In 80 Phrasen um die Welt

29. Apr. 2024

Die Transatlantiker

In 80 Phrasen um die Welt: Nicht erst seit den Trump-Jahren haben Verfechter des Bündnisses mit den USA in Deutschland einen schweren Stand. Doch Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat hier einiges verändert.

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Bild: Illustration eines Spruckbandes das die Erde umkreist
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In der frühen Bundesrepublik war Transatlantizismus die Standardeinstellung aller führenden Außenpolitiker. Die USA hatten die Rückkehr des diskreditierten Landes in die Weltgemeinschaft ermöglicht. Doch Transatlantiker haben schon lange keinen leichten Stand mehr, nicht erst seit den Trump-Jahren, sondern mindestens seit George W. Bush. 

Transatlantische Netzwerke wie Atlantik-Brücke oder GMF galten linken Kritikern immer schon als Einflussinstrumente des Pentagons. Das Debakel des Interventionismus nach dem 11. September popularisierte die Kritik. Dass man sich vom übermächtigen Paten USA lossagen müsse, wurde zum Gemeinplatz.

Dann die überraschende Wendung: Der Pate selbst begann sich abzuwenden. Barack Obama verkündete eine „Wendung nach Asien“. Sein Nachfolger Donald Trump erklärte die NATO für „obsolet“. Die Europäer, allen voran die Deutschen, sah er als gewiefte Schmarotzer, die sich von Amerika beschützen ließen und zugleich die US-Industrie mit Exporten zerstörten.

Angela Merkel formulierte 2017 in thera­peutisch gedämpfter Sprache die bange Vorahnung, „die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei“. Die Gründungsnationen der atlantischen Allianz fielen im Zeichen von America First und Brexit dem Isolationismus und Nationalismus anheim. Panik ging um, Deutschland könnte im westlichen Bündnis bald allein zuhause sein.

Putins Angriff auf die Ukraine enthüllte zudem das erschreckende Maß der Abhängigkeit Europas von Amerika. Jetzt stellte sich nicht mehr die Frage, ob Deutschland sich von den USA lösen sollte, sondern im Gegenteil: ob und wie man die Amerikaner im europäischen Spiel halten könnte. 

Olaf Scholz’ berühmte Zeitenwende-Rede verfolgte im Kern dieses Ziel. Eilig räumte der Bundeskanzler alles ab, was den Verdacht deutscher Trittbrettfahrerei schüren konnte, versprach Waffenlieferungen, höhere Rüstungsausgaben und bestellte Milliarden teure amerikanische F-35 Kampfjets. 

Scholz ist ein später, aber um so glühenderer Transatlantiker. Zentrale Entscheidungen stimmt er mit dem Weißen Haus ab, man denke an die Panzerlieferungen. Wer sich nach seiner Strategie erkundigt, wird von Scholz auf einen Meinungsbeitrag Joe Bidens in der New York Times verwiesen, man könne es nicht besser sagen. Seit Brandt und Kennedy war kein Sozi einem US-Präsidenten so nah. Nicht nur aus persönlicher Sympathie: Die amerikanische Abschreckung ist dank Putins Drohungen wieder als sicherheitspolitische Lebensversicherung Deutschlands spürbar. 

Olaf Scholz’ Proamerikanismus ist voller biografischer Ironie. Als junger Linksradikaler hatte er einst die große Friedensdemo im Bonner Hofgarten mit organisiert. Die Angst vor den USA und der Nachrüstung Deutschlands mit deren Atomwaffen (initiiert vom Sozialdemokraten Helmut Schmidt) hatte Scholz auf die Straße getrieben. Als Kanzler treibt ihn nun die Furcht vor Amerikas Rückzug aus Europa, den er als junger Aktivist erstrebt hatte, an die Seite der USA. 

Deutschland und Amerika rücken noch einmal zusammen, aber es ist eine Partnerschaft voll dunkler Vorahnungen – ein Transatlantizismus der Angst.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 3, Mai/Juni 2024, S. 15

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Jörg Lau ist außenpolitischer Korrespondent für die ZEIT 
in Berlin und Kolumnist der „80 Phrasen“.

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