Titelthema

27. Okt. 2025

Zementierte Macht

Architektur war stets Ausdruck des Selbstverständnisses von Staaten. Autokratische Länder setzen auf gigantische Projekte, Demokratien hinterfragen ihre Baustile.

Nora Müller
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Bild: Hauptquartier der Afrikanischen Union in Addis Abeba
Ein neues Hauptquartier für die Afrikanische Union in Addis Abeba, fast vollständig finanziert und gebaut von China – nur eines von vielen Beispielen für chinesische „Palast-Diplomatie“ in Afrika.
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Architektur „ist der Wille einer Epoche, in Raum übersetzt“: So brachte Ludwig Mies van der Rohe 1924 auf den Punkt, dass Bauten nicht nur Kunstwerke, sondern auch Ausdruck der politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Kräfte ihrer Zeit sind. Seit der Antike verkörpern öffentliche Gebäude das Selbstverständnis eines Reiches oder Landes, symbolisieren Werte und Ambitionen, sind Träger des „nationalen Narrativs“. Sie vermitteln Botschaften und transportieren Emotionen. Architektur ist damit ein wichtiger, wenn auch oft übersehener Baustein der Soft Power eines Landes. Aber ist das in Zeiten sich zuspitzender Großmächte­rivalitäten überhaupt noch eine relevante Kategorie? Eindeutig ja. Denn gerade mit Blick auf die neue Systemkonkurrenz zwischen liberalen Demokratien und Autokratien spielt Soft Power eine bedeutende Rolle. 

Erinnerungen an den Kalten Krieg werden wach, in dem architektonische Objekte zum ideologischen Austragungsort der Ost-West-Konfrontation wurden. „Die Systemkonkurrenz beflügelte das Bauen in Ost wie West“, wie die Tagesschau anlässlich des 60. Jahrestags der Errichtung des (Ost-)Berliner Fernsehturms bemerkte. Architektonische Landmarken jener Zeit – konzipiert als steinerne Machtdemonstrationen des real existierenden Sozialismus oder als aus Glas und Stahl geformte Bekenntnisse zu Demokratie und Marktwirtschaft – prägen bis heute das Gesicht ihrer Städte. Dazu gehören der zwischen 1952 und 1955 im Auftrag von Sowjetführer Josef Stalin erbaute Warschauer Kultur- und Wissenschaftspalast und die Berliner Kongresshalle (heute „Haus der Kulturen der Welt“), die 1957 als Teil der US-Präsenz auf der Internationalen Bauausstellung ­Interbau errichtet wurde. 

Folgt man der Argumentation der US-Politikwissenschaftler Simon Curtis and Ian Klaus, so gibt es eine grundlegende Verbindung zwischen Infrastruktur, urbaner – und damit architektonischer – Form und der Art der internationalen Ordnungen, die Großmächte errichten. Dieser Artikel geht der Frage nach, wie Architektur auch heute für (geo-) politische Zwecke in den Dienst genommen wird.


Pekings „Palast-Diplomatie“

Seit 2012 ragt das monumentale Hauptquartier der Afrikanischen Union (AU), bestehend aus einem futuristisch anmutenden, fast 100 Meter hohen Büroturm und einem Konferenzzentrum für die jährlichen AU-Gipfel, in den Himmel der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Besonders bemerkenswert: Der Gebäudekomplex wurde fast ausschließlich von der Volksrepublik China finanziert und gebaut. 

Das AU-Hauptquartier reiht sich ein in eine Vielzahl oft aufwändig gestalteter Regierungs- und Parlamentsgebäude afrikanischer Länder, deren Baukosten Peking teilweise oder vollständig übernommen hat. Jüngste Beispiele sind das ghanaische Außenministerium und das neue Hauptquartier der Wirtschaftsgemeinschaft Westafrikanischer Staaten (ECOWAS) in Abuja. Vordergründig trägt China damit im Rahmen seiner milliardenschweren Belt and Road Initiative zum Ausbau afrikanischer Infrastruktur bei und präsentiert sich als potenter Entwicklungs- und Modernisierungspartner.  

