01. Mai 2004

Aufstand in Irak

Der Aufstand in Irak ein Jahr nach dem Beginn des Krieges ist die Folge einer Kette von Fehlentscheidungen
und Fehleinschätzungen seitens der Amerikaner, so der für den STERN aus Bagdad
berichtende Reporter. Eine falsche Entscheidung war es, die irakische Armee aufzulösen. Falsch
eingeschätzt hat man die Bedeutung von Zugehörigkeit zu Volksgruppen, Religionsgemeinschaften
und Clans. Es wurden die falschen Leute protegiert, Versprechungen gemacht und nicht
gehalten und von einer tatsächlichen Abgabe der Souveränität an das irakische Volk kann keine
Rede sein. Unter diesen Umständen sei der Aufstand nicht verwunderlich.

Kostenpflichtig

Niemand berichtete groß darüber, denn es schien nur eine von vielen Rochaden im gigantischen Personalaustausch der amerikanischen Armee in Irak zu sein: Mitte März 2004 ersetzten Truppen der US-Marines die rund um Falludscha stationierten Verbände der 82. Airborne Division. Monatelang war es zuvor vergleichsweise ruhig geblieben in der Stadt, die im vergangenen Jahr zu einem der Zentren des Widerstands gegen die amerikanische Armee im Land geworden war – nachdem deren Soldaten kurz nach Kriegsende dort 17 Demonstranten erschossen hatten, die lediglich auf die Straße gegangen waren, um dagegen zu protestieren, dass die Truppen ausgerechnet mitten in einem Wohnviertel in einer Schule Quartier bezogen hatten.

Denn Falludscha, dessen Scheichs die Stadt den Invasionstruppen kampflos übergeben hatten, ist bekannt für seine ultrakonservativen Bewohner. Aber nach endlosen Scharmützeln hatten sich die amerikanischen Soldaten mit der Bevölkerung dahingehend arrangiert, dass man sich möglichst aus dem Weg ging. Tagelang konnte man in Falludscha keine amerikanischen Truppen sehen, die Imame mochten den Dschihad predigen, aber wenig geschah.

Bis die Marines kamen. Und erst einmal mit groß angelegten Razzien darangingen, vermutete Widerstandsnester und Waffendepots auszuheben.1 Die Spannung stieg, aber immer noch unbemerkt von den Medien. Dann fuhr am Morgen des 31. März ein Konvoi amerikanischer Wachleute durchs Stadtzentrum und geriet in einen Hinterhalt. Fünf Männer starben, und, anders als bei Kämpfen mit der Armee, kamen keine Hubschrauber, keine Verstärkung, um die Toten einzusammeln. Ein entfesselter Mob stürzte sich auf die Leichen, verbrannte, zerhackte vier von ihnen vor den Kameras irakischer Fernsehteams und hängte zwei verstümmelte Körper schließlich an einer Brücke im Stadtzentrum auf.

Nur Tage nachdem der stellvertretende Verteidigungsminister Richard Armitage und General Mark Kimmit ankündigten, ihre Antwort werde „präzis und niederschmetternd“2 ausfallen, begannen die Angriffe von rund 1500 Marines auf die Stadt. Dass die Dinge sich im Folgenden nicht nach Plan entwickelten, lag am Plan. Den beschrieb ein Marines-Leutnant, der ungenannt bleiben wollte, nach einer Woche der Kämpfe: „Kurz gesagt, ist die Situation eskaliert, seit wir hier reingegangen sind. Zuerst bestand unser Plan darin, Handshakes mit der Bevölkerung auszutauschen und die Feinde anzugreifen, wo wir sie finden. Aber als wir hierher kamen, haben wir nur Feinde vorgefunden.“3 Als er dies sagte, gab es nach Aussagen von Ärzten in Falludscha bereits 300 tote Iraker, eine Moschee war bombardiert, alle Wege zum Krankenhaus waren von den Truppen blockiert worden. Seither, bis Ende April, hat sich aus der amerikanischen Vergeltung für einen barbarischen Akt Einzelner ein – noch – lokal begrenzter Krieg entwickelt, der nach Wochen die USA in Waffenstillstandsverhandlungen mit den Kämpfenden in Falludscha getrieben hat. Zwar kämpfen auch ausländische Dschihadisten etwa aus Sudan und Syrien in Falludscha, aber im Wesentlichen verteidigen die Bewohner ihre Stadt. Das ist die eine Front.

