Wo bleibt das Positive, Herr Martin?
Marko Martin über „Razom for Ukraine“
Positives wirkt dann am besten, wenn es sich nicht aufs „Bleiben“ verlegt, sondern auf Wanderschaft begibt. Ein solches Wandern ist im Fall von „Razom for Ukraine“ wörtlich zu nehmen. „Razom for Ukraine“ ist eine amerikanische gemeinnützige Organisation, die sich für die Unterstützung der Ukraine einsetzt. Das Portfolio von Razom (ukrainisch für „zusammen“) ist so kompakt wie eindrucksvoll: Die Aufmerksamkeit amerikanischer Bürger – und Spender – wird nicht nur auf die Ausrüstung der Frontkämpfer gelenkt, sondern auch auf das ukrainische Gesundheitssystem und die Situation vulnerabler Gruppen.
Dazu zählen vor allem die über 19 000 (Waisen-)Kinder, die von den russischen Besatzern verschleppt wurden, um im Kreml-Reich neuen „Eltern“ zugeführt und umerzogen zu werden. Der Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs gegen Wladimir Putin bezieht sich auf genau jenes Verbrechen. Und was versucht Razom? Begibt sich auf jene Wanderschaft, die mehr ist als das traditionelle Klinkenputzen bei Politik und Hollywood-Prominenz oder die Kontaktpflege zur New York Times.
Da man bei Razom weiß, dass Präsident Trump am liebsten die boulevardeske New York Post liest, platziert man dort einen seriös recherchierten, aber nicht allzu langen Artikel über das Schicksal verschleppter Kinder. Sodann hinaus zu den Wählern und Kirchenkreisen republikanischer Abgeordneter. Je trumpistischer und evangelikaler, umso größer die Herausforderung, aber auch die Chance.
Was der antitotalitäre französische Philosoph André Glucksmann einst als „Moral der Ersten Hilfe“ und Václav Havel als „dissidentische Einstellung“ bezeichnet hatte, setzen die ausschwärmenden Volunteers von Razom um: Sprechen wir nicht über Ideologie oder Geopolitik, sondern über Kinder. Und – bitte! – sprechen Sie mit ihrem jeweiligen Abgeordneten!
Parallel dazu werden Trump-nahe Unternehmen kontaktiert, die Geschäftsbeziehungen zum Golfstaat Katar unterhalten. Und das durchaus erfolgreich: Immer wieder geschieht es, dass durch Vermittlung der Kataris einige der entführten Kinder in die Ukraine zurückkehren können. Doch ist das nicht nur der berühmt-berüchtigte Tropfen auf dem heißen Stein? Im Gegenteil: Es ist die nimmermüde Zurückweisung einer infamen Verdinglichung. Menschen sind keine „Tropfen“ – und jedes gerettete Leben zählt. Und ermutigt dabei, auch weiterhin nicht nachzulassen.
Internationale Politik 2, März/April 2026, S. 128
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