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01. Sep 2005

Glücksbringer im Machtrausch

Buchkritik

Lothar Rühl gehört zu den wenigen in Deutschland, die strategisch und geopolitisch denken können. Diesen Fähigkeiten verdanken wir nun ein Werk über Amerikas Macht. Es stellt die Elemente in den Mittelpunkt, die ausschlaggebend für Amerikas heutige Position in der Welt geworden sind, und für die das deutsche Bewusstsein unterbelichtet ist. Nach den Extremen der Machtversessenheit und der Machtvergessenheit sind immer noch Schwierigkeiten erkennbar, wenn Deutschland wie jedes andere Land seine Interessen verfolgt. Ein Teil antiamerikanischer Äußerungen hierzulande stammt auch aus Machtfremdheit und dem Widerwillen, fast der Angst, dieses Phänomen Macht zu berühren, das eben auch schuldig werden lassen kann, wenn es missbraucht wird.

Der Autor zeichnet überzeugend nach, wie sich Amerikas Macht entwickelt hat – wie diese Nation über den eigenen Kontinent hinausgriff, teils weil ihre Kraft gebraucht wurde, teils weil sie Gelegenheiten nutzte, nicht anders als andere Großmächte in der Geschichte. Sie sehen und ergreifen Gelegenheiten, um die eigene Stellung zu festigen, um Einfluss zu erweitern und zu sichern. Das gehört zu dem Instinkt, der das politische Denken und Verhalten jeder großen Nation in der Geschichte infiziert hat, fast zu einer Droge wird, so dass man von Machtentfaltung und schließlich auch Beherrschung anderer nicht lassen kann, auch wenn das im Ursprung gar nicht beabsichtigt war. Sogar bei Staaten kommt der Appetit beim Essen.

Natürlich betrachtet ein Autor, der die Realitäten dieser Welt zum Teil in seinem Berufsleben kennen gelernt, zum Teil wissenschaftlich erforscht

und bestätigt gefunden hat, Amerika insgesamt unverkennbar wohlwollend und bewundert dessen Weg zur einsamen Spitzenmacht. Der Erfolg ist unbestreitbar; auf diesem Weg war kein Preis in einem Wettbewerb des Edelmuts gefragt. Wilsons Methode, am Ende des Ersten Weltkriegs den Idealen mehr zu folgen als den Interessen, hat kein Präsident wiederholt, stellt Rühl mit Recht fest.

Er zieht die Linie von Jefferson bis zur Sicherheitsdoktrin des jüngeren Bush: „Amerika wird Freiheit und Demokratie in den letzten Winkel der Welt bringen.“ Er macht darauf aufmerksam, dass seit Beginn der dreißiger Jahre die wachsende Schwäche seines überseeischen Reiches Großbritannien nötigte, sich weltweit auf Amerika zu stützen – und zwar unabhängig von Hitler und Stalin, der deutschen Kriegspolitik und den italienischen Eroberungsversuchen. Machterweiterung und selbst definierte Verantwortung sind die übergeordneten Prinzipien des Verhaltens der USA bis heute geblieben. Krieg kann bei geringen Verlusten und tragbaren Kosten zu einer Option seiner Strategie werden. Von 1940 bis zur Gegenwart, „ unabhängig vom jeweiligen Kriegsgrund“, kämpfte Amerika auch für die eigene strategische Stärkung.

Als der stellvertretende Verteidigungsminister Wolfowitz im Sommer 2001 im Streitkräfteausschuss des Senats ein gigantisches Aufrüstungsprogramm vorstellte, das er „Die große Abschreckung“ nannte, reagierte, wer es in Deutschland überhaupt zur Kenntnis nahm, ungläubig. Ohne jede Herausforderung wollte die einzige Supermacht eine qualitativ neue Rüstung beginnen, um jede andere Macht zu entmutigen, sich überhaupt auf ein

Rennen einzulassen. Drei Monate später, am 11. September, musste Amerika den Schock seiner Verwund barkeit durch entstaatlichte Gewalt erleben, die inzwischen zur mächtigs ten NGO unter dem Namen Al-Qaida geworden ist. Das Rüstungsprogramm wurde fast ohne Diskussion beschlossen, der Allianz gegen den Terror schlossen sich alle bedeutenden Staaten an, und Amerika wurde zur Machtin Asien mit Stützpunkten in früheren Republiken der Sowjetunion.

Die Überzeugung, Gottes eigenes Volk zu sein, ist fester Bestandteil der Gründungsmythen. Der Auftrag, der sich aus diesem ideologischen Fundament ergibt, gehört zur nationalen Identität: Das gelobte Land sollte das Gute verbreiten. Das ist keine Propaganda, es ist tief verwurzelter, zur Selbstverständlichkeit gewachsener Teil amerikanischen Bewusstseins. Amerika ist das Reich des Guten. Der Titel des Buches gibt dies treffend wieder: Macht und Sendungsbewusstsein sind zu dem verschmolzen, was die USA außen- und sicherheitspolitisch bedeuten. Insoweit spielt es keine Rolle, wie der Präsident jeweils heißt. Auch wenn die Sicherheitsdoktrin des Jahres 2002 zurücktreten oder außer Kraft gesetzt werden sollte, die selbstherrlich den „Augenblick der günstigen Gelegenheit nutzen“ will, „um die Vorteile der Freiheit über den Erdball auszubreiten“, wie der Präsident formulierte: Selbst dann wird die Macht, Gewalt einzusetzen, bleiben.