In der Annahme, nach der Verstümmelung amerikanischer Bürger mehr Stärke zeigen zu müssen, wollte Paul Bremer, der amerikanische Zivilverwalter in Irak, auch an den bis dato zwar lästigen, aber friedlichen schiitischen Gegnern der Besatzung ein Exempel statuieren. Er ließ Muqtada as-Sadrs Repräsentanten in der heiligen Stadt, Nadschaf Mustafa Yacoubi, verhaften – unter Verweis auf dessen Verwicklung in den Mord an einem Kleriker vor genau einem Jahr. Die Verwicklung gab es vermutlich tatsächlich. Aber die Ermittlungen waren schon ein halbes Jahr zuvor abgeschlossen worden, ohne dass ein Haftbefehl erlassen worden wäre.

Neuer Feind: as-Sadr

Auf genau einen solchen Anlass hatte as-Sadr die ganze Zeit gewartet. Und die amerikanische Verwaltung hat es gewusst, ist sehenden Auges in die Falle ihrer militärischen Macht getappt – nachdem sie zuvor monatelang alle Provokationen ignoriert und as-Sadr den so sehnlich erwünschten Resonanzboden des verfolgten Gegners der ungläubigen Besatzungsmacht vorenthalten hatte.

Denn genau der ist seine politische Marktlücke: Der brennend ehrgeizige, aber ausgesprochen uncharismatische Sohn des hochverehrten Großayatollahs Mohammed Sadeq as-Sadr, den Saddam Hussein 1999 samt der meisten seiner männlichen Verwandten ermorden ließ, hat keine Chance, gegen die 70-, 80-jährigen Großayatollahs des streng hierarchisch gegliederten schiitischen Klerus zu punkten. Er verfügt nicht über eine theologische Ausbildung und kann keine Fatwas erlassen. Als Grund, warum Saddam Hussein ihn – zusammen mit seinem behinderten Bruder – seinerzeit verschonte, kursiert die Vermutung, dass er ihn schlicht für zu dumm hielt, um ihm je gefährlich werden zu können.

Ihm nicht; aber seinen Amtsnachfolgern. „Demonstrationen haben keinen Sinn mehr“, verkündete as-Sadr bei seiner Freitagspredigt in Kufa, dem nicht ganz so heiligen Vorort Nadschafs, wohin er sich schon vor Monaten zurückgezogen hatte, nachdem er an der Phalanx des religiösen Establishments in Kerbala und Nadschaf gescheitert war: „Schlagt zurück gegen die Unterdrücker!“ Und das tun seine Anhänger, die in ihm ein Spiegelbild der eigenen Misere gefunden haben: ehemalige Feddajin, Arbeitslose, Slumbewohner aus Bagdad und dem Süden, die er in der „Mehdi (Messias)-Armee“ organisiert und mit Hilfe aus Iran4 bewaffnet hat. Binnen Tagen überrennen tausende seiner Milizionäre Kerbala und Nadschaf, brechen Aufstände in den Städten des Südens und Bagdads größten – schiitischen – Slums los, vertreiben Mehdi-Truppen die gesamte ukrainische Streitmacht aus der mittelirakischen Stadt Kut, erobern Polizeiwachen, deren Beamte ihnen vielfach freiwillig Autoschlüssel, Waffen und Uniformen aushändigen. „Was sollen sie auch sonst tun“, so ein Beamter in Sadr-City, dem Ort der heftigsten Kämpfe in Bagdad, „jeder Polizist hat doch Mehdi-Männer unter seinen Verwandten.“

