Der dreifache Schock
Die Golfstaaten leiden auf wirtschaftlicher, politischer und psychologischer Ebene unter dem Iran-Krieg. Nun gilt es, den eigenen Kurs anzupassen, um krisenfester zu werden.
Seit dem Beginn des Krieges der USA und Israels gegen den Iran am 28. Februar sind die einstmals als sichere Häfen geltenden arabischen Monarchien am Golf ins Visier iranischer Angriffe geraten. Zwar haben diese Attacken auf Ölraffinerien, Gasterminals, Pipelines, Flughäfen und Entsalzungsanlagen während der vereinbarten Waffenpause weitgehend aufgehört; doch niemand weiß, ob diese fragile Ruhe anhalten wird. Die Folgen auf wirtschaftlicher, politischer und psychologischer Ebene werden in jedem Fall noch lange nachhallen. Sie bedeuten einen dreifachen Schock.
Die wirtschaftliche Ebene
Die Zerstörung kritischer Infrastruktur in der Energiewirtschaft zeigt die sichtbarsten Auswirkungen. Trotz aller Bemühungen, sich von fossilen Energiequellen zu emanzipieren, erzielen alle sechs Golfmonarchien – Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Katar, Oman, Bahrain und Kuwait – einen signifikanten Anteil ihrer Staatseinnahmen weiterhin aus dem Öl- und Gasgeschäft.
Kuwait und Bahrain leiden besonders unter den Angriffen: Zum einen müssen sie die Schäden beheben, was lange dauern kann und die ohnehin schon angespannten Staatsfinanzen weiter belastet. Zum anderen fehlen ihnen Alternativen beim Transport, da sie vollständig auf die Durchfahrt der Straße von Hormus angewiesen sind. Durch die Blockade der strategisch wichtigen Meerenge sind sie von den globalen Transportrouten abgeschnitten.
Auch Katar hat angekündigt, dass die Reparaturen an den beschädigten Gasanlagen fünf Jahre dauern und Kosten von 100 Milliarden Dollar verschlingen könnten. Im Gegensatz zu den wirtschaftlich ärmeren Nachbarn Bahrain und Kuwait verfügt Katar aber über ausreichende Ressourcen, um diese Krise zu meistern.
Saudi-Arabien und die VAE hingegen konnten trotz signifikanter Schäden an ihrer Ölindustrie die Ausfälle besser verkraften: Das saudische Königreich verfügt über die Ost-West-Pipeline, die etwa sieben Millionen Barrel am Tag von der Ostküste durch das Landesinnere zum Hafen von Yanbu am Roten Meer leiten kann. Somit kann es eine Blockade der Straße von Hormus umgehen – wenngleich diese Route durch eine Ausweitung des Krieges im Roten Meer durch Angriffe der mit dem Iran verbündeten Huthis aus dem Jemen beeinträchtigt werden könnte.
Auch die VAE verfügen über eine Alternativroute. Dennoch sind gerade die Angriffe auf Dubai, dem Symbol für Innovation, Investitionen und Internationalisierung, ein schwerer Rückschlag für das emiratische Geschäftsmodell – auch und gerade jenseits des Ölgeschäfts in Sektoren wie Handel, Luftfahrt, Tourismus, Immobilien oder Technologie. Dort stieg das Wachstum in allen Golfstaaten in den vergangenen Jahren kontinuierlich. Für 2026 geht man statt eines Wachstums von 4,4 Prozent nur noch von 1,3 Prozent aus.
Saudi-Arabien sah sich bereits vor dem Krieg gezwungen, einige ehrgeizige Großprojekte wie die Smart City „The Line“ am Roten Meer drastisch zurückzufahren, weil das Geld knapp wurde und ausländische Investitionen nicht im erwarteten Umfang ins Land flossen. Nun steigt zwar der Ölpreis, wovon Saudi-Arabien kurzfristig profitiert, doch langfristig könnte das Investorenvertrauen sinken. Darunter könnten die saudischen Ambitionen leiden, sich als neues Zentrum der Golfregion im globalen Sport, Tourismus und in der Unterhaltung zu etablieren, mit der Riad Expo 2030 und der Fußball-WM der Männer vier Jahre später.
Die politische Ebene
Der Krieg beeinträchtigt auch die langfristige Deeskalationsstrategie der Golfstaaten, die Diplomatie und Dialog Vorrang gibt. Oman präsentierte sich schon länger als Vermittler zwischen den USA und dem Iran, während Katar aufgrund seiner konzilianten Beziehungen zu Teheran und seiner Kommunikationskanäle zur palästinensischen Hamas zu einem einflussreichen Netzwerker aufstieg.
