01. Juli 2006

Entfremdungsprozesse

Über die wachsende Politikverdrossenheit können auch teure PR-Kampagnen nicht hinwegtäuschen

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Das von Karl Marx (in dessen Werk, anders als von den Kommunisten suggeriert, die nüchterne, empirische Gesellschaftsanalyse überwog) entwickelte Unterbau-Überbau-Modell der Gesellschaft nebst den von ihm daraus abgeleiteten Thesen über soziale Verwerfungen eignet sich recht gut zur Beschreibung des gegenwärtigen Zustands der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Da finden sich zum einen die verschiedenen Akteure im gesellschaftlichen Überbau. Das sind die Politiker, die zunehmend ohne jedwede Verwurzelung im gesellschaftlichen Unterbau innerhalb mit sich selbst kommunizierender Zirkel agieren. Begleitet werden sie von einem großen Teil der Medien, die kaum noch über die realen gesellschaftlichen Probleme berichten, sondern überwiegend die Kommunikationsprozesse im politischen Überbau bespiegeln. Dazu gesellt sich die vornehmlich aus Vertretern global operierender Konzerne bestehende Wirtschaftselite, die ihren im Primat der Profitmaximierung gipfelnden Wertekanon der gesamten Gesellschaft aufoktroyiert. Ihren Beitrag zum Funktionieren des Systems leistet auch die immer mehr Lebensbereiche durchdringende Bürokratie, die längst nicht mehr die Fürsorge für die Menschen als ihre vordringliche Pflicht ansieht, sondern die Bürger wie total zu reglementierende Untertanen behandelt. Kommunikativ flankiert werden diese Prozesse schließlich von einer immer größer werdenden Heerschar von PR-Agenturen und -Beratern. Deren Kampagnen gehen zwar meist über die Köpfe der Menschen hinweg; sie stabilisieren aber die Rolle der einzelnen Akteursgruppen im gesellschaftlichen Überbau.

Im Bewusstsein dieser Akteure stellt sich die Situation im Deutschland der Großen Koalition recht rosig dar: Nach sieben Schreckensjahren rot-grüner Regierung sind im Land wieder Harmonie und Sachlichkeit eingekehrt. Der Fortschritt schreitet – wenn auch in kleinen Schritten – munter voran. Die Wirtschaft wächst wieder, der Aufschwung ist da. Und das einzige im Überbau- Bewusstsein noch vorhandene Problem, die Finanzmisere des Staatshaushalts, wird durch Steuer- und Abgabenerhöhungen schnell beseitigt werden. Deutschland, das Land der Ideen, ist endlich wieder auf dem Weg nach ganz oben.

Bedauerlich daran ist nur, dass das gesellschaftliche Sein diesem Bewusstsein des Überbaus nicht folgen will. So kaufen die Menschen nicht mehr, sondern – wie die Daten des Statistischen Bundesamts Monat für Monat zeigen – weniger als im jeweiligen Zeitraum des Vorjahres. 2006 wollen – wie schon in den letzten Jahren – nur wenige Bürger (17 Prozent) verfügbares Geld auch für Anschaffungen ausgeben. Die Kaufneigung ist also unter der Großen Koalition keinesfalls gestiegen, zumal inzwischen schon mehr als die Hälfte aller Haushalte überhaupt kein Geld mehr für Anschaffungen über den täglichen Bedarf hinaus zur Verfügung hat. Die Menschen in Deutschland glauben auch nicht an den von den Analysten jedweder Couleur prognostizierten Aufschwung. Im Gegenteil: Der Anteil derer, die mit einer weiteren Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland rechnen, ist nach einem halben Jahr Großer Koalition so groß wie zuletzt im Herbst 2001 nach den Terroranschlägen in den USA und der damit verbundenen Furcht vor einer Krise der Weltwirtschaft.

