01. April 2005

Duell der Paradoxien

Anmerkungen zum Thema Religion in den USA und Europa

Aufgeklärte Europäer begegnen amerikanischer Religiosität gern mit Herablassung. Aber, fragt die Amerikanerin Marcia Pally, warum ignorieren sie ihre eigene kulturelle Intoleranz – etwa die Neigung, muslimische Immigranten noch in der dritten Generation auszugrenzen? Europa sollte seinen Umgang mit Glaubensfragen kritisch überprüfen.

Rührender und ironischer Weise verfügen die USA und Europa über eine gemeinsame Kultur und dieselben abrahamischen Religionen – aber die Haltung zu diesen unterscheidet sich auf den beiden Kontinenten ganz außerordentlich. Westeuropa und die Vereinigten Staaten weisen der Religion in der Gesellschaft von heute unterschiedliche Rollen zu, definieren ihr Verhältnis zur Politik anders, und vor allem gibt ein Großteil der Bevölkerung ihr auf den beiden Kontinenten eine unterschiedliche Wertigkeit. Ist ein von religiösen Prinzipien geleitetes Leben für die Art von Gesellschaft, in der die Menschen jeweils leben möchten, gut oder schlecht? Die Beziehungen zwischen Europa und den USA mögen sich während der zweiten Amtszeit George W. Bushs verbessern oder nicht. Aber die Spaltung durch seine seine erste Amtszeit hat unseren Blick auf das geschärft, was die beiden Kontinente trennt und verbindet. Die Religion, so scheinen beide Seiten geschlossen zu haben, trennt.

70 Prozent aller US-Amerikaner halten die Religion für einen wichtigen Teil ihres Lebens und müssen auf die Frage, die ein Kongressabgeordneter kürzlich stellte, nicht erst nach einer Antwort suchen: „Warum sollen wir Europa ernst nehmen? Dort gehen sie nicht einmal in die Kirche!“ Aus der westeuropäischen Perspektive sind die Bemerkung und der religiöse Enthusiasmus, den sie verrät, Mysterium und Katastrophe zugleich. Dort beruhen die demokratischen Traditionen auf der antiklerikalen Aufklärung. Besonders die Deutschen, deren Stolz auf ihre säkulare Nachkriegsdemokratie auf deren Vergleichbarkeit mit der US-amerikanischen gründet, samt Trennung von Staat und Kirche, zeigen sich desorientiert. Dass evangelikale Ideen „drüben“ neuerdings Mainstream werden, lässt ihnen Menschen und Regierung der USA irrational erscheinen, eher von Doktrin als von Vernunft geleitet und politisch nicht vertrauenswürdig.

Die Amerikaner zahlen mit gleicher Münze zurück, indem sie Europa einen Mangel an moralischer Grundierung attestieren, Indifferenz für Gut und Böse, für „gute“ Nationen und verbrecherische Achsenmächte. Aus dieser Perspektive werden die politischen Entscheidungen der EU nicht nur aus Mangel an moralischen Werten irregeleitet, derselbe Mangel unterminiert auch ihre ureigene Fähigkeit, überhaupt Wirkung zu zeigen. Auf einer Veranstaltung des Goethe-Instituts in New York setzte Bushs ehemaliger Reden-schreiber David Frum kürzlich die sinkenden Geburtenraten in Europa in direkte Beziehung zum Mangel an religiöser Sensibilität.

Auf beiden Kontinenten hoffen viele, dass sich die politische Zusammenarbeit verbessern möge. Aber das wird schwer umzusetzen sein, so lange Europa die USA für irrational und politisch suspekt hält, während die USA Europa eine spirituell steuerlose und moralisch suspekte Appeasement-Politik vorhalten. Das gegenseitige Misstrauen basiert nicht nur auf politischen Differenzen, sondern auf den Grundannahmen beider Seiten über die Natur der anderen.

  • Warum spielt in den USA – einem Land, das die Trennung von Staat und Kirche vorschreibt – die Kirche eine so große Rolle in den staatlichen Institutionen?
  • Warum herrscht in Westeuropa – einem Kontinent, der so unbedingt auf Toleranz in der Politik besteht – eine so große Intoleranz gegenüber der Kirche?

Das Paradox der Religion in den USA

Der Status der USA als religiöseste Nation der industrialisierten Welt ist in Europa eine Quelle der Verwunderung und der Besorgnis, und ich habe darüber in dieser Zeitschrift geschrieben (siehe IP 10/2004). Einiges davon möchte ich weiter ausführen, um die Paradoxa des Religiösen in den USA schärfer zu beleuchten. Die USA bieten 1500 Glaubensrichtungen ein Zuhause. Über 40 Prozent der US-Amerikaner geben an, wöchentlich zu beten (was nur zwei Prozent der Briten und zehn Prozent der Deutschen tun). In den USA betrachten sich 49 Prozent der Erwachsenen als ebenso religiös wie ihre Eltern und 21 Prozent als stärker religiös. 42 Prozent der Amerikaner zählen sich zu den wiedergeborenen Christen. Dazu gehören nicht nur die erwartbaren Konservativen, sondern auch tätowierte und gepiercte Priester aus Laienkirchen mit Namen wie „Revolution Ministries“, die den gleichfalls Tätowierten auf Skater-Bahnen, in Bars und Lagerhallen Messe und Leviten lesen. Und dennoch ist Artikel Eins der amerikanischen Verfassung, die „Mauer“ zwischen Kirche und Staat, wie Thomas Jefferson sie nannte, ein Schrein.