Und auch Saudi-Arabien hatte sich im März 2023 entschieden, die diplomatischen Beziehungen zum Iran wieder aufzunehmen. Riad hoffte, mit dieser vorsichtigen Annäherung die Gefahr einer regionalen Eskalation zu verringern. Wichtiger Bestandteil dieser Strategie war auch die enge sicherheitspolitische Partnerschaft mit den USA, was insbesondere für die VAE, Katar und Bahrain gilt, wo sich wichtige US-Militärbasen befinden.
Doch weder mit der Anbindung an die USA noch der Annäherung an den Iran gelang es den Golfstaaten, sich zu schützen. Dies frustriert die Herrscher am Golf. Sie fühlen sich verraten und verkauft, ernstgenommen weder von den USA noch Israel oder dem Iran. Insbesondere die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gilt vielen als neuer Hegemon in der Region und damit als existenzielle Gefahr für die eigene Politik des kalkulierten Ausgleichs.
Die psychologische Ebene
Nicht zuletzt leiden weite Teile der Bevölkerungen am Golf unter dem Krieg. Der Erfolg der meisten Golfstaaten beruht auf der Arbeitskraft von Millionen ausländischer Gastarbeiter, die mehrheitlich aus Niedriglohnländern in Asien und Afrika kommen. Allein 9,1 Millionen Menschen aus Indien leben und arbeiten in den Golfstaaten, gefolgt von Bangladesch mit fünf Millionen, Pakistan mit 4,1 Millionen und Ägypten mit 3,3 Millionen Menschen. Sie arbeiten auf Baustellen, in Hotels, im mittleren Management, als Taxifahrer oder Hausangestellte, und sie sind am stärksten betroffen.
Sie verlieren in Zeiten der Unsicherheit als erste ihre Jobs und müssen das Land gen Heimat verlassen, wo sie häufig Armut, Arbeitslosigkeit und Verschuldung erwarten. Dadurch wächst der Druck auf die Entsendestaaten, die auf die Rücküberweisungen ihrer Landsleute im Ausland angewiesen sind. Im Fall Pakistans stammen beispielsweise 54 Prozent aller Rücküberweisungen aus dem Mittleren Osten. Bereits während der Corona-Pandemie mussten Hunderttausende Arbeitsmigranten nach Pakistan, Nepal oder Äthiopien zurückkehren, was die dortigen Krisen noch verstärkte. Und auch jetzt droht ein solcher Exodus.
Fraglos bedeutet dieser Konflikt auch für die einheimischen Bevölkerungen eine enorme psychologische Belastung: Die älteren Generationen erleben ein Déjà-Vu und fühlen sich an die irakische Invasion Kuwaits 1990/91 erinnert. Derweil lebten viele junge Menschen in der trügerischen Annahme, vor äußeren Bedrohungen geschützt zu sein. Ihr Vertrauen in die Herrscher, die sich als Schutzpatrone in einer krisengeplagten Nachbarschaft präsentiert hatten, ist zwar nicht erschüttert, doch das Narrativ einer sicheren Zukunft in Frieden und Wohlstand ist ins Wanken geraten.
Dies erhöht den mentalen Druck auf viele junge Männer und Frauen, die bereits vor dem Krieg härter arbeiten mussten als ihre Eltern und nun fürchten, all ihre Bemühungen seien umsonst gewesen. Ein solches Gefühl der Verwundbarkeit und Schutzlosigkeit schadet dabei nicht nur der sozialen Resilienz, sondern könnte auch an der Legitimation der Herrscher rütteln, die bei ihren Untertanen eine hohe Erwartungshaltung geschürt haben.
Umso kontroverser wird am Golf darüber diskutiert, welche Lehren gezogen werden müssen. Hierbei lassen sich drei vorläufige Trends erkennen: Da ist erstens ein zunehmend ambivalentes Verhältnis zu den USA. Die einstige Partnerschaft mit Amerika ist zwar nicht zerrüttet, aber zumindest beschädigt. US-Präsident Donald Trump galt aufgrund seiner Geschäftsinteressen und seiner persönlichen Nähe zu den Herrschern am Golf als enger Verbündeter. Doch spätestens mit dem Iran-Krieg ist die „Bromance“ in eine ernste Krise geschlittert.