In der Annahme, noch mehr Stärke zeigen zu müssen, greifen amerikanische Verbände mit Hubschraubern und Panzern an, wobei weit über 100 schiitische Iraker sterben, und stellen nun auch noch einen Haftbefehl gegen as-Sadr aus: „Capture or Kill“, gefangen genommen oder getötet soll er werden – woraufhin sich as-Sadr auf seinem Familiensitz in Nadschaf, keine 50 Meter vom heiligsten Schrein des schiitischen Islam entfernt, verschanzt. Die ersten Freiwilligen machen sich in Pakistan und Libanon zum schiitischen Dschihad auf den Weg und islamische Kleriker in aller Welt warnen die USA: In Nadschaf einzumarschieren hieße, einen Flächenbrand in der gesamten schiitischen Welt zu entfachen.

Krieg ohne Ende

Exakt ein Jahr nach ihrem Durchmarsch, der binnen drei Wochen zur Implosion von Saddam Husseins Regime führte, stehen die Amerikaner in Irak am Beginn eines erneuten Krieges. Das heißt, eigentlich ist es immer noch derselbe Krieg. Nur mochten ihn die Iraker nicht für Saddam Hussein führen, dessen Macht auf Angst und Abhängigkeit beruhte, nicht auf Glaubensinhalten irgendeiner Art. Die USA wollten sich als Befreier sehen, wahrgenommen aber werden sie von der irakischen Bevölkerung eher als Besatzer. Und gegen diese wehren sich nun Teile der Bevölkerung, die mit Saddams Regime nicht verbunden waren. Ausgerechnet in Tikrit, im vergangenen Herbst und Winter eine Hochburg des Widerstands gegen die amerikanischen Truppen, ist es in den letzten Wochen ruhig geblieben.

Stattdessen zeichnen sich vollkommen neue Allianzen ab: Auf Protestmärschen der Sunniten in Bagdad tauchen Bilder von as-Sadr auf, in schiitischen Predigten wird der „heroische Widerstand“ im sunnitischen Falludscha gepriesen. Delegationen von Falludscha und der Messias-Armee haben sich gegenseitig ihrer Unterstützung versichert. Selbst christliche Kirchen mochten im nationalen Taumel nicht zurückstehen und haben Lebensmittel sowie Medikamente für Falludscha gespendet. Nicht für die Kämpfer, sondern für die Zivilbevölkerung, aber der Unterschied zwischen beiden verschwimmt immer mehr.

Die größte strategische Gefahr für den künftigen irakischen Staat – ein Bürgerkrieg unter seinen verschiedenen Ethnien – verblasst angesichts des neuen Nationalismus, so sehr dieser auch von taktischen Zweckbündnissen geprägt sein mag. Wie tief das geht, ist (noch) nicht abzusehen, zumal der Antrieb des neuen Schulterschlusses die Anwesenheit der amerikanischen Streitkräfte im Land ist. Entfällt dieser Grund, werden wieder entgegengesetzte Kräfte zum Zug kommen, wenn es um die Machtverteilung im Land geht. Aber die Indizien für das Zusammenwachsen der konkurrierenden Gruppen gehen über Aufrufe und Nahrungsspenden hinaus: Die illegalen Waffenmärkte in Bagdad beispielsweise sind so gut bestückt wie lange nicht mehr. Viele Schiiten verkaufen jetzt jene Waffen- und Munitionsbestände, die sie gehortet hatten für den Fall des Bürgerkriegs gegen die Sunniten.

