Buchkritik

18. Aug. 2025

Das größte Gefängnis der Welt

Zwei aktuelle China-Bücher, zwei Gründe, sich große Sorgen zu machen. Ihre Autoren schildern, was denen geschieht, die in der zutiefst repressiven Volksrepublik nicht „auf Linie“ sind, und machen deutlich, was dem demokratischen Inselstaat Taiwan drohen könnte.

Marko Martin
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Bild: Illustration eines Buches auf einem Seziertisch
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In den Diskussionen über Chi­nas Einfluss in der Welt und über die Gefahr einer möglichen militärischen Auseinandersetzung mit den USA scheint Taiwan die Rolle eines Ärgernisses zuzukommen. Alles könnte, wenn schon nicht harmonischer, dann doch zumindest weniger explosiv laufen, wäre nur die von der chinesischen Küste lediglich 180 Kilometer entfernte Insel kein solcher „Zankapfel“. 

Mitunter, so etwa in jenem im Juni von den SPD-Politikern Ralf Stegner und Rolf Mützenich und anderen unterzeichneten „Manifest“, wird der Fall ebenso vage wie dräuend in die Kategorie „Eskalation“ eingeordnet – ohne potenziellen Aggressor und potenzielles Opfer zu nennen.


Logik, die an Putin gemahnt

Vor diesem Hintergrund ist die Lektüre von Stephan Thomes „Schmales Gewässer, gefährliche Strömung. Über den Konflikt in der Taiwanstraße“ umso augenöffnender. Thome, Jahrgang 1972, lebt seit vielen Jahren als Schriftsteller und Sinologe mit seiner taiwanesischen Frau in Taipeh, der Hauptstadt der demokratischen Inselrepublik. Er spricht nicht nur die Landessprache, sondern kennt auch die verwaschene Diktion so mancher China-Experten zur Genüge. 

In Abgrenzung dazu legt Thome in gut lesbarem, aber nie simplifizierendem Stil eine präzise Darstellung des chinesisch-taiwanesischen Verhältnisses vor – historisch, geopolitisch, ökonomisch. Ersteres ist schon deshalb dringend vonnöten, da Taiwan laut Chinas offizieller Sprachregelung als „abtrünnige Provinz“ gilt, regiert von „Separatisten“, die es heimzuholen gelte ins Reich der Mitte. Auf die vielen Widersprüche und Weglassungen dieser Diktion geht Stephan Thome en dé­tail ein – auch deshalb, weil viele im Westen sie sich bereits zu eigen gemacht haben.

In Wahrheit war Taiwan in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine japanische Kolonie. Nach 1949 und bis zur eindrucksvollen Demokratisierung ab Mitte der achtziger Jahre wurde der Inselstaat von der Kuomintang-­Partei des dann im Bürgerkrieg geschlagenen Chiang Kai-shek beherrscht. Teil der von Mao Zedong gegründeten Volksrepublik war sie keine Sekunde lang. 
Wenn Staats- und Parteichef Xi Jinping heute dennoch darauf besteht, sich die Insel, die unter der gewaltig ausgedehnten Qing-Dynastie im 18. Jahrhundert tatsächlich zum Kaiserreich gehört hatte, „wieder“ einverleiben zu müssen, folgt er einer Logik, die nicht zufällig an diejenige Putins erinnert, denn, so Thome: „Im Nationalstaat von heute lebt ein Kaiserreich fort, das nie dekolonisiert wurde und panische Angst davor hat, zu enden wie die Sowjetunion.“ 

Noch größer freilich ist die Wut, die eigentlich eine narzisstische Kränkung ist, dass sich im „eigenen Kulturkreis“, der doch seit jeher auf autoritäre ­Tradition und Gehorsam geeicht sei, ein moderner, auch ökonomisch pros­perierender Verfassungs- und Rechtsstaat wie Taiwan entwickeln konnte, mit freien Wahlen und institutionell garantierten Menschen- und Bürgerrechten.


