01. November 2009

Heimliche Helden

Buchkritik

Nach dem Mauerfall und dem „Ende der Geschichte“ (Fukuyama) war man sich einig: Demokratie, freie Marktwirtschaft und liberale Werte hatten sich durchgesetzt. Umso bemerkenswerter, dass wir auch 20 Jahre später in einer zentralen Frage so weit von einem Konsens entfernt sind: Wie und warum eigentlich endete der Kalte Krieg so abrupt?

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Wenn wir uns mit Erklärungen für den spektakulären Zusammenbruch des Kommunismus beschäftigen, können wir drei Lager unterscheiden. Zunächst einmal sind da die Konservativen. Ihre Helden heißen Ronald Reagan und Papst Johannes Paul II. Es sei der leidenschaftliche Antikommunismus dieser beiden gewesen, der zusammen mit Reagans ungebremstem Wettrüsten das sowjetische System unterhöhlt und in den Bankrott geführt habe. Das zweite Lager, zu dessen Hauptvertretern die Historiker Tony Judt und Timothy Garton Ash gehören, stellt die tapferen Dissidenten, die sich im Namen der Menschenrechte gegen das kommunistische Regime stellten, in den Mittelpunkt seiner Lobgesänge. Und schließlich gibt es noch die Gorbatschow-Fans, für die Glasnost und Perestroika der Motor der Ereignisse von 1989 und 1990 waren.

Eine in vielerlei Hinsicht neue Interpretation der Ereignisse liefert der Journalist Michael Meyer in seinem Buch „The Year that Changed the World“. Meyer, in den späten Achtzigern und in den Neunzigern Newsweek-Korrespondent für Mitteleuropa, erlebte jede Phase dieser außergewöhnlichen Zeit hautnah: Er war in Ostberlin, als die Mauer fiel, er war in Rumänien, als Ceausescu hingerichtet wurde, und er stand auf dem Wenzelsplatz, als Václav Havel 1990 seine berühmte Neujahrsansprache hielt. Meyer ist ein begnadeter Erzähler, der zudem hervorragend mit dem aktuellen wissenschaftlichen Diskurs vertraut ist; kein Wunder, hat er doch seinerseits als Publizist nicht wenig zu dieser Debatte beigetragen.

Der überraschendste und zugleich wohl problematischste Aspekt in seinem Buch ist die Behauptung, die wahren Helden von 1989 sei eine Handvoll moderater ungarischer Kommunisten gewesen. Meyer zufolge waren es Leute wie Ungarns Premierminister (und Harvard-Absolvent) Miklós Németh und sein Mitstreiter Imre Pozsgay, die den Kommunismus „durch eines der größten Täuschungsmanöver in der Geschichte der Diplomatie“ zum Einsturz brachten. Dieser Superlativ ist symptomatisch für Meyers Übertreibungen, die seine Argumentation – auch wenn sie wichtige Wahrheiten enthält – letztlich schwächen.

Németh und Pozsgay, so Meyer, waren gar keine echten Kommunisten – auch wenn sie ihr ganzes Leben zuvor damit verbracht hatten, die Stufen der parteiinternen Hierarchie bis an die Spitze zu erklimmen –, sondern waschechte Demokraten. Von Anfang an sei es ihre Absicht gewesen, den Eisernen Vorhang niederzureißen, was – das wussten sie angeblich im Voraus – zum Fall der Mauer, zum Umsturz kommunistischer Regime vom Baltikum bis zum Balkan und zur Einführung der liberalen und marktwirtschaftlichen Demokratie führen würde. Bis ins kleinste Detail sei ihr Plan ausgetüftelt gewesen, bei dessen Umsetzung sie zudem nicht allein waren: Meyer zeigt, dass die Bundesregierung von Anfang an eingeweiht war und sich hinter den Kulissen mit den Ungarn abstimmte.

Zwei Jahrzehnte später befragt Meyer die Protagonisten von damals zu ihren großen Taten – und, siehe da: Sie waren es wirklich, die 1989 und die Folgen ausgeheckt und eingefädelt haben. Nur weil es den heimlichen Helden am Charisma und Ego eines Lech Walesa – und an den journalistischen Fähigkeiten eines Michael Meyer – fehlt, hat die Öffentlichkeit bisher nichts davon erfahren.

