In 80 Phrasen um die Welt

28. Apr. 2025

In 80 Phrasen um die Welt: „Koalition der Willigen“

Jörg Lau
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Bild: Illustration eines Spruckbandes das die Erde umkreist
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Dass der Begriff der „Koalition der Willigen“ wieder da ist, überrascht – ist er doch mit einem der schlimmsten Debakel der westlichen Interventionskriege verbunden, dem Angriff auf den Irak von 2003. Die Amerikaner führten die Formel damals ein, um Verbündete für ihren Krieg anzuwerben. Heute sind es umgekehrt die Europäer, die eine solche Koalition zusammenstellen – und sie umwerben die USA, weiter mitzumachen. 

Die Formel kam ursprünglich auf, als sich die USA zum Überfall auf den Irak entschlossen hatten. Die Kriegsgründe (Massenvernichtungswaffen, Al-Kaida-
Verbindungen des Regimes) waren, wie viele ahnten und sich bald auch zeigte, frei erfunden. Der Waffengang war entsprechend weltweit unpopulär. 

George W. Bush jedoch sprach von einer Koalition der Willigen, als hätten die USA breite Unterstützung für ihren Krieg. Eine Liste Dutzender Staaten wurde erstellt, von denen sich in Wahrheit nur drei – Großbritannien, Australien und Polen – direkt am Angriff beteiligten. Die anderen, allesamt US-Klienten, schickten später Truppen zur Absicherung und Aufstandsbekämpfung. 

Heute ist es der britische Premier Keir Starmer, der mit Emmanuel Macron eine „Koalition der Willigen“ zu schmieden versucht. Der Wille der Europäer soll den Unwillen der Trump-Regierung aufwiegen, die Ukraine weiter zu unterstützen. 

Warum aber greift Starmer ausgerechnet zu dieser Phrase, die mit einer gescheiterten Intervention verbunden ist? Er will den Amerikanern in Erinnerung rufen, wie willig die Briten sie seinerzeit begleiteten. Von Donald Trump im Gegenzug Loyalität zu erwarten, ist kühn – zumal Trump den Kriegseinsatz im Irak rückblickend als „dumm“ brandmarkt. Starmer und Macron wollen mit ihrer europäischen Initiative die USA auf dem Kontinent engagiert halten. Sie bieten einen neuen Deal an: Wir Europäer übernehmen die Hauptlast der Ukraine-Unterstützung und gehen auch ins Risiko mit Truppen, die einen von euch ausgehandelten Waffenstillstand absichern. Ihr müsst nur als letzter Garant dabeibleiben! 

Die Koalition der Willigen wirbt darum, dass die USA den Einsatz mit einer Sicherheitsgarantie („backstop“) schützen. Das ist von amerikanischen Regierungsvertretern allerdings mehrfach ausgeschlossen worden, etwa von Verteidigungsminister Pete Hegseth bei seinem ersten Besuch in Brüssel. Seine Botschaft: Keine US-Truppen für diese Koalition, kein Artikel 5 für NATO-Mitgliedstaaten, wenn ihre Soldaten in der Ukraine angegriffen würden. Bleibt es bei dieser amerikanischen Linie, könnte der Willen der europäischen Koalition getestet werden, ihre Sicherheit selbst zu garantieren, wenn es zu einem Waffenstillstand kommt. 

Dass heute wieder Koalitionen der Willigen aufgestellt werden, hat seinen Grund im Umbruch der internationalen Ordnung – weg von Allianzen, Verträgen und Institutionen, hin zur Großmachtpolitik. Innerhalb der „regelbasierten Weltordnung“ – im Rahmen von UN, NATO, EU – lassen sich die drängendsten Probleme nicht mehr lösen, weil wichtige Teilhaber nicht mitziehen. 

Ein Unterschied fällt auf: 2003 diente die Formel dazu, einem Überfall den Anschein von Legitimität zu geben. Heute will eine Koalition der Willigen einen Angriffskrieg beenden.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 3, Mai/Juni 2025, S.15

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Jörg Lau ist außenpolitischer Korrespondent der ZEIT in Berlin und Kolumnist der „80 Phrasen“. Sein Buch „Worte, die die Welt beherrschen. Was die Phrasen der Außenpolitik wirklich bedeuten“ (Droemer 2025) beruht auf dieser Kolumne.
 

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