Wo soll das hinführen? Hier ist Lothar Rühl erstaunlich vorsichtig. Er gibt der uneinholbaren Macht und Dominanz des amerikanischen Modells zehn bis zwanzig Jahre, wenn der Impetus nicht nachlässt. Das ist unwahrscheinlich, man sollte bis zur Mitte des Jahrhunderts mit diesem Hegemon rechnen. Weltherrschaft ist dabei nicht das Ziel. Das überstiege die Kraft. Das Amerikas Macht politische Debakel nach dem militärischen Sieg im Irak wäre für diese Erkenntnis nicht einmal erforderlich gewesen. Rühl geht noch weiter mit der Ü berlegung, dass nach der militärischen Intervention im Irak solche Offensiven nicht unbegrenzt wiederholbar sind. Stabilität und Versorgungssicherheit im Mittleren Osten sind nicht erreichbar, solange die arabische Welt Interventionen fürchten muss. Das unterstreicht die Dringlichkeit einer Zweistaatenlösung für Israel und Palästina. Dazu kommt die strategische Partnerschaft mit Russland, die nicht nur im gemeinsamen Interesse der atomaren Einhegung der asiatischen Szene gepflegt werden will, zumal China als handlungsfähige Großmacht vielleicht schon vor der Jahrhundertmitte erscheinen wird. Diese Sicht zeigt ein multipolares Bild. Gleichzeitig kann Amerika ein internationales Gewaltmonopol der UN, wie es deren Charta postuliert, nicht wollen. Für Washington erscheint globale Multipolarität weder quantitativ noch qualitativ akzeptabel. Die globale Hegemonie dagegen gestattet eine Zusammenarbeit, die Risiken mindert, ohne das Gewicht der USA zu schmälern.

Unter machtpolitischen Gesichtspunkten betrachtet Rühl Europa zu Recht sehr kritisch. Nach der jahrzehntelangen verbalen Hochstapelei, die eine EG proklamierte, als es noch keine Gemeinschaft war, eine EU beschloss, die erst noch eine Union werden wollte, kann Amerika seine mehr als 40-jährige Tradition fortsetzten: Es kann ein starkes Europa wünschen, das noch immer das Ziel verfolgt, mit einer Stimme zu sprechen, von gemeinsamem Handeln gar nicht zu reden. Der Autor rechnet für die kommenden Jahrzehnte daher eher mit einer größeren politischen und strategischen Abhängigkeit von Amerika. Man hofft, dass er irrt, gerade weil ihm darin zuzustimmen ist, dass der Traum europäischer Selbstbestimmung ausgeträumt wäre, sollten die Ukraine und die Türkei Mitglied der EU werden.

Zwischen den USA und Europa dürfte ein Spannungsverhältnis weiter bestehen bleiben. So ziemlich alle Staaten dieser Welt sind daran interessiert, dass die Vorherrschaft Amerikas nicht ausartet und es imperialen Gelüsten nicht nachgibt. Die Ambivalenz wird interessant zu beobachten sein: Es gibt Probleme, die ohne Macht der USA unlösbar sind. Amerika konnte sich gar nicht zurückhalten, denn die Herausforderung der Sowjetunion und ihres global angelegten Systems war nur durch die Herausforderung Amerikas zu beantworten. Gleichzeitig ist Amerika nun auch zu einer Herausforderung der übrigen Welt geworden. Der alte Schulterschluss wird sich nicht wiederherstellen lassen. Amerika wird notfalls allein handeln, Europa muss die UN und die Bindung an ihr Recht stärken. Die strategische Raumeinheit des

Nordatlantischen Bündnisses, wie Rühl das nennt, wird aber ihre Wirkung behalten: Der unsinkbare Flugzeugträger Europa mit seinen Stützpunkten bleibt von einzigartigem geostrategischen Wert für die USA.

Wenn Amerika die Welt verändern will, ist es eine revolutionäre Macht – die es genau genommen seit seiner erkämpften Unabhängigkeit immer gewesen ist. Die feste Überzeugung des amerikanischen Präsidenten: „ Gott hat Amerika die Macht gegeben, der Welt den Frieden zu bringen“, steht gegen die Gewissheit des Autors, dass Gott die amerikanischen Bäume nicht in den Himmel wachsen lassen will. In der Unvereinbarkeit beider Überzeugungen liegt die Spannung der künftigen Geschichte. Wir stehen noch am Anfang der Erfahrung, wie es sich mit einer einzigen Supermacht lebt.

Lothar Rühl: Das Reich des Guten. Machtpolitik und globale Strategie Amerikas. Klett-Cotta, Stuttgart 2005. 382 Seiten, € 19,50.