Viele Europäer halten das für Heuchelei. Dabei ist Religion in den USA gerade wegen der verfassungsrechtlichen „Mauer“ so beliebt. Weil die Kirchen in Amerika gesetzlich von der Regierung ausgeschlossen blieben, nahmen sie auch nicht den schlechten Ruf des Staates an und wurden weder für Missbrauch, Unterdrückung noch Korruption verantwortlich gemacht. Während Europa im Prozess seiner Demokratisierung gegen die Kirchen des Ancien Regime aufstand – gegen ihre politische, militärische und polizeiliche Macht – gab es für die Amerikaner wenig, wogegen sich hätte rebellieren lassen. Denn selbst dort, wo die Religion in den Kolonien offizielle Anerkennung genoss, verfügte sie nie über den ungeheuren Unterdrückungsapparat der Nationalkirchen Europas. Die Verfassungsväter trennten Staat und Kirche nicht aus Animositäten der Kirche gegenüber, sondern weil sie die Kirche vor staatlichem Einfluss schützen wollten, um Religionskriege zu vermeiden und die Religionsfreiheit der Einwanderer aus vielen Glaubensrichtungen zu sichern, von denen der wirtschaftliche Erfolg der Neuen Welt abhing. Während die Leistungsbilanz der Kirchen in Europa durchwachsen ist – Seelentrost; Herrschaftsgewalt und Korruption – ruft die außerhalb der Sphäre der Staatlichkeit platzierte Religion keine gemischten Gefühle wach, sondern positive – Seelentrost, Gemeinschaftsbildung und soziale Gerechtigkeit.

Nicht nur einfache Menschen teilen diese positive Einstellung zur Reli-gion, sondern auch die intellektuellen Eliten. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Forschung an amerikanischen Universitäten durch ihr Verbleiben im Einflussbereich der Kirchen behindert. In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, der großen Zeit des positivistischen Experimentierens in Europa, war es für die Johns Hopkins Universität eine knifflige Angelegenheit, den Darwinisten Thomas Huxley einzustellen.

Der Schlüssel zur Popularität der Religiosität in den USA liegt gerade im Amerikanischen an ihr – so wie sie sich im Austausch von Religion und amerikanischer Erfahrung ausgeformt hat, dem aggressiven, einfallsreichen, optimistischen, zupackenden Geist der Nation. Besonders eine amerikanische Eigenart, die Neuerfindung des Selbst, ermutigt zur Veränderung um der Veränderung willen und hat die Wandlungen der Religion in den USA entscheidend vorangetrieben. Europas strenger Calvinismus, in dessen Armen man sein gefallenes Leben in der Hoffnung durchleidet, einmal zu den wenigen Auserwählten zu gehören, denen Gnade zuteil wird, floriert auf amerikanischem Boden nicht. In den USA entwickelte sich die Religion parallel zu den Erfahrungen ihrer Gemeindemitglieder. Die Gemeinden wurden optimistisch und multikulturell (jeder kann errettet werden), expansionistisch und erfindungsreich (daher die 1500 Glaubensrichtungen), individualistisch (Jesus errettet dich ganz persönlich, wie die Evangelikalen versprechen) und selbstbewusst, was ihre Fähigkeit anging, die Zukunft zu formen. Von diesem Optimismus ermutigt, ja getrieben, haben die Kirchen der USA sich seit der Kolonialzeit eifrig an politischen, pädagogischen und kulturellen Projekten beteiligt. Vergessen war der Fatalismus Europas. Am Ende war es nicht ein eiferndes Christentum, das seinen Schatten auf die USA warf – ein eiferndes Amerika hat die Religion gekapert. Der voranstürmende, anmaßende Optimismus der USA schimmert in seinen Religionen durch wie auf einem Palimpsest und macht die Religion attraktiv. Für die Amerikaner jedenfalls.

Und so hat die De-jure-Trennung von Staat und Kirche der Religion in den USA ihren guten Ruf ebenso bewahrt wie die moralische Autorität, sich in staatliche Belange einzumischen. Vom „Manifest Destiny“ der wilden West-erweiterung des 19. Jahrhunderts bis zu den Interventionen in Lateinamerika, Südostasien, Afrika und im Mittleren Osten im 20. Jahrhundert haben die USA ihr Mandat immer von Gott erhalten – um die Heiden zu zivilisieren, im Kampf gegen die satanischen Mächte auf Gottes Seite zu stehen, um die Welt im Zweiten Weltkrieg von den Hunnen zu befreien, dann vom gottlosen Kommunismus und heute von Bushs „Achse des Bösen“. Innenpolitisch haben sich religiöse Organisationen im gesamten Verlauf der amerikanischen Geschichte für fortschrittliche, konservative und rechte Themen engagiert. Die „Basisgruppen“, die noch zu Tocquevilles Zeiten das politische und soziale Leben Amerikas organisierten, waren oft religiösen Ursprungs. In einigen der größeren industrialisierten Städte, darunter Boston, New York und Chigaco, bestimmte die katholische Kirche die Politik, und ihr Einfluss ist bis heute groß. In den fünfziger und sechziger Jahren verbreiteten Kirchen, die für die Rassentrennung eintraten, Traktate wie „Auch Moses war für die Rassentrennung“. Die Programme der evangelikalen Rechten von heute sind wohlbekannt: Widerstand gegen Geburtenkontrolle, Stammzellenforschung, Schwulenehe und Waffenkontrolle, und Unterstützung für eine von christlichen Prinzipien geleitete Regierung, für die biblische Schöpfungslehre, öffentliches Gebet und Schulbücher auf evangelikaler Linie. Die Evangelikalen beharren auf der Gottesfürchtigkeit der Gründerväter und Helden der USA (siehe www.wallbuilders.com).

