IP Special

31. Aug. 2026

Eine Geopolitik ohne Geo

Die Bundesregierung hat noch keine überzeugenden Antworten in Sachen Klimaschutz und Wirtschaftsmodell formulieren können. Derweil spitzt sich die Lage weiter zu. 

Kira Vinke
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Bild: Durch Wärme aufgebrochene Betonplatten auf einer deutschen Autobahn
Die Geopolitik sollte die Geografie nicht außer Acht lassen, die Veränderungen unter anderem durch Klimafolgen sind beispiellos: in der Hitzewelle Ende Juni 2026 aufgebrochene Autobahn-Betonplatten.
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Heimatbesuch in Norddeutschland 2026. Ein Rückblick auf den Sommer – gleichwohl eine Zukunftsblende: Extreme Hitze verbietet den Spaziergang tagsüber, ein abendlicher Ausflug endet mit zahlreichen Zeckenbissen, eine Verwandte war schon dreimal an Borreliose erkrankt. Ein Mann kommt zu Besuch, sein Arm tiefrot, eine allergische Reaktion auf Eichenprozessionsspinner. Ein alter Baum wirft Blätter und einen Ast ab, um die Hitze zu überleben. Ein paar Nutrias (Biberratten), eigentlich in Südamerika zuhause, nagen friedlich junge Triebe im dichten Grün und zerstören unbeirrt den schützenden Deich. Vor zwei Jahren hielt er noch das niedersächsische Weihnachtshochwasser fern. 

Man muss kein Biologe, keine Erdsystemforscherin sein, um zu verstehen: Etwas hat sich innerhalb kürzester Zeit gewaltig verschoben. In einer Nachrichtensendung wird ausführlich berichtet, wie die Rettungsschwimmer vom DLRG Menschen vor dem Ertrinken retten, die in Flussströmen nach Abkühlung suchten; dass Festivals abgesagt wurden und andere stattfanden – mit Außenduschen und Hitzeschutzkonzepten. 

Dass es immer schlimmer werden wird, wenn es kein Gegensteuern gibt; dass die früher als alarmistisch verschrienen Projektionen teils noch deutlich unter dem liegen, was sich jetzt in städtischen Hitzeinseln abspielt – von all dem wird nur am Rande berichtet. Deutlich mehr Platz nehmen dagegen die Debatten um den „Tankrabatt“ ein, der die Sicht auf Deutschlands risikoreiche Abhängigkeit von fossilen Energieträgern verschleiert. Der öffentliche politische Diskurs fokussiert auf das Unmittelbare, auf die Rettung des Ertrinkenden, ohne den Blick auf die Welle zu richten, die sich hinter ihm, hinter uns allen aufbaut – eine Politik, die vor der Zukunft kapituliert. 

Im November 2026 findet wieder die Länder- und Ressortübergreifende Krisenmanagement-Übung („LÜKEX“) statt. Das diesjährige, seit Langem gesetzte Thema: Hitze und langanhaltende Dürre. Die Übungen werden immer nach Extremszenarien ausgestaltet, um die Resilienz der Schutzkonzepte hart zu erproben. Zwar liegt das Übungsszenario noch etwas über der vergangenen Hitzewelle; es nimmt Spitzentemperaturen von 45 Grad Celsius infolge mehrjähriger Dürre an. 

Dennoch kann man sich kaum der schmerzlichen Ironie des realweltlichen Testfalls nur wenige Monate zuvor entziehen. Das gegenwärtige El-Niño-Ereignis wird darüber hinaus seine Wucht über einer deutlich erhitzten Erde entfalten – mit negativen Folgen für die Ernährungssicherheit in verschiedenen Regionen und Implikationen auch für Deutschlands ­Lieferketten. 


Die Folgen des Klimawandels

Der Verlust von Menschenleben und gesunden Lebensjahren wiegt am schwersten bei der Bewertung der Folgen des Klimawandels. Doch Umweltveränderungen bedeuten auch große negative wirtschaftliche Konsequenzen. Eine Studie des Versicherers Allianz zeigt auf, dass ab 30 Grad Celsius die Produktivität mit jedem zusätzlichem Grad um mindestens 3 Prozent sinkt. Hohe Luftfeuchtigkeit und fehlende Nachtruhe können diesen Verlust potenzieren. Und wirtschaftliche Hitzeschäden sind bisher vielfach kaum durch Versicherungen gedeckt. 