Zudem sehen sich die Menschen nach wie vor mit den Problemen des Arbeitsmarkts konfrontiert: durch eigene Erfahrungen, Kontakte mit Arbeitssuchenden oder durch die unverändert hohe Angst vor dem Verlust des eigenen Arbeitsplatzes. Von der Wirtschaft erhofft man sich keine Hilfe; sie wird vielmehr zunehmend als Bedrohung empfunden. Dieses Gefühl wird dadurch verstärkt, dass die große Mehrheit der Bundesbürger die Privatisierung von öffentlichen Leistungen äußerst kritisch bewertet, weil die Leistungen – so ihre Einschätzung – dadurch nicht effizienter, sondern eher schlechter und teurer geworden sind.

Wenig Hoffnung knüpfen die Bürger in Deutschland auch an die Große Koalition. Zwar hatte man dem rot-grünen Bündnis am Ende mehrheitlich bescheinigt, das Land schlecht regiert zu haben. Doch nur eine Minderheit glaubt derzeit, die Große Koalition würde das Land besser regieren. Die Koalition der Verlierer, die sich bei der Bundestagswahl im September letzten Jahres nur auf das Vertrauen von etwas mehr als der Hälfte aller Wahlberechtigten (53 Prozent) stützen konnte, würde nach halbjähriger Regierungszeit nur noch von 45 Prozent aller Bürger gewählt werden. Über die Hälfte der Bundesbürger würde derzeit eine der kleineren Parteien oder gar nicht wählen.

Die große Kluft zwischen dem Überbau-Bewusstsein und dem realen Sein wird im Übrigen auch durch die vielen PR-Kampagnen nicht kleiner. Auf Optimismus getrimmte Kampagnen wie „Du bist Deutschland“ oder „Deutschland, Land der Ideen“ werden entweder gar nicht zur Kenntnis genommen oder als albern, ärgerlich und damit kontraproduktiv empfunden. Wenn die altehrwürdige, ursprünglich hoch angesehene Post zur seelenlosen „DHL“ mutiert und ihre Filialen „McPaper“ nennt, wenn aus Telekom „Tiii-Com“ wird, die Deutsche Bahn sich mit „Mobility, Networks, Logistics“ positionieren will, die Bahnhofsklos „McClean“ heißen und zunehmend auch die Sprache der Politiker auf fiskalische Chiffren reduziert wird, dann wird die Entfremdung zwischen dem Über- und Unterbau der Gesellschaft immer größer. Es wächst die Wut über „die da oben“; gleichzeitig fühlen sich die Menschen der zunehmenden Ökonomisierung, Kommerzialisierung und Entmenschlichung der Gesellschaft ohnmächtig ausgeliefert.

Im Deutschland der Großen Koalition nimmt die Frustration zu. Bei Karl Marx war die später von der modernen Psychologie ausformulierte These schon angelegt, dass sich verschärfende Frustration in Aggression entlädt. Mehr Aggressivität ist im Augenblick allerdings nur im Alltagsleben zu bemerken: Die Menschen werden rücksichtsloser und beginnen, selbst in kommerziellen Kategorien zu denken (so fahren die Deutschen in die Grenzregionen nach Polen oder Tschechien, um dort billig einzukaufen; die Österreicher hingegen knüpfen bei ihren Besuchen überwiegend menschliche Kontakte).

Gegen die Akteure des Überbaus sind noch keine massiven Aggressionen sichtbar.Hätte Marx mit seiner Einschätzung des revolutionären Potenzials der Deutschen Recht („Sie befanden sich nur einmal im Besitz der Freiheit – am Tag ihrer Beerdigung“), dann kann sich die Große Koalition weiter durchwursteln. Da die Deutschen aber nach dem Ende der Nazi-Diktatur und des DDR-Regimes von Untertanen zu Staatsbürgern geworden sind, kann niemand garantieren, dass der Verdruss über die Akteure des gesellschaftlichen Überbaus sich weiterhin nur harmlose Ventile sucht.

MANFRED GÜLLNER, geb. 1941, ist Gründer und Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts forsa und Honorarprofessor an der FU Berlin.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 7, Juli 2006, S. 72‑73

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