It’s still the economy, stupid!
Zwei neue Bücher rücken die enge Beziehung von Wirtschaft und Politik in den Fokus der Zukunftsdebatten. Sie zeigen, wie Amerika dank ökonomischer Kriegsführung seinen unipolaren Moment verlängert, und weisen Wege aus der ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Malaise des Westens.
Was wäre, wenn der „unipolare Moment“ Amerikas noch gar nicht vorbei ist? In der Debatte zur internationalen Politik gilt es als ausgemacht, dass die Ära der amerikanischen machtpolitischen Alleinstellung, eine Kombination aus Allmacht und dem Fehlen globaler Konkurrenten, längst vorbei ist. Spätestens mit dem Aufstieg Chinas, so die gängige Meinung, gäbe es wieder zwei Pole. Andere sprechen von multipolarer Ordnung, wieder andere (so auch die Organisation, der dieser Rezensent angehört) stellen das Fehlen jeglicher Ordnungsmacht fest, was zu fehlender Schwerkraft und damit zu allgemeiner Disziplinlosigkeit im internationalen System führe.
Zwar bleiben die USA die mit Abstand stärkste Militärmacht, doch die Fehlschläge im Irak und in Afghanistan sowie Präsident Donald Trumps Geringschätzung für die NATO, Amerikas wichtigstes Allianzsystem, haben zu einer Abwertung dieser Machtkategorie geführt. Hinzu kommen Chinas präzedenzloser Rüstungssprung, der Amerikas Vorsprung in der für die globale Machtbalance entscheidenden Region nivelliert, sowie die Unführbarkeit größerer Kriege aufgrund ihrer immensen Kosten.
Was aber, wenn gerade dieser letzte Punkt das ganze Argument des relativen amerikanischen Abstiegs auf den Kopf stellte? Wenn Washingtons Unipolarität nicht wegen seiner Armeen fortbestünde, sondern wegen seines monopolartigen Zugriffs auf den Dollar, die globale Reservewährung und das internationale Finanzsystem, in dem die USA weiterhin die Regulierungsmacht Nummer eins sind?
Edward Fishman versucht in seinem gefeierten Buch „Chokepoints“ eine Antwort auf diese Fragen. Fishmans Doppelbegabung als politischer Praktiker und Wissenschaftler haben ihm nicht nur Abschlüsse als Historiker, Politologe und Betriebswirt in Yale, Cambridge und Stanford eingebracht, sondern auch einflussreiche Posten im amerikanischen Außen- und Finanzministerium sowie als Berater im US-Generalstab – und das schon in jungen Jahren, unter Barack Obama und Joe Biden.
Fishmans Buch ist sowohl akribische historische Studie als auch Polit-Thriller an der scharfen Kante globaler Machtpolitik. Seine These: Die eigentliche Revolution in Amerikas Machtprojektion hat nicht erst mit Trumps disruptiver Zollpolitik in dessen zweiter Amtszeit stattgefunden, sondern schon unter Obama, in Trumps erster Amtszeit und unter Biden – und sie gewährt Washington (noch) die Fortsetzung des unipolaren Moments der 1990er und 2000er Jahre.
Fishman erzählt, wie Amerikas regulative Macht im Finanzsektor, also beim Zugang zum Bankensystem, durch die Abwicklung aller wesentlichen Geschäfte über den Dollar und bei der Regelsetzung und Regeldurchsetzung für globale Transaktionen in diesen Jahren zum wichtigsten Instrument der US- Außenpolitik wurde. Wendepunkt war das Umschalten von „dummer“ Sanktionspolitik auf intelligente, maßgeschneiderte ökonomische Kriegsführung.
Als Fallstudien dienen Fishman Obamas Erzwingen des Nukleardeals mit dem Iran 2015, das Abschneiden Chinas von moderner Chiptechnologie unter Trump I und der erst zögerliche, dann entschlossene Ausschluss Russlands aus dem globalen Finanzsystem unter Obama und Biden. Die Kombination aus präziser Analyse der Schwachstellen des Opponenten, Nutzung amerikanischer Regulierungsmacht, geduldiger weltweiter Überzeugungsarbeit sowie intensiver Einbindung privater Unternehmen und Banken erzeugten einen Druck, der den Regierungen ein diplomatisches Instrument an die Hand gab, das schärfer war als die Sanktionspolitik alter Art.
Kern der Neuerung war dabei Zweierlei: erstens, die Sanktionspolitik in Einklang mit der Risikostruktur der Unternehmen zu bringen, die Sanktionen zuvor relativ risikofrei umgehen konnten; und zweitens, den Sanktionseffekt von der meist überproportional gebeutelten Bevölkerung auf die politischen Eliten umzuleiten. Beides eröffnete dort Wirkmöglichkeiten, wo militärische Konfrontation zu riskant, zu teuer und auch politisch zu kostspielig gewesen wäre.
Keine Simplifizierungen
Fishmans Buch gewinnt nicht nur durch den Einblick eines Augenzeugen und Mitwirkenden an Glaubwürdigkeit und Wucht. Es profitiert auch davon, dass der Autor nicht simplifizierend eine neue Ära ausruft, sondern die Limitierungen der economic warfare aufzeigt. Während Obama noch in der Lage war, die Ajatollahs in Teheran relativ kurzfristig so nah an den ökonomischen Abgrund zu bringen, dass sie plötzlich zu Verhandlungen über ihr Atomprogramm bereit waren, zeigt Fishman auch, dass das finale Urteil im Fall Russlands und Chinas noch aussteht.