Doch nicht nur Extremwetterereignisse stellen Deutschlands Resilienz auf eine harte Probe. Die Schließung der Straße von Hormus infolge des Iran-Krieges und der fortgesetzte russische Angriffskrieg gegen die Ukraine bedeuten unmittelbare Preisschocks und stellen schlimmstenfalls die Versorgungssicherheit infrage. Dort, wo Klimaschutz bisher zu kurz gegriffen hat, klaffen die offenen Flanken der Verwundbarkeit. Seit Jahren bemängelt der Expertenrat für Klimafragen, dass sowohl im Verkehrs- als auch im Gebäudesektor die Emissionen nicht genügend ambitioniert gesenkt wurden. Quasi als Antwort auf dieses Versagen änderte die Ampelkoalition 2024 das Klimaschutzgesetz und weichte die Sektorziele auf, sodass andere Bereiche, wie etwa die Energiewirtschaft, die schleppende Umsetzung in den problematischen Sektoren kompensieren können. 

Spätestens seit Beginn des Iran-Krieges wurde allerdings klar, dass die Verzögerungstaktik im Klimaschutz eine Abhängigkeitsfalle ist. Das Erdöl musste plötzlich zu viel höheren Kosten eingekauft werden, und zwar für genau die Bereiche, die bei der Transformation hinterherhinken. Der Verkehrssektor ist für 58 Prozent des Verbrauchs von Erdölprodukten verantwortlich, und der Gebäudesektor steht aufgrund der Wärmeversorgung mit einem Anteil von 12,9 Prozent an zweiter Stelle. Die Importabhängigkeit ist enorm und kann auch nicht durch gesteigerte eigene Förderung beseitigt werden: Die EU importiert etwa 97 Prozent ihres Erdöl- und 88 Prozent ihres Erdgasbedarfs.

Die Krisenmanagement- Übung nimmt 45 Grad Celsius an – nun sehr nah an der Realität

Der Zugang zum europäischen Markt für fossile Rohstoffe wird erbittert verteidigt – das zeigt die Opposition des Bundeswirtschaftsministeriums gegen die lange geplante Methan-Regulierung der EU. Diese soll Gasförderer dazu zwingen, Me­than-Emissionen zu vermeiden, die etwa durch Lecks und Abfackelung entstehen. Eine sinnvolle Anforderung für Exporteure, denn Methan ist zwar ein kurzlebigeres Treibhausgas als Kohlenstoffdioxid (CO2), aber es ist um ein Vielfaches potenter in seiner Fähigkeit, Wärmestrahlung zu ­binden und auf unsere Erde zurückzustrahlen. Das bedeutet konkret: Seine zerstörerische Klimawirkung ist um den Faktor 28 höher im Vergleich zum CO2. 

Die EU kann ihren Binnenmarkt nutzen, um weltweit höhere Standards anzuregen. Allerdings läuft dies den Interessen der USA zuwider, die mit Flüssiggas insbesondere Deutschlands Versorgungslücke bedient haben. Es droht eine klimapolitische Rolle rückwärts, von der die Trump-Regierung und ihre Unterstützer aus der fossilen Energiewirtschaft profitieren. 

Diese ist nicht nur verhängnisvoll mit Blick auf den Erhalt der menschlichen Lebensgrundlagen – deren Schutz zu einer Randnotiz in der stahlharten Sicherheitsdebatte degradiert wurde –, sie bedeutet auch eine weitere Unterordnung in Amerikas fossiler Dominanz-Agenda, die keine Zukunft hat.
 
In der Geopolitik sollte nicht die sich rasant ändernde Geografie außer Acht gelassen werden. Zum einen ist die Veränderung durch Klimafolgen und Bio­diversitätsverlust auf menschlichen Zeit­skalen beispiellos, zum anderen werden zukünftig nicht Öl- und Gasvorkommen Ursprung und Ziel geopolitischer Machtprojektionen sein. Darüber hinaus gewinnt die Technologiesphäre deutlich an Einfluss auf die internationale Politik. Hier gibt ein Land den Takt vor: China. 

Während Peking nach der Technologieführerschaft in fast allen Bereichen der grünen Industrie greift, Lieferkettenabhängigkeiten über Jahrzehnte erzeugt und zugleich eine große strategische Ölreserve aufgebaut hat, werden in Deutschland Debatten über Ölheizungen und Verbrennungsmotoren mit Inbrunst geführt. Diese Dinosauriertechnologien laufen nicht nur Zielen einer größeren strategischen Autonomie und dem Klimaschutz entgegen; welche Wachstumsmärkte damit zukünftig erschlossen werden sollen – eine Antwort auf diese Frage bleiben die Befürworter stets schuldig. Auch wie bei bestehenden Abhängigkeiten der nächste Schock gemeistert werden kann, bleibt unklar. 

