Buchkritik

01. Jan. 2020

Allerlei Abgesänge

Untergangsstimmung auf dem Buchmarkt: Ist der Westen noch zu retten? Vier Erklärungsversuche und Therapievorschläge.

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Bild: Bücher auf einem Schreibtisch
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Geht er bei Ihnen auch immer unter? Der Westen? Aufgegangen scheint er schon lange nicht mehr – jedenfalls nicht auf den westlichen Buchmärkten. Dort reiht sich Untergang an Untergang – mal militärisch, mal politisch, mal wirtschaftlich, mal gesellschaftlich, oder auch gerne alles zusammen und dabei noch gleichzeitig.



Warum also immer wieder neue Bücher über den Westen und die von ihm geprägte Weltordnung lesen? Weil man sich dem Thema nicht entziehen kann und darf. Es geht schließlich um einen selbst, zumindest wenn man sich dem Westen zugehörig fühlt.



Und bereits hier beginnt die Herausforderung. Wo und wofür steht der Westen heute und in Zukunft? Im Kalten Krieg war diese Frage noch relativ einfach zu beantworten – in der klaren Frontstellung zur Sowjetunion und dem Warschauer Pakt, zu China, Nordkorea oder Vietnam mit all ihren Spielarten und Ausprägungen von Kommunismus und Sozialismus. Für westliche Modelle von Demokratie und Marktwirtschaft war es um einiges einfacher als heute, nicht nur deutlich unterscheidbarere, sondern auch sichtbar erfolgreichere Gegenentwürfe zu präsentieren.



Doch nun scheint sich der Westen mehr und mehr selbst infrage zu stellen. Sein Zusammenhalt bröckelt. Die Fliehkräfte werden stärker. Es wirkt, als zersetze sich der Westen selbst, als sei er sich selbst der größte und gefährlichste Gegner.

Zeitalter der Nachahmung

Wie es dazu kommen konnte, schildern Ivan Krastev und Stephen Holmes. Die beiden bilden ein dafür ideal geeignetes Duo: Krastev, geboren in Bulgarien, ist Wissenschaftler und Autor für die internationale Ausgabe der New York Times. Sein Essay „Europadämmerung“ wurde viel diskutiert und hochgelobt. Und Stephen Holmes, Professor für Rechtswissenschaften an der School of Law der New York University, forscht seit vielen Jahren zur Geschichte des Liberalismus.



Zwar ist die Erklärung von Krastev und Holmes nicht wirklich neu, wie die liberale Demokratie zum Opfer ihres im Kalten Krieg prognostizierten Erfolgs wurde. Aber die beiden Experten für die krisenhafte Geschichte des Westens rufen Gründe ins Bewusstsein, die oftmals nicht genug Beachtung finden.

In der Regel wird die nachlassende Strahlkraft des Westens im Wesentlichen auf die politischen Ereignisse zurückgeführt, welche die westliche Welt und ihre Werte in ihren Grundfesten erschütterten: die terroristischen Anschläge vom 11. September 2001; der Irakkrieg 2003; die vom Westen ausgehende globale Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007; die als Ohnmacht wahrgenommene Reaktion der Amerikaner und Europäer auf Russlands Krimannexion und den Syrienkrieg; das politische Management der Flüchtlingskrise in Europa; das Brexit-Referendum 2016 mit all seinen innereuropäischen Verwerfungen; und schließlich die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten und die nachfolgende Krise des transatlantischen Verhältnisses.



Gewiss: Dies alles spielte eine Rolle. Doch nicht weniger wichtig war aus Sicht der Autoren etwas, das sie mit „Nachahmung“ beschreiben: Nach dem Ende des Kalten Krieges sei das liberal-demokratische Modell westlicher Prägung „alternativlos“ geworden. Die vom Westen dominierte unipolare Weltordnung habe den Liberalismus im Reich der moralischen Ideale unangreifbar wirken lassen. In der Folge seien seine Werte dem Osten als Imperativ „übergestülpt“ worden.



Das seinerzeit ausgerufene „Ende der Geschichte“ hat nach dem Urteil von Krastev und Holmes in Wahrheit ein Zeitalter der Nachahmung eingeläutet. Drei Jahrzehnte lang habe sich der Osten gezwungen gesehen, den Westen zu imitieren. Dabei sei er in Gefühlen von Unzulänglichkeit, Abhängigkeit und Identität versunken. Denn Menschen brauchen Wahlmöglichkeiten, wie die Autoren zu Recht mahnen. Sie ließen sich nicht gerne von außen vorschreiben, wie das „richtige“ Leben auszusehen habe – schon gar nicht, wenn derjenige, der es vormache, in Sachen Werte und Moral stetig an Glaubwürdigkeit verliere. Hier glauben Krastev und Holmes nicht nur ein gefährliches „Wertevakuum“, sondern auch die wahren Gründe der weltweiten „antiliberalen Revolution“ zu erkennen, in der gegenwärtig Demokratien zu zerbrechen drohen – gerade in Osteuropa.