Mit seinen Gebäudegeschenken in Afrika verfolgt Peking handfeste politische Interessen

Doch mit seiner „Palast-Diplomatie“ verfolgt Peking auch handfeste geopolitische Interessen. Afrikanische Staaten sind für China zugleich Rohstofflieferanten, Absatzmärkte und politische Partner – und damit von besonderer strategischer Bedeutung. Neben dem erhofften Imagegewinn zielen die architektonischen Prestigeprojekte auf dem afrikanischen Kontinent daher darauf ab, Chinas Einfluss in den jeweiligen Ländern im wahrsten Sinne des Wortes zu zementieren. Pekings Bereitschaft, selbst Parlamentsgebäude zu finanzieren – Orte demokratischer Willensbildung, die mit dem chinesischen Einparteiensystem wenig zu tun haben –, macht den pragmatischen Charakter seiner Afrika-Politik deutlich. Wie Lindsey McKhan in ihrem Artikel „Constructing Strategic Partnerships“ zeigt, steht nicht ideologische Kongruenz im Vordergrund, sondern die dauerhafte Absicherung chinesischer Interessen. Indem China seine Präsenz in Afrika ausbaut, untermauert es zugleich den Anspruch, als Weltmacht globalen Einfluss auszuüben. 

Auch wenn Peking seine Bauprojekte als steinerne Manifeste der chinesisch-­afrikanischen Partnerschaft verstanden wissen will, stoßen die Gebäude „courtesy of China“ nicht selten auf Kritik. Gerade afrikanische Stimmen sehen im Akt der Schenkung das materielle Ungleichgewicht zwischen Geber und Empfänger verfestigt. Zudem rufen die von einer externen Macht errichteten Bauwerke Erinnerungen an die Kolonialzeit wach – zumal Einheimische bei Planung, Umsetzung und Instandhaltung kaum beteiligt werden.


Putins Potemkinsches Dorf

Dass Architektur in geopolitischen Rivalitäten zum Werkzeug werden kann, zeigt sich nicht nur in Form „architektonischer Geschenke“, sondern auch – besonders drastisch – im Kontext von Krieg und Besatzung. Der russische „Wiederaufbau“ des annektierten Mariupol offenbart auf beklemmende Weise, wie die architektonische Um- und Neugestaltung einer Stadt gezielt den politischen und kulturellen Zielen des Besatzers dienen soll. 

Bald nach der systematischen Zerstörung und Eroberung der für Russland strategisch wichtigen Stadt am Nordufer des Asowschen Meeres legte Moskau einen „Masterplan“ für den Wiederaufbau Mariupols vor, der darauf abzielte, den ukrainischen Charakter auch städtebaulich auszulöschen und ein russifiziertes Mariupol entstehen zu lassen. Der bestehende Baubestand wurde in weiten Teilen abgerissen. Binnen kürzester Zeit und unter Einsatz massiver finanzieller Ressourcen werden neue Wohnblocks und öffentliche Gebäude aus dem Boden gestampft, so auch das Newski-Wohnviertel, das Wladimir Putin im März 2023 medienwirksam besuchte. 

Die Besatzer oktroyieren der Stadt ein neues Gesicht und machen so ihren Herrschaftsanspruch sichtbar. Auch die Kons­truktion eines positiven Images („Russland zerstört nicht nur, sondern baut auch auf“) mag Teil des russischen Kalküls sein, das mit der in Mariupol verbliebenen ukrainischen Bevölkerung jedoch kaum räsoniert. Im Gegenteil: Ukrainische Einwohner der Stadt weisen darauf hin, dass der Wiederaufbau jenseits kosmetischer Maßnahmen äußerst schleppend vorangeht. Dass bei den lukrativen Wiederaufbauprojekten, von denen vor allem russische Firmen profitieren, offenbar auf das Prinzip „Schnelligkeit vor Qualität“ gesetzt wird, veranlasste die Financial Times dazu, Mariupol als „Russia’s new Potemkin village“ zu bezeichnen. 