Erwähnt werden muss aber auch, dass die christlichen Erweckungsbewegungen des 17. Jahrhunderts nicht nur religiöses Eiferertum förderten, sondern gleichfalls radikal egalitäre Praxis, Frauen auf der Kanzel inklusive. Die Bewegungen gegen Sklaverei und für Frauenrechte in der Zeit vor dem Bürgerkrieg, für fortschrittliche Erziehungsprogramme, Sozialdienste für die Armen und die Bürgerrechts- und Antikriegsbewegungen konnten sich alle auf die Kirchen als ihre Speerspitze verlassen. Die Reden Martin Luther Kings waren um Anspielungen auf die Bibel gebaut, wie auch seine „I’ve been to the mountaintop“-Rede, die er unheimlicherweise am Abend vor seiner Ermordung hielt. Heute treten fortschrittliche Kirchen für homosexuelle Priester und die Schwulenehe ein; sie stellen sich an die Spitze von Protesten gegen den Irak-Krieg und haben in über 60 amerikanischen Städten die Verabschiedung von Antikriegsverordnungen befördert, darunter konservativ geprägte Städte in den Südstaaten.

Dieses populären Enthusiasmus für die Religion wegen berufen sich Politiker aller Parteien in ihren Volksreden auf Glauben und Gott. George Washingtons Rücktrittsschreiben als General der Revolutionsstreitkräfte hatte die Form eines „Gebets für Amerika“, das die Bürger zur Nachahmung der „Charakteristicken [sic!] des Göttlichen Verfassers unserer Gesegneten Religion“ aufrief. Jefferson, obwohl Deist, sagte in seiner zweiten Amtseinführungsrede dennoch: „Auch ich werde der Gnade jenes Wesens bedürfen, in dessen Hand unser Schicksal liegt, das unsere Väter leitete wie einstmals Israel ...“ Für das Siegel der neuen Vereinigten Staaten schlug Jefferson eine Abbildung der Stämme Israels in der Wüste vor. Benjamin Franklin sprach sich für ein Bild von Moses aus, wie er die Israeliten durch das Rote Meer führt, und schlug die Anstellung eines Kaplans für die verfassungsgebende Versammlung vor. Lincoln, nie getauft, war kein religiöser Mann, trat nie einer Kirche bei und erwähnte Jesus selten oder nie. Dennoch schmückte er seine Reden an die Nation regelmäßig mit biblischer Sprache und verfasste im Jahr 1862 seine „Meditationen über den göttlichen Willen“. Seine zweite Amtseinführungsrede sprach von einem unergründlichen Gott, „der dem Norden wie dem Süden diesen schrecklichen Krieg gab“.

Harry Truman, ein Demokrat und der Mann, der jenes Deutschland demokratisierte, das heute von der US-amerikanischen Religiosität so bestürzt ist, beschrieb seinen Kampf gegen den Kommunismus mit den Worten: „Nun, ich bin voller Zuversicht, dass die Göttliche Macht, die uns in diese Zeit schicksalhafter Verantwortung und glorreicher Gelegenheit geführt hat, uns auch jetzt nicht verlassen wird. Mit jener Hilfe des Allmächtigen, den wir an jedem Wendepunkt im Leben unserer Nation demütig anerkannt haben, werden wir den großen Aufgaben gerecht werden, die Er uns nun stellt.“ John F. Kennedy beschwor in seiner Amtseinführungsrede den Exodus und den Empfang der Tafeln auf dem Berg Sinai: „Wieder ruft uns die Trompete ...“ Der Realo Lyndon B. Johnson benutzte die Sprache der göttlichen Verheißung aus dem Alten Testament: „Sie kamen hierher, der Exilant und der Fremde, tapfer, und doch furchtsam ... sie schlossen einen Bund mit diesem Land.“ Der religiöse Enthusiasmus der USA ist weder neu noch rechtslastig. Den Aktivismus der Kirchen hat es in der amerikanischen Geschichte immer schon gegeben; er schenkt seine Energie fortschrittlichen wie konservativen Anliegen. Die Amerikaner mögen sich fragen, warum er sich mal so, mal so entscheidet. Aber die Religiosität dieses Aktivismus werden sie nicht in Frage stellen. Amerikas Trennung von Staat und Kirche verbietet solche Gedanken.

Das Paradox der Religion in Europa

Zwei Paradoxa bezeichnen den Standort der Religion in Europa. Erstens: Europas moderne Demokratien bestehen auf Toleranz für alle möglichen, voneinander abweichenden Ideen, doch für religiöse Ideen gilt dies weniger stark. Europäische Demokraten missbilligen nicht einfach nur die Religion im öffentlichen Raum, um das Ritual im privaten unangetastet zu lassen. Soziologisch wie kulturell wird das Religiöse oft schief angesehen, als rückständig, antiintellektuell, antimodern und als mögliche Wurzel der Probleme von heute. Die positive Wertigkeit, die der Religion in den USA zugemessen wird, fehlt hier fast ganz. Zweitens: Trotz dieses Misstrauens sind in Gesetzgebung und Praxis noch immer Rudimente der Verbindung von Staat und Kirche, von der politischen Macht der Kirche vorhanden. In Europa ist die „Mauer“ zwischen Staat und Kirche niedriger als in den USA.