Weltwirtschaft in Gefahr

Kaum eine Entwicklung von historischer Bedeutung war je monokausaler Natur; das dürfte auch für die heutige Krise des Westens gelten. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, genügt ein Blick in die Geschichte des Neoliberalismus und der globalen politischen Diskussionen nach 1945, die Quinn Slobodian vorgelegt hat. In ihr schildert der im kanadischen Edmonton geborene Associate Professor am Department of History des Wellesley College in elegantem und leicht verständlichem Stil, wie eine Gruppe westlicher Denker nach dem Zusammenbruch des Habsburgerreichs versuchte, in einer internationalen Situation der Anarchie weltweit anzuwendende Regelwerke zu entwickeln.



Im Fokus steht bei Slobodian eine Gruppe von Ökonomen um Friedrich von Hayek und Wilhelm Röpke. Sie wurde von der Sorge getrieben, nationale Massendemokratien könnten durch Zölle oder Kapitalverkehrskontrollen das Funktionieren der Weltwirtschaft gefährden.

Heute, da Handelspolitik erneut nicht mehr nur eine Angelegenheit von Juristen, sondern zum Gegenstand heftiger politischer Auseinandersetzungen auch innerhalb des Westens geworden ist, erscheint Slobodians ideengeschichtliches Werk genau zum richtigen Zeitpunkt. Denn bereits nach dem Ersten Weltkrieg bestand die Vision der genannten Ökonomen darin, den Markt auf der globalen Ebene zu verrechtlichen und damit zu schützen.



Slobodian begleitet seine Protagonisten durch das 20. Jahrhundert, durch die Geschichte von Freihandel und neoliberaler Globalisierung, und macht damit nacherlebbar, wie sie durch ihre Reaktionen auf neue Herausforderungen wie Entkolonisierung oder europäische Integration aus einer anfänglichen Außenseiterposition heraus die Deutungshoheit eroberten.



Fast wünscht man sich, Geschichte möge sich doch einmal ausnahmsweise wiederholen, um die bereits beträchtlichen Schäden durch den Brexit-Prozess und die Handels- oder besser: Nichthandelspolitik von Donald Trump für Amerika wie für Europa zumindest einzudämmen.

Clash der Geschäftskulturen

Während der Westen mit sich selbst beschäftigt ist, verschieben sich in einem Bereich die Gewichte weiter zu seinen Ungunsten, der die zukünftige Weltordnung prägen wird – in der Künstlichen Intelligenz. Kai-Fu Lee berichtet aus chinesisch-amerikanischer Perspektive, wie westliche und östliche Geschäftskulturen aufeinanderprallen.



Der Ex-Google-China-CEO, milliardenschwerer Start-up-Investor und renommierter KI-Experte mit über 50 Millionen Followern in den sozialen Medien erklärt, warum die Silicon-Valley-Strategien in China scheitern mussten: „Wenn sich chinesische Investoren, Unternehmer und staatliche Stellen gemeinsam auf eine Branche konzentrieren, können sie die Welt in ihren Grundfesten erschüttern.“



Lee, 2013 vom Time Magazine in den Kreis der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten gewählt, ist heute Chairman und CEO von Sinovation Ventures. Er beschreibt, wie sich die Volksrepublik zu einer der weltweit führenden Anbieter von KI-Lösungen entwickelt hat.

Die schiere Größe der chinesischen Bevölkerung und die Tatsache, dass sie die Mobilfunktechnologie als Teil ihres Lebens akzeptiere, hätten China einen entscheidenden Vorteil bei der Erhebung von Qualitätsdaten verschafft. Hinzu kämen die unermüdliche „The-winner-takes-it-all“-Unternehmenskultur, die langjährige Wagniskapitalfinanzierung sowie staatliche Anreize für die Entwicklung Künstlicher Intelligenz.



Europa verfügt nach Lees Urteil nach wie vor über einen Vorsprung in Bezug auf den Kernbereich der KI-Forschung. Allerdings seien zahlreiche europäische Forscher und Ingenieure in die Vereinigten Staaten ausgewandert oder hätten sich amerikanischen Unternehmen in Europa angeschlossen. Das habe nicht nur mit den besseren Erwerbsmöglichkeiten zu tun, sondern auch damit, dass Amerika alle westlichen Technologieriesen beheimate, die führend in Sachen KI seien. Zudem seien die USA mit ihrem Mut zu Investitionen hochgradig anziehend für junge Talente, die an der Entwicklung von KI-Lösungen mit weltweiten Folgen mitwirken wollen.



Was tun? Lee rät den Europäern, Arbeitsplätze für ihre talentierten KI-Ingenieure zu schaffen. Das Wagniskapital-Ökosystem müsse noch viel leistungsfähiger werden, um europäische KI-Unternehmer wirksam zu fördern und sie von einer Auswanderung abzuhalten. Die EU könne ihren Binnenmarktansatz bei der Kommerzialisierung von KI festigen.