Ukrainische Gedenkorte, unter anderem das Denkmal für die Opfer des Holodomor und politischer Repressionen, wurden von den russischen Besatzern demontiert. Stattdessen sollen nach dem Willen der Besatzungsmacht russische Denkmäler entstehen. Der Bau des „­Befreier des Donbass“-Monuments, einer 50 Meter hohen ankerförmigen Skulptur mit dem russischen Nationalwappen, mit dem im Januar 2025 in Mariupol begonnen wurde, macht deutlich, wie Russlands Rolle als vermeintlicher „Befreier“ glorifiziert und das ukrainische Narrativ systematisch verdrängt wird. Das ausgebombte Theater, dessen Ruinen (und darin möglicherweise sterbliche Überreste der dort getöteten Zivilisten) durch ein gigantisches Baugerüst vor den Blicken der Passanten geschützt werden, soll vollständig wiederaufgebaut werden und dadurch seinen Charakter als Mahnmal verlieren. Russlands Baumaßnahmen dienen also auch dazu, die Spuren begangener Kriegsverbrechen ein für alle Mal aus dem Stadtbild zu tilgen. 


Neue Mächte, neue Bauten

Russlands „Wiederaufbau“ in Mariupol macht deutlich, wie Architektur in den Dienst imperialer Besatzungspolitik gestellt wird. Doch architektonische Projekte können auch das Gegenteil leisten: Manifeste wachsenden Selbstbewusstseins, mit dem aufstrebende Staaten ihre Ambitionen zum Ausdruck bringen. Ende der 1950er Jahre setzte Oscar Niemeyer mit dem Bau der neuen brasilianischen ­Kapitale ­Brasília die Vision einer Stadt um, die als Gegenentwurf zum kolonial geprägten Rio de Janeiro für Unabhängigkeit, Modernität und Gleichheit stehen sollte. Mit ihren monumentalen Bauten und futuristischen Formen brachte die Stadt mit dem flugzeugförmigen Grundriss das neue Selbstbewusstsein eines auf­strebenden Brasiliens zum Ausdruck. Auch wenn Niemeyer in der Rückschau einräumte, dass ­Brasília die hochgesteckten Ziele nur sehr bedingt einlösen konnte, so schuf er doch eine Blaupause für ambitionierte archi­tektonische Projekte, in denen sich der Geltungsanspruch der Staaten des Globalen Südens widerspiegelt.

In einer Zeit, in der das politische und wirtschaftliche Gewicht der aufstrebenden Mittelmächte des Globalen Südens wächst, erleben städtebauliche Großprojekte eine Renaissance, etwa in Ägypten mit New Cairo oder in Nigeria mit Eko Atlantic City; für NEOM – The Line in Saudi-Arabien wurde aber kürzlich ein Baustopp verfügt. 

In Indonesien hat die Regierung des ehemaligen Präsidenten Joko Widodo ­bereits seit Längerem bestehende Ideen, den Regierungssitz aus der dicht besiedelten und vom Absinken bedrohten Metropole Jakarta in eine neue Kapitale zu verlegen, konkretisiert und das Startsignal für eines der größten Bauprojekte im Globalen ­Süden gegeben. 2022 begannen die Bauarbeiten für die neue Kapitale Nusantara, die im Osten der Insel Borneo liegt. Als weltweit erste klimaneutrale Hauptstadt soll Nusantara Modernität symbolisieren.

Mit monumentalen Verwaltungsgebäuden und einem Präsidentenpalast, der der Silhouette des mythologischen Garuda-Adlers nachempfunden ist, steht die neue Stadt für die Einheit des Inselstaats und bringt zugleich das Selbstverständnis Indonesiens als einflussreiche südostasiatische Regionalmacht zum Ausdruck. Dass Nusantara Jakarta tatsächlich ersetzen wird, scheint für die nähere Zukunft unwahrscheinlich. Denn Widodos Nachfolger Prabowo hat die für den Ausbau Nusantaras zur Verfügung stehenden Mittel (die Gesamtkosten belaufen sich schätzungsweise auf 32 Milliarden Dollar) drastisch reduziert. Ohne den politischen Willen zur Fertigstellung und signifikante Investitionen internationaler Investoren könnte das Prestigeprojekt als „weißer Elefant“ im Dschungel Borneos enden. 