Diese Widersprüche haben eine lange Geschichte; sie beginnt mit der Betonung der Reformation auf Bibellektüre ohne priesterliche Vermittlung und der antiklerikalen Haltung der Aufklärung. Seit dem grünschnäbeligen Empirismus Francis Bacons, der Epistemologie und pantheistischen Theologie Spinozas und Lockes Traktaten über die Regierung wurde das neuzeitliche Individuum als eines verstanden, das unabhängig von Staat und Kirche denkt. Im phantastischen Individualismus der romantischen Dichter fand die antikirchliche Rebellion ihre Fortsetzung, ebenso wie in Feuerbachs Kritik der Religion, in Darwin und Marx. Webers „entzauberte Welt“ ist der Abgesang auf einen Ort des Religiösen, an den die westliche Zivilisation nicht so leicht zurückkehren kann. Die Hoffnung des Vicomte de Bonald, das Europa des 19. Jahrhunderts möge die „Autorität der Evidenz“ mit der „Evidenz der Autorität“ ersetzen, war als Projekt zum Scheitern verurteilt.

Und tatsächlich waren politische Parteien, die eine starke Kirche unterstützten, das gesamte 19. Jahrhundert über beinahe immer konservativ und monarchistisch. Die Liberalen und die Demokraten waren antiklerikal gesinnt. Als Liberalismus und Bürgertum sich in Wirtschaft und Politik durchsetzten, bildete die sozialistische Opposition der Arbeiter die noch antiklerikalere Avantgarde. Bis ins frühe 20. Jahrhundert legte die Bourgeoisie Lippenbekenntnisse zur Kirche ab, und nach dem Krieg unterblieb zumeist selbst das. In den USA waren die Ideologien, die sich bildeten, um sich mit Entfremdung, Materialismus und Ausbeutung im modernen Leben auseinander zu setzen, oft religiös grundiert. Anders in Europa, all ihrer Leidenschaftlichkeit zum Trotz. Nationalismus, Marxismus, die verschiedenen „Volkskulturen“, der Nationalsozialismus und die Sozialpolitik der Nachkriegszeit riefen keinen Gott um Seelenheil oder Erlösung an. Beginnend mit Schleiermacher und sich fortsetzend in der Bibelkritik des späten 19. Jahrhunderts hat Europa seine eigene Tradition einer liberalen Religiosität entwickelt. Aber die Politik fiel nicht in ihren Zuständigkeitsbereich, und ihre Anhänger waren nicht auf politischen Einfluss aus. Dagegen muss man Tocquevilles Beobachtung halten, dass in Amerika „die Freiheit die Religion als Mitstreiter in allen Kämpfen und Triumphen ansieht ... Die Religion gilt als Sittenwächter, und die Sitten gelten als Hüter des Gesetzes und Unterpfand für die Aufrechterhaltung der Freiheit selbst.“ In den USA glaubten die Menschen, irrationalerweise vielleicht, dass sie alles haben könnten: ihre Religion, aufgeklärtes Denken und Demokratie.

Obwohl die Religion dem demokratischen Europa so unsympathisch ist, finden sich überall auf dem Kontinent die Spuren der Staatskirchen. In katholisch wie protestantisch geprägten Ländern werden öffentlich relativ unbedeutende christliche Feiertage begangen, und die Geschäfte und Regierungsämter schließen. In einigen Ländern, darunter auch Deutschland, übernimmt der Staat den Einzug der Kirchensteuer, und in den öffentlichen Schulen ist der Religionsunterricht eine unangefochtene Praxis, zumindest was die christlichen Religionen angeht (beides verbietet in den USA die Verfassung.) In Europa werden viele Sozial- und Gesundheitseinrichtungen gemeinsam von Staat und Kirchen getragen; in den USA sind religiös fundierte Sozialleistungen rechtlich ein Minenfeld und politisch ein heißes Eisen. Europa ist in seiner Grundstruktur von den offiziellen Kirchen seiner Geschichte geprägt, ein bekränztes Denkmal für die staatliche Macht der Kirchen.

Und dennoch glauben die Westeuropäer, in entschlossen säkularen Demokratien zu leben, in denen der Glaube wenig Einfluss auf die Regierungspolitik hat. Gott spielt in den Politikerreden keine Rolle. Gebetskreise von Staatslenkern, wie George W. Bush sie hält, sind undenkbar. Ein manichäisches Weltbild wird nicht mit glorreicher Sendung verbunden, sondern mit dem traurigsten Teil der Geschichte Europas, den Religions- und Kolonialkriegen und der Nazizeit. Es stützt nicht länger einen Expansionismus, der die Expansionsmacht als größte Weltmacht beglaubigt, wie in den USA.

Der politische Einfluss der fortschrittlichen Kirchen Europas – die den ökumenischen Dialog fördern und sich sozial und humanitär engagieren – bleibt hinter jenem der fortschrittlichen Kirchen Amerikas auf die Bürgerrechts- und Antikriegsbewegungen zurück. (In der Nazizeit war ihr Einsatz heldenhaft, aber ihre Wirkung blieb gering.) Konservative Richtungen, wie sie Kardinal Ratzinger vertritt, verfügen weder über die politische Macht noch über den gesellschaftlichen Einfluss, über den konservative religiöse Gruppen in den USA gebieten.

Was immer das bedeuten mag, in Rom lässt sich eine Abtreibung leichter durchführen als in weiten Teilen der USA, wo der Zugang außerhalb der großen Städte stark beschränkt wird. Graswurzelbewegungen für die biblische Schöpfungslehre und das Gebet in Schulen, bei Sportveranstaltungen und Wahlkampfveranstaltungen, wie sie in den USA großen Zulauf finden, sind in Westeuropa beinahe unbekannt. Diskussionen über wissenschaftliche Fortschritte wie in der Gentechnologie werden von europäischen Denkern unter moralischen Gesichtspunkten geführt. Habermas hat zum Beispiel gefragt, ob man einem Embryo nicht den Status einer „zweiten Person“ zuerkennen müsse, mit gleichen Rechten zu bestimmen, was ihm medizinisch angetan werde. Aber dabei handelt es sich um ethische Debatten, abgeleitet von den Vorstellungen der Aufklärung über Individualismus und Menschenrechte. Sie berufen sich nicht, wie in den USA, auf die Bibel und decken sich auch nicht mit einer ganzen Garnitur christlich-konservativer, politischer Glaubenssätze, die von über 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung geteilt werden.

