01. Dezember 2008

„Das Ende der westlichen Dominanz“

Asiens Aufstieg ist unaufhaltsam, bedeutet jedoch keinen Kampf der Kulturen

Amerika wird noch lange Supermacht bleiben, doch die Zeiten einseitiger Belehrungen sind vorbei: Ein Gespräch mit dem ehemaligen UN-Botschafter Singapurs und jetzigen Politikprofessor Kishore Mahbubani über das neue asiatische Selbstbewusstsein, das Scheitern westlichen Demokratieexports und die weltweiten Hoffnungen in Barack Obama.

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IP: In Ihrem neuen Buch läuten Sie das Jahrhundert Asiens ein, während Sie dem Westen raten, sich künftig mit den Grenzen seiner Macht vertraut zu machen. Wenn wir Ihre Perspektive etwa mit der eines Amerikaners vergleichen: Wie weit liegen sie auseinander?

Mahbubani: Der größte Unterschied ist, dass die asiatischen Nationen erkennen, dass wir gerade dabei sind, in eine neue Ära der Weltgeschichte einzutreten. Wir wohnen dem Ende der westlichen Dominanz bei, was aber keineswegs das Ende des Westens bedeutet.

IP: Muss sich der Westen vor dieser neuen Ära fürchten?

Mahbubani: Der Westen wird auch weiterhin die stärkste Kultur darstellen. Aber wir bewegen uns nun von einer monowestlich geprägten in Richtung einer multinationalen Welt, mit vielen anderen, durchaus erfolgreichen Modellen. Denken Sie nur an die chinesische und indische Kultur.

IP: Ihnen wird vorgeworfen, dass Sie zwischen den Zeilen auch das Ende der westlichen Kultur proklamieren …

Mahbubani: Ich verkünde keinesfalls das Ende des Westens. So ist der Schluss meines Buches auch ein positives Fazit: Wir müssen zusammenarbeiten. Ich gebe vielmehr zu bedenken, dass all das, was den Aufstieg Asiens begünstigt, sogar der Nachahmung des westlichen Lebensstils zu verdanken ist. Nichts liegt Asien ferner, als den Westen dominieren zu wollen. Die Menschen dort streben nach demselben Wohlstand, den die europäische oder die amerikanische Gesellschaft bereits genießen. Mit dem Westen wollen sie in Frieden leben.

IP: Worin liegt dann die vielbeschworene Kontroverse?

Mahbubani: Vieles hat mit der Art unseres neuen Selbstbewusstseins zu tun. Die asiatischen Länder appellieren an den Westen, sich nicht länger immerzu um sich selbst zu drehen. Hört endlich auf, uns zu belehren, einen globalen Monolog zu führen und fangt an, auch auf die anderen Stimmen dieses Planeten zu hören! Wenn Sie davon ausgehen, dass das, was wir als den „Westen“ betrachten, gerade einmal zwölf Prozent der Weltgesellschaft ausmacht und die übrige Bevölkerung rund 88 Prozent, dann ist diese Forderung nur verständlich. Es ist mehr ein Aufruf zur Zusammenarbeit als eine Aufforderung zum Streit.

IP: Also Kooperation statt Kampf der Kulturen?

Mahbubani: Ganz genau. Mein Buch ist ein Versuch, den Westen darüber aufzuklären, wie man den so genannten Rest der Welt endlich erhört. Wie man ihm mehr Aufmerksamkeit widmet. Und damit auch von ihm lernen und profitieren kann.

IP: Sie sprechen davon, dass der „Rest der Welt“ dem westlichen Lebensstil nacheifert. Aber ist das überhaupt der richtige Ansatz? Wäre ein eigener Weg, der stärker auf der eigenen Kultur und Identität aufbaut, nicht erstrebenswerter als die bloße Imitation?

Mahbubani: Die gute Nachricht: Das ist auch die vorherrschende Meinung in vielen asiatischen Nationen. Geht es um Modernisierung, um Wohlstand, dann dient der Westen in vielfacher Hinsicht als Vorbild. Als ich das erste Mal eine Toilette mit fließender Klospülung benutzte, war ich zehn Jahre alt. Das ist ein Beispiel für die Notwendigkeit der Modernisierung. Wir reden davon, ein Haus zu haben, einen Fernseher, einen Kühlschrank, ein Radio. Das ist, was wir in Asien zunächst unter Fortschritt verstehen.