Daran ist soviel richtig, als dass in der Tat jene zweite Garde ungarischer Sozialisten, die sich in den späten achtziger Jahren in ihrer Partei hochgearbeitet hatte, am Zusammenbruch des Kommunismus nicht ganz unbeteiligt war. Sie trug das ihre dazu bei, das marode Gebäude des ungarischen Kommunismus zum Einsturz zu bringen – sicherlich mehr, als es ihnen ehemalige ungarische Dissidenten zugestehen würden. Aber ihr Vorgehen und ihre Ziele lassen sich auch ganz anders deuten als Meyer es tut.

Denn das System, das diese jüngere Generation ungarischer Parteikommunisten Ende der Achtziger erbte, war längst bankrott – wirtschaftlich wie politisch. Nicht nur der soziale Konsens, die gesamten Rahmenbedingungen, dank derer Ungarn in den sechziger und siebziger Jahren zur „fröhlichsten Baracke des Ostblocks“ wurde, waren Geschichte. Um das Land über Wasser zu halten, war die kommunistische Führung abhängig von externer Finanzierung. Verzweifelt suchte sie nach immer neuen Tricks, um das System und die eigene Macht zu erhalten.

Die Lösung sahen Németh und seine Mitverschwörer in einer bedingten Öffnung gegenüber dem Pluralismus des Westens. Dabei handelten sie vor allem im eigenen Interesse, sie wollten so ihre Macht auf Dauer sichern. Unterstützung bekamen sie von der Bundesregierung: Für jeden Schritt in die richtige Richtung erhielten die Ungarn Zuschüsse und Darlehen aus Bonn.

Doch schenkt Meyer dem Widerstand in der Bevölkerung zu wenig Beachtung. Dort wuchs der Rückhalt für die antikommunistischen Kreise und sorgte für einen zunehmenden Druck auf das Regime. Und wenn wir uns die umfassende – und öffentlich zugängliche – Dokumentation der Ereignisse anschauen, die das Open Society Institute in Budapest bietet, dann zeigt uns ein Blick auf die parteiinternen Protokolle dieser Zeit, dass die Némeths und Pozsgays keine ungarischen Thomas Jeffersons waren, sondern Apparatschiks, die mit dem Rücken zur Wand standen. Ihr letzter Schachzug, mit dem sie ihre Macht retten wollten, war es, die Neuwahlen bereits Ende 1989 abzuhalten, was die engagierten Demokraten des Landes verhinderten.

Die Widerstandsgruppe um János Kis, Gáspár Miklós Tamás und Miklós Haraszti bestimmte letztlich den Lauf der Geschichte, indem sie eine Volksabstimmung organisierte, die hauptsächlich eine Verschiebung der Wahlen erreichte. So gewannen die neu gegründeten Parteien Zeit, Strukturen aufzubauen und ihren Wahlkampf zu organisieren. Als die Ungarn im März 1990 erstmals frei entscheiden konnten, wählten sie Németh, Pozsgay & Co. ab. Vielleicht hätten sie tatsächlich etwas mehr Dankbarkeit verdient, aber nicht den Ruhm, den Meyer ihnen im Nachhinein zuspricht.

Keine beschlossene Sache

In Meyers Erzählung erscheinen die Ereignisse in Ungarn wie ein von langer Hand hinter den Kulissen geplanter Schachzug der gemäßigten Kommunisten. Aber Europas aktuelle geopolitische Ordnung – die Mitteleuropäer in der EU und der NATO, Russland auf der anderen Seite – war in der Zeit nach den friedlichen Revolutionen von 1989 keine beschlossene Tatsache. Daran erinnert uns die kalifornische Historikerin Mary Elise Sarotte in ihrem Buch „1989: The Struggle to create Post-Cold War Europe“.