Bayern ist ein gutes Beispiel für die europäische Mischung aus leidenschaftlichem Säkularismus und im Gesetz verankerter religiöser Macht. An den Wänden von Hotelzimmern und städtischen Amtsräumen hängen Kruzifixe, die Kirchensteuern für die überwiegend katholische Kirche werden amtlich eingezogen, und in den Schulen gehört Religionsunterricht zum Standard. Aber nur wenige Bayern glauben an die biblische Schöpfungsgeschichte oder daran, dass die Regierung ihre Nahost-Politik an Abrahams Zug in den Hain Mamre ausrichten sollte, so wie es der US-Senator James Inhofe am 4. März 2002 dem Kongress vorschlug: „In der Bibel steht geschrieben: Und Abram zog weiter mit seinem Zelt und kam und wohnte im Hain Mamre, der bei Hebron ist, und baute dort dem HERRN einen Altar ... Dies ist kein politischer Kampf. Dies ist ein Wettstreit darum, ob das Wort Gottes wahr ist.“ Die meisten Bayern wären überrascht, wenn ein Bundeskanzler – und wäre er katholisch – seine Kanzlerschaft vom Willen Gottes herleitete, so wie George W. Bush es getan hat.

Das neue Paradox der Religion: Richtung Osten und immer geradeaus

Das europäische Paradox zwischen der historischen Macht der Kirche und ihrer gegenwärtigen (relativen) Marginalität findet sich in Osteuropa nicht ganz auf dieselbe Weise. Dort ähnelt der Ruf der Religion auf gewisse Weise dem Ansehen des Glaubens in den USA, was sich auf ihren Ausschluss von den Regierungsgeschäften nach dem Zweiten Weltkrieg und ihre Unterdrückung durch die Sowjets zurückführen lässt. Sie behält ihre positive Wertigkeit jenseits des Staates. In diesen Regionen ruft Religion zwei Traditionen wach: die konservative Ausrichtung der offiziellen Kirchen Europas und modernen Protest gegen Unterdrückung. Dort versteht man Religion als Symbol der Revolte und konservativer politischer Ausrichtung zugleich.

Diese Haltungen zur Religion in Ost und West zu harmonisieren, ist Teil des Projekts der europäischen Integration. Es stellt nur einen Aspekt einer weiter reichenden Frage dar: Was muss in einem vereinten Europa vereint werden? Die Grundsätze der EU schützen die Religionsfreiheit. Kann Europa seine Wirtschaft und Politik in einem Multi-Kulti-Umfeld integrieren, oder sollten auch Kultur und Religion einen Assimilationsprozess durchlaufen? Wegen seiner konservativen Ansichten zu Homosexualität und Ehe widersetzten sich die fortschrittlichen Mitglieder des Europäischen Parlaments im vergangenen Herbst der Ernennung von Rocco Buttiglione zum Kommissar für Justiz und Inneres. Polen setzte sich für Buttiglione ein.

Die obigen Fragen werden um so dringlicher, als die EU die Mitgliedschaft der islamischen Türkei und der Balkan-Staaten erwägt. Der Balkan stellt den leichteren Fall dar. Der Widerstand gegen eine EU-Mitgliedschaft hat wirtschaftliche und politische Gründe; wenn man sie angeht, könnte man einer ethnisch und religiös gemischten Region aus Muslimen und Christen das Gefühl der Fremdheit gegenüber den westlichen EU-Staaten nehmen.

Vom gegenwärtigen Widerstand gegen ihre Aufnahme zu schließen ist der Fremdheitsfaktor der Türkei recht hoch. Und das, obwohl die Türkei seit den zwanziger Jahren über eine säkulare Regierung verfügt und die Präsenz der Religion im politischen Leben dort heftiger hinterfragt wird als in Polen. Frankreich ist das einzige europäische Land, das die Trennung von Staat und Kirche so entschlossen durchsetzt wie die Türkei; nur diese beiden Länder verbieten das Tragen von Kopftüchern in öffentlichen Schulen. Obwohl die regierende Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung mit einem islamistischen Programm gegründet wurde, versucht sie heute, die Anforderungen des Islams und die Forderung der EU und des säkularen Teiles der eigenen Bevölkerung nach einer säkularen Regierung auszubalancieren. Im vergangenen Jahr zog sie ihren Vorschlag, Ehebruch zur Straftat zu erheben, nach Protesten der Öffentlichkeit zurück. Die katholische Kirche Irlands hat dagegen ihre Forderung, den Staat dem Gesetz der Kirche zu unterstellen, bis heute nicht zurückgezogen. Als Irland in den siebziger Jahren der EU beitrat, stieß dies nicht auf den Widerstand anderer Nationen. Abtreibung ist dort nach wie vor illegal; das Recht auf Ehescheidung wurde erst 1997 nach einer äußerst knappen Volksabstimmung im Jahr 1995 gesetzlich verankert.

Was Politik, Wirtschaft und Menschenrechte angeht, wird die Türkei noch viele Anforderungen erfüllen müssen, bevor eine EU-Mitgliedschaft ernsthaft diskutiert werden kann. Aber die Bemühungen des Landes und das Interesse des östlichen und südlichen Europas an einer Aufnahme in die EU wirft ein Schlaglicht auf die Paradoxa der Religion in Europa: Die westlichen Nationen sind säkulare Staaten mit einem christlichen kulturellen Erbe, und zwischen Staat und Kirche bestehen bis heute funktionierende Verbindungen. Wird die EU Staaten mit muslimischem kulturellen Erbe ebenso liebevoll tolerieren können wie den irischen Katholizismus?