Irakische Milizionäre

Um den Kunstgriff zu schaffen, am 30. Juni den Irakern „die Souveränität“ zurückzugeben, wie Bremers Sprecher Dan Senor gebetsmühlenartig beteuert, aber gleichzeitig die Kontrolle im Land zu behalten, waren in den vergangenen Monaten insgesamt mehr als 200000 irakische Milizionäre bei Polizei, Grenzschutz und dem Iraqi Civil Defense Corps (ICDC) angeheuert und in mehrwöchigen Kursen rudimentär ausgebildet worden. Noch Ende März hatte General Charles Swannack, Kommandeur der 82. Airborne Division, sich lobend über die neuen Truppen geäußert: „Die Sicherheitstruppen führen nicht nur einen tapferen Kampf gegen die Terroristen, in manchen Fällen bestehen sie sogar darauf, ihn allein zu führen. Sie wollen diese Feinde des neuen und freien Iraks schlagen.“5

Doch als es in den Kampf gegen die von amerikanischen Sprechern wahlweise als Terroristen oder als Aufständische bezeichneten Männer in Falludscha ging, bestanden große Teile des gerade erst zeremoniell vereidigten 2. Bataillons darauf, dass nun die Amerikaner diesen Kampf allein führen sollten – und weigerten sich auszurücken, weil sie, so einer der Soldaten, „nicht hier sind, um auf Iraker zu schießen“. Zwei Tage lang wurden die Befehlsverweigerer von amerikanischen Truppen interniert und dann entwaffnet. Offiziere sprachen von „Kommunikationsproblemen“, während Salama al-Chafadschi vom Regierungsrat die Dissidenten für ihren Patriotismus lobte.6 Zwei Wochen später bilanzierte General Martin Dempsey, Kommandeur der in Bagdad stationierten 1. Armored Division, dass in den Kämpfen der vergangenen Tage „40 Prozent der Sicherheitskräfte, die wir im vergangenen Jahr aufgebaut haben, den Dienst quittierten, während zehn Prozent aktiv gegen uns gearbeitet haben.“7

Aber auch jene irakischen Einheiten, die Seite an Seite mit den Marines in Falludscha kämpfen, tragen nicht zur Stabilisierung des künftigen Staates bei. Denn zwar kämpften kurdische Verbände der Peshmerga-Milizen, die in die neue Armee integriert werden sollen, wie schon im April 2003 an vorderster Front der Amerikaner; doch damit hat sich die Kluft zwischen Sunniten und Schiiten auf der einen, Kurden auf der anderen Seite noch vertieft, die sich bereits in den vergangenen Monaten im Rahmen der Debatte über das Ausmaß kurdischer Autonomie auftat. „Kurden, schlimmer als Schweine und Diebe“,8 heißt es auf einem Flugblatt, das in Falludscha und Bagdad kursiert; auf den Straßen gelten die Kurden als Verräter am Kampf der Iraker.

Es ist viel darüber geschrieben worden, dass die USA in Irak kein politisches Projekt betreiben, keine realisierbare Strategie des Umbaus, die mit den Mitteln einer gigantischen Streitmacht und einer vergleichsweise winzigen, wenig koordinierten Truppe ziviler Aufbauhelfer überhaupt umsetzbar wäre. Nun aber zeichnet sich ab, dass die USA nicht nur kein politisches Projekt in Irak haben, sondern auch kein militärisches. Denn was genau wäre ein Sieg in Falludscha, der mit aller militärischen Macht nun erkämpft werden soll? Bestenfalls ein kurzes Innehalten, bis die Kontrolle über die Stadt wieder an irakische Hilfstruppen abgegeben wird, die nach wenigen Tagen entweder attackiert werden oder von vornherein eher mit ihren Landsleuten sympathisieren statt mit den Besatzern.

Unter Washingtons konkurrierenden Kräftezentren hatte sich bereits vor dem Krieg jene Fraktion durchgesetzt, die den Mikrokosmos der irakischen Gesellschaft entweder nicht verstanden oder ignoriert hat. Wie funktionieren Loyalitäten, nach welchen Kriterien sortierte sich die irakische Gesellschaft unterhalb des eisernen Unterdrückungssystems von Saddam Hussein? Was zählte, waren und sind die genealogischen Linien: Familie, Clan, Stamm, dann Ethnie, Konfession. Die wenigen politischen Organisationen wie die einst starke, in den dreißiger Jahren gegründete Kommunistische Partei waren zerschlagen worden, politische Repräsentation, ein Parlament, friedliche Partizipation hatte es ohnehin nur in zarten Anfängen gegeben.

