Im Schatten der Supermächte
Der militärische Schlagabtausch zwischen Pakistan und Indien hat gezeigt, wie weit eine Annäherung der beiden Atommächte entfernt ist. Längst ist der Konflikt keine bilaterale Angelegenheit mehr; China und die USA tragen auch hier ihre Rivalität aus.
Wer sich in den vergangenen Wochen mit dem indisch-pakistanischen Verhältnis beschäftigt hat, kam an Shashi Tharoor kaum vorbei. Der eloquente Abgeordnete der oppositionellen Kongresspartei und Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im indischen Parlament ist zum wichtigsten Apologeten der indischen Militärschläge gegen Pakistan geworden, die im Mai 2025 für einige Tage die Welt in Atem gehalten haben.
Zuvor hatten Terroristen mit Verbindung zu der in Pakistan ansässigen Terrororganisation Lashkar-e-Taiba (LeT) in Pahal-gam, einem malerischen Ort im indischen Staat Jammu und Kaschmir, 26 Touristen erschossen. Die darauffolgende indische Militäraktion „Operation Sindoor“ (benannt nach dem roten Puder, das verheiratete Frauen traditionell auf dem Scheitel und der Stirn tragen) nahm zum ersten Mal Stützpunkte der LeT und der Jaish-e-Mohammad (JeM), einer weiteren Terrororganisation im Herzen Pakistans, dem Punjab, ins Visier; unter anderem wurden Trainingslager in Bahawalpur und Muridke beschossen. Bis dato galten Angriffe dort wegen der Gefahr einer nuklearen Eskalation zwischen den verfeindeten Atommächten als zu riskant.
Indien reagierte deshalb in der Vergangenheit nach Terroranschlägen – 2008 wurden mehrere Ziele in Mumbai angegriffen und 175 Menschen getötet, 2001 das Parlament in Neu-Delhi – ausschließlich mit diplomatischem Druck. Diese strategische Hilflosigkeit wurde spätestens 2014 als unbefriedigend empfunden, nachdem die hindu-nationalistische Bhartiya Janata Partei (BJP) die Macht übernommen hatte. Premierminister Narendra Modi machte nun klar, dass Terroranschläge auch in Zukunft mit militärischen Mitteln beantwortet werden, auch wenn Islamabad regelmäßig leugnet, dass Pakistan mit den Anschlägen in Verbindung steht.
Hier kommt Shashi Tharoor ins Spiel. Mit parteiübergreifenden Parlamentsdelegationen tourte er durch die Hauptstädte der Welt, um zu erklären, warum Indien unter Modi seine Strategie gegenüber Pakistan geändert hat. „Wir mussten reagieren. Wir konnten nicht zulassen, dass pakistanische Terroristen glauben, sie könnten einfach in unser Land einmarschieren und Zivilisten töten. Zugleich hätte eine wahllose Aktion unserer Seite unnötigerweise eine Eskalation provoziert und uns die Sympathien der Welt gekostet“, so Tharoor.
Stattdessen habe Indien in der „Operation Sindoor“ Zurückhaltung und Reife bewiesen. „Wir haben kein Interesse daran, unschuldige Menschen zu töten. Unsere Aufgabe ist es, den Terroristen eine Lektion zu erteilen.“ So die offizielle Position Indiens, die legitim ist angesichts der Geschichte des grenzüberschreitenden Terrorismus. Dennoch ist die Region nach dem jüngsten militärischen Schlagabtausch, bei dem rund 200 Menschen ihr Leben verloren haben, nicht sicherer geworden – im Gegenteil.
Zum einen ist eine Lösung des Konflikts zwischen Indien und Pakistan um den Staat Kaschmir noch immer in weiter Ferne. Zum anderen hat die militärische Eskalation gezeigt, dass Chinas Aufstieg zur globalen Großmacht dem regionalen Konflikt in Südasien eine neue, gefährliche Dimension verleiht. Erstmals wurde in einem Luftkampf deutlich, wie stark die pakistanische Armee inzwischen auf chinesische Expertise und Militärtechnologie zurückgreift.
Pekings Einfluss
Als Reaktion auf den indischen Angriff kam im Mai auf pakistanischer Seite eine große Zahl chinesischer Waffen zum Einsatz, so etwa der J-10-Kampfjet, der gemeinsam mit Pakistan entwickelte Kampfjet JF-17, das Raketenabwehrsystem HQ-9P sowie Hunderte von Drohnen. „Neben dem Einsatz chinesischer Militärtechnologie, Luftabwehr und satellitengestützter Aufklärung wurden die Bemühungen Pakistans deutlich, die Multi-Domain-Kriegsführung des chinesischen Militärs nachzuahmen“, so Harsh Pant, Professor für internationale Beziehungen am King’s College in London.
Gleichzeitig deute die Präsenz des chinesischen Vermessungsschiffs Da Yang Yi Hao, das im Mai im Indischen Ozean auftauchte – und von dem vermutet wird, dass es unter dem Deckmantel der Forschung Spionage betreibt –, auf eine umfassendere strategische Koordination hin. Für Indien rücke damit ein gefürchteter Zwei-Fronten-Krieg in greifbare Nähe. „Die militärische Zusammenarbeit zwischen China und Pakistan geht weit über die Logik geopolitischer Signale in der Zeit nach dem Kalten Krieg hinaus. Die Bedrohung für Indien ist unmittelbar, ernst und aktuell“, warnt Pant.