IP: Und wo bleibt der eigene Weg?

Mahbubani: Im kulturellen Bereich sieht es eher so aus, als finde eine Rückbesinnung auf die eigenen Werte statt. Tatsächlich wird die eigene Geschichte wieder entdeckt, die eigene Seele. Beides findet gleichzeitig statt: materieller Fortschritt kombiniert mit der Renaissance der eigenen Kultur. Das ist gerade an den Beispielen Indien und China sehr deutlich zu beobachten.

IP: Wie aber wird sich die Politik vor diesem Hintergrund entwickeln? Stichwort Demokratie: Sie scheinen eine autokratische Regierungsform oder zumindest eine Zwischenlösung nicht grundsätzlich zu verwerfen, besonders im Hinblick auf China.

Mahbubani: Meine Antwort ist ein klares Bekenntnis zur Demokratie. Sie ist der einzig richtige Weg für alle Gesellschaften. An diesem Ziel kann es keine Zweifel geben. Die einzige Frage ist, wie der Weg dorthin aussehen soll. Irgendwann wird auch China eine Demokratie werden. Aber wenn Sie sich anschauen, wie sehr etwa die russische Bevölkerung unter dem raschen Demokratisierungsprozess gelitten hat, dann muss die Frage nach der zeitlichen Entwicklung gestellt werden.

IP: Inwieweit sollte China aus den russischen Erfahrungen lernen?

Mahbubani: Als Russland quasi über Nacht demokratisch wurde, schrumpfte die Wirtschaft dramatisch; die Lebenserwartung sank, die Säuglingssterblichkeitsrate stieg zunächst deutlich an. Deshalb ist die chinesische Bevölkerung davon überzeugt, dass es besser wäre, in einen langsamen Übergangsprozess in Richtung Demokratisierung einzusteigen.

IP: Sie empfehlen, Demokratie eher in kleinen Dosen zu verabreichen?

Mahbubani: Wir können unsere Lehren auch aus dem Beispiel Amerikas ziehen, der mächtigsten Demokratie der Welt. Die Amerikaner haben ihr Konzept der Gleichheit aller Menschen in ihrem Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert verkündet, dennoch benötigten sie fast 100 Jahre, um die Sklaverei endgültig zu verbannen. Und es brauchte 150 Jahre amerikanischer Demokratisierungsgeschichte, bis auch die Frauen wählen durften.

IP: China sollte sich ebenfalls 100 Jahre Zeit lassen, bis alle Menschen dort frei wählen können?

Mahbubani: Wenn wir von Amerika als dem Vorbild einer erfolgreichen Demokratie sprechen, dann sollten wir bedenken, dass sich kaum ein Prozess in der Geschichte findet, der weniger als 200 Jahre benötigt hätte, um eine funktionierende Demokratie zu etablieren. Wenn China dies in der Hälfte der Zeit bewältigen sollte, dann wäre das bereits ein Wunder.

IP: Klingt da auch die Ernüchterung über den fehlgeschlagenen Demokratisierungsprozess im Irak mit?

Mahbubani: Sicher. Der Westen soll aufhören, die Demokratie einfach in den Rest der Welt exportieren zu wollen. Das ist die Lektion, die wir aus dem Irak-Krieg gelernt haben: Dass eine Armee von christlich sozialisierten Soldaten, die auf dem Boden eines islamischen Landes landen, keine Demokratie säen kann, ohne dass es in einem völligen Desaster endet. Diese Idee, dass die Demokratie einfach exportiert und durch die Militärs einer Supermacht erzwungen werden kann, sollten wir komplett verwerfen.

IP: Folgen wir Ihrer These, wird sich das Gewicht der Mächte in Zukunft Richtung Asien verlagern. Läutete der Irak-Krieg den Anfang vom Ende der amerikanischen Supermacht ein?