Die wahre Macht Europas

Erinnert Xis Zorn ob der renitenten Präsenz der winzigen Insel an Wladimir Putins Furor, die Staatlichkeit der Ukraine auszulöschen, sind im Falle Taiwans die Möglichkeiten europäischer Hilfe ungleich schwerer zu skizzieren. Thome schlägt in seinem vor dem Wahlsieg Donald Trumps geschriebenen, dessen erratische „Deal“-Politik aber bereits antizipierenden Buch so manches vor, das in Deutschland und der EU umgesetzt werden könnte.

Zuerst einmal müsste die berühmte „mental map“ verändert werden – und hier vor allem das Sich-selbst-klein-Machen. Es sei hoch problematisch, setzt Thome zum Rundumschlag an, wenn „Teile des politischen Betriebs so tun, als seien Deutschland und Europa einseitig von China abhängig. Nimmt man alle EU-Staaten zusammen, übersteigt Chinas Handelsvolumen mit ihnen sogar noch das mit Amerika.“ 

Zu glauben, es sei wegen Pekings Wirtschaftsmacht unmöglich, dem Land Zugeständnisse abzuringen, sei ein Irrtum: „Gefragt sind lediglich die enge Abstimmung mit gleichgesinnten Nationen – in der Taiwanfrage gehört dazu beinahe der gesamte pazifische Raum – sowie die Bereitschaft, mit Peking kontrovers zu diskutieren.“ 

Gefährliches Wunschdenken wäre es Thome zufolge, im Vertrauen auf Taiwans bisheriges Monopol bei der Produktion von Halbleitern zu schlussfolgern, allein die Realität weltweiter ökonomischer Vernetzung würde China von einer möglichen Invasion abhalten. Hinzu komme der „Faktor Trump“: Ein „auf ‚Deals‘ fokussierter Präsident wie Donald Trump könnte durchaus versucht sein, grünes Licht zur ‚Wiedervereinigung‘ zu geben, wenn Washington dafür garantierten Zugang zu den taiwanesischen Halbleitern erhält“. 

Doch selbst dann, wenn Amerika standfest bleibe, biete das noch keine Garantie: „Der Zeitpunkt der größten Gefahr wird gekommen sein, wenn im Kalkül der chinesischen Führung die eigene Stärke relativ zur amerikanischen abzunehmen beginnt, weil China in die demographische Krise schlittert. Gegenwärtig lässt sich dieser Moment für die Zeit ab 2027 antizipieren, also sehr bald.“

Thome verzichtet auf aktivistischen Alarmismus, und gerade deshalb sollte seine Analyse sehr ernst genommen werden. Ein Buch, das nicht auf die Nacht-, sondern auf die Tagungstische deutscher Politiker und Parlamentarier gehören sollte, in den Bundesländern ebenso wie in Berlin und Brüssel. 


Erinnerung ist wie Treibsand

Zum Verständnis der inner-­chinesischen Realitäten – und damit den kontinuierlichen ­Gewalterfahrungen – tragen seit vielen Jahren die Bücher des Exil-Schriftstellers Liao Yiwu bei. Der 1958 in der Provinz Sichuan geborene Autor, nach einem 1989 verfassten Gedicht über das Massaker auf dem Pekinger Tiananmen-Platz für vier Jahre inhaftiert und im Sommer 2011 nach Deutschland geflüchtet, zeigt sich auch in seinem neuen Buch als skrupulöser Chronist: „18 Gefangene. Fluchtgeschichten aus China, dem größten Gefängnis der Welt“. 

Hier wird über jene Haft-­Realitäten, die sogar Alexander Solschenizyn, der große russische Realist und Autor des „Archipel Gulag“, einst pietätvoll beschwieg, ausgiebig Bericht erstattet: Notdurft in Gemeinschaftszellen, bei deren Verrichtung abstruse Machtstrukturen sichtbar werden; sexuelle Gewalt von Seiten der Wächter und unter den Gefangenen; zeitlebens nie mehr abwaschbare Erfahrungen von physischem und psychischem Schmutz, von Niedertracht und Verrat. Und ein Autor, der in seiner eigenen, bis 1994 währenden Haft und in den Jahren danach fast schon obsessiv die Lebensläufe jener sammelte, die der chinesischen Regierung als Menschen galten, die unbedingt zu „brechen“ waren. 