Auch Indien hat in den vergangenen Jahren kräftig aufgerüstet. Seine Militärausgaben sind 2025 um 9,53 Prozent gestiegen. Das Land verfügt inzwischen über den viertgrößten Verteidigungshaushalt weltweit. 2016 kaufte Neu-Delhi in Frankreich 36 Dassault Rafale Kampfflugzeuge, von denen bis zu drei in den Kämpfen im Mai abgeschossen wurden. Eine offizielle Bestätigung über die Verluste gibt es nicht. Im April hatte Indien bereits einen Vertrag für den Kauf von weiteren 26 Rafale-Jets für die Marine unterzeichnet.
Zugleich verhandelt Indien, das traditionell einen Großteil seiner Waffen aus Russland bezogen hat, mit den USA über den Kauf moderner Militärtechnologie, so etwa über das F-35 Tarnkappenflugzeug, den MH-60R Seahawk Helikopter sowie ein 131 Millionen Dollar teures Paket militärischer Hardware- und Logistik-Unterstützung. Diese „strategische Verschiebung“ reflektiere den indischen Bedarf für fortgeschrittene Militärtechnologie, um auf die regionalen Sicherheitsherausforderungen, besonders den wachsenden Einfluss Chinas zu reagieren, schreibt Rohith Narayan Stambamkadi für das Manohar Parrikar Institute for Defense Studies and Analyses (MP-IDSA), einen regierungsnahen Thinktank in Neu-Delhi.
Damit droht der ungelöste Kaschmir-Konflikt zu einem Schauplatz der wachsenden Rivalität zwischen den USA und China zu werden. Nicht zuletzt aus diesem Grund dürfte sich US-Präsident Donald Trump im Mai überraschend in die Auseinandersetzung zwischen Indien und Pakistan eingemischt haben, nachdem er kurz zuvor noch betont hatte, dass Washington kein Interesse an der Sache habe. Indem Trump die Rolle des Vermittlers in einem vermeintlich drohenden atomaren Konflikt für sich beansprucht, gewinnt er ein Stück Kontrolle über das Narrativ, während China sich in strategisches Schweigen hüllt.
Für Indien ist dies eine ärgerliche Situation, denn es hat stets betont, dass der Kaschmir-Konflikt eine rein bilaterale Angelegenheit sei. Die oft betonte „strategische Autonomie“ der indischen Außenpolitik, die schon seit Längerem die frühere Maxime der Blockfreiheit abgelöst hat, nimmt damit Schaden, ohne dass Indien einer konstruktiven Lösung des Kaschmir-Konflikts nähergekommen wäre.
Keine Entspannung in Sicht
Pakistans Armeechef Asim Munir, der sich im Zuge des Konflikts vom General zum Feldmarschall befördern ließ, hat erneut betont, dass Kaschmir „Pakistans Halsschlagader“ sei. Der Ausdruck bezieht sich auf eine Formulierung im Koran, wonach Gott dem Menschen näher sei als seine Halsschlagader. Der Anspruch Pakistans auf den gesamten Staat Kaschmir, der auch auf indischer Seite mehrheitlich von Muslimen bevölkert ist, wird somit religiös und nationalistisch begründet und gehört damit auf doppelte Weise zur pakistanischen Staatsräson.
Dies spielt der pakistanischen Armee in die Hände, die nach der Verhaftung des populären Premierministers Imran Khan, der seit 2023 im Gefängnis sitzt, heute mächtiger ist denn je. „Aus pakistanischer Sicht gab es (im Mai) einen Vorstoß aus Indien. Pakistan hat ihn abgewehrt. Die Regierung ist zufrieden“, sagt Ayesha Siddiqa, Verteidigungsexpertin am SOAS South Asia Institute in London. Es gibt daher keinen Grund zu der Annahme, dass Pakistan in Zukunft aktiver gegen die auf seinem Territorium ansässigen Terrororganisationen vorgehen wird, vor allem, wenn sie Indien ins Visier nehmen. Weitere Terroranschläge sind eher früher als später zu erwarten.
Premierminister Narendra Modi hat bereits klargemacht, dass „Operation Sindoor“ derzeit nur pausiere und jede weitere terroristische Aktivität mit militärischen Mitteln beantwortet werde. Zwar hat auch China kein Interesse an einem großen Krieg in Südasien, dies würde die Sicherheit des China-Pakistan-Economic-Corridor und damit einen wichtigen Teil der Neuen Seidenstraße gefährden; aber begrenzte Konflikte wie der im Mai liegen durchaus in Pekings Interesse, da sie den indischen Rivalen beschäftigt halten.
Die Gefahr einer Eskalation ist daher eher gewachsen. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton nannte 1998 die Grenze zwischen Indien und Pakistan in Kaschmir „die gefährlichste Region der Welt“. Sie ist im Jahr 2025 nicht sicherer geworden.
Internationale Politik 5, September/Oktober 2025, S. 12-14
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