In der Zeit zwischen der Maueröffnung und Deutschlands Wiedervereinigung stolperte die Geschichte eher im Dunkeln vorwärts, ohne klare Richtung und ohne vorhersehbare Bestimmung. Nach dem Kalten Krieg geisterten in Europa viele Ideen herum, die sich immer wieder veränderten und schließlich im Sog der Ereignisse untergingen, die zur deutschen Wiedervereinigung führten. In ihrer Chronologie nimmt sich Sarotte der Fülle konkurrierender Konzepte an; auch wenn sich bekanntlich letztendlich die Visionen von US-Präsident George H.W. Bush und Bundeskanzler Helmut Kohl durchsetzten.

Sarotte konzentriert sich auf Deutschland. Als sich die Vorzeichen für eine Wiedervereinigung Deutschlands verdichteten, zeigten sich bei den Nachbarn massive Vorbehalte. Margaret Thatchers Ausruf „Zweimal haben wir die Deutschen besiegt! Und jetzt sind sie wieder zurück!“ wurde berühmt. Die Franzosen wiederholten ihr Mantra aus den Zeiten des Kalten Krieges: „Wir lieben Deutschland so sehr, dass wir froh sind, wenn es zwei von ihnen gibt.“ Die Polen rüsteten auf, in der Sorge, dass die Diskussion um die Nachkriegsgrenzen wieder aufgerollt werden könnte. Im Grunde waren es zunächst lediglich die Spanier und Iren, die der deutschen Wiedervereinigung eindeutig zustimmend gegenüberstanden.

In Ostdeutschland waren die Anführer der Straßenproteste im Herbst 1989 entschieden dagegen, ihr gerade befreites Land ohne weiteres mit der mächtigen Bundesrepublik verschmelzen zu lassen. So vielschichtig das Bild auch war, das die Parteien der untergehenden DDR abgaben, in einem waren sie sich einig: Man sprach sich für einen unabhängigen und demokratischen ostdeutschen Staat aus, der einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und sowjetischem Kommunismus einschlagen sollte. Den kurzen Zeitraum zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung nutzten sie, um eine eigene Verfassung für ein alternatives Deutschland zu zimmern, einen „corpus iuris“, der gesellschaftliches und privates Eigentum sowie strategische Neutralität und Formen direkter Demokratie beinhalten sollte.

Der größte Widerstand schließlich gegen eine Wiedervereinigung nach den Vorstellungen von Kohl und Bush ging von der Sowjetunion aus. Michail Gorbatschow widersetzte sich insbesondere den Plänen, Ostdeutschland vollständig in der Bundesrepublik aufgehen zu lassen und in die Atlantische Allianz einzugliedern. Er pochte darauf, dass die NATO sich keinen Zentimeter hinter die Linie, die der Eiserne Vorhang markierte, ausdehnen dürfe.

Seine Vision stand im Gegensatz zu einem erweiterten Westeuropa unter amerikanischer Führung, das von den Institutionen des Kalten Krieges gesteuert wird. Er forderte ein „gemeinsames europäisches Haus“, das den Kontinent vom Ural bis zum Atlantik mit einem Sicherheitsnetz verbinden sollte. Unermüdlich betonte er, dass nur eine neue paneuropäische Sicherheitsarchitektur die Gegensätze des Ost-West-Konflikts überwinden und ein friedliches, atomwaffenfreies Europa stärken könnte.

Ironischerweise entsprach Gorbatschows Vision ungefähr dem, was die überzeugtesten Antikommunisten, die ehemaligen Dissidenten in Ostdeutschland, befürworteten – ebenso wie der Kreis um Václav Havel in der Tschechoslowakei.

Michael Meyer: The Year that Changed the World. The Untold Story Behind the Fall of the Berlin Wall. New York: Scribner 2009, 254 Seiten, 26,00$ Mary Elise Sarotte: 1989: The Struggle to create Post-Cold War Europe. Princeton University Press 2009, 344 Seiten, 29,95$

PAUL HOCKENOS ist Global Editor der IP und Autor von „Joschka Fischer and the Berlin Republic: An Alternative History of Postwar Germany“ (2007).

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 11/12, November/Dezember 2009, S. 131 - 134.

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