Das finale Paradox: Multikulturalismus

Der Blick auf den Status der Religion in der EU und den USA könnte zu dem Schluss führen, dass Europa seine Lektion aus den Religionskriegen gelernt und die aggressive Hybris wahrer Gläubiger zugunsten von Toleranz und Völkerverständigung aufgegeben hat. Die USA dagegen wirken gegenüber den Gefahren des Glaubens, Gott auf seiner Seite zu haben, auf naive Weise gleichgültig. Europa scheint aus dem Paradox rudimentärer kirchlicher Macht in säkularen Demokratien als Sieger hervorzugehen, während das Paradox der USA – De-jure-Trennung von Staat und Kirche und De-facto-Religiosität – qualvoll bis zur Unerträglichkeit wird. Mit der Präsidentschaft von George W. Bush sehen viele Europäer selbst De-jure-Säkularismus und Toleranz verblassen. Amerika, so scheint es, wird fundamentalistisch, intolerant und manichäisch und führt einen Kreuzzug, der dem seiner Gegner aus dem islamistischen Dschihad an Vorsätzen und Leidenschaft in nichts nachsteht.

Wenn aber die USA fundamentalistisch und intolerant geworden sind, warum kommt es nicht zu einer islamistischen Antwort im Inland?

Anders als in Hamburg, Amsterdam, Marseille und Manchester haben in den USA lebende arabische Muslime keine Terrorzellen gebildet. (Mit den europäischen Muslimen, von denen ich hier spreche, meine ich nicht die türkische Einwandererpopulation in Deutschland. Die Türkei gehört nicht zu den arabischen Staaten und setzt sich historisch als Königreich bis 1918 und mit einer säkularen Regierung nach 1920 vom arabischen Nahen Osten ab.) Muslime, die in die USA einwandern, entweihen keine Synagogen und schänden keine Friedhöfe wie in Frankreich. Es gibt keine radikalen Attentäter, die auf Martin Scorsese schießen, so wie im vergangenen Herbst auf den holländischen Filmemacher Theo van Gogh. Nach dem 11. September haben die muslimischen Gemeinden in den USA mit großem Eifer ihre Treue zu Amerika erklärt. Kurz, die Muslime werden in Amerika zu muslimischen Amerikanern, auf typische, wenn auch mühselige Einwandererart.

Auch wenn es keine einfache Antwort auf diese Frage gibt, bilden die Unterschiede im Verständnis des „Multikulturalismus“ auf beiden Kontinenten einen wichtigen Faktor. Obgleich sowohl die EU als auch die USA demographisch multikulturelle Züge aufweisen, unterscheiden sich auf der jeweiligen Seite des Atlantiks die Beziehungen zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur. Zumindest bis heute waren die wirtschaftlichen und politischen Systeme in den USA relativ durchlässig für neue Einwanderer, was einerseits die Einbürgerung und wirtschaftlich-politische Integration der Angehörigen vieler Völker erlaubte, andererseits ein offenes „Salatbüffet“ aus kultureller Praxis und „identity politics“, an dem sich die Interessengruppen durch ihren ethnischen und religiösen Hintergrund definieren. Die USA haben eine einheitliche Wirtschaft, eine einheitliche Politik und eine Multikultur entwickelt. Während Neuankömmlingen im Verlauf von ein oder zwei Generationen der Aufstieg in die Arbeiter- oder Mittelklasse ermöglicht wird, bleibt die religiöse Praxis staatlich im Wesentlichen unbeaufsichtigt, außer in jenen Ausnahmefällen, wenn sie gegen das Gesetz verstößt. Politisch treten Minderheiten organisiert für ihre Interessen ein, wählen Repräsentanten und besetzen Richterämter; Lobbyisten gibt es nicht nur für Konzerninteressen, sondern auch für Ethnien und Religionen. Man muss sich nur die gewählten Amtsträger in Städten und Bundesstaaten ansehen, den Supreme Court, Bushs Kabinett oder den letzten Außenminister und seine Nachfolgerin. Auf lokaler Ebene hat die Vertretung neuer Minderheiten große Bedeutung; auf nationaler Ebene sind die Repräsentanten von Minderheiten meist noch Proporzkandidaten. Aber auch dieses Proporzwesen wäre unmöglich, wenn sich nicht mit den Jahren ein ausreichendes Angebot aus hoch qualifizierten Vertretern von Minderheiten nach oben gearbeitet hätte. Im Verlauf einer einzigen Generation haben sich Einwanderer wie die thailändischen Hmong Bildung verschafft, sich eingebürgert, sind für ihre Anliegen eingetreten und haben Interessenvertreter gewählt. Dieser Prozess hat der Legislative zum Beispiel Abgeordnete aus verschiedensten Latino-Untergruppen zugeführt - Chicanos, New Yoricans, Dominicans etc. (Das entspräche ungefähr einem Bundestag, in dem die Vertreter unterschiedlichster muslimischer Gruppen säßen, aufgeteilt nach ihrer regionalen Herkunft.)