Fatale Fehler

In Unkenntnis dieser nach außen hin kaum sichtbaren Linien beging das Pentagon unmittelbar nach dem Fall Bagdads einen Fehler von erheblicher Tragweite: die Auflösung der irakischen Armee. Der stellvertretende amerikanische Verteidigungsminister Paul Wolfowitz und die anderen Neokonservativen in Washington propagierten, Irak „von Grund auf“ neu zu errichten. Dass mit dem Regime auch seine Elitekampftruppen wie die Republikanische Garde, die Sondergarde sowie die gefürchteten Geheimdienste untergingen, sich auflösten und verboten wurden – ebenso wie die Baath-Partei –, nahm die irakische Öffentlichkeit hin.

Nicht aber, dass die Armee einfach aufgelöst, ihre 400000 Angehörigen unehrenhaft und unbezahlt per Dekret entlassen wurden. Denn zum einen gab es die Armee lange vor Saddam Hussein, zum anderen hielt Saddam selbst sie für wenig loyal, was insofern zutraf, als sie im Krieg eher passiv blieb. Ihre Auflösung hat zwei massive Probleme aufgeworfen, die in ihrem vollen Ausmaß erst jetzt zum Tragen kommen: Der Zorn der Entlassenen, die militärisch ausgebildet und zumeist im Besitz von Waffen sind, hat eine nicht unbeträchtliche Zahl von ihnen in den Widerstand getrieben. Die hastig neu Rekrutierten wiederum fühlen sich in ihrer Loyalität im Zweifelsfall eher ihrer Herkunftsmiliz, ihrer Familie, ihrem Stamm verpflichtet – sofern sie nicht von vornherein vorhaben, den militärischen Marsch durch die Institutionen anzutreten, um ihren Kampf gegen die amerikanischen Truppen von innen zu führen.

Fragt man heute amerikanische Regierungsvertreter und Militärs in Bagdad, verfolgt die Pressekonferenzen und Verlautbarungen, so kristallisiert sich eine Annahme über die gegenwärtige Situation hinaus: dass man nicht abziehen könne, bevor „der Job nicht erledigt“, „unfinished business“9 nicht zu Ende gebracht sei. Sie verkennt die umgekehrte Tendenz der Entwicklung: Es wird nicht besser, je heftiger sie angreifen, sondern immer schlimmer. Nichts ist statisch, weder sind es die „Aufständischen“, noch der ehedem leidlich neutrale mehrheitliche Rest der Bevölkerung.

Doch die amerikanischen Offiziere und politischen Spitzen gehen von statischen Größen aus, von Gegnern, die in Zahl und Überzeugung gleich bleiben und nur vernichtet werden müssen, um die Lage zu beruhigen. Was ihnen verborgen bleibt, ist die Eigendynamik ihrer 135000 Soldaten starken Kriegsmaschinerie und was deren bloße Präsenz, Irrtümer, Angriffe und Gegenschläge in Gang setzen: wenn Passanten im Taxi von einem wendenden Panzer zerquetscht, Reporter des eigenen Haussenders „Iraqiya“ von Kugeln durchsiebt, Passanten erschossen werden, die das Pech hatten, nahe dem Ort eines Anschlags zu sein.