„Erinnerung“, schreibt Liao Yiwu, „ist wie Treibsand, es fehlt nicht viel und die Erinnerung an diese Ereignisse wäre für immer verloren gewesen.“ Er müsse unentwegt seinen Computer durchsuchen, so der Autor, „und den Dschungel meiner alten Dateien öffnen, sonst werden auch viele Ereignisse, viele Menschen, die es zweifellos gegeben hat und von denen es Aufzeichnungen gab, nach und nach in Vergessenheit geraten.“ 


Das verdammte Vaterland

Die so entstandenen Interviews hat Liao Yiwu mit Vorbemerkungen versehen, in denen er biografische Hintergründe anreißt oder die Orte der oft klandestinen Treffen beschreibt – so etwa eine „Petitionshotel“ genannte Elends­unterkunft in der Millionenstadt Chengdu, in der zu Unrecht Verurteilte aus der Provinz hausen und darauf hoffen, bei den staatlichen Beschwerde­stellen vorgelassen zu werden. 

Obwohl vor über einem Vierteljahrhundert entstanden, haben diese Zeugnisse nichts von ihrer existenziellen Dringlichkeit verloren. Im Gegenteil: Der älteste ehemalige Häftling war bereits kurz nach Maos Sieg 1949 eingekerkert worden, und den Schicksalsgenossen, die ihm folgten, hatte man mechanisch stets das Gleiche vorgeworfen: „Abweichlerei“ von der jeweiligen Parteilinie oder „Verrat am Volke“ und dergleichen. 

Viele der Entlassenen fanden danach ihre Familien nicht mehr wieder: Sie waren entweder unter den Millionen Verhungerten ­während der massenmörderischen Landwirtschaftsexperimente von Maos „Großem Sprung“ oder Opfer der nicht minder tödlichen „Kulturrevolution“. Freilich hatte es damals noch die winzige Chance gegeben, mit viel Glück ein Fluchtloch zu finden – sogenannte „Fluchtbibeln nach Hongkong“ wiesen den Weg in die damalige britische Kronkolonie.

Und heute? Liao Yiwu beendet sein Buch mit einem Gedicht. „Das zweite Massaker“ heißt es in Anspielung auf das Blutbad von 1989, und gewidmet ist es der 2020 auf Pekings Befehl niedergeschlagenen Hongkonger Demokratiebewegung: „Das war Hongkongs letzter Traum: Das Vaterland kommt nicht / Doch es kommt / Das verdammte Vaterland kommt / Und mit ihm: Verfolgung, Entführung, Gehirnwäsche, Mord.“ 

Und „der heutige Gefängnischef Xi Jinping“? Liao Yiwus Illusionslosigkeit wäre jenen im Westen zu wünschen, die angesichts von Russlands Angriffskrieg das totalitäre China plötzlich für das geringere Übel halten: „Xis sogenannter ‚chinesischer Traum‘ besteht darin, die ganze Welt mit technologischen Mitteln in ein unsichtbares chinesisches Gefängnis zu verwandeln.“
 

Stephan Thome: Schmales Gewässer, gefährliche Strömung. Über den Konflikt in der Taiwanstraße. Berlin: Suhrkamp 2024. 367 Seiten, 25,00 Euro

Liao Yiwu: 18 Gefangene. Fluchtgeschichten aus China, dem größten Gefängnis der Welt. Frankfurt/M.: S. Fischer 2025. 526 Seiten, 32,00 Euro

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, September/Oktober 2025, S. 136-138

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Marko Martin ist Schriftsteller in Berlin. Seine jüngste Veröffentlichung: „Und es geschieht jetzt. Jüdisches Leben nach dem 7. Oktober“ (Tropen Verlag 2024).

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