Brief aus...

27. Okt. 2025

Zitatjäger und Sow­jetnostalgie

Die estnische Stadt direkt an der russischen Grenze gilt als mögliches Ziel ­eines weiteren Kreml-Angriffs. Wie sieht man das vor Ort? 

Marko Martin
Bild
Bild: Zeichnung von Narwa
Lizenz
Alle Rechte vorbehalten

Der Zug aus Tallinn kommt pünktlich. Keine Überraschung im infrastrukturell bestens ausgebauten Estland. Und selbstverständlich hatte es während der knapp zweieinhalb Stunden Fahrzeit ohne Unterbrechung Internetverbindung gegeben – kein anderes EU-Land ist derart durchdigitalisiert. 

Doch nun sind wir an einem Ort, an dem Sankt Petersburg näher liegt als die estnische Hauptstadt. Nur geografisch oder auch mental, in der Wahrnehmung von Narwas russischstämmigen Einwohnern? Seit die größte russischsprachige Stadt des Landes als potenzieller Schauplatz eines weiteren Putin-Krieges gilt, reisen häufig internationale Journalisten in die 53 000-Einwohner-Gemeinde direkt an der Grenze zu Russland. „Zitatjäger“ wird mich wenig später der junge estnische Russe Denis nennen, der mitunter auch für Narwas Bürgermeisterin Katri Raik dolmetscht. Freie Gesprächstermine hat Raik in diesen Tagen nicht; zu eng getaktet sind ihre Verpflichtungen hier und in Tallinn. 

Stattdessen: ein Blick aufs Stadtbild. Oder: auf die Bilder der Stadt. Etwa das Zollschild an der Außenwand des klassizistischen Bahnhofsgebäudes. Eine Amtsstube gibt es nicht mehr; seit Frühjahr 2022 kommen hier keine Züge mehr aus oder nach Russland an. Was so mancher in der Stadt bedauert: Wochenendausflüge nach Sankt Petersburg waren eine Selbstverständlichkeit, auch zur Pflege von Geschäftskontakten, Zigaretten- und Alkoholschmuggelei inklusive.

Dass nicht alles nur Alltag oder Folklore ist, daran erinnert seit 1992 ein vor dem Bahnhof errichtetes Deportierten-Denkmal. Von dieser Station aus waren 1940 nach der sowjetischen Okkupation Estlands Abertausende hinüber in die russischen Lager verschleppt worden; nach Ende des Krieges folgte eine weitere Deportationswelle.

In der Innenstadt dann stalinistisch antikisierende Gebäudearchitektur, vor allem jene ab Mitte der fünfziger Jahre hochgezogenen „Chruschtschowkas“, benannt nach dem ehemaligen KPdSU-Generalsekretär. Für Sowjetnostalgiker bis heute eine Art Beweis, dass man im poststalinistischen Spättotalitarismus durchaus so einigermaßen habe leben können – sofern man nicht „politisch auffiel“. 


Reservoir für Putins Propaganda

Diese Periode scheint größtenteils überwunden, ebenso wie die bleierne Zeit der 1990er Jahre, als in anderen Teilen Estlands die Unabhängigkeit gefeiert, in Narwa mit seinem 87-Prozent-Anteil ethnischer Russen dagegen weiter Trübsal geblasen wurde und die Kriminalitätsrate stieg. 

Heute ist die Stadt auch nachts wieder sicher, nach Estlands EU-Beitritt 2004 wurden überdies die Korruptionsstrukturen im Rathaus und bei der Polizei ausgetrocknet. Und doch: Die Arbeitslosenquote lag 2024 mit 12,4 Prozent über dem Doppelten des Landesschnitts; aus der zu 98 Prozent russischsprachigen Stadt ziehen die Jüngeren weg, und 30 Prozent der Dagebliebenen sind älter als 65 Jahre. 

Läge nicht genau hier das Reservoir für eine russische Propaganda, die „ihre Leute“ heimholen möchte in Putins Reich? Wie würden die Älteren reagieren, wenn plötzlich russische Truppen über den ­Narwa-Fluss kämen und sich hier festsetzten, während sich die NATO in Brüssel nicht auf ein Eingreifen einigen könnte?

Viele ethnische Russen schauen die TV-Sender aus dem Nachbarland, in denen alte Sowjetfilme das Nostalgiebedürfnis bedienen und neue ­Verschwörungsmythen gepflegt werden. Es gibt in Narwa einige, die sich durch die Entscheidung der Regierung in Tallinn, nur noch Estnisch als Unterrichtssprache zuzulassen, diskriminiert fühlen. 

Andererseits: Mit dem Beherrschen der Landessprache steigt auch die Chance der Jüngeren, in der estnischen Start­up- und IT-Nation zu reüssieren. Und ist es nicht bereits so, dass diejenigen, die außerhalb Narwas gute Jobs gefunden haben, ihren vor Ort gebliebenen Familienmitgliedern einiges über die Vorteile der Westintegration erzählen können? Abendtischgespräche sozusagen, von denen der Reisende dann in den Restaurants und Cafés der Stadt erfährt. Denn die Englisch sprechenden estnischen Russen sind auf ihre frei gelebte Mehrfach-Identität ziemlich stolz und halten ihr Gegenüber auch nicht alle für einen „Zitatjäger“.

Wenn aber Putins Truppen dennoch ...? Dann würde halt die ohnehin bereits mit Beton und Stacheldraht blockierte Brücke über den Fluss, die noch immer den zynisch anmutenden Sowjetnamen „Druschba/Freundschaft“ trägt, von estnischer Seite gesprengt. Dann würde halt im bedrängten Tallinn kommuniziert, dass selbst das kleine Estland über Raketen verfügt, die Wladimir Putins geliebten Geburtsort Sankt Petersburg mühelos erreichen könnten. 

Doch all das sind lediglich halblaut geäußerte Vermutungen. Denn es bleibt ja fragil und potenziell gefährlich hier, und die russische Fahne, die auf der wuchtigen Festung Iwangorod auf der anderen Flussseite in Blickweite weht, vervollständigt das beunruhigende Bild. 

Auf estnischer Seite befindet sich die berühmte Hermannsfeste, eine dänische Gründung aus dem 13. Jahrhundert. Auf der Grünfläche davor hatte bis 2022 eine Lenin-Statue gestanden, die bereits 1993 aus dem Stadtzentrum entfernt worden war; nun ist auch von hier der Mitbegründer des totalitären Reiches verschwunden. Im Inneren der Festung wird eine sehenswerte Ausstellung zur estnischen Geschichte gezeigt, darunter Dokumente von 1940, die der sowjetischen Besatzung eine pseudolegale Camouflage verschaffen sollten. 

Geschichte wiederholt sich nicht – oder doch? Wohl keiner im gegenwärtigen Narwa, der hier mit einer eindeutigen Antwort aufwarten würde.

Für Vollzugriff bitte einloggen.
Bibliografische Angaben

Internationale Politik 6, November/Dezember 2025, S. 114-115

Teilen

Mehr von den Autoren

Marko Martin lebt als Schriftsteller und Publizist in Berlin. Zuletzt erschien von ihm „Freiheitsaufgaben“ (Klett-Cotta/Tropen Verlag).

0

Artikel können Sie noch kostenlos lesen.

Die Internationale Politik steht für sorgfältig recherchierte, fundierte Analysen und Artikel. Wir freuen uns, dass Sie sich für unser Angebot interessieren. Drei Texte können Sie kostenlos lesen. Danach empfehlen wir Ihnen ein Abo der IP, im Print, per App und/oder Online, denn unabhängigen Qualitätsjournalismus kann es nicht umsonst geben.