01. Juli 2020
Schlusspunkt

Zukunftsprognosen

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Bild: Zeichnung einer Kristallkugel
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Zu wissen, wie die Zukunft aussieht, ist ein menschliches Urbedürfnis. Denn wie sagte schon der amerikanische Erfinder Charles Kettering: „Ich interessiere mich für die Zukunft, weil ich dort den Rest meines Lebens verbringen werde.“ Doch Vorsicht! Prognosen müssen immer so formuliert werden, dass sie nie als falsch entlarvt werden können. Präzision schadet nur. Schließlich weiß doch jeder Provinzpolitiker, dass man damit nur ins Fettnäpfchen treten kann. Siehe Berliner Flughafen.

Wahre Meister des Ungefähren sind die Mitglieder des Beirats der Zeitschrift Bulletin of the Atomic Scientists, die jedes Jahr die Zeiger der berühmten „Doomsday Clock“ bewegen. Sie prophezeien regelmäßig den Weltuntergang – aber ohne dabei allzu genau zu werden; die Apokalypse ist mal sieben, mal zwei Minuten entfernt. Allerdings zeigen sich inzwischen erste Abnutzungserscheinungen. Über 70 Jahre lang Weltuntergangsstimmung ohne Weltuntergang – das zehrt an den Nerven. Und weil die miesepetrigen „Hüter der Uhr“ die Zeiger immer näher an die Zwölf heranrückten, sind ihnen inzwischen die Minuten ausgegangen. Die Zeit bis zum Weltenende wird nun in Sekunden angegeben. Kein Wunder, dass die medialen Inszenierungen der Untergangspropheten immer weniger Resonanz finden.

Wie also sehen wirklich professionelle Prognosen aus? Die Antwort gab der berühmte amerikanische Futurologe Herman Kahn. Seine teils spektakulären Voraussagen reichten meistens so weit in die Zukunft, dass sie sich kaum falsifizieren ließen. Da der umtriebige Selbstdarsteller bereits 1983 starb, der Großteil seiner Prognosen sich aber auf das Leben im 21. Jahrhundert bezog, entzog sich Kahn der Blamage, dass viele seiner Voraussagen bis heute nicht eingetreten sind. Seine Kritiker erfanden deshalb sogar eine neue Maßeinheit: den „Hermie“. Anders als der „Fermi“, die Maßeinheit für ein Elektron, ist ein „Hermie“ recht flexibel: Es können fünf, zehn oder auch 25 Jahre sein. Jede angenehme Errungenschaft der Zukunft, vom privaten Helikopter bis zur supereffektiven Schlankheitspille, ist so nur einen „Hermie“ entfernt. Im schlimmsten Fall zwei. So geht Futurologie!

Von Michael Rühle

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Juli/August 2020; S. 144

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