Robuster Liberalismus

Wie der Westen als Ganzes sich als strategische Wertegemeinschaft erneuern kann, führt Thomas Kleine-Brockhoff vor Augen. Der Vizepräsident und Berliner Büroleiter des German Marshall Fund of the United States sieht keinen Grund, sich kampflos dem nationalistischen Zeitgeist zu ergeben. Statt zu jammern, dass eine antiliberale Ära nicht mehr abzuwenden sei, sollten jene, die sich der liberalen Demokratie verbunden fühlten, lieber damit anfangen, Gegenstrategien zu entwickeln. Eine davon benennt der ehemalige Leiter Planungsstab und Reden im Bundespräsidialamt als  „robusten Liberalismus.“



Dieser beginne mit einer schonungslosen Selbstkritik des Westens. Drei Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs fordert Kleine-Brockhoff ein Ende der Arroganz. Im Überschwang der historischen Wende von 1989 hatte man seinerzeit geglaubt, die ganze Welt werde sich der Demokratie nach westlichem Vorbild zuwenden. Ein goldenes Zeitalter sollte kommen. Triumphalismus und Hybris waren die Folgen.



„Heute“, so Kleine-Brockhoff, „stehen wir vor den Trümmern unserer Erwartungen“. Gleichwohl dürfe man jetzt nicht aus der Enttäuschung heraus von einem demokratischen Determinismus in einen populistischen Determinismus verfallen.



Dieses Denken sehe den Neo-Nationalismus auf einem nicht zu stoppenden Siegeszug: „Sogar die mögliche Abwahl von Führungspersonen habe keine Auswirkungen, weil deren Nachfolger ähnlichen Grundströmungen im Wahlvolk ausgesetzt seien. Also quasi vom Ende der Geschichte zum ewigen Populismus.“ Dies wäre in der Tat ahistorisches Denken.



Kleine-Brockhoff hat die Geschichte der westlichen Demokratien auf seiner Seite, wenn er davon ausgeht, dass der Neo-Nationalismus seine eigenen Antikörper erzeugt – die Opposition, die ihn zu Fall bringen könnte. Dass die liberalen Demokratien ihre Krise überwinden könnten – auch damit rechne der linear geprägte Zeitgeist nicht. Allerdings unterschätzen die Vertreter dieses Zeitgeists nach der zutreffenden Analyse Kleine-Brockhoffs nicht nur die Widerstandsfähigkeit, sondern auch die Reform- und Wandlungsfähigkeit von Institutionen – und generell die Selbstheilungskräfte von Demokratien.

Wenig versprechen, viel halten

Die Untergangspropheten des Westens sind dem Autor zu laut. Sein Gegengift gegen Kulturpessimismus und Gegenwartsblues ist der robuste Liberalismus. Dieser denke den Westen neu, indem er überschießende Ambitionen zurückstutze und die liberale Überdehnung beende: „Er setzt auf einen Universalismus, der bescheidener auftritt und deshalb durchsetzungsstärker ist, der weniger verspricht und deshalb mehr halten kann, der weniger missionarisch und doch prinzipientreuer daherkommt.“



Wie bei vielen Autoren zum Thema ist auch bei Kleine-Brockhoff von einem Häutungsprozess des Westens die Rede, einer Auseinandersetzung um Wesen, Bedeutung und Wirkung liberaler Werte in der internationalen Politik.



Die Zukunft der globalen Ordnung sieht der Autor in einer Welt aus Nationalstaaten in wechselseitiger Machtkonkurrenz. Deshalb gilt es in seinen Augen, die Ordnung als eine zu konzipieren, die abwehrbereit und zugleich in der Lage ist, Regeln zu etablieren und durchzusetzen – „in einem Wort: robust“. An Anzeichen dafür, dass ein solcher robuster Liberalismus gelingen kann, mangelt es dem Autor zufolge nicht: Die liberale Überdehnung könne enden, weil die liberale Hegemonie Amerikas ende und weil dem demokratischen Bekehrungsdrang die Mittel fehlten.



Wer von Autokratien keine Demokratisierung mehr erwarte, dem falle es leichter, auf Regeltreue in den internationalen Beziehungen zu pochen. Folgt man diesem Denken Kleine-Brockhoffs, dürfte zumindest die Wahrscheinlichkeit kleiner werden, dass der Westen immer weiter untergeht – nicht wenig in einer Zeit, die mehr von östlicher als von westlicher Aufbruchstimmung geprägt ist.

Dr. Thomas Speckmann ist Historiker, Politikwissenschaftler und Lehrbeauftragter am Historischen Institut der Universität Potsdam.

  • Ivan Krastev und Stephen Holmes: 
Das Licht, das erlosch. Eine Abrechnung. 
Berlin: Ullstein 2019. 366 Seiten, 26,00 Euro
  • Quinn Slobodian: Globalisten. Das Ende der Imperien und die Geburt des 
Neoliberalismus. Berlin: Suhrkamp 2019. 
523 Seiten, 32,00 Euro
  • Kai-Fu Lee: AI Superpowers. China, Silicon Valley und die neue Weltordnung. Frankfurt am Main: Campus 2019. 
320 Seiten, 26,00 Euro
  • Thomas Kleine-Brockhoff: Die Welt braucht den Westen. Neustart für eine 
liberale Ordnung. Hamburg: Edition 
Körber 2019. 205 Seiten, 18,00 Euro
Bibliografische Angaben

Internationale Politik 1, Januar/Februar 2020, S. 120-123

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