Und obwohl die Abhängigkeit des deutschen Wirtschaftsmodells von fossilen Energieimporten dieses immer wieder infrage stellt, warten Bürger vergebens auf einen klaren Zukunftskurs. Exportländer fossiler Rohstoffe können hingegen ihren Wohlstand vergrößern und investieren teils gezielt in erneuerbare Technologien. Für die Bundesregierung bedeutet dies: Die Verwaltung des Status quo in einer sich rasant verändernden Welt wird nicht ausreichen, um Wirtschaftssicherheit aufzubauen. 

Zur Wahrheit gehört auch: Die Beschaffung erneuerbarer Technologien ist ebenfalls von Abhängigkeiten geprägt. China legte sich früh auf eine Dominanz in den grünen Innovationen fest und kontrolliert viele Rohstoffe und Bauteile in den Lieferketten. Darüber hinaus hat das Land inzwischen in entscheidenden Endprodukten die weltweite Marktführerschaft inne, etwa bei Elektroautos, Solarpaneelen und Batterien. 

Teil dieses Aufstiegs waren massive Investitionen in die Forschung: Zwischen 2010 und 2020 verzehnfachte China die Anzahl der Patente bei grünen Innovationen. Durch den Aufwuchs erneuerbarer Energien für den Export und den inländischen Ausbau wurde die chinesische Wirtschaft angekurbelt. Analysen zufolge war 2025 ein Drittel des chinesischen Wachstums auf seinen Clean-Tech-Sektor zurückzuführen, der für sich allein genommen schon unter den weltweiten Top-10-Volkswirtschaften rangieren würde.

Obwohl die Abhängigkeit des deutschen Wirtschaftsmodells von fossilen Energieimporten dieses immer wieder infrage stellt, warten Bürger vergebens auf einen klaren Zukunftskurs

Die Abhängigkeit von chinesisch kontrollierten kritischen Rohstoffen wurde offenkundig durch die vielen Export­restriktionen, die das Land zuletzt verhängte. Dazu gehörten Beschränkungen zum Beispiel für die Ausfuhr Seltener Erden, die für permanente Magnete erforderlich sind; für Gallium, das in der Solarindustrie genutzt wird, oder Graphit, das in Lithium-Ionen-Batterien und somit in der Elektromobilität Verwendung findet. Bei allen dreien hält China über 90 Prozent der Weltmarktanteile. 

Zwar sind diese Abhängigkeiten enorm, aber sie wirken sich strukturell anders aus als die der fossilen Energieträger. Erdöl, Erdgas und ihre Derivate werden kontinuierlich und gewissermaßen direkt vom Kunden als Endprodukt gekauft, somit wirken sich Preisschwankungen auf dem Weltmarkt unmittelbar auf die breite Masse der Bevölkerung in ihrem alltäglichen Verbrauch aus. Bei den erneuerbaren Technologien wurden langfristig Abhängigkeiten geschaffen und durch Export­restriktionen nun europäische Unternehmen in ihrer Innovationsfähigkeit gehemmt, was deren Wettbewerbsfähigkeit und damit die gesamte Wirtschaft schwächt. Es braucht deswegen ein besseres Verständnis von Rohstoffabhängigkeiten, sei es in der grünen Industrie oder in den Verteidigungstechnologien. 

Statt fossile Energieträger zu subventionieren, sollten Anreize für die Lieferkettendiversifizierung und andere Souveränitätsgewinne, zum Beispiel europäische Kapazitäten der Aufbereitung und des Rezyklierens von bestimmten Rohstoffen geschaffen werden. 

Diese großen Aufgaben der interna­tionalen Politik kristallisieren sich aber auch in alltäglichen Dilemmata: in ein chinesisches Solarpaneel investieren oder die Ölheizung reparieren lassen? Und ­invasive Pelztiere erlegen lassen im Namen des Hochwasserschutzes: Hätten Sie die Nutrias an den Deichverband ­verraten?    

Bibliografische Angaben

Internationale Politik Special 5, September 2026, S. 30-33

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Dr. Kira Vinke ist stellvertretende Forschungsdirektorin und Leiterin des Zentrums für Klima und Außenpolitik der DGAP sowie Mitglied des Beirats der Bundesregierung Zivile Krisenprävention und Friedensförderung.