Mahbubani: Die Vereinigten Staaten sind immer noch eine Supermacht und werden dies auch noch für lange Zeit bleiben. Wir bekommen jedoch bereits heute einen Eindruck davon, in welche Richtung sich die Machtkonstellation verändern wird, wenn wir uns an Goldman Sachs halten. Die Volkswirte der Bank gehen davon aus, dass die Liste der zehn größten Weltökonomien im Jahr 2050 völlig anders aussehen wird als heute.

IP: Wer liegt künftig vorn?

Mahbubani: Die Nummer eins wird China sein, Indien folgt an zweiter, Amerika an dritter Stelle und Japan kommt auf Platz vier.

IP: Die größten Wirtschaftsmächte der Welt werden also asiatisch sein?

Mahbubani: Das Gravitationszentrum der Welt wird sich tatsächlich in Richtung Asien verlagern. Aber die Vereinigten Staaten werden nach wie vor eine sehr starke Nation bleiben.

IP: Wie sollten sich die Amerikaner auf diese Entwicklung einstellen?

Mahbubani: Psychologisch betrachtet wäre es gut, wenn Amerika mehr als zuvor mit diesen Wirtschaftsmächten zusammenarbeitet. Es müsste in seinem ureigensten Interesse liegen, in Zukunft stärker auf Kooperation zu setzen. Der Irak-Krieg hat schließlich deutlich gemacht, welche Fehler in der Vergangenheit wegen solcher Alleingänge gemacht wurden. Jetzt ist es an der Zeit, einmal zuzuhören, was die anderen Länder zu sagen haben.

IP: Wird dieser Prozess durch die Wahl Barack Obamas begünstigt?

Mahbubani: Meine Hoffnung ist in der Tat, dass dies mit Barack Obama möglich sein wird. Durch seine Wahl könnte der Antiamerikanismus anderer Länder erheblich reduziert werden. Das Image Amerikas hat sich bereits jetzt deutlich verbessert.

IP: Glauben Sie, dass Obama uns nicht enttäuscht? In vielen Punkten wird er sich nicht allzu sehr von seinen Vorgängern unterscheiden, denken wir an Afghanistan oder die Handelspolitik. Oder ist er bereits aufgrund seiner halbafrikanischen Herkunft der bessere Vermittler?

Mahbubani: Die Afrikaner feierten Obamas Wahl enthusiastisch. Sie hatten schon lange kein Erfolgserlebnis mehr und sehen nun, wie der Sohn eines Afrikaners auf den mächtigsten Platz der Welt gewählt wurde. Das ist ein unglaubliches Signal für ihr Selbstbewusstsein. Gleichzeitig ist seine Wahl auch ein positives Zeichen für junge Muslime in aller Welt. Wie kann es sein, dass ein junger, farbiger Mann mit dem Vornamen Barack Hussein, benannt nach dem Propheten, zum Präsidenten der USA gewählt wurde, während die jungen Husseins in vielen islamischen Gesellschaften nicht einmal eine Führungsposition erhalten?

IP: Wie rasch werden Obamas Worten Taten folgen? Wann wird er seine Truppen aus dem Irak abziehen?

Mahbubani: Jeder neu gewählte amerikanische Präsident wird zum Zeitpunkt seines Amtsantritts feststellen, dass er nicht genau das erbt, was er erwartet hat. Wenn Obama die Verantwortung für die Lage seines Landes im Irak übernimmt, wird er viel vorsichtiger sein, was die Rückzugspläne seiner Soldaten betrifft. Obama wird nicht für einen Bürgerkrieg im Irak verantwortlich sein wollen.

IP: Und wie lange muss der Weltbevölkerung noch der Anblick des Gefangenenlagers in Guantánamo zugemutet werden?

Mahbubani: Ich habe keinen Zweifel, dass Obama es bald schließen wird. Weil Guantánamo ein Schandfleck für das Selbstverständnis Amerikas ist.

Das Interview führte Alicia Rust.


Prof. Dr. KISHORE MAHBUBANI ist Dekan und Professor für angewandte Politik an der Lee Kuan Yew School of Public Policy der National University von Singapur. Sein jüngstes Buch: „Die Rückkehr Asiens“ erschien soeben im Propyläen-Verlag.
 

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 12, Dezember 2008, S. 76 - 79

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