Inkonsistenzen auf amerikanischer Seite nehmen dem neuen Ansatz immer wieder seine Wirkung, etwa in der China-Politik. Während die Regierung Trump I mit Matt Pottinger einen hochkompetenten Navigator hatte, der die Abkopplung der USA von der tödlichen Umarmung durch den chinesischen Markt konsequent vorantrieb, muss Trump II ohne derartige Fachleute auskommen und knickt vor chinesischer Wirtschaftsmacht ein.
Überhaupt ist China für Fishman das entscheidende Thema. Anders als Russland und der Iran, deren Volkswirtschaften ruiniert sind und deren Governance noch ruinierter ist, hat Peking der Kraft der US-ökonomischen Kriegsführung etwas entgegenzusetzen. Amerikas Abhängigkeit von Chinas Seltenen Erden, bei denen Peking über monopolartige Marktdominanz verfügt, hat Trump einknicken lassen. Zudem hat dessen simplistische Reduktion einer komplexen Politik mit ihren fein kalibrierten Instrumenten hin zu einer grobschlächtigen Zollpolitik dem amerikanischen Wirtschaftsdruck viel von seiner Wirkung genommen.
Die Europäer, unter Biden und Obama entscheidende Kraftverstärker der internationalen Sanktionsmaßnahmen, sind unter Trump zum Feind der USA geworden und unternehmen erste Abkopplungsversuche von Washington, um dessen Knebel- und Hebelkraft zu schwächen. Noch viel entschlossener geht hier China vor. Peking verfügt über Chokepoints, also die Engpässe und Nadelöhre, nach denen Fishmans Buch benannt ist, und kann sie als Druckmittel gegen Washington in Stellung bringen. Zudem strebt es als Reaktion auf Amerikas Dominanz die vollständige Autarkie in allen Wirtschaftsbereichen an; ein Weg, der den innovationsschwachen, ressourcenarmen und militärisch abhängigen Europäern nicht gleichermaßen zur Verfügung steht.
Das kollektive „Mehr“
Fishman, dessen Analyse klug abgewogener, handwerklich anspruchsvoller amerikanischer Diplomatie den Leser nostalgisch auf eine erst seit ganz Kurzem vergangene Zeit zurückblicken lässt, weist dankenswerterweise darauf hin, dass erfolgreiche ökonomische Kriegsführung neben der Regulierungskraft Washingtons und seiner geschickten Statecraft noch eine weitere, stille Voraussetzung hat: die eigene wirtschaftliche Resilienz.
Hier setzt das Manifest „Der neue Wohlstand“ von Ezra Klein und Derek Thompson an. Die bekannten US-Journalisten legen mit ihrem Buch, das im Original „Abundance“, also Fülle heißt, einen Weckruf vor, der nicht nur für die USA Gültigkeit hat, sondern auch für Europa. Ihre bei uns vielleicht fremd anmutende These: Der Weg aus der ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Malaise ist nicht ein kollektives „Weniger“, sondern ein entschlossenes „Mehr“.
Sie legen dar, wie die Politik, die in den 1960er und 1970er Jahren als notwendige Antwort auf die enthemmte Wachstumspolitik der Nachkriegszeit gemacht wurde, heute in ihrer übersteigerten Form zu Mangelerscheinungen führt. Notwendige Umweltregulierungen sind heute so verfeinert und verästelt, dass sie der Energiewende im Wege stehen und so das Gegenteil ihrer Zielsetzung erreichen.
Ein ähnliches Phänomen beobachten die Autoren im Wohnungsbau, einer Mangelpolitik, die amerikanische Großstädte wie San Francisco, Chicago und New York an den Rand des gesellschaftlichen Notstands gebracht hat. Restriktive Bebauungspläne und Überregulierung führen zu weniger Neubauten und damit zu Preisexplosionen und gesteigerter Obdachlosigkeit – ein Phänomen, das auch europäische Metropolen kennen.
Klein und Thompson, die aus dem linksbürgerlichen US-Milieu stammen, machen linke wie rechte Kräfte und ihre jeweiligen Ideologien gleichermaßen für die Misere verantwortlich. Statt kompromisslos auf Innovation, neue Technologien und die Kraft des intelligenten „Mehr“ zu setzen, schützen Konservative überkommene Traditionen wie die Kohle und den Verbrennermotor, während Linke mit romantischen, aber selbstzerstörerischen Degrowth-Fantasien und übertriebener Mitbestimmung die Gesellschaft lähmen. Beide Gruppen untergraben aus grundverschiedenen Motiven heraus die Fähigkeit des Staates, eine fortschrittliche Rolle in der Daseinsvorsorge zu spielen und erzeugen künstliche Mangelzustände statt breite Prosperität.
Dieser kurze, temperamentvolle Essay reiht sich in die Serie der derzeit hochpopulären Nichts-funktioniert-Bücher ein, gibt aber eine uramerikanische, grundoptimistische Antwort: Mehr ist für alle möglich, ohne dass es den Planeten ruiniert oder die Gesellschaft sprengt. In Zeiten allenthalben zelebrierter Zukunftsangst ist es eine hoffnungsvolle und erfrischende Lektüre, die zeigt, dass die Rettung aus der Not immer zuerst im Kopf entsteht.
Edward Fishman: Chokepoints. American Power in the Age of Economic Warfare. New York: Penguin Random House, Portfolio 2025. 560 Seiten, 40,00 US-Dollar
Ezra Klein & Derek Thompson: Der neue Wohlstand. Hamburg: Hoffmann und Campe 2025. 368 Seiten, 28,00 Euro
Internationale Politik 2, März/April 2026, S. 124-126
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