Diese multikulturelle Präsenz rechtfertigt keines der Übel des amerikanischen Politik- und Wirtschaftsbetriebs und kann auch nicht von den Hindernissen ablenken, die der Teilhabe von Minderheiten an der US-Zivilgesellschaft entgegenstehen. Auch über das Scheitern der amerikanischen Gesellschaft bei der Integration eines Großteils ihrer schwarzen Bevölkerung kann sie nicht hinwegtäuschen. Amerikaner von Jefferson bis Woodrow Wilson haben ihre weiße, angelsächsische, protestantische Kultur für die überlegene gehalten. Im Bildungssystem, auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt und bei der öffentlichen Versorgung war Diskriminierung auf der Basis von Religion oder Hautfarbe an der Tagesordnung. Bis ins Jahr 1964 war die Einwanderung nach dem Prinzip der nationalen Herkunft geregelt. Jedem Land der Erde hatte man eine jährliche Quote zugewiesen, wobei Nordwesteuropa stark bevorzugt und der Zuzug aus China in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts und der aus Japan in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts geradewegs verboten wurde. Aber die USA haben bei den Angehörigen ihrer Minderheiten unter anderem deshalb keine Terroristen herangezüchtet, weil alle Minderheiten, so religiös Amerika auch sein mag, irgendwie ein Stück vom großen wirtschaftlich-politischen Kuchen abbekommen. Und sie müssen zu diesem Zweck ihrer religiösen Praxis nicht abschwören.

Ein Grund für die Kraft des Multikulturalismus in den Vereinigten Staaten liegt darin, dass er den Minderheiten nicht allein und nicht einmal vorwiegend nützt. Er nützt den Amerikanern, und so haben sehr viele Menschen ein Interesse daran, ihn lebendig zu erhalten. Weiter oben habe ich die weithin beliebte Neuerfindung des Selbst erwähnt – den Wechsel des Wohnorts, des Berufs, Ehepartners, Hobbys, Autos, des Aussehens und den generellen Trend, sich selbst alle paar Jahre neu zu erschaffen. Diese Neuerfindung der Identität gehört zur Leistung der Einwanderer, über die sie hinauswachsen. Dann sind sie nicht länger das, was die Amerikaner ein „Greenhorn“ nennen. Auf die eine oder andere Weise lassen wir Amerikaner uns alle darauf ein, angestiftet von der amerikanischen Mobilität, der Lust auf Neues und Zukunftsfreude.

Die „amerikanische“ Identität, nicht nur die der Einwanderer, ist eine vielfach neu erfundene. US-Bürger, die seit 170 Jahren nicht mehr in Irland gewesen sind, zählen sich dennoch zu den irischstämmigen Amerikanern; WASPs pflegen ihre Wurzeln in Schottland und England sehr sorgfältig. Das Spielfeld des Multikulturalismus wird lebendig gehalten. Neue Einwandererkulturen fügen dem Identität-wechsel-dich-Spiel neue Kombinationsmöglichkeiten hinzu. Es ist nicht so, dass die Amerikaner die Einwandererkulturen im Alltag willkommen hießen; die meisten tun es nicht, vom Essen, der Literatur und Musik abgesehen (keine unwichtigen Einflüsse). Aber das Spielfeld, auf dem sich die verschiedensten kulturellen Äußerungen, vom Bauchnabelpiercing und kultischen Riten aus Haiti bis zu den Erweckungsversammlungen der ausschließlich männlichen evangelikalen „Promise Keeper“ austoben, bestimmt die Natur der amerikanischen Lebensweise ganz entscheidend. Für die Einwanderer von heute bedeutet dies, dass sie relativ gute wirtschaftliche und politische Möglichkeiten ebenso vorfinden wie einen Raum für ihre Kultur. In Europa haben politische und ethnische Gruppen dem muslimischen Kopftuch den Krieg erklärt. Die US-Regierungsbeamtin, die kürzlich meinen Antrag auf einen neuen Sozialversicherungsausweis bearbeitete, trug ein solches.

Europas Geschichte, die Bevölkerungsdichte und das Alter seiner Kulturen haben Europa vor einer Selbst-Neuerfindungsmanie bewahrt, die Europäer sowieso oft kindisch finden. Europa wurde auch nicht in mythischer Hoffnung auf einen Neuanfang erbaut oder in der ständigen Mobilität, die Neuanfängen Vorschub leistet. Aber die historischen Unterschiede führen dazu, dass es beim Multikulturalismus in Europa um Immigranten geht, während er in den USA in der nationalen Identität verwurzelt ist. Relativ gesprochen (und die Erfahrung der Schwarzen ausgenommen) ist Multi-Kulti in den USA das allgemeine Wir-Gefühl. In Europa bezeichnet Multi-Kulti die anderen und führt bestenfalls zu liberaler Ghettoisierung, schlimmstenfalls zu rassistischer Gewalt. Sollte die EU eines Tages muslimische Staaten einschließen, werden ihre Bürger keine Immigranten mehr sein, sondern Bürger der Union. Aber wenn wir vom westeuropäischen Unbehagen an ihrer Aufnahme ausgehen, werden sie dem Westen nicht weniger „anders“ vorkommen als die muslimischen Mitbürger von heute.

Das beschreibt eine der Verwerfungslinien, die Europa ein Beben bescheren werden. Wenn Europa die Einwanderung beschränkt, wird es unter den wirtschaftlichen Folgen der sinkenden Geburtenraten leiden. Wenn es den Zugang zu seinen wirtschaftlichen und politischen Strukturen nicht öffnet, wird es vielleicht ein paar Arbeitsplätze für christliche Kaukasier retten, bis diese Arbeitsplätze in Billiglohnländer abwandern. Das wird die Unzufriedenheit der Minderheiten schüren und zu Gewalt führen. Leichte Lösungen für diese Probleme sind schwer zu finden, aber sie werden sich nicht in Luft auflösen, nur weil Europa sich in einer Ecke verkriecht und in seiner Bewegungsunfähigkeit das Pulverfass vor seiner Nase ignoriert.