Parallelen zu Vietnam

Die Regierung habe sich „mit geringer Kenntnis, mangelhafter Erfahrung und vereinfachenden Annahmen“ in den Krieg verstrickt – sagt der ehemalige amerikanische Verteidigungsminister Robert McNamara heute über den Vietnam-Krieg. Doch diese Erkenntnis passt auch auf das heutige Geschehen in Irak. Wie McNamara damals dem Irrtum erlag, in Vietnam müsse der Weltfeind aufgehalten werden, haben Präsident George W. Bush und die Neocons ihn nun in Irak geortet – damals den Kommunismus, heute den islamistischen Terrorismus. Allein: In beiden Fällen hat Amerika die Schauplätze seiner Kriege wie eine knetbare Verfügungsmasse behandelt und dabei jene treibende Kraft unterschätzt, die ihm in Vietnam zum Verhängnis wurde und deren Entstehung es in Irak gerade forciert: Nationalismus. Jene ungeheure Energie, die Völkern ihre Identität stiftet, die Menschen ebenso zu opferwilligen Märtyrern wie zu enthemmten Mördern werden lässt.

Es ist eine Kraft, die sich in der geschichtlichen Erfahrung zumeist weit vor der Einführung demokratischer Verhältnisse durchgesetzt hat und die in Zeiten äußerer Bedrohung stärkere Resonanz entfaltet als Bürgerrechte und Wahlen. So auch in Irak, wo das seriöseste Umfrageinstitut Iraq Center for Research and Strategic Studies (ICRSS) im Februar 2004 1600 Iraker nach ihrer Definition von Souveränität befragte: 29,3 Prozent gaben „Wahlen“ an, 64 Prozent votierten für „unabhängig von äußerer Kontrolle“.10

Genau die aber will Washington nicht aufgeben. Erst auf Druck der irakischen Öffentlichkeit war man zu Zugeständnissen bereit, wurde aus dem ursprünglich vorgesehenen „Beratungsgremium“ der bis zum 30. Juni amtierende Regierungsrat. Dann vereitelte die Coalition Provisional Authority (CPA) unter Bremer alle frühzeitigen Bemühungen, Wahlen möglich zu machen. Bereits im Oktober 2003 hatten Experten des irakischen Planungsministeriums dargelegt, wie sie binnen zehn Monaten aus den Datenbeständen der Lebensmittelbezugsscheine, Melderegister und der Volksbefragung von 1997 ein Wahlregister aufstellen könnten – die CPA verwarf das Projekt und verschwieg sogar dem Regierungsrat dessen Existenz.11 Der Sonderbeauftragte der Vereinten Nationen für Irak, Lakhdar Brahimi, indes plädierte am 27. April gar für die möglichst rasche Bildung einer Übergangsregierung, die bereits „Ende Mai“ ihre Arbeit aufnehmen könnte.12

Insgesamt sei es der CPA gelungen, so einer ihrer irakischen Berater gegenüber der Washington Post, „genau jene Politiker unpopulär werden zu lassen, die sie protegiert haben – während jene populär wurden, deren Aufstieg die Amerikaner gerade verhindern wollten“.13 Es sei das Problem der Amerikaner, so der reaktivierte irakische General Abdulkadir Mohammed, „dass die Amerikaner nur mit Ja-Sagern zusammenarbeiten wollen“.14 Schon jetzt gehen die meisten Mitglieder des Regierungsrats auf Distanz zu den USA, um nicht noch tiefer in den Strudel öffentlicher Ablehnung zu geraten.

In derselben ICRSS-Umfrage, in der doppelt so viele Befragte Unabhängigkeit statt Wahlen als Wesensmerkmal von Souveränität nannten, sprachen sich 65,2 Prozent dafür aus, die für den 30. Juni terminierte Machtübergabe lieber zu verschieben, um direkt im Anschluss Wahlen abhalten zu können – während lediglich knapp 30 Prozent dafür waren, den Termin einzuhalten um den Preis, dass die Macht abermals an eine nicht gewählte Regierung übergeben werde.