Transparenz und Wehrhaftigkeit

In liberalen Demokratien dient Architektur oft als Folie, auf der der Anspruch auf Transparenz, Bürgernähe und Offenheit pluralistischer Gesellschaften manifest wird. Vor dem Hintergrund der jahrzehntelangen Debatte über die Eigenschaften einer „demokratischen Architektur“ stellt der deutsche Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller in einem Beitrag für The Architectural Review im Mai 2024 die Gretchenfrage: „Show me what democracy looks like.“ 

Als Paradebeispiel für ein Bauwerk, das die Werte der liberalen Demokratie verkörpert, gilt das Reichstagsgebäude, das Norman Foster umbaute und mit einer Glaskuppel versah, bevor es 1999 zum Sitz des Deutschen Bundestags wurde. Von der gläsernen Kuppel aus schauen die Bürger ihren Volksvertretern buchstäblich auf die Finger. Doch an der baulichen Geschichte des renovierten Reichstagsgebäudes lässt sich auch ablesen, wie der Optimismus der 1990er Jahre – getragen vom Sieg des Westens im Kalten Krieg und einem unerschütterlichen Vertrauen in die liberale Demokratie – inzwischen der Einsicht in die Notwendigkeit der eigenen Wehrhaftigkeit gegenüber inneren und äußeren Widersachern gewichen ist.

In Trumps Amerika soll uniformer Traditionalismus die bisherige architekto­nische Vielfalt ersetzen

Sinnbildlich dafür steht der sogenannte Aha-Graben, der das deutsche Parlamentsgebäude schützen soll, ohne die auf Offenheit und Zugänglichkeit angelegte Struktur des Areals zu zerstören. Nur wenn dieser Balanceakt gelingt, wird die Architektur des Reichstags nicht zum Symbol eines politischen Systems im Belagerungszustand, sondern einer wehrhaften und zugleich offenen Demokratie.

Diese Ambivalenz zeigt sich nicht nur in nationalen Symbolbauten wie dem Reichstag, sondern auch im internationalen Kontext, etwa dem 2017 eröffneten NATO-Hauptquartier in Brüssel. Mit massiven Elementen aus Stahl und Glas soll die 250 000 Quadratmeter messende Schaltzentrale der Allianz für Stärke, Transparenz und Zusammenhalt stehen. Doch angesichts von Zerfallserscheinungen innerhalb des Bündnisses und wachsender externer Bedrohungen bleibt abzuwarten, ob das NATO-Hauptquartier zum baulichen Relikt eines zerbrochenen trans­atlantischen Westens oder zum ­architektonischen Sinnbild für ein konsolidiertes westliches Bündnis wird. 

Maßgeblich dafür ist vor allem die ­Positionierung der Vereinigten Staaten unter der aktuellen ­Regierung. Der vom amerikanischen Präsidenten Donald Trump, einem ehemaligen Immobilien-
Magnaten, bevorzugte Architekturstil setzt auf Prunk und Monumentalität und erinnert damit an die architektonischen Ausdrucks­formen, derer sich autokratische Systeme bedienen. 

So soll unter Trumps Ägide das Weiße Haus – einst als republikanischer Gegenentwurf zu den prunkvollen Regierungszentralen in den Monarchien der Alten Welt konzipiert – um einen opulenten Ballsaal à la Versailles erweitert werden. Hinzu kommt: Unter dem Motto „Make Federal Architecture ­Beautiful Again“ ordnete Trump per Erlass an, dass Bundesgebäude in Washington nur noch in klassizistischem Stil zu bauen sind. Moderne Baustile sollen nicht mehr zur Umsetzung kommen: An die Stelle architektonischer Vielfalt tritt ein uniformer Traditionalismus.

In den diskutierten Gebäuden offenbart sich die Identitätskrise des Westens im Spannungsfeld zwischen Transparenz und Wehrhaftigkeit, zwischen liberaldemokratischer Tradition und neuen Spielarten eines populistisch-autoritären Politikstils. Doch Zeiten der Krise setzen oft auch kreatives Potenzial frei. Selbstbewusste und anpassungsfähige Demokratien werden auch künftig neue Ausdrucksformen für ihre Werte finden – nicht zuletzt in Gestalt architektonischer Projekte.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 6, November/Dezember 2025, S. 33-37

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Nora Müller leitet den Bereich Internationale Politik und das Berliner Büro der Körber-Stiftung.

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