Zahlreiche EU-Staaten sind noch keine „Einwanderungsländer“ und haben vor wirtschaftlich-politischer Teilhabe und Einbürgerung hohe Barrieren errichtet. Das deutsche Einwanderungsrecht, das Abstammung vor Wohnort stellt, gehört dazu. Die Gesetzgebung ebenso wie die Marginalisierung der türkischen Mitbürger benachteiligt Menschen, die schon seit zwei bis drei Generationen im Land leben, in der Ausbildung, wirtschaftlich und politisch. Frankreich hat im Umgang mit seiner nordafrikanischen Minderheit auf dem Modell der Assimilation ins Französischsein bestanden und verlangt nicht nur ein einheitliches Wirtschaftssystem, sondern auch eine öffentliche Einheitskultur. Für Neuankömmlinge stellt dies eine hohe Hürde dar, denn von ihnen wird nicht nur verlangt, dass sie um politisch-ökonomischer Vorteile willen neue Sprachen, Fertigkeiten und Ideen erlernen, sondern auch, dass sie einen intimen Teil ihrer selbst aufgeben.

Demographische Zahlen, die Wirtschaftslage und der Terrorismus beflügeln in Europa heute die Debatte über Multikulturalismus und Einwanderung. Die Debatte katapultiert die Europäer gleichzeitig nach rechts und nach links. Für die Linke gilt, dass Einwanderer nicht als marginalisierte Gastarbeiter gebraucht werden, sondern als vollwertige Bürger, auf dass Künste und Geschäfte nicht leiden, wenn die Geburtenraten fallen. Für die Rechte gilt, dass Einwanderer auf dem Arbeitsmarkt von Ländern mit sowieso schon hohen Arbeitslosenraten eine unnötige Konkurrenz darstellen und draußen bleiben sollten. Ebenfalls auf der Rechten gelten die terroristischen Aktivitäten in Europa als klares Mandat für Einwanderungsbeschränkungen, besonders für die Einwanderung aus muslimischen Ländern, den Balkan eingeschlossen. Nach dem 11. September hatte der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi Europa aufgerufen, zu seinen „christlichen Wurzeln“ zurückzukehren, die Welt in einer gesamteuropäischen Anstrengung zu okzidentalisieren und die überlegene westliche Kultur durchzusetzen. Der größte Teil Europas verzog bei Berlusconis Kommentaren das Gesicht, aber im vergangenen Jahr befürwortete Italien die Einbeziehung der katholischen Kirche in die Entscheidungsfindungsprozesse der EU. Für die Linke steht fest, dass gerade die Marginalisierung muslimischer Minderheiten zu wirtschaftlicher Not, Erniedrigung und Verzweiflung führt und so die Radikalisierung des Islamismus befördert. Der Journalist und Pulitzer-Preisträger Joseph Lelyveld ist nach dem 11. September nach Gaza, Kairo und Hamburg gereist. Überall in den arabischen Gemeinden stieß er auf zornerfüllte Amerikafeindlichkeit. Aber durchgehender Sympathie für die Anschläge des 11. September begegnete er nur in Hamburg, wo die jungen Männer aus den Moscheen im Viertel den größten Zugang zur westlichen Lebensweise hatten und sich am ausgeschlossensten fühlten.

Zu diesen Wendungen muss man nun noch hinzufügen, dass einige fortschrittliche Politiker inzwischen Einwanderungsbeschränkungen nicht aus Rassismus erwägen, sondern als Mittel, die offenen Demokratien vor der Intoleranz und Gewalt der von theokratischen Vorstellungen getriebenen Islamisten zu schützen. Pim Fortuyn gehörte zu dieser Gruppe, und an den Demonstrationen des protofaschistischen Vlaams Blok in Flandern nimmt inzwischen auch eine kleine Gruppe von Juden teil, die fürchten, dass ein verstärkter Zuzug von Muslimen den Antisemitismus stärken würde.

Wenn ich Europa bei all diesen Erwägungen beobachte, frage ich mich: Werden die Staaten Europas, beschäftigt mit der Vereinheitlichung ihres Wirtschaftssystems, tatsächlich anderen Staaten den Zugang zu ihren Nationalökonomien erleichtern, ohne ihn für die Minderheiten zu öffnen, die innerhalb ihrer eigenen Grenzen leben? Und mir stellen sich zum Abschluss dieser Anmerkungen noch mehr Fragen: Setzt ein vereinter europäischer Wirtschaftsraum eine einheitliche Kultur voraus? Und wessen Kultur wird das sein? Gegen die Fremdheit, die Europäer Muslimen gegenüber empfinden, verblassen die kulturellen Unterschiede der EU-Kernstaaten. Wenn diese alten europäischen Unterschiede inzwischen beherrschbar erscheinen, was sagt das über die menschliche Fähigkeit aus, „Differenz“ zu absorbieren? Wenn religiöse Praxis die öffentliche Ordnung stört, welche verfassungsrechtlichen und gesetzlichen Kriterien sollten dann unterscheiden helfen, was in die Sphäre des Staates fällt und was den sich selbst regulierenden Systemen der Kultur überlassen werden sollte? (Sind Kopftücher „Kultur“? Bedürfen muslimische Mädchen im Sportunterricht der staatlichen Regulierung?) Europa hat im Prozess der EU-Entwicklung Verhandlung und Konsensfindung geübt. Aber gibt es auch Angelegenheiten, die beider nicht bedürfen – Differenz, die man in Ruhe lassen sollte? Sollte man bei einer Aufnahme in die EU die demokratischen politischen Strukturen vertraglich regeln, die kulturelle und religiöse Konformität aber nicht? Muss die religiöse Ordnungspolitik in der Europäischen Union vereinheitlicht werden? Deutsch von Robin Detje

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, April 2005, S. 6 - 17.

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