Mit diesem aus innenpolitischen Gründen gewählten Termin hat sich Bush in eine schwierige Lage manövriert: Er wollte den frühen Termin der offiziellen Machtübergabe nutzen, um seinen Präsidentschaftswahlkampf unbelastet von weiterer Verantwortung für das irakische Chaos führen zu können, obwohl bis heute nicht klar ist, was dort genau an wen übergeben werden soll. Voraussichtlich werden die Vereinten Nationen und die amerikanische Regierung gemeinsam eine neue Regierung sowie einen „Konsultativrat“ auswählen. Doch dieser Regierung wird es, so der Stand Ende April, untersagt sein, Gesetze zu ändern.15 Außerdem sollen Truppen der Iraker, der dahinschmelzenden Koalitionsstreitkräfte sowie die im Verborgenen operierenden Geheimdienste unter amerikanischem Kommando bleiben. Es sei klar geworden, so Bremer, dass „die irakischen Streitkräfte nicht in der Lage sein werden, mit den Bedrohungen fertig zu werden. Stattdessen werden Truppen aus vielen Ländern, darunter auch den USA, ihnen zur Seite stehen, um den Irakern die Sicherheit zu geben, die sie brauchen.“16

Nur wollen immer weniger Iraker diese Sicherheit, und immer mehr fordern jene tatsächliche Souveränität, die die USA immer weniger abzugeben bereit sind . So scheint die Dynamik sich in eine andere Richtung zu entwickeln: Aus einem Termin in Irak, den Bush für seine Wahlkampagne in den USA nutzen wollte, wird ein Termin, den die Iraker gegen Bush benutzen werden. Es wird nicht funktionieren, erst Souveränität zu versprechen, und sie dann doch nicht zu gewähren. Damit hat die Regierung Bush ihren irakischen Gegnern ein machtvolles Instrument in die Hand gegeben: ein Versprechen. Und das werden sie einfordern.

In der Praxis betreibt Washington zunehmend eine Kolonialpolitik wie einst die Briten, will aber nach eigenem Bekunden gar nicht deren klassische Ziele erreichen. Niemand wäre früher auf die Idee gekommen, „Demokratie“ als imperialistische Perspektive zu formulieren. Doch genau das, ein demokratisches und freies Irak, ist die Maxime der amerikanischen Besatzung. Die faustische Implikation ihrer erklärten politischen Ziele in Irak nun liegt darin, dass sie das Ziel eines geeinten Iraks am ehesten dann erreichen werden, wenn sie militärisch verlieren. Nationalstaaten und das mit ihrer Entstehung einhergehende Mythenrepertoire wachsen nicht aus der Unterwerfung, sondern aus dem Widerstand gegen die Fremdherrschaft.

Je länger die Kämpfe weitergehen, desto stärker wird sich die arabische Allianz aus Sunniten und Schiiten verfestigen, wird sich der Graben zu den Kurden vertiefen. Doch auch wenn das jetzige Besatzungsregime an seinen inneren Widersprüchen scheitert, ist spätestens an diesem Punkt die Parallele zu Vietnam am Ende. Dann nämlich werden mit voller Wucht jene Zentrifugalkräfte wieder einsetzen, die im Kampf um die Macht über Land und Ressourcen sowohl die drei großen Ethnien und Konfessionen, ihre intern gespaltenen Lager als auch die längst involvierten Nachbarstaaten in einen Bürgerkrieg führen könnten.

Anmerkungen

1Vgl. Christian Science Monitor, 30.3.2004.

2Vgl. San Francisco Chronicle, 2.4.2004.

3Vgl. Agence France Presse (AFP), 9.4.2004.

4Vgl. Asia Times, 15.4.2004 und 17.4.2004.

5Vgl. Cincinatti Post, 29.3.2004.

6Vgl. Az-Zamman, 7.4.2004.

7Vgl. Associated Press, 21.4.2004.

8Vgl. Washington Post (WP), 18.4.2004.

9Vgl. New York Times (NYT), 26.4.2004.

10Vgl. ICRSS, „February Public Opinion Poll in Iraq“, Bagdad 2004.

11Vgl. NYT, 4.12.3003.

12Vgl. dazu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.4.2004.

13Vgl. WP, 18.4.2004.

14Vgl. Christian Science Monitor, 21.4.2004.

15Vgl. AFP, 25.4.2004.

16Vgl. NYT, 19.4.2004.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, Mai 2004, S. 105-112

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