemals in Fachjargon ausartet, kaum für den Laien gedacht. Wer es dennoch lesen will, tut nicht schlecht daran, sich zuerst über die allgemeinen Strukturen der Weltwirtschaft zu informieren. In dieser Hinsicht ist Moores Werk über die WTO eine ausgezeichnete Wahl.

Mike Moore, A World without Walls: Freedom, Development, Free Trade and Global Governance, Cambridge u.a.: Cambridge University Press 2003, 292 S., 25,46 EUR.

Stefan A. Schirm, Globalization and the New Regionalism: Global Markets, Domestic Politics and Regional Cooperation, Cambridge u.a.: Polity 2002, 234 S., 27,23 EUR.