Der Krieg beeinträchtigt die Deeskalations- strategie der Golfstaaten gegenüber dem Iran
Einige diskutieren bereits, inwiefern das enge Verhältnis zu den USA überdacht werden muss. Diese Entfremdung ist zwar nicht neu, hat aber durch den Konflikt nochmals an Fahrt aufgenommen. Klar ist aber auch: Eine einhellige Haltung am Golf zu den USA existiert nicht. Während die VAE ihre enge Bindung an Trump betont haben, geht man in Oman und Katar mehr und mehr auf Distanz. Jedem ist aber auch klar, dass es ohne die USA nicht gehen wird.
Zweitens verstärkt sich die Überzeugung, dass die Golfstaaten ihre Partnerschaften diversifizieren müssen. Je mehr die Frustration mit den USA wächst, umso wichtiger werden Partnerschaften zu anderen Staaten. Dazu zählen die Ukraine, die bereits mit einigen Golfstaaten Sicherheitsvereinbarungen insbesondere in Sachen Drohnentechnologie geschlossen hat; aber auch China, das bereits als unersetzlicher Handelspartner fungiert und auch im Rüstungsbereich wichtiger werden wird.
Außerdem zeigen die intensivierten Gespräche mit der Türkei, Ägypten und Pakistan, dass die Golfstaaten – insbesondere Saudi-Arabien und Katar – Mitstreiter benötigen, um ihren Deeskalationskurs umzusetzen. Zwar scheiterten die ersten direkten Verhandlungen zwischen Delegationen aus den USA und dem Iran Anfang April in Islamabad; doch das pakistanische Engagement, unterstützt von Riad und Ankara, unterstrich die Bemühungen, weiterhin auf Diplomatie zu setzen. In dem Kontext könnte auch die Zusammenarbeit mit Europa intensiviert werden – immerhin benötigen die Golfstaaten verlässliche Partner in Sachen maritimer Sicherheit, Energiediversifizierung, beim Kampf gegen mögliche durch den Krieg ausgelöste Umweltschäden oder bei der therapeutischen Bewältigung der Kriegstraumata.
Drittens wächst die Einsicht, dass die Golfstaaten stärker zusammenarbeiten sollten, selbst wenn sie unterschiedliche Interessen verfolgen. Noch ist davon nicht viel zu erkennen. Zwar bedroht der Krieg die wirtschaftlichen Interessen aller Golfstaaten, allerdings reagieren sie darauf mit unterschiedlichen Strategien: Während Saudi-Arabien und Katar einen Kurs der Pendeldiplomatie fahren, setzen die VAE eher auf rhetorische Eskalation gegenüber dem Iran und ziehen nicht in Erwägung, die Normalisierung ihrer Beziehungen zu Israel aufzukündigen.
Oman wird aufgrund seiner konzilianten Haltung gegenüber Teheran von anderen Golfstaaten kritisiert, während Bahrain und Kuwait fürchten, zwischen den Großmächten zerrieben zu werden und auf externe Unterstützung angewiesen zu sein, um die wirtschaftlichen Folgen stemmen zu können. Diese Uneinigkeit könnte die Widerstandsfähigkeit der Staaten bedrohen.
Eine entscheidende Phase
Die arabischen Golfstaaten befinden sich in einer entscheidenden Phase ihrer Geschichte. Im Schatten des Krieges müssen sie beweisen, dass sie in der Lage sind, diese Krise zu bewältigen, ohne das Vertrauen in ihr Geschäftsmodell, die Zuversicht ihrer Bevölkerungen und die politische Legitimation zu verlieren. Dafür muss eine Mammutaufgabe bewältigt werden: das Verhältnis zu den USA überdenken, ohne sich von Washington abwenden zu können, und neue Partner zu identifizieren, ohne sich in neue Abhängigkeiten zu begeben.
Internationale Politik, Mai/Juni 2026, S. 25-28
Teilen
Themen und Regionen
Artikel können Sie noch kostenlos lesen.
Die Internationale Politik steht für sorgfältig recherchierte, fundierte Analysen und Artikel. Wir freuen uns, dass Sie sich für unser Angebot interessieren. Drei Texte können Sie kostenlos lesen. Danach empfehlen wir Ihnen ein Abo der IP, im Print, per App und/oder Online, denn unabhängigen Qualitätsjournalismus kann es nicht umsonst geben.